Augenblick mal! Stuhlgang in Paris


Wer umkippt, hat verloren: Der Balanceakt auf den Bistrostühlen, fotografiert 1924 im französischen Maisons-Laffitte, mutet wie ein vergnügliches Geschicklichkeitsspiel an. Doch der Spaß hatte einen ernsten Anlass.

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Was war denn da los?

Von Kindergeburtstagen meint man Ähnliches zu kennen: Mitspieler, die um Stühle laufen. Sobald die Musik stoppt, muss jeder einen Platz finden. Wer keinen abbekommt, ist raus. Diese Herrschaften allerdings laufen nicht herum, sie laufen auf den Stühlen entlang - dabei scheint das Wetter an diesem Tag für Spiele im Freien äußerst ungeeignet. Was also tun sie dort?

Wer die Sitzmöbel aufgestellt hat, ist nicht bekannt. Ebensowenig das genaue Datum. Doch Aufnahmeort und -jahr des Fotos von Henri Manuel geben einen Hinweis darauf, dass der Balanceakt auf den Bistrostühlen gar kein Spiel war - auch wenn zumindest einige der Stuhlgänger amüsiert wirken. Den Passanten des vornehmen Pariser Vororts Maisons-Laffitte ging es vor allem darum, dass ihre Füße trocken blieben. Auf den ersten Blick typisch für die elitäre Gesellschaft: Man war sich wohl zu fein dafür, durch den Matsch zu waten oder einfach Schuhe und Socken abzustreifen und die Hosenbeine hochzukrempeln. Doch die Wetterchronik verrät, warum sich diese Herrschaften so zierten: Das Wasser der Seine, das hier über die Ufer trat, war eiskalt, voller Unrat und Fäkalien - Paris und sein Umland erlebten Anfang Januar 1924 eine der verheerendsten Überschwemmungen des Jahrhunderts.

Tagelang hatte es geregnet; die Schneeschmelze aus den Bergen hatte die Flüsse Seine und Marne anschwellen lassen. Bei den Anwohnern weckte das böse Erinnerungen - und Ängste: Gerade einmal 14 Jahre war es her, dass die Stadt ein Hochwasser erlebt hatte, das sich in den Köpfen ihrer Bewohner als Katastrophe des Jahrhunderts festsetzte. Die Flut von 1910 hatte Tausende Häuser überschwemmt und für Wochen das öffentliche Leben lahmgelegt. Danach waren zwar umfangreiche Pläne für den Hochwasserschutz erarbeitet worden, doch der Krieg hatte den Bau verzögert und die Mittel aufgebraucht: Als das Wasser 1924 erneut bedrohlich stieg, war noch kein einziger der geplanten Dämme, Auffangbecken und Entlastungskanäle gebaut.

Und genau so war es auch noch, als die Pariser 1955 ein weiteres Mal mitansehen mussten, wie sich die Seine über Straßen, Plätze, in U-Bahnhöfe und Keller ergoss. Immerhin: Wie man Stege baute, hatten sie in Maisons-Laffitte bereits gelernt - und auch im Balancieren mittlerweile hinreichend Übung.

gro

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