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Holocaust Der Fotograf von Auschwitz

Wilhelm Brasse: Der Fotograf von Auschwitz Fotos
AFP

Wilhelm Brasse war Häftling in Auschwitz. Er überlebte, weil die Nationalsozialisten ihn als Fotograf einsetzten. Seine Porträts zeigen Menschen, die kurz darauf im Gas starben - unzählige Zeugnisse des Grauens. Von

Wilhelm Brasse hatte es versucht. Doch sobald er durch das Objektiv seiner Kodak Retina schaute, tauchten die Gesichter auf. Sie waren wie Phantome, die ihn jagten. Brasse ging zu einem Psychiater, doch der konnte ihm nicht helfen. Nie wieder konnte der Fotograf in seinem Beruf arbeiten. Wenn polnische Mädchen vor ihm im Atelier saßen, sah er durch ihre Schönheit hindurch die nackten Kinder von Auschwitz. Wie Trugbilder, die hinter der Realität erschienen. Er verkaufte sein Fotostudio, obwohl er seinen Beruf liebte. Auch privat besaß er keine Kamera mehr.

Wilhelm Brasse war der Fotograf von Auschwitz. Als Häftling überlebte er, weil er andere Opfer fotografierte. Am 31. August 1940 kommt er ins Konzentrationslager Auschwitz. Beim Versuch, über das Bieszczady-Gebirge an der Grenze zu Ungarn zu fliehen und sich weiter nach Frankreich zum Widerstand durchzuschlagen, war der polnische Soldat zusammen mit anderen Männern festgenommen worden. Brasse hatte einen österreichischen Vater und eine polnische Mutter. Ein Nazioffizier hält ihm ein Dokument hin. Er soll unterschreiben und Deutscher werden, der Wehrmacht beitreten. Dann wäre er frei. Brasse aber will Pole bleiben. Mit 23 Jahren wird er Häftling Nummer 3444.

Er arbeitet beim Leichenträgerkommando und in der Kartoffelküche. Er sieht die Leichen der Männer und Frauen, mit denen er im Viehwaggon von Tarnów nach Auschwitz reiste. 460 Gefangene. Wie Tiere. Und er verzweifelt. Kurz nach Weihnachten wird er vorgeladen. Er sitzt mit vier Männern auf dem Flur der Politischen Abteilung. Alle wissen: Eine Einbestellung hierher endet oft an der Todeswand. Brasse hat Todesangst. Er weiß nicht, was die Nazis von ihm wollen.

Im Profil, von vorne, mit Kopfbedeckung

Oberscharführer Bernhard Walter, ein ehemaliger Stuckateur aus Fürth in Bayern, sitzt vor ihm und erkundigt sich nach Fixiersalz und Vergrößerungstechniken. Es ist ein Vorstellungsgespräch. Walter, der SS-Mann, ist höflich, korrekt, beinahe respektvoll.

Die Nationalsozialisten suchen einen Fotografen. Brasse hat das Fotografieren bei seinem Onkel in Kattowitz gelernt. Das Studio war auf Porträtfotografie spezialisiert. Brasse kann entwickeln, retuschieren und Licht für Porträts setzen, durch das die Züge eines Menschen vorteilhaft wirken. Sein Arbeitsplatz wird also der Block 26, das Fotostudio des Lagererkennungsdienstes.

Brasse hat hier einen Fotoapparat mit Wechselschlitten für das Format 6x12,5 Zentimeter, eine Agfa Movex 16 Millimeter und einen Drehstuhl mit Sprungfeder, um die Sitzhöhe zu justieren. Er wird Cheffotograf, das Fotostudio seine Höhle des Rückzugs - doch das Grauen bricht hier umso intensiver ein. Ungefähr 50.000 Fotos wird er fertigen. An der Wand tickt eine deutsche Kuckucksuhr.

Jeweils drei Fotografien muss Brasse von den Gefangenen machen: Im Profil, von vorne, mit Kopfbedeckung. Die Bürokratie der Nazis verlangt die exakte Dokumentation. Brasse ahnt, dass es die letzten Bilder dieser Menschen sein werden. Er sieht Angst in ihren Augen. Er sieht aufgeplatzte Lippen. Schürfwunden im Gesicht und Blicke, aus denen der Mut schwindet, die nach innen oder in die Ferne schweifen. Einige Menschen scheinen die Situation zu begreifen, andere wirken ungläubig, wieder andere trotzig. Manchen weitet der Schreck die Augen, wenn das Fotolicht auf sie gerichtet ist.

