Auf Tour mit Zappa "Frank hat nicht viel anbrennen lassen"

Scharfe Groupies, keine Noten und statt Drogen extrastarken Kaffee: Bei Frank Zappas "Mothers Of Invention" galten eigene Regeln. Im Interview erzählt Ex-Mothers-Sänger Napoleon Murphy Brock, wie Zappa Musiker triezte, warum er Deutschland liebte und weshalb die Witwe und Fans im Clinch liegen.

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Von Sebastian Knauer


Es war ein tropisch heißer Abend auf Hawaii im Jahre 1973, als Rocklegende Frank Zappa ein Anruf seines Managers erreichte. "Hey Frank, zieh dich an, ich habe einen neuen Sänger für dich gefunden!" Unerkannt stand der Star wenig später brav in der Warteschlange vor dem Nachtclub des Coral Reef Hotels in Honolulu und wartete auf Einlass zum Gig einer Gruppe namens Communication PL. Der Laden war rappelvoll, die Stimmung kochte. Zappa hörte eine Weile zu, dann stand sein Entschluss fest: Der lockenköpfige Frontmann mit der umwerfenden Bühnenpräsenz sollte Sänger von Zappas neuer Formation Mothers Of Invention werden. Sein Name: Napoleon Murphy Brock.

Der Abend auf Hawaii war der Beginn einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Saxophonisten, Flötisten, Sänger und Comedian Brock und dem Musikgenie Zappa. Nach dessen frühem Krebstod 1993 mit nur 53 Jahren versucht Brock, ein schwarzer US-Amerikaner mit amerikanisch-indianischen und deutschen Ahnen, das musikalische Erbe Zappas weiterzutragen - im Clinch mit Zappas prozessfreudiger Witwe Gail.

einestages: Mister Brock, wie war das, als Ihnen eines abends Frank Zappa vorgestellt wurde?

Brock: Ich wusste anfangs gar nicht, wer er war. Erst später begriff ich, dass ich gerade mit dem Zappa sprach, mit dem damals die besten Rock- und Jazzmusiker der Welt spielten. Aber was wollte der von mir?

einestages: Das fragen wir Sie.

Brock: Er sagte, dass er ab sofort einen Job für mich hat. Ich sollte mit den Mothers Of Invention auf Welttournee gehen.

einestages: Da kann man wohl kaum nein sagen.

Brock: Ich hatte dem Club-Manager vom Coral Reef Hotel in Hawaii zugesagt, einige Wochen dort zu spielen. Ich halte gerne mein Wort. Deshalb habe ich Zappa gesagt, dass ich mich über das Angebot freue, aber leider erst meine Verpflichtungen hier erfüllen muss.

einestages: Wie bitte? Immerhin spielten in seiner Band damals legendäre Musiker wie George Duke oder der Jazz-Geiger Jean-Luc Ponty. Wie fand der große Meister die Absage?

Brock: Na ja, nicht so lustig, aber ich glaube, er respektierte meine Gründe. Er sagte mir, dass er mich nach seiner Europa-Tournee anrufen werde.

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Musiker Frank Zappa: Perfektionismus und Kaffee

einestages: Und tat er das?

Brock: Ich hing Ende 1973 ohne Job in Kalifornien rum. Da kam sein Anruf: Er sei gerade gelandet und ich solle vorbeikommen. Das hat mir imponiert und ich habe zugesagt. Ich ahnte nicht, was auf mich zukam. Zappas Musik zu spielen ist wie eine exotische Sprache zu lernen. Ich war an einfache Sachen wie Rock, Blues, Soul, Jazz gewöhnt. Als mir Zappa dann die ersten Notenblätter hinlegte, bekam ich einen Schreck.

einestages: Aber Sie sind doch auch Vollblutmusiker!

