Sarajevo-Attentat vor 100 Jahren Am Tag, als das Feuer kam

Nur knapp entging er einem Bombenanschlag - dann trafen ihn die tödlichen Schüsse: Am Vormittag des 28. Juni 1914 wurde Erzherzog Franz Ferdinand von Mitgliedern einer serbischen Untergrundorganisation erschossen. Einen Monat später sollte Europa durch die Bluttat im Krieg versinken.

Von Erich Follath

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Die Gewitter sind schon am Vorabend abgezogen, der Himmel strahlt in einem satten Sorglosblau. An diesem 28. Juni 1914 herrscht in Sarajevo Festtagsstimmung, die Kirchen, Synagogen und Moscheen sind blank geputzt, die Straßen gefegt, die Schaufenster gewienert.

Im engen Labyrinth der Marktgässchen wird kostenlos Mokka ausgeschenkt. Die Kupferschmiede, die Sattler, die Teppichhändler und Obstverkäufer, die alle ihr eigenes Viertel im Basar haben, lassen die Geschäfte ruhen. Am zentralen Appelkai, der sich neben dem Miljacka-Fluss durch die bosnische Provinzhauptstadt schlängelt, haben sich schon frühmorgens die ersten Schaulustigen eingefunden, auch in den Restaurants, die sich an die Hügel über der Stadt schmiegen. Die meisten tragen Sonntagsstaat. Ganz Sarajevo hat sich herausgeputzt für das große Ereignis. Für den Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, und seiner Frau Sophie. Für einen perfekten Tag.

Im Vorfeld des hohen Besuchs scheint sich auch die politische Großwetterlage etwas beruhigt zu haben. 1908 hat das Habsburgerreich die Provinzen Bosnien und Herzegowina annektiert und damit sowohl Russland als auch die Nationalisten im benachbarten Serbien gegen sich aufgebracht. Nach zwei Balkankriegen 1912 und 1913 sind die regionalen Konflikte der Serben und anderen Balkanvölker zwar nicht gelöst. Aber der Besuch eines K. u. k.-Manövers durch den Thronfolger scheint nicht allzu provozierend. Allerdings sorgt das Datum der nachfolgenden Sarajevo-Visite für hochgezogene Augenbrauen: Feldzeugmeister Oskar Potiorek hat ausgerechnet den Tag bestimmt, an dem sich die Schlacht auf dem Amselfeld zum 525. Mal jährt - ein höchst symbolisches Datum für viele Serben, die damals den Osmanen unterlagen, aber sich mit dem heldenhaften Tod ihres Führers einen Nationalmythos schufen.

Franz Ferdinand hat die Bedenken einiger Berater wegen der Terminierung beiseitegewischt. Er ist kein besonders sensibler Zeitgenosse. Schnell aufbrausend, arrogant, nachtragend. "Ich halte jeden, den ich treffe, zunächst einmal für einen Schurken und lasse mich bestenfalls nach und nach vom Gegenteil überzeugen", hat er einmal in schöner Offenheit geschrieben. Das macht ihn weder bei seinen unmittelbar Untergebenen noch bei seinen Untertanen beliebt. Bezeichnend auch sein Hobby: Franz Ferdinand ist ein passionierter, manche sagen auch pathologischer, Jäger. Allein im Jahr 1911 hat er laut den bei Hofe akribisch geführten Listen 18799 Stück Wild erlegt, Tagesrekord 2763 Lachmöwen im Juni 1908. In Ceylon posiert er vor geschossenen Elefanten, in Indien sind Tiger seine Trophäen.

Er ist ein Tierschlächter en gros, aber er ist kein Menschenschlächter - und kein Kriegshetzer. Er agiert als ein politischer Stratege, der mit militärischer Aufrüstung eher andere einschüchtern will, als sie mit Waffengewalt zu überfallen. "Führen wir einen Spezialkrieg mit Serbien, so werden wir es in kürzester Zeit über den Haufen rennen, aber was haben wir davon?", schreibt er 1913 an Leopold Graf Berchtold. "Dann fällt ganz Europa über uns her, und Gott behüte uns, dass wir Serbien annektieren, ein total verschuldetes Land mit Königsmördern, Spitzbuben etc. Jetzt gibt es meiner Meinung nach nur die Politik, zuzuschauen, wie sich die anderen die Schädel einhauen, sie so viel als möglich aufeinanderhetzen und für die Monarchie den Frieden zu erhalten."

