Zehn Jahre Aufstand in Tibet Die Chaos-Tage von Lhasa

Zerstörte Läden, rauchende Schrottberge: 2008 erhoben sich Tibets Mönche und Jugend, China ließ Panzer aufrollen. Drohte ein Massaker wie 1989 in Peking? Georg Blume erlebte als einziger Journalist das Drama in Lhasa.

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Wir sind zu spät. Sie lassen uns nicht mehr herein. Davon waren meine Kollegin und Dolmetscherin Kristin Kupfer und ich überzeugt, als wir am 15. März 2008 frühmorgens von Peking über Chengdu nach Lhasa flogen. In die Hauptstadt des "Autonomen Gebiets Tibet", ins Zentrum eines völlig überraschenden Aufstands gegen die chinesische Herrschaft.

Was wir an diesem Samstag nicht ahnten: Wir waren die Einzigen, die sich überhaupt die Mühe machten, zu kommen und zu sehen, was in Tibet geschehen war. So wurden wir Zeitzeugen des bis heute letzten großen Aufbegehrens der Tibeter gegen die ungeliebten Machthaber in Peking.

Diese Revolte ist daher immer noch unvergessen. Von einem "Fanfarenstoß für die Freiheit" spricht etwa Lobsang Sangay, Chef der tibetischen Exilregierung im indischen Dharamsala anlässlich des zehnten Jahrestages.

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Aufstand in Tibet 2008: "Panzer zermalmen das Gerümpel"

Was damals wirklich geschah, bleibt bis heute umstritten. Starben nach Ansicht Pekings 23 Chinesen, so beklagte die Exilregierung bis zu 100 getötete Tibeter. Auch die Gründe des Aufstands werden unterschiedlich eingeschätzt. Stand dahinter eine bewusst herbeigeführte Provokation der Exilregierung? Oder revoltierte die Jugend erst, als die chinesische Polizei überhart gegen tibetische Mönche vorging? Beide Seiten sehen zudem bis heute nicht die Eigendynamik der damaligen Geschehnisse. Auch deshalb mag der Augenschein von vor zehn Jahren vielleicht heute noch die besten Erklärungen liefern.

"Die Schrottberge rauchen noch"

In Lhasa jedenfalls herrschte am 15. März 2008 vor allem eins: Chaos. Westliche Medien hatten tags zuvor gemeldet, der Flughafen der Stadt sei abgeriegelt. Sie beriefen sich auf Touristen vor Ort. In Wirklichkeit war nichts abgeriegelt, es wimmelte nur überall von chinesischen Polizisten auf der Straße, die aber keine klaren Einsatzbefehle hatten. Sie standen herum, winkten uns durch. Bis wir in der Innenstadt von Lhasa auf den Ruinen der Revolte standen.

Meine erste Beobachtung damals:

Das Viertel bietet ein Bild wüster Zerstörung. Eingerissene Metallrollläden, demolierte Ladentheken, zerbeulte Kühlschränke, verbrannte Autos und Fahrräder - alles findet sich in großen Haufen zwischen Steinen und Scherben mitten auf der Straße. Die Schrottberge rauchen noch. Es stinkt nach verbranntem Reifengummi. Ganze Hotellobbys sind verkohlt, Banken halb aufgebrochen, etliche Lebensmittel- und Handwerkerläden komplett zerstört und geplündert. An ihnen vorbei zieht eine chinesische Panzerwagen-Patrouille im Zickzackkurs zwischen den Resten der Revolte. Ihre Ketten zermalmen das Gerümpel. "Sie beschützen uns", sagen die Chinesen am Straßenrand. "Das macht uns keine Angst", sagen die Tibeter. Sie stehen dicht nebeneinander.

Aufstand in Lhasa
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Aufstand in Lhasa

Die ersten Toten

Erstaunlich war von Anfang an, wie verschreckt, aber friedlich die chinesischen und tibetischen Bewohner Lhasas am Straßenrand standen und das ganze Geschehen wahrnahmen. Viele redeten noch miteinander. Nach dem was geschehen war, hätten sie sich eigentlich prügeln müssen.

Umso einfacher war es für uns, mit Augenzeugen der Revolte zu sprechen. Bald ergab sich ein ziemlich klares Bild. Ein paar Tage zuvor hatte der Protest mit friedlichen Demonstrationen der tibetischen Mönche begonnen. Sie hatten im Jahr der Olympischen Spiele in Peking an den ersten tibetischen Aufstand gegen die chinesische Herrschaft am 10. März 1959 erinnern wollen. Der Dalai Lama und die Exilregierung waren informiert, wenn nicht sogar die Initiatoren.

Die chinesische Polizei stoppte dann die Mönche; Gerüchten zufolge kamen dabei drei Mönche ums Leben. Was dann aber die Lunte für den Aufstand am 14. März wirklich zündete, bleibt bis heute unklar. Nur eins ließ sich an den Berichten der Aufständischen schnell erkennen: Sie waren jung, unorganisiert und protestierten spontan. Schon einen Tag später, als sie von den Toten hörten, die es dann wirklich gab, kamen sie über ihre Aktionen wieder ins Grübeln.

