Holocaust-Gedenken "Hier in Auschwitz hatte ich keine Albträume über Auschwitz"

Ab 1946 lebten ehemalige Gefangene wieder auf dem Gelände des Konzentrationslagers, sammelten Dokumente und Gegenstände der getöteten Häftlinge. Sie wollten ein Museum erschaffen - gegen alle Widerstände.

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Zahlreiche Menschen füllten am 14. Juni 1947 die Wege und Plätze zwischen den roten Backsteinbauten. Die Frauen hatten ihre guten Kleider angezogen, die Männer ihre besten Anzüge. Immer wieder fielen aber in der Menge Personen in außergewöhnlicher Kleidung auf, die sie mit sichtlichem Stolz trugen: Ihre Jacken und Hosen waren blau-grau gestreift. Es war die Kluft von KZ-Häftlingen. An diesem Tag waren sie, die Überlebenden des bekanntesten deutschen Konzentrationslagers, an den Ort ihrer Gefangenschaft zurückgekehrt. Genau sieben Jahre zuvor war der erste Transport mit polnischen Gefangenen in Auschwitz eingetroffen.

Noch bevor Soldaten der Roten Armee am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager befreiten, hatten Häftlinge Pläne geschmiedet, "aus dem Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau ein Denkmal für das Leiden des polnischen Volkes zu machen", wie der ehemalige Gefangene Jacek Marecki berichtete. Als die Rote Armee das ehemalige KZ-Gelände Ende 1945 an Polen zurückzugeben plante, hielten einige Überlebende die Zeit für ein Museum gekommen.

Doch sie sollten auf zahlreiche Widerstände und Probleme treffen, wie die Historikerin Imke Hansen bei ihren Recherchen zur Entstehungsgeschichte des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau feststellte. Detailliert hat sie dabei die Rolle ehemaliger Gefangener untersucht.

"Kampf mit den Friedhofshyänen"

Der deutsche Konzentrationslagerkomplex Auschwitz war die tödlichste Einrichtung seiner Art. Mindestens 1,1 Millionen Menschen kamen im "Stammlager", in Auschwitz-Birkenau und Auschwitz-Monowitz ums Leben. Die Menschen wurden zu Hunderttausenden vergast und erschossen oder starben an Misshandlungen, Schwerstarbeit, Hunger und Seuchen. Überlebende wollten nicht, dass dieses beispiellose Verbrechen in Vergessenheit geriet und auch die Stadt Oswiecim, ehemals Auschwitz, forderte für sich "als dem blutigsten Ort des deutschen Terrors" eine Einrichtung zum Gedenken.

Zusammen mit rund 20 Überlebenden übernahm 1946 der ehemalige Häftling Tadeusz Wasowicz den Aufbau des Museums. Der Direktor hatte bevorzugt ehemalige Häftlinge eingestellt, nicht zuletzt um sie in der schwierigen Nachkriegszeit zu unterstützen. "Am 1. Oktober war ich schon wieder in Auschwitz", formulierte Tadeusz Szymanski seine Verwunderung über die Rückkehr an diesen Ort.

Was das ehemalige Konzentrationslager zu dieser Zeit am dringendsten benötigte, war Schutz. Grabräuber, sogenannte Friedhofshyänen, machten das weitläufige Areal von Auschwitz-Birkenau unsicher. "Der Kampf mit den Friedhofshyänen war eine furchtbare Sache. Sie gruben in den menschlichen Überresten nach Kostbarkeiten", berichtete Stanislaw Hantz. Einer seiner Kollegen entwickelte eine besondere Taktik, um sie zu stellen: Er legte sich im Winter eingehüllt in einen Schaffellmantel in den Schnee und wartete getarnt auf die Räuber.

Doch auch von behördlicher Seite waren die Reste des Konzentrationslagers bedroht. Auf dem Gelände von Birkenau etwa riss man Baracken ab, um Baumaterial zu gewinnen. Das zuständige Amt hatte 1946 sogar begonnen, Besitztümer von Ermordeten zu verkaufen. Das Museumspersonal versuchte dagegen, möglichst viele Gegenstände für seine Ausstellung zu retten.