Drei Minuten hat Brasse. Er möchte helfen, aber er ist hilflos. Er fotografiert Männer aus seiner Heimatstadt. "Weg!", muss auch bei ihnen sein letztes Kommando lauten. Manchmal steckt er ihnen eine Zigarette zu.

Vor ihm sitzt eines Tages Czeslawa Kwoka, 14 Jahre alt. Brasse erinnert sich vor seinem Tod noch an sie. Das Mädchen weiß offenbar nicht, was vor sich geht. Sie ist ungebrochen. Da schlägt eine Aufseherin ihr mit dem Stock ins Gesicht. Blut rinnt von der Lippe. Kwoka wischt es für das Foto ab. Brasse muss nun seine Bilder machen. Noch heute, auf den überlieferten Aufnahmen, blickt das Mädchen mit ratlosen Augen. Sie stirbt am 12. März 1943.

Würde Brasse zu offensichtlich helfen, könnte das sein eigener Tod sein. Er versucht, diesen Menschen mit seinen Fotos Würde zu geben, er gibt sich Mühe mit dem Licht, versucht die erkennungsdienstlichen Bilder zu Zeugnissen von Individuen werden zu lassen. Manchmal retuschiert er. Wenigstens drei Minuten sollen für die Menschen angstfrei sein.

Das Grauen kommt mit den Ärzten

Brasse muss junge Menschen fotografieren, von denen er weiß, dass sie am nächsten Tag ins Gas gehen werden. Er spricht kurze Sätze, "seid ganz ruhig, hier drinnen passiert euch nichts weiter."

Für einen Häftling lebt Brasse in hygienischen Bedingungen, die Männer aus dem Fotostudio haben Brot, Margarine und Zigaretten, sie schlafen in einem eigenen Block. Das Grauen erreicht sie trotzdem. Durch die Ärzte.

Eines Tages muss Brasse für Doktor Friedrich Entress die Haut eines Häftlings fotografieren. Der Mann, ein Schiffsheizer, hat eine Tätowierung. Adam und Eva im Paradies, die den gesamten Rücken einnimmt. Entress will ein Farbfoto. Einige Tage später zeigt ein als Aufseher tätiger Mithäftling Brasse einen schrecklichen Fund. Entress hat den Mann häuten lassen, um sich daraus einen Bucheinband zu machen.

Es sind Zeugnisse des Unvorstellbaren, die Brasse im Fotostudio und in der Dunkelkammer sieht. Die SS-Männer kommen nach ihrer Arbeit bei ihm im Studio zum Kaffee vorbei. Sie plaudern, sind freundlich, denn Brasse beherrscht seine Kunst. Einige bewundern ihn. Sie lassen sich fotografieren. Männer, die den Tag über schreien, lächeln schüchtern und nervös in sein Objektiv. Sie lassen die Abzüge retuschiert postkartengroß nach Hause zu ihren Frauen und als Gruß an die Eltern schicken.

Brasse, zuvor ein lebenslustiger Mann, erlebt Menschen mit doppeltem Gesicht. Josef Mengele erscheint auf seinem Fotografenstuhl "höflich", "liebenswürdig". Der junge Humangenetiker und SS-Hauptsturmführer mit dem Gesicht eines Buben ist ein Mörder. Mengele gefällt sich auf den Porträts, er hat daher noch besondere Aufträge für Brasse. Mengele schickt ihm Zwillinge, Kleinwüchsige und Roma, mit denen er experimentiert. Brasse muss sie nackt fotografieren. Er spürt ihre Scham, wenn sie nackt vor der Kamera stehen. Er dokumentiert auch gynäkologische Experimente. Als er eine herausgenommene Gebärmutter fotografiert, ist er kurz davor, hinter seiner Kamera umzukippen. Der Sadismus im Lager bildet sich im Fotostudio ab. Es ist eine kleine Welt, in die das Unmenschliche hineinwächst. Vor den beheizten Fenstern des Studios paradieren die Zwangsarbeiter, über dem Lager liegt Fleischgeruch.

Mit lieben Grüßen aus Auschwitz

Vor dem Fenster des Fotostudios blühen auch Stiefmütterchen. Jemand hat sie gepflanzt. Eines Tages macht Brasse ein Foto. Sein Chef Bernhard Walter sieht es: "Mach davon 100 Stück". Mit lieben Grüßen aus Auschwitz werden sie Hunderte Male von der SS nach Hause versendet.