Wenn der skrupellose Machtpolitiker eine weiche Stelle hat, dann ist es die Familie. Die Ehe mit Sophie, die aus einem niedrigen böhmischen Adelsgeschlecht stammt, ist eine Liebesbeziehung - in Zeiten der dynastischen Zweckbündnisse eher unüblich. Seine Frau und die drei Kinder sind "mein ganzes Glück, meine ganze Wonne", schwärmt der Thronfolger. Und sein "Sopherl" soll ihn begleiten, wann immer es geht.

Anders als ihr Gatte ist sie sehr besorgt, als der ganze Trupp aus Wien Richtung Bosnien aufbricht. Sie fürchtet, es könnte etwas passieren. Und hat sich doch in den drei Tagen, die sie vor dem abschließenden Höhepunkt Sarajevo im Kurort Ilidža verbracht haben, völlig entspannt. "Mein lieber Doktor", sagt sie ihrem Tischherrn. "Sie lagen falsch mit Ihren Warnungen. Überall, wo wir hinkamen, hat uns jeder bis hin zum letzten Serben mit einer solchen Herzlichkeit empfangen, dass wir nur froh sein können."

Herzogin Sophie ahnt nicht, dass sie in diesen Tagen schon von einem Verschwörer überwacht wurden. Sie weiß nicht, dass dieser radikale junge bosnische Serbe und sechs weitere seiner Gesinnungsgenossen am Schicksalstag von Sarajevo schon frühmorgens mit ihren Pistolen und Bomben Stellung beziehen. In Erwartung des hohen Paars - und zu allem entschlossen. Sophie konzentriert sich auf etwas, das ihr Herz mit Vorfreude erfüllt: Der 28. Juni ist ihr Hochzeitstag, sie will ihn entspannt und festlich an der Seite ihres Mannes begehen.

Die beiden treffen mit der Eisenbahn aus dem zwölf Kilometer entfernten Ilidža ein. Am Bahnhof steht das Empfangskomitee bereit mitsamt den Wagen, in denen sie durch die Stadt chauffieren sollen. Der Konvoi besteht aus sechs Autos. Im ersten sitzt Fehim Cur¿ic, der aufgeregte Bürgermeister der Stadt, gekleidet in einem dunklen Anzug und einem Fez, ihm gegenüber der Polizeichef von Sarajevo. Dann folgt schon der offene Gräf-&-Stift-Tourenwagen mit den Ehrengästen - der Thronfolger trägt Uniform und einen Hut mit grünen Straußenfedern. Das Dach des Autos ist zurückgeklappt, sodass die Menschen am Straßenrand den Erzherzog und seine Gattin gut sehen und ihnen zujubeln können. Ihnen gegenüber nimmt Bosnien-Gouverneur Oskar Potiorek Platz. Drei Wagen mit der Entourage folgen, ein letzter rollt ohne Passagiere als Ersatz mit.

Die Sicherheitsvorkehrungen sind äußerst lax, man könnte auch sagen: nicht existent, was den Wünschen Franz Ferdinands entspricht. Die Manöver, die er an den Vortagen abgenommen hat, sind völlig reibungslos verlaufen. Er will nun zum Höhepunkt des Besuchs keinen martialischen Eindruck erwecken, alles soll volksnah wirken - der künftige Herrscher und seine Untertanen: ein Herz und eine Seele. Pünktlich um zehn rollt der Konvoi Richtung Rathaus los, langsam entlang des Prachtboulevards am Flussufer. Die Ehrengäste winken, die Menge jubelt. Manche Hausbesitzer haben zwei große Flaggen an ihren Fenstern befestigt: das Schwarz-Gelb der Habsburger und das Rot-Gelb Bosniens, um den Gleichklang zu demonstrieren. Oder ihn zu simulieren.

Die Terroristen haben sich an strategischen Stellen der vorher bekannt gegebenen Route platziert. Sie tragen an ihrem Gürtel Bomben, nicht viel größer als ein Stück Seife und ausgestattet mit Zündern, die nach dem Aufbrechen zwölf Sekunden bis zur Detonation benötigen. In ihren Taschen verbergen die meisten auch noch geladene Pistolen. Das Übermaß an Personal und Waffen soll sicherstellen, dass wenigstens einer zum Zug kommt, denn sie rechnen mit Kontrollen und Festnahmen. Jeder hat für den Fall der Fälle ein Päckchen mit Zyanidpulver dabei, um sich bei Ergreifung das Leben nehmen zu können.