Parallel dazu bemühten sich die Überlebenden, alle auffindbaren Dokumente für das Archiv zu sichern. "Jedes einzelne von den Deutschen stammende Papier" sei zu ihm zu bringen, ordnete Museumsdirektor Wasowicz an. "Und das in einer Zeit, in der es kein Toilettenpapier gab", machte Tadeusz Szymanski ironisch den Ernst der Lage deutlich.

"Stacheldrahtkrankheit"

Finanziell war das Museum zunächst miserabel ausgestattet. Wenn das wenige Geld aufgebraucht war, musste Wasowicz nach Warschau reisen und die aufgelaufenen Rechnungen vorlegen. 1946 bat der Vorsitzende einer Überlebenden-Organisation beim Arbeitsministerium um 50 Paar Schuhe und 50 Decken für die Mitarbeiter des Museums.

Trotz aller Schwierigkeiten bildeten die ehemaligen Häftlinge eine Gemeinschaft. Zusammen ging man schwimmen oder tanzen. Wasowicz hielt Vorträge und organisierte Wettbewerbe. Für Außenstehende müssen diese Veranstaltungen befremdlich gewirkt haben: Ehemalige KZ-Häftlinge, die sich einen Wettlauf zwischen dem Krematorium des "Stammlagers" zur Villa des KZ-Kommandanten Rudolf Höß lieferten.

Diese Beschäftigungen hatten vor allem einen Sinn: Der Direktor versuchte mit allen Mitteln, seine Mitarbeiter an diesem von grausamen Erinnerungen geprägten Ort vor der gefürchteten "Stacheldrahtkrankheit" zu bewahren, die Menschen im Lager in die Depression trieb. "Die ersten Zeiten waren nicht leicht, aber gut. Gut für meine Psyche. Hier in Auschwitz hatte ich keine Albträume über Auschwitz", berichtete Tadeusz Szymanski über sein freiwilliges Leben hinter den Zäunen des ehemaligen Konzentrationslagers.

Am 14. Juni 1947 öffnete das "Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau" mit einer ersten Teilausstellung in den gemauerten Blöcken des "Stammlagers": Knapp zwei Tonnen Haare von über 30.000 Ermordeten demonstrierten die Grausamkeit und die Dimensionen des Völkermords. Die Besucher sahen hinter einer Stacheldraht-Installation Unmengen an leeren Dosen mit der Aufschrift "Zyklon B", an anderen Stellen türmten sich Koffer, Töpfe, Zahnbürsten, jüdische Gebetsschals sowie weitere Habseligkeiten der Ermordeten.

Polens Regierungschef Jozef Cyrankiewicz, selbst ehemaliger Auschwitz-Häftling, richtete feierliche Worte an die über zehntausend Gäste und mahnte, sich "des großen Kampfes um die Freiheit der Nationen" zu erinnern, "der aus uns, die wir im Lager waren, die symbolischsten Soldaten der dem Menschen heiligsten Sache machte - des Kampfes um Freiheit."

Die Ausstellung von 1947 aber war nur ein erster Schritt. Auf die ehemaligen Häftlinge warteten weitere schwierige Aufgaben.

Kalter Krieg in Auschwitz

Das vernachlässigte riesige Gelände von Auschwitz-Birkenau verfiel rasant, zudem erschwerte der beginnende Kalte Krieg eine objektive Darstellung der Geschehnisse.

Im ideologischen Kampf zwischen den USA und der Sowjetunion spielte der symbolische Ort Auschwitz für die Kommunisten eine wichtige Rolle: Ab 1950 verwies die Ausstellung auf den amerikanischen Atombombenabwurf auf das japanische Hiroshima von 1945 und führte "Schwarzen-Ghettos" in den USA als Wegbereiter für die Ghettoisierung der Juden durch die Deutschen an.

Die Mitarbeiter des Museums fanden einen pragmatischen Weg, mit diesen ideologisch eingefärbten Vorgaben umzugehen. "Das war nicht wirklich nötig", berichtete Jerzy Adam Brandhuber, weshalb man Besucher "einfach nicht durch diese Blöcke geführt" habe.

