Auswärtiges Amt Diplomaten der "Endlösung"

Wenn Beamte Morde planen: In einem Skihotel im Riesengebirge berieten deutsche Diplomaten im April 1944, wie sie die "Endlösung" vorantreiben könnten. Weil Adolf Eichmann absagte, ist das Treffen der "Judenreferenten" bis heute kaum bekannt - dabei widerlegt es die Mär vom "anständigen" Auswärtigen Amt.

Von Sebastian Weitkamp


Am 21. Juli 1942 versammelten sich im New Yorker Madison Square Garden an die 20.000 Menschen, um gegen ein Drama zu demonstrieren, das sich Tausende von Kilometern entfernt, auf der anderen Seite des Atlantiks abspielte: die systematische Ermordung von Juden durch die Nazis. Höchste Polit-Prominenz war unter den Rednern: US-Vizepräsident Henry A. Wallace, auch First Lady Eleanor Roosevelt. "Protest ist nur sinnvoll, wenn er in die Tat umgesetzt wird!", forderte der damalige Bürgermeister von New York City, Fiorello La Guardia, unter dem tosenden Beifall der Menge.

Dass Adolf Hitlers Regime einen Vernichtungskrieg gegen die Juden Europas betrieb, war Mitte 1942 weltweit längst ein offenes Geheimnis. Den Alliierten lagen zu diesem Zeitpunkt derart viele Meldungen über Massaker und Deportationen vor, dass nur die Schlussfolgerung eines systematisch betriebenen Massenmords blieb. Fast täglich kamen neue, schreckliche Details ans Licht. "Über eine Million Juden umgekommen", titelte am 3. Juli 1942 die deutschsprachige New Yorker Zeitung "Aufbau" und berichtete von "fahrbaren 'Gaskammern'", die von den Nazis in Polen eingesetzt würden.

Die öffentliche Erregung über die Untaten setzte die Westalliierten unter Handlungsdruck - am 17. Dezember 1942 veröffentlichten die Regierungen der Anti-Hitler-Koalition eine feierliche Erklärung, die die Morde an den europäischen Juden verurteilte und den Tätern nach dem Krieg mit Strafverfolgung drohte.

Propagandakrieg gegen ein offenes Geheimnis

Dass der Judenmord im Osten nach und nach publik wurde, blieb nicht ohne Eindruck auf die Verbündeten des NS-Regimes. Anfangs hatten sie den Holocaust hingenommen oder sogar aktiv unterstützt. Als sich nach dem Fall von Stalingrad im Februar 1943 jedoch die deutsche Niederlage abzeichnete, versuchten nicht wenige von Hitlers Verbündeten, sich nicht weiter in den Völkermord verstricken zu lassen. "Je ungünstiger die militärische Lage war, desto weniger waren die uns befreundeten Länder bereit, die ursprünglich eingeschlagene Judenpolitik weiter zu verfolgen", konstatierte nach dem Krieg der "Judenreferent" des Auswärtigen Amtes (AA) in Berlin, der Diplomat Eberhard von Thadden.

Hitlers Diplomaten stellten die durchgesickerten Informationen über das, was später Holocaust genannt wurde, vor ein massives Problem. Um die internationale Empörung zu mindern und zugleich die Achsenpartner bei der Stange zu halten, musste das AA die Mordpolitik so gut wie möglich verschleiern - und setzte dazu auf verstärkte antisemitische Propaganda auch im Ausland. Eigens zu diesem Zweck schuf das AA im Sommer 1943 einen "Juden-Ausschuss", der später zur Informationsstelle XIV ("Antijüdische Auslandsaktion") ausgebaut wurde und eng mit Heinrich Himmlers Reichssicherheitshauptamt sowie dem Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg zusammenarbeitete.

Die "Antijüdische Auslandsaktion" unterstand Horst Wagner, dem persönlichen Verbindungsmann zwischen Außenminister Joachim von Ribbentrop und SS-Chef Himmler; der schon erwähnte "Judenreferent" des AA, Eberhard von Thadden, war Wagners Stellvertreter. Im Januar 1944 schlug Wagner eine Konferenz vor, an der sowohl Vertreter der Auslandsmissionen wie auch die "Arisierungsberater" der SS in den besetzten Ländern Europas teilnehmen sollten. Dort sollten Absprachen zur weiteren "Judenpolitik" und zur Propaganda getroffen werden.

Ribbentrop und Himmler stimmten zu. Wegen der alliierten Bombenangriffe auf Berlin wünschte der "Reichsführer SS" allerdings, die Tagung außerhalb der Hauptstadt abzuhalten - ihn plagte die Sorge, dass bei einem "Unglücksfall nicht alle Spezialisten gleichzeitig verlorengehen". Also wurde das auf Anfang April 1944 anberaumte Treffen ins Ausweichquartier des AA nach Krummhübel im Riesengebirge auf halbem Wege zwischen Breslau und Aussig verlegt. Die SS allerdings konnte ihre wichtigsten Leute wegen dringender Geschäfte doch nicht schicken. Adolf Eichmann, der Hauptorganisator des Holocaust in Himmlers SS-Imperium, hatte zwar schon telefonisch zugesagt - aber er und seine "Arisierungsberater" waren im Frühjahr 1944 voll und ganz mit den gerade anlaufenden Deportationen der ungarischen Juden nach Auschwitz beschäftigt.

