Künstlerpost Karten Eden

Künstlerpost: Karten Eden Fotos
Gabor Altorjay/ Eric Tschernow

Die Postkarte wird überleben, auch im Digitalzeitalter. Davon ist Klaus Staeck überzeugt. Seit etwa 1975 sammelt er die Zusendungen seiner Künstlerkollegen, archaische Grüße auf Holz, Blech oder mit Teefix. Es ist eine beeindruckende Kollektion - die jetzt in einer Ausstellung gezeigt wird. Von

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Am 15. April 1975 steckt ein Mann drei Holzklötze in die Post. Er hat sie ordentlich frankiert und mit Bleistift je ein, zwei Sätze und eine Adresse darauf geschrieben. Der Postbeamte mag sich gewundert haben. Auch der Briefträger hatte so etwas noch nicht gesehen: Postkarten aus Fichtenholz. Eine so schwer wie zwei, drei Tafeln Schokolade. Rund dreieinhalb Zentimeter hoch. Joseph Beuys, weltweit beachteter Künstler, Bildhauer, Zeichner und Freigeist hatte die Quader entworfen und an seinen Freund Klaus Staeck geschickt.

Klaus Staeck sitzt in Berlin. Von seinem Büro aus blickt er auf Touristen, Straßenkünstler und das Brandenburger Tor. Er leitet die Akademie der Künste. Vor knapp 50 Jahren hat er den Produzentenverlag Edition Tangente, heute Staeck, gegründet. "Ich habe Joseph Beuys kennengelernt", erzählt Staeck, "als er eine Postkarte für meine Edition entworfen hat." 1968 sei das gewesen. Damals habe er auch andere Künstler wie zum Beispiel Diter Rot, Gabor Altorjay, Wolf Vostell, Dieter Krüll, KP Brehmer und Alison Knowles darum gebeten, Postkarten zu gestalten. "Ich wollte eine Alternative zu den Kitschpostkarten", sagt Staeck. Doch wirtschaftlich waren Karten, auf denen etwa ein King Kong eine blonde Frau über den Münchner Marienplatz trägt, eher weniger erfolgreich. "Die Händler haben eben mehr dem Kitsch vertraut", sagt Staeck.

"Archaisches Mittel"

Auch Joseph Beuys mochte Postkarten. Das war seine Gemeinsamkeit mit Staeck, der ebenfalls Karten und Poster entwarf. Für Beuys hatten Postkarten eine Doppelfunktion: Er sah sie als künstlerisches Medium und Kommunikationsmittel, mit denen er seine Botschaften verbreiten konnte. Beuys reizte die Postkarte aus, spielte nicht nur mit Motiven, sondern auch mit Materialien.

Diese wählte er - wie bei all seinen Kunstwerken - nicht nach ästhetischen, sondern nach organischen Kriterien aus: den nährenden Honig, den wärmenden Filz, das energiereiche Fett - Materialien, um die er gleichsam seinen Künstlermythos aufbaute und aufrechterhielt. 1944, so erzählte Beuys, soll er mit einem Flugzeug abgestürzt und durch Tataren gerettet worden sein, indem sie ihn mit Filz wärmten und Fett einrieben. Filz und Fett wurden zum Mittel seiner symbolischen Kunst.

Seine Postkarten entwarf er in den siebziger und achtziger Jahren dann zwar nicht aus Fett, dafür aber aus Filz - und überzog sie mit Schwefel. Andere ließ er aus PCV-Folie, Metall und sogar aus Honig herstellen. Und bis auf die Honigpostkarte erschienen alle in hoher Auflage. Die Schwefelpostkarte war als Weihnachtsgruß gedacht. Beuys verschickte sie mit den Worten "frohe schwefliche Weihnachten".

Staeck sagt, Beuys hätte am besten begriffen, gute Postkarten zu gestalten. Für ihn sei der Entwurf einer Postkarte genauso wichtig gewesen wie das Gestalten einer großen Grafik. Staeck hält die Postkarte für ein "archaisches, antiquiertes Mittel". Aber "sie hat überlebt und sie wird auch in diesem digitalen Zeitalter überleben." Sie sei ein demokratisch populärer Ideenträger, jedem zugänglich, weil sie nicht den explodierenden Preisen des Kunstmarkts ausgesetzt sei. Staeck vertraut auf die Karte. "Das Elektronische löst nur in Teilbereichen alles ab", sagt er. "Solange wir uns noch als analoge Wesen verstehen, bevor wir uns im Netz auflösen und zum Algorithmus werden, brauchen wir auch noch analoge Materialien."