Trotz aller Anstrengungen blieben bei manchen ehemaligen Häftlingen Zweifel, ob sie alles Notwendige zur Bewahrung von Auschwitz getan hatten. "Alles war wichtig, alles war dringend", erinnerte sich Tadeusz Szymanski an die erste Zeit. "Wir waren so wenige, wir hatten keine Vorbilder." Die Welt muss diesen Wenigen dafür umso dankbarer sein.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
gerald oeckl, 21.01.2015
1.
Es ist schon verrückt, wie wenig Interesse die Öffentlichkeit direkt nach dem Krieg diesem denkwürdigen Ort widmete. Es zeigt aber auch, wie dringlich die Probleme des täglichen Überlebens für alle zu dieser Zeit war. Man hatte scheinbar kaum Ressourcen um sich Gedanken darüber zu machen, das erst kürzlich vergangene aufzuarbeiten. Es ist wahrscheinlich bei allen grossen geschichtlichen Ereigneissen so, das sie sich erst mit gewissen zeitlichen Abstand wirklich Erschliessen und Erarbeiten lassen.
Rainer Holtmann, 21.01.2015
2.
Die, die heute Hass schüren und gegen Minderheiten hetzen, sollten eine Gratis-Eintrittskarte für Auschwitz erhalten, um sich bei der Ausstellung und auf dem Gelände jenes Geschichtsbewusstsein zu erarbeiten, das diesen Leuten fehlt. Gewissermaßen Nachhilfe für Pegida und Konsorten!
Martin Mohring, 21.01.2015
3. Der Zeitgeist hat sich noch nicht geändert!
(Klarname Martin Mohring) Früher schaute man zu wie Juden, Behinderte und Andersdenkende deportiert wurden. Später sagte man einfach man hätte von all dem nichts gewusst. Mich würde die Dunkelziffer interessieren, wieviele Deutsche von der Inbesitznahme jüdischen Eigentumes profitiert haben. Heute sieht man zu wie weltweit Menschen verhungern oder unter widrigsten Bedingungen zu Grunden gehen und ist sich nicht zu schade mit einem mitleidigen Lächeln darauf zu verweisen, dass die Welt halt so sei und man es nicht ändern könne... Die Bereitschaft andere für den eigenen Wohlstand sterben zu lassen ist genauso präsent wie damals, nur kleidet er sich aktuell vielleicht in feineren Zwirn. Ich hoffe dass sich dies noch ändert. In Ausschwitz haben unmenschliche Verbrechen statt gefunden, jedoch auch eine Menschlichkeit unter den Gefangenen deren Größe mir heute noch tiefsten Respekt abnötigt. Heute haben wenige immer mehr und eine immer breitere Masse wird als Besitz- und Wertlos erachtet, daher stelle ich die Frage: Haben wir wirklich etwas aus unserer Geschichte gelernt oder hat sich nur die Methodik geändert, andere für sich sterben zu lassen?
Jens Habermann, 21.01.2015
4. Interesse
" gerald oeckl, heute, 14:45 Uhr Es ist schon verrückt, wie wenig Interesse die Öffentlichkeit direkt nach dem Krieg diesem denkwürdigen Ort widmete." Seitens der Opfer könnte ich das sogar noch gut nachvollziehen. Warum in der deutschen Öffentlichkeit das Interesse gering bis gar nicht vorhanden war, ist mir vollkommen klar: Diese Generation hat halb Europa in Schutt und Asche gelegt, beispiellosen industriellen Massenmord an Männern, Frauen, Kindern, Säuglingen und Greisen verübt - da muss man die eigenen Taten "vergessen", damit man hinterher auch noch Sprüche wie "Wir haben den Wohlstand in Dtld. aufgebaut!" ohne Rot zu werden raushauen kann.
Michael Schmidt, 21.01.2015
5. Und ehe man
über das nicht vorhandene "Interesse der Öffentlichkeit" herzieht, sollte man vielleicht auch mal nach dem Gedenken vor seiner Haustür fragen...für Dachau brauchte es 20 Jahre, Bergen-Belsen oder Neuengamme wurden gar erst nach dem Jahrtausendwechsel richtige Gedenkstätten....
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