Eine deutsch-amerikanische Freundschaft Danny, ich und "Anneliese Schmidt"

Sie waren wie Brüder und liebten Deutschpunk, am meisten Die Ärzte. Dann verloren die Austauschschüler einander aus den Augen. Nach 27 Jahren suchte Sebastian Brück Danny. Und stieß auf eine bittere Wahrheit.

Privat

Die Geschichte beginnt damit, dass ich von zu Hause ausziehe und plötzlich einen Bruder habe - wenn auch nur für die Osterferien. Er heißt Danny Boudreau, ist wie ich 17 Jahre alt und wohnt mit den Eltern und zwei seiner vier älteren Schwestern in Trumbull, einem 35.000-Einwohner-Städtchen zwischen New York und Boston. Im März 1989 komme ich dazu, der Austauschschüler aus Düsseldorf.

Vor der dreiwöchigen USA-Reise habe ich mir ein wenig Sorgen gemacht: Was, wenn ich mit der Gastfamilie so gar nicht klarkomme? Schon auf dem Weg vom Flughafen Richtung Connecticut bin ich beruhigt: Zwischen mir und diesem gleichaltrigen Typen mit den lockigen dunkelbraunen Haaren und den wachen Augen stimmt die Chemie. Und auch die anderen Boudreaus geben mir vom ersten Tag an das Gefühl, in ihrem weißen Holzhaus willkommen zu sein.

Danny heißt eigentlich Daniel, ist mit Lorie zusammen und fährt gern Skateboard. Damit er dabei seine Brille nicht verliert, sichert er sie stets mit einem hinter die Ohren geklemmten Sportband. Meist trägt er weite Hosen, dazu Kapuzenpullover, farbenfrohe T-Shirts, Sneakers. An den Wänden und sogar an der Decke seines Zimmers hängen unzählige Zeitungsausschnitte, Erinnerungsschnipsel und Bandposter, unter anderem von Suicidal Tendencies und Black Flag.

Mein Gastbruder hat bereits mit 16 seine "driver's license" gemacht. Erst kann ich es gar nicht glauben: Wer hier den Führerschein hat, darf auch anderen das Fahren beibringen, vollkommen legal und ohne Fahrlehrerausbildung. Wie kann das sein, wo es doch zugleich verboten ist, Alkohol zu trinken, wenn man jünger als 21 ist?

Andere Länder, andere Gesetze: Ich nutze die Chance und erlebe in Trumbull gleich in der ersten Woche ein kleines Abenteuer. Als Fahrer des Nissans von Dannys Eltern ruckele ich als führerscheinloser Noch-Siebzehnjähriger (knapp vor meinem 18. Geburtstag) durch Nebenstraßen.

Fahrlehrer Danny gibt Tipps. Trotz Automatik scheitere ich immer wieder: Verwechsle Gas und Bremse, lege den Schaltknüppel auf den falschen Buchstaben, gebe zu viel Gas oder zu wenig. Die gemeinsamen Fahrstunden leiten eine deutsch-amerikanische Freundschaft ein: Danny lacht, ich lache, wir lachen. Und irgendwann klappt es einigermaßen mit dem Fahren.

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Austauschschüler: Anneliese Schmidts lokaler Weltruhm

Schnell habe ich einen Alltag: Nach dem Frühstück, Kellog's Rice Krispies mit Milch, fahren Danny und ich mit dem klassisch-gelben Schulbus zur Trumbull High School. Nachmittags cruisen wir durch die Gegend, gehen zur Mall, fahren an den nur 20 Minuten entfernten Short Beach in Stratford oder hängen mit Lorie und Dannys Clique ab.

Mitschüler fragen, ob Hitler noch lebt

Während im Mainstream-Radio "The Look" von Roxette rauf und runter läuft, bevorzugen Danny und seine Freunde Hardcore, Punk und New Wave. Die schwarz gekleidete Lysbeth, genannt Lys, outet sich als Fan der deutschen Synthie-Pop-Band Camouflage, seit ihrer Single "The Great Commandment" offenbar Undergroundstars in den USA.

Dabei sind meist auch Dannys Cousine Heather und Henry, der halber Österreicher ist und passabel Deutsch spricht. Dannys Skate-Partner Sam Lee hat koreanische Wurzeln, einen knochentrockenen Humor und veräppelt mich gern: Als er behauptet, mit Kampfkünstler Bruce Lee verwandt zu sein, bin ich kurz davor, ihm zu glauben.

