Auschwitz-Zeichnungen Skizzen des Schreckens

Sadistisch lachende SS-Schergen, entsetzte Kinder, ausgemergelte Körper auf dem Weg in die Gaskammern: Unter Einsatz seines Lebens bannte ein KZ-Häftling den Holocaust in 32 Zeichnungen auf Papier. Das Museum Auschwitz veröffentlichte 2012 erstmals den gesamten Fund.

Auschwitz-Birkenau State Museum

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Rot züngeln die Flammen aus den beiden hohen Schornsteinen des Backsteingebäudes mit den vergitterten Fenstern. Soeben ist ein Laster vorgefahren. Achtlos wirft ein Mann die ausgezehrten, nackten Leiber von der Ladefläche. Drei liegen bereits vor dem langgezogenen Bau auf dem Boden, einen vierten lässt er gerade fallen.

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Heft 5/2015
19 Auschwitz-Überlebende berichten

Im Vordergrund, der grotesken Szenerie abgewandt, steht ein Soldat in Uniform und raucht. Teilnahmslos, mit geschlossenen Augen und versteinertem Gesicht, ein SS-Adler prangt auf der großen Mütze.

Unter der vergilbten Bleistiftzeichnung mit den ausgefransten Rändern findet sich der Buchstabe "D", ganz unten rechts ist die Zahl 8 zu erkennen. Es ist die achte von insgesamt 32 postkartengroßen Skizzen, die den Massenmord im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau dokumentieren. Angefertigt wurden sie von einem KZ-Häftling, der das Grauen unmittelbar miterlebte und unter Einsatz seines Lebens heimlich auf Papier bannte.

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Das Staatliche Museum Auschwitz-Birkenau hat die erschütternden Zeichnungen nun erstmals als Buch mit dem Titel "Der Skizzenblock von Auschwitz" herausgegeben. Und damit das Zeugnis eines Menschen publikgemacht, über dessen Identität die Forschung bis heute im Dunkeln tappt.

Mysteriöser Urheber "MM"

Wer die Person ist, die hinter den Zeichnungen steckt, konnten die Mitarbeiter des Museums nicht herausfinden. "Der Urheber bleibt ein Mysterium", sagt dessen Sprecher Jarek Mensfelt. Nur so viel steht fest: Der Zeichner trug mit großer Wahrscheinlichkeit die Initialen "MM" - zumindest sind diese beiden Buchstaben auf nahezu allen Skizzen zu finden.

Häftling "MM" stopfte die 32 Blätter in eine Flasche und versteckte sie in den Fundamenten einer Baracke in der Nähe der Gaskammern und der Krematorien IV und V. Hier fand sie im Jahr 1947 Józef Odi: ein Ex-Häftling, der auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslager als Wachmann arbeitete, bis zu seinem Tod dort lebte und auch die Gedenkstätte mit aufbaute.

Schonungslos skizzierte der unbekannte Künstler das unmenschliche Leben, vor allem aber das planvolle Töten im Vernichtungslager. "MM", so zeigen es die Skizzen, war beseelt von dem Wunsch, die Verbrechen der Nationalsozialisten detailliert für die Nachwelt festzuhalten - und begab sich damit in Lebensgefahr. War es den Häftlingen in Auschwitz-Birkenau doch strikt verboten, die dort herrschenden Zustände zu dokumentieren.

Entrücktes Lächeln des "Kapos"

Zwar fertigten auch andere in Auschwitz inhaftierte NS-Opfer Zeichnungen an, laut Museumssprecher Mensfelt existieren rund 2000 erhaltene Bilder. Doch handelte es sich hierbei fast ausschließlich um Auftragsarbeiten, die von den Gefangenen für das SS-Personal angefertigt wurden: Landschaften, Porträts, Grußkarten aus Auschwitz, erstellt in der vagen Hoffnung auf eine zusätzliche Brotration.

