Auswanderung in die DDR "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin"

Auswanderung in die DDR: "Bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin" Fotos
angela zumpe/Cine impuls Leipzig

Aus freien Stücken in die Diktatur: 1968 ging Reinhard Zumpe aus dem Westen in die DDR, kehrte dann zurück und nahm sich das Leben. 40 Jahre später drehte seine Schwester Angela Zumpe einen Dokumentarfilm. Dabei traf sie auf Menschen, die auch in den Osten ausgewandert waren - nicht alle freiwillig. Von

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"Geh doch rüber!" - Diesen Spruch bekam man 1968 immer wieder zu hören. Wer in der heißen Phase der Studentenrevolten die Bundesrepublik kritisierte, der konnte ja gehen. Rüber in die DDR. Aber wer wäre ernsthaft auf die Idee gekommen, diesen irrwitzigen Schritt zu wagen?

Mein Bruder war schon vor 1968 nach Ost-Berlin gereist. Das Geld, das man bei einer solchen Reise damals zwangsweise umtauschen musste, ließ sich kaum ausgeben. Alles war spottbillig. Jedes Mal kam Reinhard mit neuen Schallplatten und Büchern beladen zurück. Angetan hatten es ihm Dostojewksi und Puschkin, nicht so sehr Marx und Engels. Zu Hause in West-Berlin ging er mit mir, der kleineren Schwester ins Kino. Wir ließen keinen Film der "Nouvelle Vague" aus, was mir das Gefühl einer verschworenen Gemeinschaft gab. Ich verstand zu der Zeit wenig vom politischen Hintergrund der Filme von Godard und Truffaut, aber die Aufbruchstimmung gefiel mir. In jener Zeit suchte er auch Kontakt zur Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft. Sein Interesse für die russische Kultur war groß. Ich fand das ziemlich exotisch.

Als er 20 Jahre alt war war, 1967, fuhr er ohne mich mit dem Motorrad nach Paris. Die dortigen Studentenrevolten hatten ihn angezogen. Nach seiner Rückkehr zog mein Bruder aus unserem Elternhaus aus. Die Konflikte zwischen ihm und meinem Vater hatten sich zu sehr verschärft. In einem Pamphlet mit dem Titel "Warum ich aus der Kirche austrete" hatte mein Bruder unseren Vater, einen Pfarrer, als autoritären Mitläufer bezeichnet. Dessen Erklärungsversuche, warum gegen das Nazi-Regime nichts auszurichten gewesen sei und sein Credo "Nie wieder Krieg" hatte mein Bruder immer wieder als hilflose Rechtfertigungsversuche abgetan.

Die Spur verliert sich

Im Sommer 1968 dann teilte er uns das Unfassbare mit: Bereits in den nächsten Tagen werde er in die DDR übersiedeln, um die dortige Staatsbürgerschaft anzunehmen. Ich war 16 Jahre alt und wütend und enttäuscht. Wir waren Verschworene gewesen, das hatte ich jedenfalls geglaubt. Aber diese weitreichende Entscheidung hatte er ohne mich getroffen. Meine Eltern waren fassungslos. Ein wahnsinnigeres Unterfangen war in ihren Augen nicht denkbar.

In der DDR verlor sich die Spur meines Bruders. Erst als er sich 1969 das Leben nahm, hörten meine Eltern und ich das erste Mal wieder etwas von ihm. Reinhards Nachbarin rief an, ich war allein zu Hause, weil mein Vater den Gottesdienst hielt. Ich verstand zunächst gar nichts und konnte nicht glauben, was passiert war. Mein Bruder war tot. Während mein Vater in einer Kirche das Heil verkündete, hatte sich Reinhard aus dem vierten Stock eines Mietshauses in die Tiefe gestürzt. Irgendwie war er wieder nach West-Berlin zurückgekommen.

Nach seinem Selbstmord war mein Bruder ein regelrechtes Tabuthema für meine Eltern. Erst Jahrzehnte später, nach ihrem Tod, konnte ich wieder unbefangen an Reinhard denken und mir die eine Frage stellen: Was war ihm widerfahren da drüben? In diesem anderen Deutschland.

"Das wichtigste in meinem Leben war die Sache des Sozialismus"

Ich begann 2007, fast 40 Jahre nach dem Tod meines Bruders, mit den Recherchen zu einem Dokumentarfilm. Ich suchte nach Menschen, die wie Reinhard in die DDR übergesiedelt waren. Ich fand schnell heraus, dass 1967 insgesamt fast 2500 Menschen in die DDR gegangen waren, vereinzelt aus politischen, größtenteils aber aus familiären und wirtschaftlichen Gründen. Über die kurze Zeit meines Bruders in der DDR wusste ich nichts. Sollten meine Eltern etwas gewusst haben, hatten sie es mit ins Grab genommen. Ich hoffte, dass meine Recherchen Licht ins Dunkel bringen würden.

Zuerst traf ich auf Salomea. Sie war aus Begeisterung in die DDR gegangen. "Das Wichtigste in meinem Leben", sagte sie, "war die Sache des Sozialismus und die Partei, meine Beziehung zu Freunden, zu Verwandten, sogar zu einem Liebhaber war mir nicht so wichtig."

Salomea war 1939 als Siebenjährige mit ihren Eltern aus Berlin nach Australien geflohen, wo sie als Jugendliche zur flammenden Kommunistin wurde. Der Besuch der Weltjugendfestspiele 1951 in Ost-Berlin bestärkte ihre Schwärmerei für die sozialistische Idee. Ihrem zweiten Übersiedlungsantrag wurde 1963 schließlich stattgegeben. Sie arbeitete als Journalistin, Übersetzerin und auch als IM für die Staatssicherheit. Obwohl ihre Ansprüche an die sozialistische Gesellschaft mit der gelebten Realität schon in den sechziger Jahren zusehends in Widerspruch gerieten, blieb sie bis 1982 Mitglied der SED und IM. Sie hielt fest an der Überzeugung, für die richtige Sache einzustehen.