W ut auf die Ungleichheit

Wir führten damals viele Gespräche in kleinen tibetischen Teeläden. Die jungen Tibeter waren außer sich - aber nicht, weil sie sich unbedingt den Dalai Lama aus dem Exil herbeiwünschten oder gar die Unabhängigkeit Tibets, sondern weil ihnen die Diskriminierungen im Alltag über den Kopf wuchsen. Sie berichteten von einem Apartheid-Staat in Tibet. Ich schrieb damals über Lhasas tibetische Jugendliche:

Sie machen schnell klar, dass ihre Revolte nur ihnen gehört. Sie erzählen von ihren Motiven. Dass sie keine Chance auf eine ordentliche Schulbildung gehabt hätten, immer schwieriger Arbeit fänden, während die Chinesen zur gleichen Zeit auf ihre Kosten reich würden. Sie berichten, dass die Tibeter nur die schlecht bezahlten Jobs bekämen und die Chinesen bei gleicher Arbeit besser bezahlt würden. Sie beschweren sich, dass ein Paar Jeans jetzt 70 statt bisher 30 Yuan kosten (umgerechnet 7 statt 3 Euro) und sagen: "Die Chinesen betrügen uns um unsere Arbeit und unser Geld."

Ich bin heute noch der Überzeugung, dass weder der Dalai Lama im Exil noch die Parteiführung in Peking diesen Jugend-Protest kommen sahen. Den Aufstand der Mönche: ja, aber nicht die anschließende Gewalt der Jugendlichen. Viel später berichteten mir ranghohe chinesische Diplomaten, dass meine Berichterstattung aus Lhasa damals auch deshalb von den Behörden nicht sofort untersagt wurde, weil die Parteiführung Dinge erfuhr, von denen sie bis dahin nichts wusste.

Als Kristin und ich in Lhasa ankamen, war noch der Kollege des britischen "Economist" zufällig in der Stadt, der aber schnell abreiste. Dann waren wir die Letzten, die noch unabhängig aus Tibet berichteten. Kaum ein chinesischer Freund dankte uns dafür später nicht. Die chinesische Internet-Zensur funktionierte damals nicht wie heute. Alle unsere Berichte fanden schnelle Übersetzer und den Weg zurück nach China. Ein paar Tage und Wochen lang war ich unter meinem chinesischen Namen richtig berühmt. Und alle dachten, Kristin und ich hätten für die Berichterstattung große Risiken auf uns genommen.

Das sah ich nicht so. Die Gewalt der Tibeter war nämlich nach einem Tag beendet. Als wir ankamen, hatten chinesische Truppen die Innenstadt schon am Morgen besetzt. Es war eine hochdramatische, unmissverständliche militärische Machtdemonstration. Ich schrieb:

Auf der North Linkuo Road, der Ausfahrtstraße vom Potala zum Sera-Kloster, marschiert die Militärpolizei in voller Truppenstärke auf. Auf eine Gruppe von Panzerwagen an der Kolonnenspitze folgen annähernd zweihundert grüne Militärwagen mit offenen Ladeflächen. Auf ihnen stehen mit Maschinenpistolen bewaffnete Einheiten, 30 Mann pro Wagen, insgesamt etwa 6000 Mann, meist blutjunge Kerle. Sie tragen grüne Militäranzüge, Helme und ein rotes Band am Oberarm. Von den Dächern der Fahrerhäuser zielen zwei mit Ständern gestützte Schnellfeuergewehre in die schaulustige Menge auf den Bürgersteigen.

Endlich unbeobachtet

Es war ein Bild, wie ich es schon einmal in Peking gesehen hatte, als die Volksarmee nach dem Tiananmen-Massaker vom 4. Juni 1989 viele Straßenzüge besetzte und überall ihre Stärke demonstrierte. Trotzdem war ich als Reporter in Lhasa sicher, denn geschossen wurde nicht.

Tatsächlich musste ich den schrecklichen chinesischen Aufmarsch in Lhasa damals sogar verteidigen: Nämlich gegen viele westliche Presseberichte und Gerüchte, die von einem erneuten Massaker der Volksarmee in Tibet gesprochen hatten. Die "Bild"-Zeitung mal wieder vorne weg. Das aber gab es nie, kein Tibeter vor Ort erhob uns gegenüber auch nur eine solche Anschuldigung.

Das Schlimme war nur, dass die eigentliche, unkontrollierte Gewalt gegen die Tibeter begann, als wir auf Befehl der Ausländerpolizei unter Androhung des Visa-Entzugs nach einer Woche wieder abreisen mussten. Da sahen wir dann die ersten chinesischen Polizeieinsätze in den tibetischen Vierteln: kleine, schwer bewaffnete Gruppen in Uniform, die Zivilisten aus ihren Privatwohnungen abschleppten.

Zum Bahnhof in Lhasa fuhr uns die Ausländerpolizei. Währenddessen interviewte mich der damalige Star-Ansager des BBC-Fernsehens übers Handy. Es war uns völlig unvorhergesehen gelungen, die damalige Tibet-Story der ganzen Welt zu erzählen. Doch seither fehlt oft die Fortsetzung von vor Ort. "Für Journalisten ist es heute schwerer, nach Tibet zu gelangen als nach Nordkorea", sagt Lobsang Sangay von der tibetischen Exil-Regierung.

Damals war das noch anders.

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