Ausmustern leicht gemacht "Ekliges Deo wirkt immer"

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Raus bist du, Kaserne zu: In Deutschland ist fast jeder zweite junge Mann wehrdienstuntauglich - ein neuer Rekord. In Internetforen verraten Drückeberger, wie man garantiert ausgemustert wird. In den Siebzigern war das undenkbar. Damals wanderten Unwillige in den Knast.

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Am Anfang war die Gewissensprüfung. Männer, die in der Bundesrepublik keinen Wehrdienst leisten wollten, mussten seit den Sechzigern und noch bis Mitte der Achtziger einen Gewissens-TÜV durchlaufen, um für sich ein Grundrecht in Anspruch zu nehmen: "Niemand darf gegen sein Gewissen zum Dienst an der Waffe gezwungen werden", lautet Artikel 4, Absatz 3 des Grundgesetzes.

Die Richterrolle in diesen Gremien räumten die Politiker seinerzeit ausgerechnet dem Bundesverteidigungsministerium ein. Den Herren dieser Behörde waren die Wehrdienstverweigerer natürlich ein Dorn im Auge - und so spielten sich in den Befragungen auf den Kreiswehrersatzämtern Dialoge ab, deren Pointen manchen Witz alt aussehen lassen. Eine Kostprobe aus dem SPIEGEL, Heft 15/1970:

"Sind Sie Autofahrer?", fragte der Hamburger Oberregierungsrat Martin Treut 1970 einen Verweigerer. Und folgerte: "Sie wissen doch, dass jährlich auf den Straßen der Bundesrepublik 17.000 Menschen sterben. Da dürften Sie als Pazifist eigentlich kein Auto fahren."

Andere Szene, andere Frage: "Sind sie Steuerzahler? Sie wissen doch, dass von diesen Steuern die Bundeswehr finanziert wird. Dann dürften Sie als Kriegsdienstverweigerer eigentlich nicht zahlen."

Mit der Zeit wurden die Gewissens-Fachleute noch kreativer. Wer den Wehrdienst verweigern wollte, musste auch mit Fragen wie diesen rechnen: "Essen Sie Fleisch getöteter Tiere?", "Was würden Sie tun, wenn Ihre Frau von einem Sittenstrolch angefallen würde?", "Durfte Prinz Eugen Wien gegen die Türken verteidigen?"

Hippies, Gammler, Verräter

Doch auch die deutsche Öffentlichkeit konnte in den Siebzigern nicht viel mit der um sich greifenden Verweigerungshaltung vieler junger Männer anfangen: Wer Nein zum Bund sagte, wurde wahlweise als Anarchist, Utopist oder Kommunist, als Hippie, Gammler oder Vaterlandsverräter beschimpft. Der CDU-Bundestagsabgeordnete J. Hermann Siemer sprach gar von "Wühlmäusen, die wir kappen müssen."

Dementsprechend wurde es den Verweigerern auch während ihres sozialen Ersatzdienstes nicht leicht gemacht. Die Wehrdienstalternative wurde für viele zum Spießrutenlauf: Eine Gruppe von Ersatzdienstlern, die Anfang der siebziger Jahre im Stuttgarter Katharinen-Hospital Kranke pflegte, wurde bei Dienstantritt von ihrem Vorgesetzen angeblafft: "Ihr könnt mich als euren Kompaniechef betrachten!" Dann wurden die jungen Männer zu Zwölft in einer zugigen Holzbaracke untergebracht - mit drei Waschbecken, einer Toilette und mehreren dutzend Ratten.


Und mit welchem Trick haben Sie verweigert? Welche skurrilen Szenen haben Sie auf dem Kreiswehrersatzamt erlebt? Berichten Sie auf einestages von Ihren Erfahrungen!