Versandart nicht korrekt

Jahrzehntelang hat Staeck Postkarten, Künstlerpost und Mail-Art gesammelt. Zusammen mit den interessantesten Künstler-Korrespondenzen und neu eingesandten Briefen zum Thema "Die Akademie" hat er sie mit Kuratorin Rosa von der Schulenburg zur Ausstellung "Arte Postale" zusammengestellt, die von diesem Freitag an in der Akademie der Künste zu sehen ist.

1977 hatte die Beuyssche Holzpostkarte ihre Hochzeit. Der Künstler schickte sie von der Documenta aus an Klaus Staeck. Alle paar Tage, manchmal sogar täglich, schrieb Beuys ein zwei Sätze an Staeck. Kurze Grüße, Statements, Beobachtungen oder Aphorismen. "Lieber Klaus! Erkenntnistheoretische Sachen heute nicht durchgeführt. Neuanstrich heute nacht. Viel Erfolg Dein Joseph" oder "Lieber Klaus, mit dummen Fragen fängt jede Revolution an. Grüße! Dein Joseph". Viel Platz war nicht auf der Postkarte. Doch Staeck freute sich über jeden Klotz, der zu ihm kam. Es war beinahe zu einem Ritual geworden. Hin und wieder hat Staeck Beuys geantwortet. Doch was er ihm schrieb, das weiß er heute nicht mehr.

Irgendwann rebellierte die Post gegen die Karten aus Holz. Aber nur still. Sie strich den Aufdruck "Postkarte" durch und korrigierte ihn handschriftlich durch das Wort "Päckchen". Sie teilte mit, dass es sich bei der Holzpostkarte nicht um eine "korrekte Versandart" handelte. Doch sie stellte die Karten gewissenhaft zu. Am 4. Dezember 1978 verschickte Beuys den letzten Klotz an Klaus Staeck. Diesmal ohne Grüße, ohne Beobachtungen, ohne Statements. Nicht einmal eine Adresse hatte er darauf geschrieben. Die Holzkarte kam trotzdem an. Die Post wusste genau, für wen sie gedacht war.

Zum Hingehen:

Die Ausstellung "Arte Postale" ist bis zum 8. Dezember 2013 in der Akademie für Künste in Berlin zu sehen.

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insgesamt 3 Beiträge
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1.
Jens Franke, 30.08.2013
" Security der Deutschen Post, Sind Sie Herr F ...e? Wenn Sie von der Deutschen Post sind, warum nennen Sie sich Security? So heißt die Abteilung. Wir haben da einen Brief von Ihnen an ... mit einer gefälschten Marke. Ein Brief zum Geburtstag, aber Porto ist doch ausreichend 'drauf? Das steht unter Strafe. Wennn Sie so etwas machen, stecken Sie das doch IN den Umschlag. Bitte ??? Wo ist da der Witz? Wenn Sie versprechen, dass es nicht mehr vorkommt, sende ich den Brief dieses Mal weiter. Kommt nicht mehr vor, Versprochen, Nie nich.! " http://sandbank.designblog.de/blog/tags....Post/
2.
Hans Joachim Dudeck, 02.09.2013
"Diesmal ohne Grüße, ohne Beobachtungen, ohne Statements. Nicht einmal eine Adresse hatte er darauf geschrieben. Die Holzkarte kam trotzdem an. Die Post wusste genau, für wen sie gedacht war." Das macht den Unterschied, die Karte kam an. Der USPS bringt einem noch nicht einmal die Post, wenn der ZIP Code falsch ist, alles andere aber stimmt.Auf der anderen Seite habe ich habe sogar einmal einen Brief erhalten, der von einem Ende einer Kleinstadt in Ohio zum anderen Ende der gleichen Stadt geschickt wurde. Das Einzige, was mit meiner Adresse gemein war, war der Stassenname. Ansonsten lagen mehr als 1000 KM zwischen den Addressen. Die dt BP oder Post ist doch nicht so schlecht, wie sie immer gemacht wird. Auch wenn die Boys Karte inzwischen lange her ist.
3.
Sebastian Starosielec, 31.08.2013
Für 2 DM Port liesse sich 1977 aber auch so manch anderes Objekt versenden. Das ist dann aus Sicht der Post aber alles andere als eine Postkarte.
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