Augenblick mal! Mit dem Kopf durch die Wand

Mit vollem Körpereinsatz rammt dieser Herr seinen Schädel gegen die holzverkleidete Fassade. Sieht schmerzhaft aus. Warum macht er das, was hat er vor?

ullstein bild

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Aua! Der junge Mann hat ordentlich Anlauf genommen. Die Füße hängen in der Luft, der behelmte Schädel donnert auf die Bretterwand. Aber warum? Was will er mit dem Sprung beweisen? Wie hart die Wand ist, wie stark der Kopf?

Um ein Missgeschick handelt es sich sicher nicht - immerhin hat er interessiertes Publikum. Es scheint sich zu amüsieren. Die Aufnahme kursiert im Netz unter dem Titel "Testing a New Prototype for a Football Helmet 1912". Das ist interessant, aber falsch. Tatsächlich erinnert die Verrenkung des Dummy-Imitators an brutal-sportlichen Körpereinsatz. In den USA lebte jüngst die Debatte um Hirnschädigungen beim Football wieder auf, nachdem die NFL endlich auch einen möglichen Zusammenhang zwischen dem gewaltsamen Spiel und krankhaften Persönlichkeitsveränderungen zur Kenntnis genommen hatte.

Der Mann auf dem Foto aber spielt kein Football. Die Aufnahme stammt auch nicht aus den USA, sondern aus Großbritannien, genauer: aus Hendon bei London. Die Wand, gegen die der Helmträger damals rannte, gehört zu einem Hangar der Flugschule von William Hugh Ewen. Der Inhaber selbst (Mitte, hinten) sowie sein Chefpilot Lewis William Francis Turner (hinten links) sind mit auf dem Foto. Der Herr im Vordergrund ist ihr Schüler Mr W.T. Warren. Und, nein, er ist nicht durch die Flugprüfung gefallen und reagiert gerade seinen Ärger ab.

Das Bild ist aus dem Jahr 1912. Mr Warren war ein Tüftler. Den erfahrenen Piloten stellte er seine neueste Erfindung vor: einen Schutzhelm, der "sicherlich beträchtliche Aufmerksamkeit auf sich ziehen" wird, wie das Luftfahrtmagazin "Flight" 1912 zu dem Foto schrieb. Die von Warren vorgestellte Lederkappe war mit Rosshaar gepolstert; ein System aus Stahlfedern sollte jeden Stoß abfangen und so die Verletzungsgefahr mindern. Kopfverletzungen waren die häufigste Todesursache bei Flugunfällen.

Flug-Football-Helm: Die Entwicklung von Football-und Fliegerhelmen verlief Anfang des 20. Jahrhunderts annähernd parallel - und zeitigte äußerlich ähnliche Resultate. Über Henry H. Arnold, im Zweiten Weltkrieg Kommandeur der US Army Air Force, wurde bekannt, dass er als junger Mann beim Fliegen einen Football-Helm trug. Ähnliches, allerdings ohne Fluggerät, probierte dieser junge Mann: Die Aufnahme zeigt US-Footballspieler Vince Lombardi Mitte der Dreißigerjahre.

Bandagiert: Beim Football ging es schon immer etwas ruppiger zu (Foto von 1907). Doch das Spiel ist älter als der Helm. Wer genau ihn erfunden hat, ist nicht eindeutig geklärt. Bereits um 1896 soll der amerikanische Football- und Baseball-Spieler George Oliver Barclay mit einer Art Kopfgeschirr, einem ledernen Verband mit Ohrenschützern, auf dem Spielfeld gesichtet worden sein.

Der Kopfschutz war lange Zeit eine freiwillige Angelegenheit - wie bei den Chicago Bears, hier in einer Aufnahme von 1935. Erst ab 1939 gehörte er zur obligatorischen Ausrüstung im Schulsport, ab 1943 dann auch in der National Football League (NFL).

Gesichtsmasken kamen hinzu. Dieses Modell, das an eine Darth-Vader-Verkleidung erinnert, trug Henry Luther Haines von den New York Giants bereits 1925.

Lederkappe, Ohrenschützer und Brille gehörten zur Standardausrüstung früher Flieger, wie bei diesem Piloten 1915 auf dem Flugplatz Hendon bei London. Die Kopfbedeckungen der Flugpioniere sollten in erster Linie vor Lärm, Kälte, Wind und Regen schützen. Stoßdämpfende Eigenschaften hatten sie anfangs nicht, obwohl Kopfverletzungen eine der häufigsten Todesursachen waren. Einige Piloten behalfen sich...

...deshalb mit den etwas härteren Helmen, wie sie bei Motorradrennen getragen wurden, etwa vom Französischen Champion Andre Grapperon (hier 1913 bei einem Rennen in Paris).

Eine schlichte Lederkappe trug 1927 auch noch der US-Amerikaner Charles Lindbergh, berühmt geworden für seinen Nonstop-Flug von New York nach Paris. Kaum zu vergleichen...

...mit dem, was Jetpiloten heute, wie etwa dieser in einer Mirage 2000, im Cockpit tragen. Der Kunststoffhelm setzte sich ¿

...natürlich auch im Football durch. Eine Garantie gegen Kopfverletzungen bietet er damit aber noch immer nicht.

Die prognostizierte Aufmerksamkeit war dem Erfinder und seinem Helm schon deshalb gewiss, weil der "Flight"-Reporter ihn zu dieser Aufnahme anstiftete. Er bat Warren, "mit voller Wucht gegen den Hangar" zu springen - nachdem er Warrens behelmten Kopf zuvor bereits "mit einem Kantholz bearbeitet" hatte. Woraufhin Warren, wie der Autor beobachtete, "immer noch lächelte und zufrieden mit sich selbst blieb".

Schutzhelme für Flieger, so schrieb das Luftfahrtmagazin damals nicht ohne Ironie, gebe es bereits verschiedene: solche, die die Haut vor Abschürfungen bewahrten, und solche, die Leben retteten. Bei Ersteren handelte es sich meist um Adaptionen von Kopfbedeckungen, wie sie bei Motorradrennen getragen wurden. Warrens Helm hingegen hatten wegen seiner "exzellenten stoßdämpfenden Eigenschaften" noch eine größere Karriere vor sich.

Im Frühjahr 1912 formierte sich die britische Luftwaffe, das Royal Flying Corps, das bald darauf im Ersten Weltkrieg zum Einsatz kam. Mit dabei waren auch die besten Flieger Hendons: William H. Ewen und Lewis W. F. Turner. Sie und viele ihrer britischen Kameraden trugen im Krieg den "Warren Safety Helmet", der noch im Jahr seiner Vorstellung einen Hersteller und Vermarkter gefunden hatte.

Mit Beginn des Kriegs wuchs der Bedarf an Fliegerhelmen schlagartig. Die Entwicklung kam kaum nach. Der US-Pilot Henry H. Arnold, später bekannt als Oberbefehlshaber der United States Army Air Forces, behalf sich als junger Mann: mit einem Football-Helm. Insofern ist die Assoziation mit dem Foto nicht ganz abwegig. Frühe Football-Helme hatten tatsächlich mehr Ähnlichkeit mit den Kopfbedeckungen der Flugpioniere als mit den crashgetesteten High-Tech-Helmen der Spieler von heute.

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