Und doch sind sie alles andere als Profikiller. Den Kern der Truppe bilden drei fanatische Mitglieder der proserbischen bosnischen Jugendorganisation "Mlada Bosna" ("Junges Bosnien"), der 19-jährige Gymnasiast Gavrilo Princip, der 19-jährige Druckergeselle Nedeljko Cabrinovic und der 18-jährige Schüler Trifko Grabež. Sie haben sich die Hilfe des erfahrenen Geheimdienstagenten Milan Ciganovic gesichert, der ihnen erst zeigte, wie man mit Waffen umgeht. Ciganovic ist Mitglied der Untergrundorganisation "Schwarze Hand" - sie kämpft mit allen Mitteln für ein Großserbien und hat beste Beziehungen bis in die Belgrader Regierung. Die drei Terroristen sind einen Monat vor dem Tag X aus Belgrad angereist, ihnen schließen sich nun ein Lehrer, Mitglied der "Mlada Bosna", zwei Gymnasiasten und ein Schreiner an.

Der erste Attentäter steht an der Cumurija-Brücke - und verliert die Nerven. Als er seine Bombe zünden will, bemerkt er im Augenwinkel einen Polizisten. Er zögert, die Wagen rollen weiter. Die erste Chance auf einen Anschlag ist vertan. Bleiben noch sechs.

Als Nächster ist Cabrinovic dran, der fanatisierte Belgrader Schriftsetzer. Er steht auf der Flussseite des Appelkais. Er greift zur Bombe, bricht die Sprengkapsel an einer Straßenlampe, sie löst sich mit einem lauten Knall. Der Adjutant des Erzherzogs hört das Geräusch, vermutet einen geplatzten Reifen und bleibt sitzen. Geistesgegenwärtiger reagiert der Fahrer des Wagens, in dem Franz Ferdinand und Sophie sitzen: Er sieht etwas auf sich zufliegen - und tritt das Gaspedal durch.

Die Bombe verfehlt ihr Ziel, fällt auf den Boden. Detoniert Sekunden später, als das nächste Auto des Konvois kommt. Trifft die darin sitzenden Offiziere und Passanten. Einige bluten, doch keiner ist lebensgefährlich verletzt. Ein Splitter verursacht eine kleine Schnittwunde an Sophies Wange. Der Erzherzog ist unverletzt - und reagiert inmitten von Rauch und Staub mit erstaunlicher Abgeklärtheit. "Der Kerl ist verrückt. Wir wollen unser Programm fortsetzen."

Der Attentäter hat unmittelbar nach der Tat seine Giftkapsel geschluckt und springt, bevor ihn die wütende Menschenmenge lynchen kann, auch noch über die Brüstung der Uferstraße. Aber der doppelte Selbstmordversuch schlägt fehl. Das Zyanid ist nicht stark genug und ätzt ihm nur die Kehle; der Fluss hat im Sommer nicht genug Wasser, Cabrinovic landet im Sand und wird aufgegriffen. Der Konvoi fährt Richtung Rathaus weiter, dicht vorbei an den Positionen der Möchtegernattentäter drei, vier und fünf. Doch sie alle bekommen Panik, keiner kann sich zur Tat durchringen. Und auch der Bürgermeister reagiert höchst verwirrend. Er klammert sich im Rathaus an sein Redemanuskript, Schweißperlen auf der Stirn: "Hochbeglückt sind unsere Herzen über den gnädigsten Besuch..."

Da platzt Franz Ferdinand der Kragen, er unterbricht den Mann: "Ich komme hier als euer Gast, und ihr begrüßt mich mit Bomben!" Sophie beruhigt ihn, Bürgermeister Cur¿ic kann seine Rede zu Ende stammeln. Und der Erzherzog antwortet mit einem eleganten, improvisierten Schlenker: "Ich danke Ihnen und den Bürgern von Sarajevo für die widerhallenden Ovationen, in denen ich Freude über das Scheitern des Mordanschlags erkenne."

Jetzt sollten sich Franz Ferdinand und Sophie laut Tagesplan eigentlich trennen. Aber beide bestehen auf einem gemeinsamen Besuch im Krankenhaus, wo einer der am Morgen Verletzten behandelt wird. Aber ein geplanter Museumsrundgang wird abgesagt.

