Aufstand im Warschauer Ghetto Entkommen, bevor die Nazis Rache nahmen

Aufstand im Warschauer Ghetto: Entkommen, bevor die Nazis Rache nahmen Fotos
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Dem kurzen Moment der Hoffnung folgte für Tausende der Tod: Am 19. April 1943 begann der Aufstand im Warschauer Ghetto. Marek Edelman war einer der Anführer. Als die Nazis rücksichtslos zurückschlugen, konnte er fliehen. Jahrzehnte später schilderte er seine Erlebnisse. Von Fabienne Hurst

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Marek Edelman traut seinen Augen nicht: Am zweiten Morgen nach dem Beginn des Aufstandes im Warschauer Ghetto beobachtet er aus seinem Versteck heraus die Straße. Zwei Deutsche schleichen geduckt an einer Mauer entlang, schauen sich immer wieder um, huschen vorsichtig von einer Straßenecke zur anderen. "Wahnsinn!", denkt sich Marek. "Sie haben tatsächlich Angst vor uns!"

Als am 18. April 1943 eine Handvoll Widerstandskämpfer beschließt, die für den Folgetag angekündigte "Aussiedlungsaktion" der Nazis gewaltsam zu verhindern, ist der Kampf eigentlich schon verloren. Die ausgemergelten, von Hunger und Krankheit gezeichneten Menschen im dem von den Nazis errichteten "Sammellager" hatten gegen die gut bewaffnete Übermacht der SS keine Chance. Und trotzdem begehrten sie auf, ihr Aufstand wird zum Symbol des jüdischen Widerstands: Denn für einen kurzen Moment lang jagten Juden ihre Peiniger. In dem nun erstmals auf Deutsch erschienenen Buch "Die Liebe im Ghetto" (Schöffling & Co.) erzählt der Widerstandskämpfer Marek Edelman ausführlich von den Tagen des Aufstands, an deren Ende die Zerstörung des Ghettos stand.

Endlich zurückschlagen

Marek Edelman und seine Freunde aus der "Jüdischen Kampforganisation", der Żydowska Organizacja Bojowa (ZOB), hatten genug vom demütigenden Ertragen ihrer schrecklichen Situation. Mitten im Stadtzentrum der polnischen Hauptstadt hatten die Deutschen 1940 eine abgesperrte Zone errichtet, in welche sie Juden aus ganz Warschau und den von ihnen besetzten Ländern pferchten. Das Ghetto diente der SS hauptsächlich als Sammellager für die Deportationen in das Vernichtungslager Treblinka.

In den Tagen vor dem Aufstand hatte sich die Situation zugespitzt: Nahrungsmittel fehlten überall, auf den Straßen starben die Kinder an Hunger und Typhus, ihre Leichen trieben in der Kanalisation. Seit einem Jahr brachen die Nationalsozialisten immer wieder nachts in die Wohnungen der Ghetto-Bevölkerung ein, zerrten sie aus dem Schlaf auf die Straße und erschossen sie. Die Widerstandskämpfer wollten zurückschießen. Und endlich kam es dazu.

Die Gruppe um Marek - junge, gebildete Menschen, die sich seit Kindertagen kannten - hatten sich zunächst auf das Verfassen und Verbreiten von Schriften und Flugblättern gegen die Nazis gekümmert, bevor sie im Juli 1942 die ZOB bildeten. Von nun an ging es nicht mehr um Mobilisierung durch Bildung, sondern um bewaffneten Kampf. Als sie am 18. April 1943 die Nachricht erreichte, deutsche SS-Männer würden im Morgengrauen mit der letzten großen "Aktion" beginnen - der Deportation der Ghetto-Bevölkerung in die Vernichtungslager - trafen sie sich in der Wohnung von ihrem Anführer Marian Anielewicz.

