Aus für die "Quick" "Tantig-spießige Kichererbse"

Aus für die "Quick": "Tantig-spießige Kichererbse" Fotos
dapd/Universität Erlangen

Politiker Egon Bahr umrahmt von üppigen Busen und Pos: Die Mutter aller deutschen Illustrierten gab stets das Kampfblatt - fortschriftlich, emanzipatorisch, bisweilen sexistisch. 44 Jahre nach der Gründung erschien die "Quick" am 27. August 1992 zum letzten Mal - zur großen Überraschung der Mitarbeiter. Von

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"Die Quick versteht sich nicht als Polit-Magazin. Der Stern ist ein Polit-Magazin, ein Enthüllungsblatt, das von politischen Ereignissen ganz besonders Honig saugt, während wir uns als klassische Illustrierte verstehen, wo die Politik zwar vertreten ist, aber nicht dem Blatt den Stempel aufdrückt. Ein Illustrierten-Leser will nicht dauernd - neben Fernsehen und Tageszeitungen - auch noch in einer Illustrierten möglichst viel über Politik lesen." Dies sagte 1985 der damalige Chefredakteur der Quick, Gerd Braun, in einem ARD-Interview.

Ganz so unpolitisch wie Gerd Braun seine Zeitschrift damals sah, war sie nicht. Mehr als ein Jahr vor der Gründung der Bundesrepublik, am 25. April 1948, erschien die Quick als erste Illustrierte im Nachkriegsdeutschland mit einer Startauflage von 110.000 Exemplaren.

Die 24-seitige Erstausgabe enthielt Geschichten aus dem Frankfurter Wirtschaftsrat, Amerikas Wiederaufbauprogramm für Europa, über die Heimkehr des Schriftstellers Carl Zuckmayer und den Tod des Karl Valentin. Dazu noch Mode und Sport, angereichert mit Werbung.


Weitere historische Ereignisse zum 27. August finden Sie bei Kalenderblatt.de

Üppig gewürztes Kampfblatt

Ende der sechziger und in den siebziger Jahren verstand sich die Quick als Kampfblatt gegen die sozial-liberale Koalition. Höhepunkt dieser Kampagne war die Veröffentlichung der geheimen Gesprächsprotokolle des Verhandlungsführers bei den innerdeutschen Entspannungsgesprächen, Egon Bahr, im Jahre 1972 - dies alles üppig umrahmt mit propreren Busen und Pos. Aber wer waren denn in erster Linie die Leser der Quick?

In demselben ARD-Interview von 1985 sagte Gerd Braun dazu: "Wir haben ein relativ junges Publikum; vor allem haben wir der Entwicklung der Frauen in den letzten zwei Jahrzehnten Rechnung getragen. Die Frau hat sich ja unerhört emanzipiert. Wir haben einige Serien gehabt, die alle authentisch waren - das ist selbstverständlich!"

In zwei dieser Serien sprachen Frauen öffentlich in der Quick über die Themen "Ich lasse mich scheiden" oder "Ich gehe fremd" - für die 1960er- und 1970er-Jahre ein ungeheurer Vorgang, denn diese Frauen scheuten sich nicht, intimste Sachverhalte und Emotionen - Fotos eingeschlossen - der Öffentlichkeit preiszugeben.

Liberal-aufklärerisch und rechtslastig

Es war wiederum die Quick, die den Sexual-Aufklärer Oswald Kolle überredete, seine Bücher als Vorabdruck im Heft erscheinen zu lassen - in einer scheinbar prüden Zeit ein ungeheures Unternehmen mit Folgen, wie Gerd Braun 1985 erzählte: "Dass es durch diese Loslösung der jungen Frauen von festen Bindungen immer mehr Singles gibt und die Frauen in ihrer so genannten Selbstverwirklichung alles unter einen Hut bringen wollen - sie wollen Beruf, Liebe und Freiheit - alles unter einen Hut bringen."

Den fortschrittlichen, emanzipatorischen - allerdings auch sexistischen - Ansichten des Blattes stand ein bewusst rechts orientiertes Programm seiner Herausgeber gegenüber, auch wenn der ehemalige Quick-Chefredakteur Braun 1985 seine Zeitschrift verharmlosend so bezeichnete: "Wir sind konservativ-liberal. Wir haben keine Präferenzen und sagen, wir müssen jetzt aus konservativen Gründen dieses so oder so schreiben. Wir fühlen uns als Journalisten - oder ich mich auf alle Fälle - ich fühle mich als Journalist völlig frei."

Die liberal-aufklärerische Einstellung einerseits sowie die politisch rechtslastige Berichterstattung andererseits hatten durchaus ihren Grund. In den fünfziger und sechziger Jahren kämpften die Zeitschriften Quick und Stern um die Vorherrschaft auf dem Markt. In ihren besten Zeiten verkaufte der Stern 1,8 Mio., die Quick 1,7 Mio. Exemplare ihrer illustrierten Produkte. Um den vermeintlich linkslastigen Stern zu überholen, scherte die Quick nach rechts aus.

Das Ende der Mutter der deutschen Illustrierten

Am 26. August 1992 - einen Tag vor der Auslieferung der bereits fertig gestellten und wie sich herausstellen sollte - letzten Nummer der Quick mit einer Auflage von nur noch 700.000 Exemplaren - trat der Verleger Heinrich Bauer vor seine völlig überraschten Mitarbeiter, um ihnen mitzuteilen, dass das Blatt in Zukunft nicht mehr erscheinen werde.

Der Grund: Das Anzeigenaufkommen war in den vergangenen zwei Jahren um 50 Prozent zurückgegangen und damit war die "Mutter der deutschen Illustrierten" nicht mehr haltbar. Ursache sei die dramatische Hinwendung der Werbewirtschaft zu den elektronischen Medien, und hier besonders zu den privaten Sendern.

Ironie des Schicksals: Verleger Heinrich Bauer war ein ausgewiesener und bekennender Sympathisant der CDU und wurde nun zum Opfer des CDU-Engagements für die Einführung des privaten Rundfunks und Fernsehens. Unternehmerisch konsequent, investierte Bauer zum gleichen Zeitpunkt den Verkaufserlös der Quick in Höhe von umgerechnet 24 Mio. Euro in eine 24-prozentige Beteiligung am Privatsender RTL II.

Nachruf

Zum Ende der Illustrierten Quick bemerkte die Süddeutsche Zeitung am 27. August 1992 sarkastisch: "Und so werden wir das alte Illustriertenross namens Quick, geschrumpft im Alter zu einer tantig-spießigen Kichererbse, tränenlos verabschieden."

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