Kazimierz Piechowski Aus Auschwitz geflohener Holocaust-Überlebender gestorben

Es war eine der spektakulärsten Fluchten in der Nazizeit: Verkleidet und in einem gestohlenen Auto entkam Kazimierz Piechowski dem Vernichtungslager Auschwitz. Nun ist er im Alter von 98 Jahren gestorben.

Kazimierz Piechowski
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Kazimierz Piechowski


Am 20. Juni 1942 gelang Kazimierz Piechowski mit drei anderen Häftlingen die Flucht aus dem Vernichtungslager Auschwitz. Die vier hatten sich SS-Uniformen, Gewehre und den Dienstwagen des Lagerkommandanten Rudolf Höß besorgt, einen Steyr 220. An der Ausweiskontrolle schrie Piechowski auf Deutsch: "Mach auf! Schläfst du, oder was ist los? Verflucht, wie lange sollen wir hier warten!" Das Gebrüll schüchterte das Wachpersonal offenbar so ein, dass sie die vier ohne weitere Kontrollen passieren ließ.

Es war eine der spektakulärsten Fluchten des Zweiten Weltkrieges. Bei sich hatten die Fliehenden einen Bericht über die Zustände in Auschwitz, der für den polnischen Widerstand im Exil bestimmt war. Piechowski schloss sich später der polnischen Heimatarmee im Untergrund (AK) an. Das todesmutige Entkommen des Quartetts aus dem KZ Auschwitz wurde 2007 vom polnischen Regisseur Marek Pawlowski in dem Dokumentarfilm "Die Flucht" festgehalten - mit Piechowski in einer der tragenden Rollen.

Nun ist Kazimierz Piechowski mit 98 Jahren in Danzig gestorben, wie das Institut für Nationales Gedenken (INR) mitteilte. Er kam 1940 nach Auschwitz, nachdem man ihn an der ungarischen Grenze festgenommen hatte. Weil er Mitglied der Pfadfinder war, kam er zunächst ins Gefängnis und wurde später zu Zwangsarbeit im Konzentrationslager Auschwitz verurteilt.

Gefangener 918

Er gehörte zu dem zweiten größeren Gefangenentransport, der nach Auschwitz gebracht wurde, und musste das Lager mit aufbauen. Seine Gefangenennummer war 918. Noch im hohen Alter berichtete er von den Gräueltaten in dem Vernichtungslager.

Über Lagerführer Gerhard Palitzsch sagte er: "Palitzsch hatte ein kurzes Gewehr. Die Frauen mussten nackt sein. Palitzsch befahl: 'Tanzen.' Peng. Er erschoss eine Frau. Palitzsch befahl: 'Weitertanzen, los, lebhafter, schneller.' Peng, peng, er erschoss die nächsten Frauen. Plötzlich rief er: 'Schluss mit dem Zirkus. Ihr anderen seid Morgen oder vielleicht Übermorgen dran.'"

Piechowski dachte zunächst nicht an Flucht, doch dann tauchte der Name eines Freundes auf einer der Todeslisten auf. So entstand der Plan zu fliehen. Unter einem Vorwand stahlen sich die vier Häftlinge zu den Lagerräumen. Sie brachen die Tür zu dem Raum auf, in dem die SS-Uniformen lagen und streiften sie über. Einen Zweitschlüssel zu dem Steyr 220 hatten sie sich schon vorher besorgt. So entkamen sie durch das Haupttor des Konzentrationslagers.

Piechowski wurde später Ingenieur. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1989 machte er eine Weltreise mit seiner Frau Iga. Er schrieb zwei Bücher über seine Erlebnisse in Auschwitz. Damit niemand vergessen sollte, was dort geschehen ist. Piechowski sagte einst: "Ich bin ein Pfadfinder, also habe ich die Pflicht, dankbar und fröhlich zu sein. Und ich werde bis ans Ende meines Lebens ein Pfadfinder sein."

koe/dpa

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