Den Massenmord auf dem Gelände hingegen wagte laut Mensfelt nur "MM" zu thematisieren. Dies macht seine Skizzen nicht nur zu einer einzigartigen historischen Quelle, sondern auch zu einem Zeitzeugnis, dessen bedrückende Wucht jene der berühmten Auschwitz-Fotografien noch zu übertreffen vermag.

Mit Akribie bildete der Zeichner sämtliche Etappen des Holocaust ab: von der Ankunft der Häftlinge über die Selektion bis hin zum Abtransport in die Gaskammern und der anschließenden Verbrennung der Leichen. Nichts ließ Häftling "MM" aus. Er notierte die Nummernschilder der SS-Fahrzeuge ebenso wie die Namen der einzelnen Blöcke. Und er verwandte große Mühe darauf, den Gesichtsausdruck der dargestellten Menschen herauszuarbeiten.

Da wären etwa die Lachfalten eines "Kapos", wie man jene Häftlinge nannte, die als Aufseher der Mitgefangenen Opfer und Täter zugleich waren: Freudestrahlend blickt der Mann auf einen Gefangenen, der an einem Strick von der Decke baumelt und offenbar gerade stirbt. Auf einer anderen Zeichnung lächelt ein "Kapo" mit der Entrücktheit eines Verliebten ins Leere, während er seinen schwarzen Lederstiefel in den Hals eines wehrlos unter ihm liegenden, kahlrasierten Mannes bohrt.

Kleiner Junge im Matrosenanzug

Am meisten jedoch verstört der Anblick eines kleinen Jungen im Matrosenanzug, dem der unbekannte Zeichner gleich zwei Skizzen gewidmet hat: Auf der ersten blickt der etwa Vierjährige fragend zu seinem Vater empor, der ihn fest an der Hand hält. Die beiden sind soeben mit dem Zug an der sogenannten Alten Judenrampe in Auschwitz angekommen, hinter ihnen drängen Hunderte Menschen mit Davidstern aus den Waggons.

Auf der Zeichnung Nummer 14 folgt die grauenvolle Fortsetzung: Entsetzt reißt der Kleine den Mund auf und drängt in Richtung seines Vaters. Der streckt ihm die Arme entgegen - vergebens. Ein SS-Mann beugt sich über den Jungen und hält ihn mit beiden Händen fest.

Gemeinsam mit den Alten und Kranken wird der Junge, so deutet es die Skizze an, auf einen Lastwagen geladen und direkt zu den Gaskammern transportiert. Sein Vater hingegen wird nach rechts abtreten müssen, zum qualvollen Arbeitseinssatz.

Dreieck nebst Nummer eingebrannt

Wer war dieser Junge, wer sein Vater? Könnte dies der Zeichner selbst gewesen sein? Zumindest rührte ihn jenes tragische Schicksal offenbar in besonderem Maße. Die Skizzen geben nur spärliche Hinweise auf die Identität ihres Urhebers. Allerdings weisen sie darauf hin, dass er über einen längeren Zeitraum im Lager lebte und Zugang zu zahlreichen Bereichen des Vernichtungslagers besaß.

Um etwa an die "Alte Judenrampe" zu gelangen, muss er in dem sogenannten Aufräumungskommando gearbeitet haben: jenem Trupp von KZ-Häftlingen, der etwa die Habseligkeiten der eintreffenden Menschen sortierte. Zudem war der Zeichner, so Mensfelt, mit großer Wahrscheinlichkeit auch im Häftlingskrankenbau beschäftigt - hier kann er sich problemlos Notizblock und Stifte beschafft haben.

Entstanden sind die bedrückenden Zeichnungen um das Jahr 1943, was verschiedene Indizien nahelegen: So zeigt eine Skizze vermutlich die Krematorien IV oder V, die ab Frühling 1943 in Gebrauch waren. Eine andere Skizze zeigt einen Häftling, auf dessen Unterarm ein Dreieck nebst Nummer eingebrannt wurde: eine Praxis, die ebenfalls erst ab diesem Zeitpunkt üblich war.