Brock: Zappas Kompositionen sind verdammt komplex - ständig wechseln die Harmonien, die Tempiwechsel sind total überraschend. Nichts davon war mir damals vertraut. Ich habe noch nie so geackert wie damals, als mir Frank die Noten in die Hand drückte und sagte: "Das spielen wir. Nächste Woche ist Probe." Ich habe mich mit meinem Saxophon verkrochen und Tag und Nacht geübt. Frank duldete keinerlei Kompromisse, er war ein totaler Perfektionist und Noten auf der Bühne waren verboten. Ich bin fast verzweifelt. Bis es dann diesen Kick gab und ich anfing, Zappas Musikuniversum zu verstehen.

einestages: Zappa hat ja mal gesagt, er habe Rockmusiker werden müssen, da niemand seine ernsten Sachen gespielt habe. Seine großen Vorbilder waren aber Klassikkomponisten wie Edgar Varèse, Pierre Boulez oder Igor Strawinski.

Brock: Da ist etwas dran. Sein kompositorisches Werk ist ja noch gar nicht ausgewertet. Wir wissen, dass in seinem Privathaus in North Hollywood mit dem legendären Studio im Keller noch viele Partituren und Werke sind, die er auf Synclavier eingespielt hat. Das Synclavier ist ein frühes elektronisches Keyboard. Zappa hat seine Musik an dieser Tastatur eingespielt und abgespeichert - es war für ihn eine einfache Methode, Kompositionen zu konservieren. Als bei Frank 1990 Prostatakrebs diagnostiziert wurde, ahnte er, dass seine Krankheit ihm nicht mehr viel Zeit lassen würde. Also hat er musikalisch nur noch die Dinge gemacht, die ihm Spaß machten.

einestages: So ähnlich war es bei Johann Sebastian Bach. Der stellte vor seinem Tod 1750 die Auftragsarbeiten für die Leipziger Thomaskirche zurück, um Kompositionen wie das "Musikalische Opfer" zu vollenden. War Zappa so etwas wie ein Bach der Rockmusik?

Brock: Solche Vergleiche hinken immer. Aber eines ist sicher: Zappa hat in seinen letzten Jahren bis zu seinem Tod 1993 gewaltige Dinge geschaffen. Ich kann es nicht kompetent beurteilen, da ich in dieser Zeit andere Wege ging. Aber ich weiß, wie stark er an der Verwirklichung seiner Ideen gearbeitet hat.


Zum Weiterhören:

Zappa spielt für Bach in St. Katharinen Hamburg. SPIEGEL Verlag, Hamburg, 2009.


einestages: Auch politisch.

Brock: Absolut. Er hat sich im Streit um Urheberrechte von Musikern und Komponisten schon früher auch im US-Senat bei Anhörungen engagiert. Und auf fast jeder seiner LPs stand auf dem Innencover die Aufforderung: "Register to vote" - gehe wählen. Zappa war ein politischer Kopf.

einestages: Als er 1968 in Berlin ein Konzert im Sportpalast gab, forderten Vertreter der legendären Kommune K1 von Zappa, eine Solidaritätserklärung mit dem inhaftierten Kommunarden Fritz Teufel zu verlesen. Er lehnte ab. Der Konzertveranstalter und wichtigste Zappa-Förderer Fritz Rau befürchtete, dass die Zuhörer die Bühne stürmen würden und hat während des Konzerts das Equipment gesichert. Schließlich spielte Zappa alleine auf der Gitarre.

Brock: Das klingt sehr nach Zappa. Ich habe ihn als jemanden erlebt, der sich von niemandem vereinnahmen ließ. Und er hatte damals schon sehr kräftige Bodyguards. Mit denen war nicht zu spaßen.

einestages: Sie haben mit Zappa und den Mothers zwischen 1973 und 1976 überall in der Welt auf der Bühne gestanden. Was war an dieser Zeit das Wichtigste für Sie?

