Auf Tour mit Deep Purple Einmal Rockstar und zurück

On the road mit Rocklegenden: Als Vorgruppe von Deep Purple durfte die Band von Stephan Orth 2001 mit auf Tour gehen. Auf einestages erinnert er sich an grandiose Posen, intime Backstage-Momente und die Magie des berühmtesten Riffs der Rockgeschichte.

Elmar Natter

Der Mann, der uns den Tourabschluss versauen will, trägt Vokuhila-Frisur, Schnurrbart und Jeansweste. "Drauf gschissn!", brüllt er in die Stille, als Sänger Carsten freundlich erklärt, dass es hinten am Stand unsere Debüt-CD zu kaufen gibt. Wir stehen auf einer Volleyballplatz-großen Bühne vor mehr als 10.000 Menschen, und irgendwie ist der Moment so absonderlich, dass wir in lautes Gelächter ausbrechen. Erklären können wir uns die Reaktion später selbst nicht, vermutlich sind wir nach einer Woche im Rock'n'Roll-Himmel einfach nicht mehr ganz zurechnungsfähig. Nach dem Auftritt verkaufen wir mehr als hundert CDs, das ist neuer Rekord.

Der Rock'n'Roll-Himmel, das ist für uns eine Deutschland-Tour als Vorgruppe von Deep Purple im August 2001. Rostock, Dresden, Mosbach, Bonn, Halle, Nürnberg, sechs Konzerte in neun Tagen. Wir, das ist die Indie-Rockband April Daze aus Remscheid und Wuppertal, gerade haben wir unsere erste CD "Soma" bei einem Internet-Label veröffentlicht. Normalerweise spielen wir in Clubs, die "Torkelndes Einhorn", "Sumpfblume" oder "Point of Music" heißen. Doch für ein paar Tage dürfen wir reinschnuppern, wie es sich anfühlt, Rockstar zu sein.

Wer könnte da ein besserer Mentor sein als Deep Purple: Seit Gründung der Band im Jahr 1968 hatten sie mehr als hundert Millionen Platten verkauft und das berühmteste Gitarrenriff aller Zeiten geschrieben. "Dab-dab-daa, dab-dab-dadaa, dab-dab-daa, dab-daa". "Smoke on the water" ist so simpel, dass jeder E-Gitarrenschüler den Anfang schrammeln kann, und doch so komplex, dass kaum eine Coverband den kompletten Song authentisch hinkriegt.

Akustikschnulze fürs Hardrock-Publikum

Mit drei schwarzen Nightliner-Bussen der Nobelfirma Beat the Street und ebenso vielen 40-Tonner-Trucks touren Deep Purple durch Europa. Permanent sind mehr als 30 Techniker, Roadies und Cateringleute dabei. Wir tragen unsere Verstärker selbst auf die Bühne und fahren im geliehenen weißen Neunsitzer zum ersten Konzert in Rostock.

Um Punkt 8 Uhr geht in der ausverkauften Stadthalle das Saallicht aus und die Bühnenscheinwerfer an. Das Publikum brüllt, und schon beim Refrain unseres ersten Songs "Flow on me" klatschen die ersten mit. Wer vor 60 Zuschauern spielt, schaut in Gesichter, 6000 dagegen sind eine dunkle Masse, ein wabernder vielköpfiger Organismus, der mit Melodien und Rhythmus gefüttert werden will. Heute scheint es zu schmecken. Selbst die melancholische Ballade "Dead End Street", die Sänger Carsten allein mit Akustikgitarre intoniert, erntet begeisterten Applaus. Manchmal können 40 Minuten Bühnenzeit unglaublich kurz sein.

Auf dem Weg zum Backstage-Raum kommen uns Deep Purple entgegen, die Instrumente schon umgehängt. Bassist Roger Glover trägt das unvermeidliche Piratenbandana und ein ärmelloses Batikshirt zum weinroten Bass. "I really enjoyed the show, it was melodic, it was in tune", sagt der weißbärtige Waliser. Bis heute rätseln wir, ob sich "in tune" auf das Zusammenspiel bezog oder auf die Tatsache, dass die Instrumente einigermaßen gestimmt waren. Auch ein wenig kryptisch der nächste Satz: "Vor euch hat sich nur eine einzige unserer Vorbands getraut, eine Akustiknummer zu spielen. Sehr mutig."

Mutig? Später, beim Konzert in Bonn, erzählt der Leiter des deutschen Deep-Purple-Fanclubs, dass bei früheren Touren regelmäßig Motorradketten oder Bierflaschen in Richtung Vorband flogen. Auf meine Frage, wer die andere Band mit der Akustikeinlage war (und was mit ihren sterblichen Resten geschah), hat er keine Antwort.