"Spuren der Millionen von Ermordeten"

Wann der Zeichner seine letzte Skizze anfertigte, ist nicht belegt. Im Gegensatz zu all den anderen trägt sie keine Nummer, auch fehlen die Initialen "MM". Nur schemenhaft, wie in Nebel gehüllt, lässt sich die Szenerie erkennen: Männer werfen einen menschlichen Körper auf einen Laster, im Hintergrund ragen die Umrisse eines Hauses empor. Der Zeichner scheint in Not geraten zu sein, wie die unvollendete Skizze andeutet.

War man "MM" auf die Schliche gekommen? Musste er sterben? Wurde er in ein anderes Lager verlegt? Jedenfalls schaffte er es noch rechtzeitig, die Zettel vom Notizblock zu reißen, in eine Flasche zu stecken und in der Erde zu verscharren. Dies gelang auch einigen Mitgliedern des sogenannten Sonderkommandos im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau - jenen jüdischen Häftlingen, die von der SS dazu gezwungen worden waren, die psychisch grausamsten Arbeiten der Massenvernichtungsmaschinerie auszuführen.

Einer von ihnen ist Salmen Gradowski, ein 1909 im polnischen Suwalki geborener Jude. Seine in der Nähe von Krematorium III vergrabenen Tagebuchnotizen leitete er mit folgenden Worten ein: "Lieber Entdecker, bitte suche überall, durchforste jeden Zentimeter Boden. Hier sind Dutzende Dokumente vergraben, meine und andere, die ein Licht darauf werfen, was hier passiert ist. Auf dass die Nachwelt Spuren der Millionen von Ermordeten findet."

Eine der Spuren sind die Skizzen des Zeichners "MM".

Zum Weiterlesen:

Agnieszka Sieradzka: "The Sketchbook from Auschwitz", Auschwitz-Birkenau State Museum, Oswiecim 2011, 115 Seiten.

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Helmut Unger, 22.01.2012
1.
Leider werden viele Künstler, die diese Schrecken dokumentierten vergessen oder totgeschwiegen. Hier einer, dessen Name zumindest noch bekannt ist: Richard Grune http://www.kieler-rundschau.de/Leute/Persoenlichkeiten/Grune/Grune.html
bugme not, 22.01.2012
2.
Mit Verlaub, Herr Unger, aber "totgeschwiegen" ist wohl kaum der richtige Ausdruck -- der Ursprung solcher Werke ist schlicht und einfach schwer festzustellen, da es sich beim Entstehungsort um _Vernichtungs_lager handelte. Wenn Sie Belege dafür haben, dass solcherlei Zeichnungen (oder andere Aufzeichnungen) absichtlich "totgeschwiegen" wurden, könnten Sie sie bitte nennen?
Hans Heyligers, 23.01.2012
3.
Die Bezeichnung "Sanka" wird im Artikel dem Lagerjargon zugerechnet. Meines Erachtens kommt die Bezeichnung von den amerikanischen Besatzern und heißt eigentlich SanCar. Die Bezeichnung SanCar ("sanitary car") war wohl auf deren Sanitätsautos aufgeschrieben.
Irene Saltz, 23.01.2012
4.
Die Bilder sind ohne Frage sehr eindrücklich. Danke. Dennoch muss ich sagen das es mir sehr unangenehm ist auf jeder Seite eine animierte Werbung zu sehen, die die Zeichnungen umrahmt. Ein lächelnder Mann und der Slogan »Weltbilder von gestern passen nicht zur Geldanlage für morgen«.. als will man sich auf Kosten der damaligen Verfehlungen Kunden verschaffen. Das finde ich daneben und würde mir wünschen das die BZeichnungen entweder auf einer Anderen Seite abgebildet sind inklusive eines Links dorthin, oder das man für bestimmte Dinge, wie diese Zeitdokumente eines vertorbenen Zeugen an die Nachwelt einfach mal die Werbung ausschaltet. Danke
Peer Silverstadt, 23.01.2012
5.
Mir wird übel. Ich kann nicht einmal die Vorstellung ertragen, in der diese Menschen waren. Ich hoffe das passiert nicht noch einmal. Einfach furchtbar!
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