Psychokrieg per Brief

Doch schon in früheren Jahren war es beim Wehrdienst in der BRD oft drunter und drüber gegangen. Das wurde sogar von DDR-Funktionären auf der anderen Seite der Mauer erkannt - und ausgenutzt. Die Ministerien für Staatsicherheit und Nationale Verteidigung starteten Mitte der Fünfziger eine Kampagne zur Störung des Bundeswehraufbaus. Im Herbst 1956 bekam eine Reihe von hoffnungsvollen Anwärtern für die noch junge Bundeswehr ein ernüchterndes Schreiben zugestellt: "Es wird mitgeteilt, dass Sie bei der Erfassung zur Musterung von Wehrpflichtigen ausgenommen werden. Sie werden laut Gesetz §46, Absätze 2 und 3, nicht zum Grundwehrdienst - Wehrübungen - noch zu irgendeinem Wehrersatzdienst in der BR herangezogen." Und weiter hieß es in dem Text: "Sie gelten als ausgemustert (§9, 10 und 11 Wehrpflichtgesetz). Dieser Bescheid gilt als Dokument." Im September 1958 machte der SPIEGEL in einem Artikel über "Psychologische Verteidigung" bekannt, dass dieser Ablehnungsbescheid Teil der "Aktion Gestellungsbrief" der "Psycho-Krieger des Ostens" war.

Einige Empfänger eines solchen Briefes atmeten vermutlich trotzdem auf, als sie das Schreiben erhielten. Waren die Gründe für die Entscheidung der Kriegsdienst-Verweigerer doch durchaus nachvollziehbar: das Wettrüsten, Herrschafts- und Verfassungskritik, der Vietnam-Krieg - oder dass es ganz einfach unmöglich war, im Kriegsfall zwischen Angriff und Verteidigung zu unterscheiden.

Für Überzeugungen wie diese gingen manche Kriegsgegner sogar so weit, dass sie nicht nur keinen Dienst an der Waffe, sondern auch keinen Ersatzdienst leisten wollten. Anfang der Achtziger nahm die Gruppe der Totalverweigerer stark zu. Manche Männer wurden von der Polizei abgeführt und bei der Musterung von Raum zu Raum geschleift. Andere wurden für Tage in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen, um ihren Geisteszustand zu überprüfen. Wieder andere gingen monatelang abwechselnd ins Gefängnis und in die Kaserne, wo Sie ihren Dienst weiter verweigerten und wieder inhaftiert wurden. Findige Köpfe ließen sich Notlügen oder Tricks einfallen, um sich vorm Dienst zu drücken und ausgemustert zu werden. Die Top-Drei dabei:

- Krankheiten vortäuschen (zum Beispiel, indem man die Haare vor der Musterung mit Brennnesseln einrieb und dann über den Ausschlag klagte)

- Vorgeben, man sei schwul

- So tun, als habe man einen Tick oder eine Macke (zum Beispiel durch heftiges Augenblinzeln oder scheinbar zwanghafte Reflexbewegungen)

Und schließlich blieb noch der Ausweg Westberlin: Wer in der von DDR-Gebiet umgebenen Exklave lebte, musste nicht zum Bund. Tausende nutzten in den siebziger und achtziger Jahren diese Möglichkeit der bequemen Totalverweigerung.

Welcher Trick darf's denn sein?

Gemessen an diesen Umständen ist eine "Totalverweigerung" aus körperlichen Gründen heute zum Spaziergang geworden. In Internet-Foren wie "Postpla.net - Tipps zum Ausmustern" wird ganz offen diskutiert, wie Mann den Dienst in Kaserne oder Krankenhaus heutzutage am besten umgehen kann. Erfolgreiche "Aussitzer" verraten dort anonym Tipps und Tricks. Ziel: komplette Ausmusterung, also weder Wehr- noch Zivildienst. Eine Auswahl:

Der Alkohol-Trick:

"Lass dich vorher volllaufen und lall denen was vor von wegen Alkoholiker: Du kommst ohne deinen Korn morgens, mittags und abends nicht aus. Am besten noch schwanken, absichtlich umfallen und dich in letzter Not am BH der Ärztin festhalten und sie mit zu Boden reißen." (Autor "Dutch Dragon")

Der Drogen-Trick:

"Vielleicht kennst du einen Arzt, der dir ein paar Allergien attestiert, das bringt auch was. Ansonsten ist Besaufen sicher nicht schlecht oder Kiffen. Besser als selbst zu sagen, dass du besoffen oder bekifft bist, ist es natürlich, du passt deinen Konsum entsprechend an, so dass es nicht zu übersehen ist. Dann das Übliche: bei körperlichen Übungen die Luft anhalten, mit den Augen weniger sehen, mit den Ohren weniger hören (bei den hohen Tönen dann immer weniger) und bei Fragen manchmal einfach nicht reagieren, so dass sie diese wiederholen müssen. (...) Auf alle Fragen, auf die man 'Ich weiß nicht' oder 'keine Ahnung' antworten kann, tust du es auch." (Autor "Baedr")