"Physische Beseitigung des Ostjudentums"

Die Konferenz der "Judenreferenten" aus ganz Europa wurde damit praktisch zu einer internen Veranstaltung des Auswärtigen Amtes. Trotz der Absage der SS liefen die Vorbereitungen auf Hochtouren weiter. Eine Mitarbeiterin der kulturpolitischen Abteilung notierte: "Freitag, 31. März: Fieberhafte Tätigkeit in der ganzen Abteilung. Anlässlich dieses wichtigen Ereignisses ist plötzlich sogar wieder Kohle herbeigezaubert worden; unsere Baracken sind praktisch zum ersten Mal in diesem Winter geheizt. Man könnte glauben, der Papst käme."

Am 3. April 1944 begann die Konferenz von Krummhübel in dem requirierten Skihotel Sanssouci. Von den Wänden grüßten antisemitische Plakate die Teilnehmer, Broschüren ähnlichen Inhalts lagen aus. Außer den Vertretern der Berliner AA-Zentrale waren Diplomaten aus den Auslandsmissionen in Dänemark, Frankreich, Italien, Kroatien, Schweden, Türkei, Schweiz, Rumänien, Slowakei, Spanien und Portugal angereist - insgesamt rund 30 Teilnehmer. Aus Himmlers Imperium kamen lediglich zwei Vertreter des Reichssicherheitshauptamtes und der Polizei-Attaché

aus Sofia, ein hauptamtlicher SS-Führer. Da es an den Botschaften formal noch keine "Judenreferenten" gab waren meist Kulturattachés erschienen, in deren Aufgabengebiet die "Judenpolitik" in der Regel fiel. Gleichwohl wurde das Treffen amtsintern immer als "Arbeitstagung der Judenreferenten" apostrophiert.

Kurz nach 9 Uhr ging es an die Arbeit. Professor Franz Alfred Six hielt den Eröffnungsvortrag über die "politische Struktur des Weltjudentums". Der SS-Oberführer hatte im "Reichssicherheitshauptamt" die "Weltanschauliche Forschung" geleitet und war im April 1943 zum Leiter der kulturpolitischen Abteilung im AA ernannt worden. Six erklärte den Anwesenden, der "Kraftquell" des gesamten europäischen Judentums läge im Osten. Damit aber sei es nun vorbei, erklärte Six dem Protokoll zufolge in aller Offenheit, denn "die physische Beseitigung des Ostjudentums entziehe dem Judentum die biologischen Reserven". Dabei wusste Six, wovon er sprach - als SS-Führer an der Ostfront hatte er im Sommer 1941 die Anfänge des Genozids an den Ostjuden vor Ort miterlebt.

Werben für den Massenmord

Dann ergriff Eberhard von Thadden das Wort. Der 34-Jährige war seit einem Jahr offizieller "Judenreferent" in der Zentrale des Auswärtigen Amtes und über die Vernichtungspolitik des NS-Regimes bestens im Bilde. Laut Protokoll sprach von Thadden über die "antijüdischen Exekutivmaßnahmen" in Europa und betonte dabei die Notwendigkeit der "Aussiedlung der Juden in die Ostgebiete" - eine kaum verhüllte Umschreibung für Deportationen. Von den aus ganz Europa angereisten Beamten verlangte von Thadden, jegliche Propaganda zu unterdrücken, die die deutschen Maßnahmen gegen Juden behinderte. Die Kollegen sollten in ihren Einsatzländern vielmehr um Verständnis für Judenpolitik werben - und laufend nach Berlin berichten, wie "verschärfte Maßnahmen gegen das Judentum" durchgeführt werden könnten.

Nach zwei Tagen Vergatterung reisten die Referenten aus dem Riesengebirge zurück an ihre Dienstorte - im Gepäck den klaren Auftrag, die "Judenpolitik" des Nationalsozialismus mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln zu unterstützen. Was das hieß, konnte kaum einem der Anwesenden verborgen geblieben sein. Gruppenleiter Horst Wagner jedenfalls wertete die Krummhübel-Konferenz im Sommer 1944 als "großen Erfolg", sein Chef Ribbentrop unterrichtete Hitler persönlich davon.