Brock: "Music is best" - das war und ist das treffendste Motto für das Zappa-Reich. Aber wir waren auch ein Teil der politischen Studentenbewegung Anfang der siebziger Jahre, der Proteste gegen den Vietnam-Krieg, von Flower Power in San Francisco und von freiem Sex für alle.

einestages: Apropos, Zappa wusste sich nach seinen Auftritt durchaus zu entspannen. Rosemarie Heinikel alias Rosy Rosy, neben Uschi Obermeier eine der attraktivsten Kommunardinnen der Hippie-Ära, schildert in ihrer Autobiografie auch eine Nacht mit Zappa nach einem Konzert in München.

Brock: Frank hat nicht viel anbrennen lassen, natürlich gab es andere Frauen. Aber große Künstler brauchen ihre Musen. Sie sind verewigt in ihren Werken.

einestages: Der Song "Jewish Princess" auf der LP "Sheik Yerbouti", hat die Textzeile: "I want a little jewish princess ... with titanic tits". Damit hat sich Zappa sogar die Klage einer jüdischen Organisation in den USA eingehandelt.

Brock: Die allerdings abgewiesen wurde. Auch Tipper Gore, die Ehefrau des US-Senators und späteren amerikanischen Vizepräsidenten Al Gore, ist 1985 wegen anstößiger Texte gegen Frank vorgegangen. Und schon 1965 saß er an der Westküste zehn Tage im Gefängnis, weil er für einen Typen mit seiner damaligen Freundin Stöhngeräusche auf Tonband aufgenommen hatte. Das Urteil lautete sechs Monate Haft wegen "Verschwörung zur Pornografie".

einestages: Damit war es dann vorbei, als er seine Ehefrau, die Beamtentochter Gail Sloatman, kennenlernte und 1967 heiratete.

Brock: Frank war ein Familienmensch. Wenn er zwischen den Tourneen in L.A. war, dann stand die Familie ganz oben. Er hatte schließlich vier Kinder mit Gail, um die er sich intensiv kümmerte, wenn er konnte. Sein Sohn Dweezil ist ein begabter Gitarrist, mit dem ich 2006 und 2007 auf US-Tournee war. Sein jüngster Sohn Ahmet ist TV-Moderator und Kinderbuchautor. Ahmet musste damals im Hause Zappa immer den extrastarken schwarzen Kaffee kochen, den Papa für eine Nachtsitzungen mit ins Studio nahm.

einestages: Schwarzer Kaffee war Zappas einzige Droge?

Brock: Absolut. Er duldete auf der Bühne keinerlei Drogen. Nicht einmal einen Joint, geschweige denn härtere Sachen.

einestages: Zappa gab seit 1968 häufig Konzerte in Deutschland.

Brock: Frank liebte Deutschland. Er schätze die perfekte Organisation, das gute Essen - und vielleicht auch das eine oder andere Groupie. Wir hatten hier immer eine Menge Spaß.

einestages: Zappas Witwe prozessiert heute gegen jeden, der ihrer Meinung nach Zappas Erbe ausschlachtet. Sogar der legendäre Schnauzbart ist über das US-Markenrecht geschützt.

Brock: Als Künstler halte ich mich da raus. Aber Gail Zappa sollte erkennen, dass Musikenthusiasten wie etwa die Initiatoren der deutschen Zappanale das nicht machen, um Millionäre zu werden. Solche Zappa-Freunde sorgen dafür, dass sein famoses Werk nicht in Vergessenheit gerät. Wer Unsinn macht und mit dem Zappa-Logo für T-Shirts oder Klodeckel wirbt, kann ruhig abgemahnt werden. Aber wer seine Musik ernsthaft aufführt, sollte die Unterstützung der Witwe bekommen. Sie verdient ja schließlich durch die Aufführungsgebühren daran. Und ihr Mann hat sich selber bei allen möglichen Musikern Anregungen geholt - dass ausgerechnet sie gegen angebliche Plagiate vorgeht, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Aber ich habe noch nicht die Hoffung aufgegeben, dass sie sich endlich um das künstlerische Erbe ihres Mannes kümmert, anstatt in Kleinkriegen die Gemeinde der weltweiten Zappaisten zu bekämpfen.

einestages: Sie werden also auch 2009 wieder gemeinsam mit einer Nachwuchsband auf der zu Ehren des Künstlers Zappa ins Leben gerufenen Zappanale in Bad Doberan spielen?

