Auf der Bühne mit Roy Black "Mir schlug blanker Hass entgegen!"

"Ich dachte, sie werden mich lynchen." Bei einem Konzert 1968 in der Dortmunder Westfalenhalle landete Tanja Krienen überraschend und unfreiwillig in den Armen ihres Lieblingssängers Roy Black. Bei einigen Fans des Mädchenschwarms kam das überhaupt nicht gut an.

Tanja Krienen

Nachdem es um Drafi Deutscher ruhig geworden war, stieg Roy Black zu meinem Lieblingssänger auf - zumindest unter den deutschen Interpreten. Auf dem Höhepunkt seiner Popularität gastierte er mehrmals in Dortmund, und am 2. November 1968 sah ich ihn in der Westfalenhalle. Als Vorgruppe spielte das Medium-Terzett, und das "Orchester Werner Twardy" - bekanntgeworden mit dem Hit "Babysitter-Boogie" - begleitete ihn.

Roy Black, der in Augsburg geboren wurde und eigentlich Gerhard Höllerich hieß, galt seit 1965 als Schlageridol Nr.1. Guildo Horn behauptete später, er wäre die Inkarnation des 1991 gestorbenen Roy Black. Nein, das konnte nicht sein. Ich sah Horn 1998 und Roy Black 1968 - und ich spürte nicht dasselbe. Wenn, dann hätte ich es merken müssen, denn ich kam Roy Black an diesem Abend sehr nahe.

Ich weiß nicht, wie es heute ist, wenn Schlagersänger auftreten, damals aber gab es eine regelrechte Hysterie, wenn Roy Black erschien. Mädchen kamen während der Vorstellung nach vorne, gaben ihm einen Blumenstrauß oder ein Maskottchen und begannen manchmal hemmungslos zu weinen. Soweit war ich nicht, wenngleich ich die Mädchen, welche sich in einen so verzückten Zustand bringen konnten, bewunderte und genau beobachtete, weil ich es faszinierend fand, wie sie sich hingaben.

Plötzlich an vorderster Front

Meine Eltern und ich hatten für diese Veranstaltung sehr gute Karten erhalten - wir saßen in der ersten Reihe! Roy Black sang seine großen Hits, die Stimmung wurde immer besser, geradezu heiß, und als er sein letztes Lied ankündigte, explodierte sie. Von überall her kamen Mädchen nach vorne und wollten ihm nahe sein, standen an den Seiten, drängten zur Bühne. Sie kreischten, hielten sich die Köpfe, weinten, und weil ich ahnte, was da kam, sprang auch ich auf und orientierte mich die wenigen Meter nach vorne. Ich machte das, weil ich sah, wie sich meine Sicht schnellstens verschlechtern würde, wenn dieser Ansturm weiter anhielt. Meine Mutter folgte mir.

Und richtig, binnen einer oder zwei Minuten standen wir dicht gedrängt vor der Bühne, viele Reihen stark. Von hinten wurde ein großer Druck entfacht. Die ganze Teeny-Meute schob die vorne Stehenden bis an die Bühnenverkleidung, und es entstand ein richtiger Tumult. Plötzlich waren Ordnungskräfte da und auch die Polizei. So muss es an vorderster Front zwei Jahre zuvor beim Beatles-Konzert gewesen sein!

Nun stand ich selbst im tobenden Sturm - ich war erwachsen geworden! Die Masse drückte, und ich befand mich genau vor der Bühne, exakt in der Mitte. Fast hatte ich Angst, erdrückt zu werden, war ich doch das kleinste Geschöpf dort in der Menge und mein Hals genau auf der Höhe des Bühnenbretterrandes. Ein Polizist sah das, packte mich, hob mich hoch, und ehe ich erfasste, was mit mir geschah, warf er mich auf die Bühne. Dort lag ich, und alles, was von diesem Augenblick an passierte, erlebte ich nur noch in Trance.

Mir schlug blanker Hass entgegen!

Was war geschehen? Von einem Moment auf den anderen beförderte man mich wie ein Kleinkind von einem Platz zum anderen. Gerade noch kämpfte ich an der Front dort unten, nun lag ich oben im Staub, wie ein angeschossenes Tier. Ich konnte kaum etwas sehen, das Licht blendete so. Und was war das? Oh nein, er kam auf mich zu - Roy Black, und dann noch persönlich!

Er hob mich auf, sagte irgendetwas, das ich nicht verstand, legte seinen Arm um mich und sang weiter. Während des ganzen Kampfes hatte ich mein großes Din-A4-Bild mit seinem Konterfei krampfhaft in den Händen gehalten, nun nahm ich plötzlich wahr, dass es einige Meter entfernt von mir auf dem Boden lag. Ich hatte es während des Polizeieingriffes verloren. Kurz löste ich mich aus der Umklammerung, hob es auf und kehrte in den Arm von Roy zurück. Herrje, wie konnte das geschehen, war das die Wirklichkeit?

Ich drehte meinen Kopf nach links und sah Roy an. Ja, er war es, und ich stand direkt neben ihm, spürte seinen Schweiß durch die dunkle, luftdurchlässige Bluse! Er beendete gerade das Lied und begann seine Zugabe - noch immer hielt er mich im Arm. Von unten schlug mir blanker Hass entgegen - ich sah zwar nicht viel, aber das spürte ich! Meine Mutter berichtete mir später, einige Mädchen wären regelrecht ausgeflippt und hätten geschrien, warum sie jetzt nicht dort ständen?!?

Nun, sieben, acht Minuten neben Roy Black auszuhalten, vor einer zehntausendfachen dunklen Medusa, das war kein Pappenstil!

"Jetzt müssen wir uns verbeugen"

Roy, mein großer Freund Roy, hörte kurz auf zu singen, und...er fing wieder an! Nein, sollte das denn nie mehr aufhören! Wie peinlich war das Ganze, ja, auch schön, neu und anregend, aber ich war in einer völlig hilflosen Situation. Nun aber sang er sein letztes Lied. Kurz vor dem Ende des Songs beugte sich Roy Black zu mir herunter, fasste mich zur Aufmunterung noch fester um die Schulter und sagte: "Jetzt müssen wir uns gleich aber ganz, ganz tief verbeugen!"

Tatsächlich, wir verbeugten uns! Die Mädchen unten kreischten lauter, jetzt, dachte ich, werden sie mich lynchen. Ich hatte Glück, sie wurden zurückgedrängt, und so konnte ich Roy mein großes Roy-Bild geben, reichte ihm den Kugelschreiber, den ich in meiner Jackentasche aufbewahrt hatte, und er schrieb - zum Abschied - seinen Namen auf die Rückseite des Bildes: Roy Black!

Roy führte mich zu Werner Twardy, der mich von der Bühne geleitete. Ich kam taumelnd wieder unten im Leben an. Um mich herum versank alles im Einerlei, ich war um Jahre gealtert, gereift - nichts war so, wie es früher war. Zwei und ein halbes Lied hatte ich an der Seite von Roy Black, dem deutschen Mädchenschwarm des Jahrhunderts, verbracht. Würde ich das je verkraften?



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Tanja Krienen, 09.10.2011
1.
Anlässliches seines 20. Todestages liegt nun ein Video zum Thema vor - http://www.youtube.com/watch?v=OOFXEnXftMo&feature=mfu_in_order&list=UL
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