In der High School stellen mir einige Schüler merkwürdige Fragen: "Lebt Hitler noch?" Oder: "Habt ihr in eurem Land Autos?" Dannys Fragen sind gar nicht merkwürdig und haben oft mit Musik zu tun: Welche Genres gefallen dir? Gibt es auch deutsche Punk-Bands? Worüber singen die?

"Do they really sing Helmut Kohl beats his wife?"

Damals bin ich gerade in meiner Tote-Hosen-Phase und trage oft die Fan-Shirts. Die Toten Hosen sind 1989 noch lange nicht so groß wie ein paar Jahre darauf in den Neunzigern, hatten aber gerade mit "Ein kleines bisschen Horrorschau" ihr erstes Top-Ten-Album. Mein zweiter großer Favorit sind die Ärzte. Die haben sich zwar 1988 aufgelöst (Neugründung 1993), trotzdem sind sie in meiner Generation populärer denn je.

In die USA habe ich jede Menge Kassetten und CDs mitgebracht, kann mich also quasi als Kulturbotschafter betätigen. Natürlich habe ich auch das indizierte Ärzte-Album "Ab 18" mit eingeschmuggelt, auf dem eine gewisse Claudia Sex mit einem Schäferhund hat und ein gewisser Helmut K. seine Frau Hannelore schlägt. Grandioser Quatsch.

Ich versuche mich als Übersetzer, Danny ist so geschockt wie begeistert: "Do they really sing Helmut Kohl beats his wife?" Auch musikalisch kommen die Ärzte- und Hosen-Songs gut bei ihm an. Seine Favoriten sind "Ich ess' Blumen" und "Verschwende deine Zeit". Aber vor allem: "Anneliese Schmidt" vom Album "Früher", auf dem Die Ärzte einige ältere und unbekanntere Stücke neu zusammengestellt haben.

Von nun an ist "mein" Amerikaner rettungslos verliebt in "Anneliese Schmidt". Hört den Song in Dauerschleife. Findet ihn "very German". Konstatiert, er sei vermutlich ideal als Soundtrack zum Kiffen geeignet (Danny ist genau wie ich Nichtraucher). Schließlich versucht er sogar den wunderbar-abstrusen Text auswendig zu lernen und nachzusingen:

Das kleine Kind, es spielt im Garten
Es kann den Sommer kaum erwarten
Das kleine Kind, es pflückt Blumen
Und die bringt es seiner Mutter
In die Küche zum dran Schnuppern
Anneliese Schmidt

1990 kommt Danny für drei Wochen auf Gegenbesuch nach Düsseldorf. Zuerst zeige ich ihm meine Stadt ("the hometown of Die Toten Hosen") und stelle ihn meinen Freunden vor. Es folgt eine kleine Deutschlandreise: Ich fahre mit Danny nach Köln und lasse ihn Kölsch mit Alt vergleichen; er mag beides. Wir besuchen auch meine Verwandten in Hamburg, inklusive Hafenrundfahrt. Und dann zeige ich ihm Berlin ("the hometown of Die Ärzte") - wobei von "zeigen" nicht wirklich die Rede sein kann, denn ich bin selbst zum ersten Mal da.

Da, Campino!

Wir wohnen in einer kleinen Altbau-Pension in Charlottenburg, verlaufen uns in Ost-Berlin und beschränken uns danach auf den Westen. Abends landen wir in schlechten Touri-Discos zwischen Kurfürstendamm und Europa-Center. Übertags schaffen wir es immerhin bis Kreuzberg. Bevor wir im Viktoriapark die Treppe zum 66 Meter hohen Namensgeber des Viertels erklimmen, kauft sich Danny in einer kleinen Boutique ein weißes T-Shirt mit einem Kreuz und der rotbuchstabigen Aufschrift "Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt". Und in der Pension hören wir bevorzugt "Anneliese Schmidt".

Kurz nach unserem Berlin-Abstecher muss Danny zurück in die USA. An der Düsseldorfer Haltestelle Fürstenplatz entdecke ich, gerade als die Straßenbahn die Türen schließt, draußen den Tote-Hosen-Sänger Campino, allein und zu Fuß unterwegs. Für mich als Teenager ist er eine Art Idol. Ich habe Campino mehrmals bei Konzerten im "Tor 3" auf der Bühne gesehen und hätte mich nie getraut, ihn anzusprechen.