Der Trick mit dem Waschen:

"Dusch dich drei Tage vorher nicht und besprüh dich ein bisschen mit ekligem Deo, so dass du richtig übel stinkst. Auch fettige Haare wirken wahre Wunder. Und wenn du dann noch Übergewicht hast, solltest du endgültig davon verschont bleiben." (Autor "drhouse")

Der Kreislauf-Trick:

"Ich habe es folgendermaßen gemacht: morgens eine ganze Kanne Kaffee getrunken, dazu extrem viel geraucht. Nach 20 Kniebeugen bist du total hinüber nach der Aktion. Dein Puls ist dermaßen hoch, Regeneration so gut wie nicht vorhanden. Der Arzt wird dumm gucken! Beim Sehtest einfach schummeln. Sollten sie dir ein Buch vorlegen, in dem du aus bunten Flecken irgendwelche Zahlen erkennen sollst, sag einfach: 'Ich weiß, dass ich farbenblind bin. Ich habe aus den Flecken noch nie irgendwas erkennen können!' Bei mir hat's geholfen, sie haben das Buch wieder weggelegt. Beim Hörtest einige Zeit warten, bevor du sagst, dass du das Piepsen hörst." (Autor "paradroid")

Der Trick mit psychischen Problemen:

"Was bei der Musterung immer Trumpf ist, sind psychische Probleme. (...) Stimmungsschwankungen, Schlafstörungen Unentschlossenheit in so einer grundsätzlichen Sache (Kriegsdienst an der Waffe zuerst verweigert, dann doch nicht, Gewissenskampf)." (Autor "michaelg")

Wer trotz solcher Tipps noch Zweifel hat, dass er die Ausmusterung schafft, und auch keinen Zivildienst leisten will, kann die Dienste kommerzieller, mehr oder weniger professioneller Ratgeber in Anspruch nehmen, wie etwa www.ausmusterung.net. Diese Hamburger Firma bietet online eine "komplette Ausmusterungsinfomappe inklusive Beratung" an, Kostenpunkt: 98 Euro. Die Kladde enthält dem Anbieter zufolge "Alle Informationen, die du für deine Ausmusterung benötigst": "sichere Methoden, die zur Ausmusterung führen, und alle Tipps zur Wehrpflichtvermeidung", die internen Musterungsvorschriften der Bundeswehr, Briefvorlagen zum Schriftverkehr mit der Bundeswehr sowie wichtige Adressen von Ärzten und Rechtsanwälten. Mit diesen Hilfen, so der Anbieter, habe jeder Mann "eine hundertprozentige Chance, ausgemustert zu werden."

Eine solche Mappe hätte in den Siebzigern und Achtzigern ihren Anbieter wohl zum Millionär gemacht - und vielen Verweigerern Knast und Gängelung erspart.