Die Stimmung sei angespannt gewesen, berichtet Marek Edelman in seinen Erinnerungen: Wenige Tage zuvor hatte Marian sich einen Alleingang erlaubt. Er hatte einen Werkschutzmann der Nazis erschossen und seine Waffe geklaut, woraufhin die Deutschen bei einer Vergeltungsaktion 200 Ghetto-Bewohner töteten. Seine Kameraden waren stinksauer. Doch wie sollte man erfolgreich gegen die Deutschen aufbegehren? Seit Wochen hatte sich die Armia Krajowa, die Heimatarmee, nicht mehr bei der ZOB gemeldet. Sie war die wichtigste Waffenlieferantin der Aufständischen. Die verzweifelten Mahnschreiben an den General Rowecki blieben unbeantwortet. "Für uns, eingesperrt hinter der Mauer, war der fehlende Kontakt ein großes Unglück", erinnert sich Marek. Die letzte Lieferung von 50 Pistolen und 50 Kilo Schießpulver lag bereits drei Monate zurück.

Rund 220 Männer und Frauen hatte die ZOB zusammengetrommelt. Er habe sich an den Rat eines alten Freundes erinnert, erzählt Marek in seinem Buch: "Organisiere immer alles so, dass es nach vielen Leuten aussieht." Sie teilten sich daher in vier Gebiete auf, jeweils unter einem Anführer. Aus abgeschnittenen Rohren und Schießpulver bastelten sie improvisierte Handgranaten, aus leeren Flaschen wurden Molotowcocktails. Mareks Gruppe verbrachte die Nacht bei ihm in der Wohnung, aber die Freunde schliefen kaum. Einer von ihnen, Adam Szajdmil, stand bis morgens gedankenverloren in der Küche und sagte immer wieder: "Unmöglich, dass das schon das Ende ist."

Juden jagen Nazis

Am nächsten Tag gegen sechs Uhr früh hallten Schüsse durchs Ghetto. "Wir erkannten die Granatexplosionen: Das eine war unsere Granate - das ihre, unsere - ihre", heißt es in Mareks Buch. Um zehn Uhr übernahm SS-Gruppenführer Jürgen Stroop das Kommando. Er war vom Reichsführer-SS Heinrich Himmler gezielt beauftragt worden, den Aufstand im Warschauer Ghetto niederzuschlagen.

Marek und seine Gruppe von rund 30 Menschen verließen die Wohnung. Ihr "Gebiet" war das Areal um die Bürstenfabrik an der Swietojerksa-Straße, im Erdgeschoss des Gebäudes saßen zehn Werkschutzmänner in ihrer Wachstube und tranken Tee, hinter ihnen hingen Gewehre an der Wand. "Man könnte durch das Fenster eine Granate werfen und die wehrlosen Männer gefangen nehmen", sei es ihm durch den Kopf gegangen, so Marek. Dann hätten sie viele Waffen. "Aber das sind Leute, die uns nichts Böses getan haben", habe er sich gedacht. Schließlich hätten sie beschlossen, es nicht zu tun. Überhaupt hatten die Aufständischen kaum Ahnung vom Kämpfen: In Mareks Jackentasche lag ein Revolver, schwer wie ein Backstein. Er hatte ihn noch nie benutzt, wusste gar nicht, wie das überhaupt geht. Sie kehrten zurück in seine Wohnung.

Aus dem Zentralghetto knallten plötzlich Schüsse, die Explosionen hielten bis zum nächsten Morgen an. Dann zündete Henoch Gutman, ein anderer ZOB-Anführer, eine Bombe am Tor zur Walowa-Straße. Wasserrohre wurden zerfetzt, die ganze Straße stand plötzlich unter Wasser. Mareks Gruppe eilte herbei, die Frauen und Männer warfen Brandflaschen, trafen gut. Heulende Rettungswagen brachten die deutschen Verletzten weg, die sich zunächst nicht wehrten, sondern mit weißen Schleifen um Waffenstillstand baten. Aber für die jüdischen Kämpfer war es ein seltener Moment der Genugtuung: Juden jagten Nazis.