Video von Danny 1989 in Trumbull: Sing mal "Anneliese Schmidt" auf Deutsch

Sebastian Brück

Danny ist da lockerer. Und total im "Anneliese Schmidt"-Fieber. Er klopft hektisch an die Scheiben. Campino reagiert nicht, die Bahn nimmt Fahrt auf. Danny steigt auf die Sitzbank, verrenkt den Kopf und schreit aus einer offenen Belüftungsklappe den Refrain seines Lieblingssongs: "Anneliese Schmidt, Annelie-se Schmidt, Anneliese-Anneliese Schmidt, Anneliese Schmidt, Anneliese-Anneliese".

Ob Campino Dannys Gesangseinlage gehört hat, weiß ich nicht, inzwischen ist er aus unserem Blickfeld verschwunden. Die anderen Fahrgäste schauen Danny irritiert bis interessiert an. Er setzt sich wieder: seelenruhig, als sei nichts gewesen.

"That was not the singer of Die Ärzte", sage ich. "It was the singer of Die Toten Hosen."
"Doesn't matter", sagt Danny und sieht sehr zufrieden aus. "I just had to do that!"

Beim Rückflug hat Danny ein frisches 60-Minuten-Tape im Gepäck, darauf nur ein Song: "Anneliese Schmidt", fast 20 Mal hintereinander. Ein "geheimer" Welthit zwischen Düsseldorf, Berlin und Connecticut. Damals besteht Social Media noch aus Post und Telefon. Danny und ich schreiben zwischen Trumbull und Düsseldorf ein paar Mal hin und her, telefonieren kurz (Auslandsgespräche sind noch extrem teuer!) - und verlieren uns dann aus den Augen.

Die Suche: Ob Danny wohl sein Arzt-Shirt noch hat?

Was mein alter Kumpel wohl heute macht, fast drei Jahrzehnte später? Lebt er noch in Connecticut, ist er verheiratet, hat er Kinder? In was für einem Job arbeitet er? Hat er immer noch sein "Lassen Sie mich durch, ich bin Arzt"-Shirt? Auf solche Fragen möchte ich Antworten haben. Ich muss Danny wiederfinden. Schon vor zehn Jahren habe ich ihn einmal im Internet gesucht, erfolglos. Ich bin optimistisch: Bestimmt hat Danny seitdem Spuren hinterlassen.

Facebook beschert mir überraschend viele Treffer: mehr als 80 Boudreaus mit Vornamen Danny, Daniel oder Dan. Seine Vorfahren sind einst aus dem französischsprachigen Quebec eingewandert - daran erinnere ich mich, es erklärt auch die vielen Kanadier in der Trefferliste. Die filtere ich aus, doch unter den US-Amerikanern drängt sich keiner auf, dessen Profilfoto dem Danny aus meiner Erinnerung ähnlich sieht.

Natürlich können sich Menschen in einem Vierteljahrhundert stark verändern. Womöglich hat Danny heute lange Haare oder eine Glatze, trägt Vollbart oder wiegt doppelt so viel. Ich nehme die Kandidaten intensiv unter die Lupe: Alter, Aussehen, Musikgeschmack - keiner passt. Vielleicht ist Danny ein Facebook-Muffel, hat sich unter einem anderen Namen angemeldet oder den seiner Frau angenommen.

Dutzende Treffer auch auf dem Businessportal LinkedIn, ein Daniel Boudreau aus der Nähe von Boston passt vom Alter her, hat aber kein Gesichtsfoto im Profil. Ich schreibe ihn an - und erhalte eine freundliche "Ich bin leider nicht der, den du suchst"-Antwort.

In meiner Erinnerungskiste auf dem Speicher finde ich ein altes Notizbuch mit Adresse und Festnetznummer der Boudreaus. Über Wochen wähle ich sie immer wieder an - niemand hebt ab. Also ganz altmodisch ein Brief an Dannys alte Adresse. Tenor: Hallo, hier ist dein ehemaliger Austauschschüler aus Deutschland. Wie geht es dir? Erinnerst du dich noch an Anneliese Schmidt? Ich hätte Lust, mich mal wieder mir dir zu unterhalten.

Wochenlang keine Antwort.

Fast will ich schon aufgeben, da finde ich auf einem Spezialportal vier miteinander verwandte Boudreaus. Die beiden Mitte 70 könnten seine Eltern sein, die jüngeren Ende 40 zwei seiner Schwestern. Ich kontaktiere sie über Facebook. Dann geht alles ganz schnell.