Die Sonne brennt, ein heißer Sommertag. Aber der Thronfolger will das Verdeck nicht schließen, er möchte weiter den unerschrockenen Volkstribun geben. Wie sehr die Ereignisse aber seine Umgebung durcheinandergebracht haben, zeigt sich gleich nach der Abfahrt vom Rathaus. Keiner hat den Fahrer des Erzherzogs über die neue Route informiert. Er fährt Richtung Museum - und muss, als der Irrtum bemerkt wird, an der Lateinerbrücke plötzlich stoppen und wenden.

Das ist der Moment des Gavrilo Princip. Der jugendliche Extremist hat in den Wirren nach der ersten Detonation die Verhaftung seines Mitverschwörers beobachtet. Unschlüssig hat er sich in die Nähe der Lateinerbrücke zurückgezogen. Und sieht jetzt, wie vor seinen Augen, sozusagen auf dem Präsentierteller, das Auto mit dem Thronfolger hält. Princip zögert nur eine Sekunde. Dann greift er zur Bombe, läuft los. Vier Meter, drei Meter, zwei. Schließlich hebt er doch die Pistole.

Sein erster Schuss trifft Sophie in den Unterleib. Das zweite Projektil durchschlägt Franz Ferdinands Halsschlagader. Der Kopf der Herzogin fällt auf seinen Schoß. "Sopherl, Sopherl, bleib am Leben für unsere Kinder", flüstert er verzweifelt. Während die Menschen den Attentäter zu Boden zerren, schlagen, fast lynchen, gibt der Fahrer Gas, rast zum Gouverneurssitz. "Es ist nichts", kann der Thronfolger noch hauchen, dann fällt er ins Koma. Erst stirbt Herzogin Sophie von Hohenberg, zehn Minuten später Franz Ferdinand von Österreich-Este.

Da hat es noch nicht einmal zwölf Uhr mittags geschlagen an diesem unseligen 28. Juni 1914 in Sarajevo.

Noch immer steigen die Temperaturen. Kein Lüftchen weht. Die Eilmeldungen ticken, Telegramme werden verschickt, Extrablätter gedruckt. Binnen kürzester Zeit ahnen alle: Über Europa braut sich ein Sturm zusammen. Doch wie schlimm es kommen wird, wie skrupellos einige den Mord von Sarajevo zum Vorwand nehmen, um Krieg zu führen, dass am Ende eine Lawine von Gewalt in zwei Weltkriegen an die 75 Millionen Menschen das Leben kosten und einen ganzen Kontinent unter sich begraben sollte: Für niemanden ist das damals vorstellbar.

Den Attentätern wird im Oktober 1914 in Sarajevo der Prozess gemacht. Drei werden wegen "Hochverrat und Meuchelmord" hingerichtet - Gavrilo Princip bleibt wegen seines Alters die Todesstrafe erspart, 20 Jahre Kerker lautet sein Urteil. Er bereue die Tat nicht, sagt er während der Verhandlung. Er sei ein Revolutionär für die serbische Sache und habe nur einen Tyrannen ermordet; der Tod von Gräfin Sophie aber täte ihm leid. Princip wird nur 23 Jahre alt. 1918 stirbt er in einem Gefängnislazarett an Tuberkulose.

Der Tag von Sarajevo aber bleibt jedem Zeitgenossen eingebrannt, Politiker, Schriftsteller, aber auch Normalbürger wissen noch jahrzehntelang zu berichten, was sie gerade taten, als die Nachricht sie erreichte (so wie fast ein halbes Jahrhundert später jedermann seine persönliche Geschichte zum Dallas-Mord an John F. Kennedy erzählen kann).

Der österreichisch-ungarische Finanzminister Leon Biliski, der vom serbischen Gesandten in Wien gewarnt worden ist, irgendein junger Serbe könnte in Sarajevo eine scharfe Kugel abschießen, aber dies nicht ernst genommen hat, grämt sich und bekommt einen Migräneanfall. Der Dramatiker Arthur Schnitzler kolportiert einen seltsamen Traum, der ihn vor dem Attentat heimgesucht hat: Er selbst sollte demnach den Thronfolger ermorden. Franz Ferdinand, eher unpopulär zu Lebzeiten, bekommt im Tod menschliche Größe.