Flucht über die Kanalisation

Doch dann kam die Dämmerung. In der Dunkelheit schlugen die Deutschen mit hundertfacher Wucht zurück. Die Aufständischen versteckten sich in den unerträglich heißen Luftschutzbunkern, über ihnen brannten die Häuser ab. Es trat ein, was sie alle befürchtet hatten: "Nicht wir haben das Ghetto angezündet, sondern wir werden angezündet", sagte jemand im Bunker.

Der Kampf ging noch einige Tage weiter. Zwar gelang es den Aufständischen, Kontakt zum polnischen Widerstand jenseits der Ghettomauern aufzunehmen, doch die erhofften Waffenlieferungen blieben aus. Die Gruppe um Jurek Wilner beging am 8. Mai 1943 kollektiven Selbstmord, von den Deutschen umzingelt in einem Bunker in der Mila-Straße.

Tausende Ghettobewohner wurden erschossen oder in die Todeslager deportiert. Wer es schaffte, floh durch die Kanalisation. Auch Marek Edelman konnte am 8. Mai mit einigen anderen Aufständischen entkommen. Auf der Ladefläche eines Lkw waren sie durch die Nacht ins nördliche Lomianki gefahren. Während die meisten seiner Gefährten versuchten, das Land zu verlassen, kehrte Marek wenig später zurück nach Warschau. Er hatte dort noch etwas zu tun: "Einer muss doch hier bei denen bleiben, die auf diesem Flecken Erde umgebracht worden sind", war seine Überzeugung. Im August 1944 kämpfte er mit einer Kampfgruppe der jüdischen sozialistischen Partei "Bund" im Warschauer Aufstand.

Marek Edelman starb am 2. Oktober 2009 im Alter von 88 Jahren in Warschau - wenige Monate nachdem sein Buch "Die Liebe im Ghetto" in Polen erschienen war.

Zum Weiterlesen:

Marek Edelmann / Paula Sawicka: "Die Liebe im Ghetto". Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2013, 168 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Georg Schmidt 19.04.2013
Schmidt Georg, die russische Armee stand praktisch in Rufweite-sah tatenlos zu !
2.
Peter Grolig 19.04.2013
Habe ich das richtig gelesen? Der ehrenwerte Herr Marek Edelman zettelte einen Aufstand an, und verpisste sich dann still heimlich und leise während andere Menschen für seine Taten ermordet wurden? Das ist genauso feige und hinterfotzig wie sich die NAZIS aus der Verantwortung gestohlen haben, wie sich das ganze deutsche Volk aus der Affäre gezogen hat, wie alle plötzlich eine ganz starke Amnesie hatten und nur noch gute Demokraten waren, und fleißig und sauber. Was waren die Menschen (alle, alle Rassen, alle Religionen) damals für ein verlogenes, feiges Pack.
3.
Christian Heimpel 19.04.2013
Wieso die Rache der "Nazis"? Was soll diese Distanzierung-es waren Deutsche wie Frau Hurst und ich.
4.
Uwe Schwarz 19.04.2013
>Schmidt Georg, die russische Armee stand praktisch in Rufweite-sah tatenlos zu ! Das stimmt nicht mal für den Warschauer Aufstand (August 1944), aber hier geht es um den Aufstand im Warschauer Judenghetto (April 1943). Die russische Armee stand im April 1943 vor Kursk und Charkow, also tief in der eigenen Heimat; Leningrad war noch immer eingeschlossen. Kaufen Sie sich einen Kalender und ein Geschichtsbuch.
5.
Uwe Schwarz 19.04.2013
@Peter Grolig: Niemand wurde für Edelmans Taten ermordet, denn der Mord an den Juden stand sowieso schon fest. Es ging bei dem Aufstand nur noch darum, die Mörder einen Preis zahlen zu lassen. Zu der Selbstgerechtigkeit des Nachgeborenen, die Sie hier an den Tag legen, kann ich Ihnen nur ganz herzlich gratulieren.
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