"Good memories" und die bittere Wahrheit

Ave meldet sich. Obwohl ihre Antwort positiv beginnt, habe ich schon nach den ersten Zeilen eine Ahnung. Ave erzählt nicht, wie es Danny geht und wo er lebt. Sie erzählt, wie gern sie sich an die Streiche und Witze von Danny und mir erinnert.

Wie wir den Schwestern gleich am meinem ersten Tag extrascharfen Düsseldorfer Löwensenf, eines meiner Gastgeschenke, als "gar nicht scharfe" Sandwich-Garnitur anboten: "Our ears nearly blew off our head."

Wie die Schwestern, von Danny angestiftet, dafür sorgten, dass ich den Morgen meines 18. Geburtstags am 1. April 1989 - auch in den USA der "Aprils Fool's Day" - mit Schminke im Gesicht begann: "You woke up with a full face of 1980's glamour eyes, blush and lipstick."

Auf die "good times and good memories" folgt die bittere Wahrheit. Ave schreibt, dass ihr Bruder Danny am 8. September 1997 bei einem Autounfall in Trumbull ums Leben gekommen und auf dem Friedhof des Städtchens begraben ist: "Danny als jungen Mann verloren zu haben, wird für immer schmerzen - aber zu wissen, dass er sein kurzes Leben an der Seite von wunderbaren Freunden genossen hat, tröstet ein bisschen."

Ich muss schlucken. Nach der schwierigen Suche bin ich zwar nicht vollkommen überrascht über die traurige Nachricht. Dennoch berührt sie mich: Als ich gerade mein Studium abgeschlossen habe, war Dannys Leben schon zu Ende! Wie gern hätte ich den Mittvierziger-Danny getroffen, ob real oder über Skype. Ein tolles Austauschbrüder-Revival wäre das geworden: Wir hätten uns die alten Storys erzählt, unsere Erinnerungen abgeglichen, Quatsch gemacht. Er, größter "Anneliese Schmidt"-Fan aller Zeiten, hätte den Refrain ganz sicher bis heute in der "Germany"-Schublade seines Gedächtnisses abgelegt. Ich hätte ihm erzählt, dass die Ärzte 1994 auch eine englischsprachige Version aufgenommen haben: "Analyzer Smith". Wir hätten sie gemeinsam angehört - und uns kaputtgelacht.

Mit Ave tausche ich Fotos und Erinnerungen aus, erzähle von Dannys Zeit in Düsseldorf, unserem Berlin-Trip, seiner Straßenbahngesangseinlage für Campino. Nun kennen auch die anderen Boudreaus Dannys Vorliebe für die Ärzte und die Toten Hosen. Und natürlich schicke ich Ave einen YouTube-Link der Originalversion von "Anneliese Schmidt". Sie möchte das Stück ihren Kindern vorspielen, drei Mädchen und einem Jungen.

Tags darauf schickt Ave eine Mail: "Meine Kids lieben den Song, und während wir uns schreiben, habe ich Danny vor Augen, wie er dazu tanzt."

insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
Hans-Gerd Wendt, 24.01.2018
1. Begründung
Hhmm... liest sich gut und auch nicht uninteressant... aber welchen Grund hat es, diese Erinnerungen ausgerechnet bei SPON zu bringen?
Hans Müller, 24.01.2018
2. Was wohl aus all den Leuten geworden ist, die wir im Leben...
so getroffen und Zeit miteinander verbracht haben? Da gab es nette Menschen, Spinner, total unsympathische usw. Manche leben wohl gar nicht mehr, andere leben auf anderen Kontinenten, und wieder andere trifft man irgendwann mal per Zufall wieder (und erkennt sie dann evtl. gar nicht).
Annette Riestenpatt, 24.01.2018
3. Banal, aber ...
Ich finde den Beitrag nicht so unpassend. Er ist ein wenig schmonzettig, hätte mir ein bisschen Hintergrund Infos zu Schüleraustausch oder sowas gewünscht.
Peter Fidelka, 24.01.2018
4. AW: Begründung
…weil weder Sie noch ich diese bittersüße Geschichte hätten lesen können, wenn der Verfasser sie nur in sein Notizbuch geschrieben und nicht auf SPON veröffentlicht hätte. Fragen gibt’s.. Ich mag den Text und die Bilder jedenfalls sehr und finde mich aus mehrerlei Gründen darin wieder. Danke an Sebastian Brück und Danny Boudreau!
Joachim Stephan, 24.01.2018
5. Danke...
... für diese schöne Geschichte! Es finden sich immer welche, die etwas auszusetzen haben. Egal.
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