Brock: Ja. Es gibt inzwischen eine ganze Zappa-Schule; junge Leute, die Franks Musik schätzen und auch in der Lage sind, sie zu spielen. Wir werden ab dem 11. August in Bad Doberan zusammen mit 19 anderen Bands auftreten. Ich bin gerne dort. Besonders gefällt mir die historische Dampfeisenbahn, die nach Heiligendamm fährt. Sie heißt Molli. Frank hätte einen Song über sie gemacht.



insgesamt 5 Beiträge
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Ulrich Scharfe, 07.08.2009
1.
Napoleon Murphy Brook tritt am Dienstag, 11.8.2009 20:00 in der St. Katharinen Kirche in Hamburg auf. Den Rahmen bildet Sheik Yerbouti. Zitat: (http://www.sheikyerbouti.de/html/band.html) "Gastauftritte von Ex-Zappamitstreitern wie Mike Keneally (git.), Ed Mann (vibes, perc.) und Napoleon Murphy Brock (voc., sax, flute) mit Sheik Yerbouti und deren Begeisterung für die Interpretationen von Zappa Werk unterstreichen die Qualitäten der Band deutlich. Selbst berühmte Musiker, wie DREAM THEATER-drummer Mike Portnoy sind begeistert."
Hans-Peter Kirsch, 07.08.2009
2.
"duldete er keinerlei Kompromisse" Viele von uns kennen Frank Zappa mit dem Ausnahmeschlagzeuger Terry Bozzio. Was ich allerdings Anfang der 80er bei einem Zappa Konzert in Mannheim sah, war mehr als ein Kompromiss. Ich weiss bis heute nicht wer der Schlagzeuger an diesem Abend war, es war jedenfalls nicht Terry Bozzio. Ich dachte während der ersten 2 Titel es sei der Drumroadie von Terry Bozzio. Soviel zum Thema Kompromisse.
Hans-Peter Kirsch, 07.08.2009
3.
Es geht hier nicht um Mike Portnoy. Er ist als Musikkritiker kein Maßstab.
Alexander Bohla, 07.08.2009
4.
> > > Ich weiss bis heute nicht wer der Schlagzeuger an diesem Abend war, es war jedenfalls nicht Terry Bozzio. Ich dachte während der ersten 2 Titel es sei der Drumroadie von Terry Bozzio. Soviel zum Thema Kompromisse. Anfang 80er spricht für Vinnie Colaiuta oder Chad Wackerman...
nick fury, 10.08.2009
5.
>> >> >> Ich weiss bis heute nicht wer der Schlagzeuger an diesem Abend war, es war jedenfalls nicht Terry Bozzio. Ich dachte während der ersten 2 Titel es sei der Drumroadie von Terry Bozzio. Soviel zum Thema Kompromisse. > > >Anfang 80er spricht für Vinnie Colaiuta oder Chad Wackerman... Anfang 80er könnte auch David Logeman, der "unbekannteste Zappadrummer", gewesen sein. Der ist aber ein genauso kompetenter Supermusiker wie alle bei FZ beteiligten seit spätestens 1970. Der von NMB angesprochene Kleinkrieg der Zappawitwe gegen die diversen Coverbands ist tatsächlich eine Angelegenheit höchst schlechten Karmas, als Hüterin über das Zappaarchiv hätte sie sicherlich Sinnvolleres zu tun, die Bands werden sowieso weitermachen, gewinnen werden hierbei nur irgendwelche Rechtsanwälte.
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