Geschichtsnachhilfe von "Beavis & Butthead"

Zum Glück haben wir von den Eigenheiten des Publikums nicht früher erfahren. Stundenlang hatten wir diskutiert, ob das gutgehen kann. Hardrock-Virtuosen treffen dilettantisch-melancholische Indie-Schrammler, Band und Fans könnten unsere Eltern sein. Breitbeinige Rock-Posen und ausufernde Instrumentalsoli waren uns schon immer suspekt gewesen, und in unserer Britpop- und Grunge-Lebenswelt existierte Deep Purple nur als verstaubte Vinylplatte in Papas Wohnzimmerschrank. Keiner von uns hatte als Teenager zu "Child in Time" geknutscht, das erste Mal hörte ich das "Smoke on the Water"-Riff in einer "Beavis & Butthead"-Folge auf MTV.


Die Musik von April Daze unter ihrem neuem Namen The Thieves. Jetzt anhören!


Doch im August 2001 werden wir bekehrt: In Rostock stehe ich direkt neben der Bühne, als Gitarrist Steve Morse von einem Hochgeschwindigkeitssolo mit Versatzstücken von den Beatles und Led Zeppelin in die berühmtesten drei Töne des Rock übergeht. "Dab-dab-daa, dab-dab-dadaa ..." Nacheinander setzt die Band ein: die HiHat von Schlagzeuger Ian Paice, der aus purer Angeberei gerne auch mal einhändig spielt, der treibende Achtelbass von Glover, der kraftvolle Gesang des stets barfuß auftretenden Ian Gillan. Mit der Präzision eines Dampfhammers zelebrieren Deep Purple ihren Über-Hit, so frisch, als hätten sie ihn erst gestern geschrieben.

Sie beweisen auch uns skeptischen Jungspunden, dass sie zu den wenigen Rock-Urgesteinen zählen, die zu Recht immer noch ganz oben stehen. 70 Mark Eintritt zahlen die Zuschauer für ein Konzert, wir zahlen 500. Denn wer glaubt, eine Vorband würde prozentual an den Einnahmen beteiligt, liegt leider falsch. Stattdessen müssen wir dafür in die Tasche greifen, vor dem Publikum der bekannteren Band spielen zu dürfen.

Prominenter Zaungast

Einige der Zuschauer lernen wir bei Gesprächen am CD-Stand nach den Konzerten kennen. "Super-Gesang, klingt wie Klaus Meine von den Scorpions", sagt ein etwa 50-jähriger Fan in Harley-Davidson-Lederjacke. Wir wissen nicht, ob wir entsetzt oder geschmeichelt sein sollen. Ständig müssen wir Widmungen an irgendwelche Töchter und Söhne auf die Platten schreiben: "Der Mareike gefällt das bestimmt, was ihr macht." Andere Besucher sagen, wir sollten mal lernen, ein vernünftiges Solo zu spielen.

Ob sich das Deep-Purple-Gitarrist Steve Morse auch gedacht hat? Beim Open-Air-Konzert in Dresden, bei fast 30 Grad Hitze in wunderbarer Lage am Elbufer mit Blick auf die Altstadt, steht er während unseres kompletten Auftritts hinten rechts an der Bühne. Zum Glück bemerke ich ihn erst nach dem Konzert, vermutlich hätte ich vor Ehrfurcht keinen Powerchord mehr getroffen. Morse klatscht jeden von uns einzeln ab und plaudert über das Wetter: "Don't tell me it's hot out there".

Von Ian Gillan, Drummer Ian Paice und Keyboarder Don Airley sehen wir wenig mehr als ihre Auftritte. Die Band wohnt im Hotel und kommt erst kurz vor den Konzerten auf dem Gelände an, im Catering-Zelt trifft sich hauptsächlich die sympathische Crew auf ein paar Bier. Nur Bassist Roger Glover nutzt jede Gelegenheit für einen Plausch mit Fans oder Vorband. "Klar kenne ich Wuppertal, einer unserer größten Fans kommt daher!" Wir tauschen unsere CD gegen zwei seiner Signatur-Plektren. Kein schlechter Deal, außerdem gibt's noch eine Rock'n'Roll-Weisheit gratis dazu: "Hört auf Ratschläge von den Leuten, die euch schon vor dem großen Erfolg kannten - das sind die Ehrlichsten." Wir haben es beherzigt, war übrigens ganz einfach. Noch immer ist uns jeder Ratschlag willkommen. Von jedem. Denn der Erfolg ist bis heute ausgeblieben.

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Yoerc Mueller, 15.04.2016
1. ♪♪
Schön geschrieben . . . Danke ♪♪
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