Sarajevo steht noch ein zweites Mal während des 20. Jahrhunderts im Mittelpunkt einer europäischen Tragödie: 1425 Tage lang wird die Stadt zwischen 1992 und 1996 von militanten Serben belagert und beschossen, mehr als 11000 Menschen verlieren ihr Leben. Schon im sozialistischen Jugoslawien tauften Fanatiker die Lateinerbrücke in Gavrilo-Princip-Brücke um - ein Mörder als Nationalheld. Sie ist längst wieder zurückbenannt. Am Schauplatz des Attentats ist heute eine sachlich gehaltene Gedenktafel angebracht. Seit mehr als zwei Jahrzehnten ist Sarajevo die Hauptstadt des unabhängigen Staats Bosnien-Herzegowina.

Im Heeresgeschichtlichen Museum von Wien sind der Originalwagen mit den Einschusslöchern, die blutgetränkte Kleidung und drei der Pistolen ausgestellt. Die vierte Waffe fehlt. Ob sie diejenige ist, mit der die tödlichen Schüsse abgegeben wurden, darüber schweigt die Museumsleitung. Es soll ein Geheimnis bleiben.


Klicken Sie auf die Ziffern, um die letzten Minuten des Erzherzogs Franz Ferdinand nachzuvollziehen:
9.00 Uhr: Das Thronfolgepaar feiert die heilige Messe in Ilidža
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9.42 Uhr: Abfahrt nach Sarajevo
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10.07 Uhr: Ankunft in Sarajevo
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10.26 Uhr: Erster Anschlag an der Cumurija-Brücke
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10.30 Uhr: Ankunft am Rathaus
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10.40 Uhr: Franz Ferdinand und seine Frau verlassen das Rathaus
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10.50 Uhr: Die tödlichen Schüsse
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10.55 Uhr: Die Autokolonne erreicht den Konak
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9.00 Uhr
Erzherzog Franz Ferdinand und seine Frau Sophie feiern die heilige Messe im Hotel "Bosna" in Ilidža, einem Kurort circa zehn Kilometer westlich von Sarajevo.

Hotel Bosna

9.42 Uhr
Der Hofsonderzug von Ilidža nach Sarajevo fährt am Bahnhof ab.

Bahnhof Ilidža

10.07 Uhr
Am Bahnhof von Sarajevo angekommen, besteigt das Thronfolgerpaar das prächtige, olivgraue Sportcoupé der Marke Gräf und Stift mit zurückgeschlagenem Verdeck. Mit im Auto befinden sich zudem: der Chauffeur Leopold Lojka, Franz Graf von Harrach, Chef der Leibwache und Besitzer des Wagens sowie Oskar Potiorek, Landeschef von Bosnien und der Herzegowina. Als die Fahrzeugkolonne durch Sarajevo fährt, säumen zahlreiche Menschen den Straßenrand - unter ihnen auch die Attentäter.

Ankunft und Begrüßung des Thronfolgerpaares in Sarajevo (Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

10.26 Uhr
Der 19-jährige Druckergeselle Nedeljko Cabrinovic wirft eine Handgranate gegen den Wagen des Erzherzogs. Der Fahrer sieht die Bombe und gibt Vollgas, Franz Ferdinand wirft sich schützend vor seine Frau. Die Bombe prallt vom Verdeck ab und detoniert hinter dem Auto, in dem das Thronfolgerpaar sitzt. Ein Splitter hat die Wange von Sophie gestreift, zwei der Begleiter von Franz Ferdinand werden verletzt und müssen ins Krankenhaus gebracht werden. Nach dem missglückten Attentat fährt die Wagenkolonne weiter den Appelkai entlang zum Rathaus in der Stadtmitte. Cabrinovic wird festgenommen.

Die Polizei führt den Attentäter Nedeljko Cabrinovic ab (Foto: Getty Images)

10.30 Uhr
Tief schockiert bemüht sich der Erzherzog um Haltung. Nach der Rede des Bürgermeisters bedankt sich Franz Ferdinand - für die "seitens der Bevölkerung bereiteten jubelnden Ovationen, umso mehr, als ich darin auch den Ausdruck der Freude über das Misslingen des Attentats erblicke." Trotz des Bombenanschlags und der dürftigen Sicherheitsvorkehrungen wird das Programm fortgesetzt, nur der geplante Museumsbesuch des Erzherzogs wird gestrichen. Franz Ferdinand besteht darauf, die Verletzten im Garnisonskrankenhaus am Westrand der Stadt zu besuchen. Es wird vereinbart, den ganzen Appelkai entlangzufahren und nicht, wie ursprünglich vorgesehen, die Franz-Joseph-Straße. Niemand hat jedoch die Fahrer über die neue Route informiert.