Brasse überlebt - auch, weil seine Kamera ihm Distanz erlaubt. Er denkt von Auftrag zu Auftrag. Dem Autor Reiner Engelmann, der jetzt das Buch "Der Fotograf von Auschwitz" veröffentlicht hat, hat Wilhelm Brasse kurz vor seinem Tod im Oktober 2012 beschrieben, dass es der Gedanke an seine Familie und der christliche Glaube gewesen seien, die ihm immer wieder inneren Rückzug ermöglichten.

Als die Rote Armee auf das Lager vorrückt, geht es Brasse nur noch darum, seine Fotos für die Nachwelt zu sichern. "Brasse, der Iwan kommt" brüllt Walter vom Motorrad aus. Er soll die Bilder verbrennen. Brasse zündet die Fotografien mit den unzähligen Gesichtern und Geschichten an.

Als der Chef fort ist, löscht er sie. Nur an den Ecken sind sie angekokelt. Er verriegelt das Studio. Er denkt: "Diese Dokumente, die bleiben." Sein Tun soll einen Sinn haben. 38.000 seiner Bilder überleben für die Nachwelt. Als Auschwitz am 27. Januar 1945 von sowjetischen Soldaten befreit wird, flattern einige von Brasses Bildern über die leeren Wege des Konzentrationslagers. Überlebende finden ihre Karten.

Brasse ist 28 und frei. Doch es dauert lange, bis er in einer Normalität ankommt. Mit seiner Frau redet er niemals über das Lager. Doch bis kurz vor seinem Tod fühlt er sich der Erinnerung verpflichtet. Er erzählt seine Geschichte in Auschwitz. Und er behält den Glauben an die Menschen. Seine Fotografien geben den Opfern ein Gesicht - Zeugnisse des Grauens. Wilhelm Brasse tat das, was ein Fotograf mit Seele tun musste, er zeigte das, was in Auschwitz geschah.

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    Wilhelm Brasse

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  • Klaus Wiegrefe (Hrsg.):
    Auschwitz

    Geschichte eines Vernichtungs-
    lagers.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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1. Ohne große Worte....
Clemens Kisselbach, 12.01.2015
Beeindruckender Artikel über eine noch beeindruckender Person. Mein mein totaler Respekt gild ihm!
2. ...bin...
Peter Alef, 12.01.2015
..ergriffen...
3. Trifft nicht zu
Volker Eschen, 12.01.2015
"Brasse muss junge Menschen fotografieren, von denen er weiß, dass sie am nächsten Tag ins Gas gehen werden." Diese Aussage dürfte - wenn überhaupt - nur in ganz seltenen Ausnahmefällen zutreffen. Wer als Häftling erfasst wurde, war nicht für das Gas sondern für die "Vernichtung durch Arbeit" vorgesehen. Von den mehr als 1.000.000 Menschen, die in Auschwitz vergast wurden, hat Brasse bestimmt die meisten nicht einmal von weitem gesehen. Sie galten in der Regel nicht als Häftlinge, bekamen keine Nummer eintätowiert und wurden ganz bestimmt nicht photographiert. Dass Wilhelm Brasse viele, die später auf andere Weise ermordet wurden oder an Hunger oder Krankheit starben, photographiert hat, ist natürlich trotzdem ein wichtiger Beitrag zur Geschichte des Lagers.
4. Bild 15 der Bilderstrecke
Hans Gabel, 12.01.2015
Das Bild 15 der Bilderstrecke ist falsch beschrieben. Es ist keinesfalls das Lagertor von Auschwitz- Birkenau zu sehen, sondern das Lagertor des Stammlagers Auschwitz. Das Stammlager und das Außenlager Birkenau waren räumlich deutlich getrennt und glichen sich auch keineswegs in Erscheinung und Aufbau, insofern ist die Verwechslung merkwürdig. Vllt könnten sie dies korrigieren.
5. Bild 15
Bernd Freitag, 12.01.2015
Da muss ich Herrn Gabel zustimmen. Bild 15 zeigt eindeutig den Eingang vom Stammlager in Auschwitz "City". Birkenau liegt einige Kilometer weit entfernt mitten auf den Äckern der polnischen Pampa. Die Menschenversuche fanden im Stammlager statt. Birkenau war das eigentliche Vernichtungslager.
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