Auch wenn sich aufgrund des Kriegsverlaufes nur wenige konkrete Maßnahmen als Folge des Treffens nachweisen lassen: Die Konferenz von Krummhübel bedeutete eine ganz und gar unzweideutige Willensbekundung des Auswärtigen Amts, die "Endlösung" mitzutragen und bei ihrer Umsetzung auf das Engste mit der SS zusammenzuarbeiten. Aber ist damals in Krummhübel wirklich offen über den Massenmord gesprochen worden? Die im Protokoll festgehaltenen Äußerungen von Alfred Six und anderen deuten darauf hin. Mindestens wurden die Vorgänge im Osten dort in einer Weise umschrieben, dass die Teilnehmer einen Massenmord an der jüdischen Bevölkerung annehmen mussten. Ausdrücklich ließ von Thadden Einzelheiten der von ihm beschriebenen "antijüdischen Exekutivmaßnahmen" aus Geheimhaltungsgründen nicht protokollieren.

"Weltanschauliche Soße"?

Um nicht als Mitwisser der Vernichtung angeklagt zu werden, behaupteten nach dem Krieg fast alle Teilnehmer, Formulierungen wie "antijüdische Exekutivmaßnahmen" oder "physische Beseitigung des Ostjudentums" hätten keineswegs die Vernichtung der Juden gemeint. Andere leugneten, dass diese Ausdrücke überhaupt gefallen seien. Ribbentrop wollte während des Nürnberger Prozesses noch nicht einmal von der Tagung gewusst haben.

Dass "Endlöser" Eichmann so kurzfristig abgesagt hatte, wurde für die Teilnehmer nachträglich zum Glücksfall - wäre er dabei gewesen, Historiker und Kriminalisten hätten sich die Vorgänge dort sehr viel genauer angeschaut. So aber spielten die Beteiligten nach 1945 die Bedeutung von Krummhübel mit vereinten Kräften herunter. Für die einen war die Tagung eine reine "Lachnummer", andere behaupteten, es sei allein darum gegangen, das Propagandaministerium auszustechen. Die einzige Tagungsteilnehmerin erklärte, sie habe den Abend zuvor derart mit Six gezecht, dass sie sich an nichts Genaues mehr erinnern könne. Von Thadden behauptete nach 1945, er selbst habe in Krummhübel nur die antijüdische Gesetzgebung referiert. Und Six' Vortrag, so von Thadden, sei lediglich "weltanschauliche Soße" gewesen, die "über den Pudding einer solchen Tagung zwangsläufig gegossen werden musste".

Die kollektive Verleugnungstaktik hatte Erfolg. Nicht ein Beamter wurde nach dem Ende des "Dritten Reichs" zur Verantwortung gezogen. Einige der Tagungsteilnehmer konnten ihre Karrieren nach 1945 sogar fortsetzen. Der Abgesandte der Pariser Botschaft in Krummhübel, Peter Klassen, wurde schon 1952 wieder in den Auswärtigen Dienst aufgenommen. Er arbeitete später an den Missionen in London und Madrid und leitete zwischenzeitlich jahrelang das Politische Archiv des Auswärtigen Amtes. Franz Alfred Six wurde Werbeberater bei Porsche und Unternehmensberater in Essen. In der nordrhein-westfälischen Wirtschaft fand auch von Thadden bis zu seinem Tode 1964 gut bezahlte Posten.

Seit dem Frühjahr 2005, 60 Jahre nach Kriegsende, versucht das Auswärtige Amt, solche Allianzen des Schweigens in den eigenen Reihen zu brechen. Als der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) befand, ehemalige NS- und SS-Führer hätten in der amtseigenen Gedenkkultur keinen Platz, hagelte es empörte Kritik aus den Reihen ehemaliger Diplomaten. Eine unabhängige Historikerkommission, von Fischer eingesetzt, soll seither die braune Vergangenheit des Auswärtigen Amtes aufarbeiten.

Die Ergebnisse stehen noch aus: Der Bericht ist für Ende des Jahres 2008 angekündigt.

Zum Weiterlesen:

Dr. Sebastian Weitkamp ist Autor des Buches "Braune Diplomaten", erschienen im Dietz Verlag, Bonn 2008.



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Seite 1
Gerhard Fulda, 23.09.2008
1.
Es ist fast bösartig falsch zu behaupten: "Als der damalige Bundesaußenminister Joschka Fischer (Grüne) befand, ehemalige NS- und SS-Führer hätten in der amtseigenen Gedenkkultur keinen Platz, hagelte es empörte Kritik aus den Reihen ehemaliger Diplomaten." Der Protest richtete sich in erster Linie gegen AM Fischers Entscheidung, aus diesem Anlaß sämtlichen ausgeschiedenen Diplomaten ein ehrendes Angedenken zu verweigern. Der Protest forderte vor allem sorgfältige Prüfungen eines jeden einzelnen Falles. Die Formulierung des Artikels unterstellt den ehemaligen Diplomaten, sie hätten sich für eine Ehrenrettung schwer belasteter Angehöriger des AA aus der NS Zeit eingesetzt, davon kann jedoch keine Rede sein.
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