Im Wagen sitzen Franz Ferdinand, Herzogin Sophie von Hohenburg, General Potiorek und Adjudant Oberstleutnant Merizzi (Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz)

10.40 Uhr
Franz Ferdinand und seine Frau verlassen das Rathaus, die Fahrzeugkolonne setzt sich in Bewegung. Wie ursprünglich geplant, biegen die Autos in die Franz-Joseph-Straße ab. "Sie fahren ja falsch! Wir sollen über den Appelkai", ruft Landeschef Potiorek dem Fahrer des Cabriolets ärgerlich zu. Der Chauffeur setzt zurück. An der Straßenecke bei der Lateinerbrücke kommt der Wagen zum Stillstand - nur drei Meter vor dem Pistolenlauf des serbischen Nationalisten Gavrilo Princip.

Franz Ferdinand und seine Frau Sophie verlassen das Rathaus in Sarajevo (Foto: AP)

10.50 Uhr
Princip feuert die tödlichen Schüsse auf das Thronfolgerpaar ab. Die erste Kugel trifft Sophie in den Unterleib, sie stirbt kurz darauf. Die zweite Kugel zerfetzt die Halsschlagader und die Luftröhre des Erzherzogs. Der Attentäter Princip, der versucht, sich mit Zyanid zu vergiften, wird um ein Haar gelyncht. Polizeibeamte führen ihn schließlich ab.

Princip schießt auf das Thronfolgerpaar (Foto: Getty Images)

10.55 Uhr
Die Autokolonne erreicht den Konak, den damaligen Wohnsitz von Landeschef Potiorek. In dem hier aufgesetzten Telegramm an den Kaiser in Wien heißt es: "Bei der Ankunft im Konak war Seine Hoheit in tiefster Bewusstlosigkeit, die Atmung war ganz oberflächlich, die Pupillen reagierten ganz schwach, das Herz schlug leise, der Puls war kaum tastbar." Laut Sterbeurkunde tritt der Tod um 11.00 Uhr ein. Die Leichen des Thronfolgerpaars werden an Ort und Stelle aufgebahrt.

Die Leichen des Thronfolgerpaars (Foto: AP)
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insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
D D, 28.06.2014
1. Serbische Untergrundorganisation?
Wenigstens von einem Blatt wie dem Spiegel sollte man doch erwarten können, die Wahrheit zu schreiben! Es war ein Serbe der geschossen hat, aber die Untergrundorganisation hieß "Mlada Bosna" und hatte sehr wohl auch kroatische und bosnische Mitglieder. Sie haben gegen die Besetzung durch die Österreich-Ungarische Monarchie gekämpft! Also nochmal: jede Volksgruppe war in dieser Orga vertreten und es war mitnichten eine reine serbische Untergrundorganisation!
henrik ørsted, 28.06.2014
2. Interessant
Es ist nur interessant, dass Russland sich nach dem Ende der Osmanischen Kriege, die nahezu in der Eroberung Istanbuls durch die Bulgaren gipfelten, durch Österreich übergangen fühlte und losschlug. Des weiteren haben die Österreicher 1993 an den Serben Rache genommen. Da gab es sicher bei den Österreichern grosse Unterstützung für die Kroaten, Bosnier und Kosovo-Albaner.
Helge Nielsen, 28.06.2014
3. und die Lehre für uns?
Niemand ist geschützt. Jeder kann jeden umbringen. Und aus niemandes Tod sollte wieder ein Weltenkrieg entstehen.
Bernd Wegmann, 28.06.2014
4. Warum wurde er erschossen?
Sicherlich ist es wichtig, die Geschichte so sachlich wie möglich darzustellen. Es wäre auch wichtig zu erfahren, warum er erschossen wurde. Im Artikel wird erwähnt, das er unpopulär war. Welche persönliche Ziele oder Ansichten vertrat er, das aus Hass getötet wurde? Erst dann ist die Geschichte vollständig beschrieben. Alles andere begünstigt Spekulationen und Fehlinterpretationen.
JENS ASCHKA, 28.06.2014
5. Für niemanden ist das damals vorstellbar.
Diesen Satz kann mann allen Europagegnern und Populisten zum nachdenken empfehlen .Frieden und Freiheit sind keine selbstverständlichkeit und was sind schon ein paar Eurokraten gegen das Elend des Krieges.
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© SPIEGEL Geschichte 5/2013
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