bma, ckä, har


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1.
Andre Darmochwal 08.04.2008
Man sollte vielleicht noch ergänzen, daß mittlerweile auch andere Behörden und z.T. Versicherungen Einsicht in die Musterungsakten nehmen können. Nicht gut, wenn man sich privat krankenversichern will und wegen hohen Risikos aufgrund von Kreislaufproblemen und Fehlsichtigkeit einen erhöhten Beitrag zahlen darf. Oder man sich bei einer Behörde bewirbt und in der Musterungsakte Betäubungsmittelmißbrauch dokumentiert ist... (Der Spiegel berichtete: http://wissen.spiegel.de/wissen/dokument/dokument.html?id=50828218&top=SPIEGEL)
2.
Jens Ingwersen 08.04.2008
Ich habe schon vor 7 Jahren "verweigert", indem ich einfach nach der Musterung (nicht ausgemustert) und Kriegsdienstverweigerung garnichts mehr gemacht habe. Ich habe auf keinen Drohbrief mehr reagiert. Hat wunderbar geklappt. Und zwar aus folgendem Grund: Fast alle Zivistellen sind im sozialen Bereich, das heißt, die Zivistelle will sich lieber seine Zivis selbst aussuchen. Nur ganz wenigen ist es egal, wer da kommt. Das bedeutet, dem Bundesamt für Zivildienst stehen nur ganz wenige Stellen zur Verfügung, zu denen sie mich zwangsversetzen können. Ich hab also keinen Dienst geleistet und hab dabei nicht gelogen, nichts verheimlicht, alles nach Gesetz gemacht. Als ich 23 wurde war ich dann sowieso aus dem Schneider.
3.
Ulrich Eul 08.04.2008
Eine gute Methode ausgemustert zu werden, besteht darin, am Tag vor der Musterung Viagra oder Cialis zu sich zu nehmen und mit einem dauererigierten Penis zu Musterung anzutreten. Auf Nachfrage der Ärzte immer antworten, daß das Leben nur mit einem Dauerständer eträglich ist und man süchtig nach Cialis/Viagra ist ...
4.
Hanns Botticelli 08.04.2008
Ich habe vor 2 J ahren den Königsweg der Ausmusterung gewählt - eine gut in Szene gesetzte Depression. Ich habe mich akribisch auf das Szenario vorbereitet Ich ging zu einer Psychologin und erzählte ihr die Wahrheit - "Ich wollte nach meinem Abitur schlichtweg ins Ausland und danach mein Studium beginnen". Sie hat mir nach einiger Zeit und dem Fernweh in meinen Augen eine "objektbezogene Persönlichkeitsstörung" schriftlich bestätigt. Diese legte ich ich bei einer Nachmuster vor (davor wurde ich T2 gemustert, da durfte beim 2ten Versuch nichts schiefgehen). Ich hatte mir Online Hilfen zu Symptomen einer endogenen Depression besorgt und hatte meine Rolle so gut drauf, dass ich erstmal wieder einen Tag gebraucht habe dieses Rollenspiel zu verarbeiten. Ich habe mir dazu noch Hilfe bei Herrn Zickenrott geholt - er ist ein sogenannter Ausmusterungsberater und hat auch ein entsprechendes Buch mit "Beispielfllen" veröffentlicht. Er half mir telefonisch mit den typischsten Fangfragen der Musterungsärzte und Psychologen. . .6 Monate später war ich durch Australien, Burma, Laos und Thailand gereist, hatte ein Praktikum abgeschlossen und studiere nun im 2. Semester . Das Argument des Drückebergers zählt für mich nicht. Ich hatte nicht das Gefühl in der Schuld meines Landes zu stehen - jeder sollte die Möglichkeit haben sich so zu entwickeln wie ihm es beliebt.
5.
Samuel Sudhof 08.04.2008
Das mit dem Hörtest hat bei mir nicht funktioniert. Ich hab immer eine Sekunde Später reagiert. Das Ergebniss würde trotzdem mit einem erstaunten "Sehr gut!" bewertet. Was half ist die richtige Technik "freundlich frech" zu sein. Es lief folgendermaßen: Ich hab einige wehwehchen. Z.b. war mein linkes Bein mal kompliziert gebrochen und ist desswegen um 1° krumm, und meine Hüfte ist auch nicht die beste. Nun habe ich meinen Briefchen bekommen und der Termin war innerhalb meines Urlaubs (zu der Zeit war ich dann in Japan). Desswegen würde die Musterung vorverlegt auf einen Termin ein paar Tage nach der Musterung. Ich hab meine Atteste von den jeweiligen Ärzten angefordert, aber die waren bis zur Musterung noch nicht da. Dass habe ich der Tussi dann auch erklärt, und angeboten sie nachzureichen. Sie fing dann aufgebracht an zu lamentieren und hat mir vorgeworfen ich wolle mich nach Japan absetzten. Das ich auf eigenen Wunsch den Termin vorverlegt hat, hat sie nicht im mindesten beeindruckt. Ich hab das alles einfach von mir abperlen lassen, sie mit großen Augen angesehen und höflich und cool auf ihre Fragen geantwortet. Als sie nach einer Viertelstunde endlich mal innehielt habe ich den Kopf etwas schräg gelegt, ein besorgtes Gesicht aufgesetzt und sie gefragt "Sagen sie mal, haben sie heute einen schlechten Tag?" Sie guckt äufgewühlt zurück, es herrscht ein paar Momente Stille "Na eigentlich sind Sie ja sowieso zu klein"
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