Suche im ehemaligen Aufnahmeheim Saasa

Auf meine Frage, ob sie glaube, dass sich mein Bruder in der DDR zurechtgefunden hätte, sagte Salomea: "Seine Probleme hätten da angefangen, wo er versucht hätte, eigene Ideen zu realisieren, denn das war in der Partei nicht erwünscht." Ich fragte mich, ob mein Bruder womöglich mit einer Vision in die DDR gegangen war.

Während der Zeit, in der ich mich mit Salomea regelmäßig traf, war ein Dokument des Ministeriums für Inneres der damaligen DDR im Bundesarchiv aufgetaucht. Es besagte, dass mein Bruder sich, wie alle Übersiedler, in einem Aufnahmeheim in dem thüringischen Ort Saasa aufgehalten hatte. Eine erste Spur.

In Saasa traf ich zufällig auf Roland Geipel. Er war zur gleichen Zeit wie mein Bruder in dem Aufnahmeheim gewesen, in die DDR war Geipel wegen der Liebe zu einer Frau gekommen: "Ich habe mich auf den Systemwechsel zwei Jahre vorbereitet. Ich bin hierher gekommen und wurde zu meiner Person befragt. Die wollten alles wissen. Wie viel Geld ich in der Bundesrepublik hatte, ob ich Schulden hatte. Ich habe mir die Fragen angehört und versucht so zu reagieren, dass ich mich nicht zu weit hinauslehne." Geipels Auswanderung war sorgsam geplant, die meines Bruders überstürzt. Leider hatte Roland Geipel Reinhard nicht kennengelernt und konnte mir nichts sagen über Motivationen, Wünsche und Vorstellungen, die mein Bruder möglicherweise in die DDR mitgebracht hatte.

"So etwas gab es in der DDR nicht"

Einige Zeit später lernte ich Henriette S. kennen. Als 14-Jährige wurde sie von ihrer Mutter und ihrem Stiefvater in die DDR mitgenommen, wo sie bis zu ihrer Flucht 1974 lebte: "Raus aus den Jeans und rein ins Blauhemd, so ähnlich war das. Ich kam ja aus dem Rock'n'Roll sozusagen und plötzlich stand Freie Deutsche Jugend an. Ich hatte von nichts eine Ahnung. Natürlich waren alle in der FDJ. Und ich bin auch in die FDJ gekommen, gefragt hat mich doch keiner." Mein Bruder, dachte ich, könnte auf die gleichen Schwierigkeiten gestoßen sein wie die junge Henriette, der der DDR-Alltag mehr und mehr aufstieß: "Ich wurde während der Schulzeit ins Internat zwangsstrafversetzt, wegen Aufmüpfigkeit. Weil ich mich geweigert hatte, eine Erdkundearbeit zu schreiben, die eigentlich eine Polit-Ökonomiearbeit war."

Henriette S. erwähnte auch die schwärmerischen Besucher aus dem Westen und wie sehr sie sich über diese Leute geärgert habe: "Die sind mir total auf die Nerven gegangen mit ihrem Geschwätz von Sozialismus und Arbeitern und Bauern und Kommunismus. Ich hab immer nur gesagt: 'Warum kommt ihr nicht her und bleibt hier? Lebt doch mal hier.'" Mein Bruder Reinhard hat das versucht.

Einen weiteren wichtigen Gesprächspartner im Rahmen der Recherche fand ich in Stefan Wolle. Er war in der DDR groß geworden und studierte an der Ost-Berliner Humboldt-Universität. Von ihm wollte ich wissen, wie er die West-Berliner Studentenrevolten wahrgenommen hatte: "So etwas gab es ja in der DDR nicht. Es war ein Stück gelebte Demokratie. Man hat die Sitzungen der Untersuchungskommission wegen des Mordes an Benno Ohnesorg im Fernsehen verfolgt, wo Rudi Dutschke den Richter angriff und sagte, er wäre ein Nazi. Das war ein Stück mediale Demokratie, die auch eine gewisse Überlegenheit der westlichen Gesellschaft zeigte."

Zerstörte Hoffnungen?

Während im Westen die Studenten revoltierten, ließ der Prager Frühling einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz in greifbare Nähe rücken. Hatte dessen Niederschlagung die politischen Hoffnungen meines Bruder zerstört? Ich werde nie herausfinden, ob der Freitod meines Bruder eher politische oder persönliche Gründe hatte. Oder ob sich Politisches und Persönliches in seinem kurzen Leben überhaupt voneinander trennen ließen.

Für mich war die DDR nie ein Land der Hoffnung gewesen. Trotzdem habe ich mir immer gewünscht, dass mein Bruder dort glücklich war. Dass er seinem Leben so kurz nach seiner Übersiedlung ein Ende setzte, lässt etwas anderes vermuten. Auch am Ende meiner Recherche hatte ich die Antwort nicht gefunden.

Der Schriftsteller Thomas Brasch, Sohn eines hohen SED-Funktionärs, verließ die DDR 1976. Er hatte gegen die Ausweisung Wolf Biermanns protestiert und gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings Flugblätter verteilt. In einem Brasch-Gedicht höre ich die Stimme meines Bruders:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber

wo ich bin will ich nicht bleiben, aber

die ich liebe will ich nicht verlassen, aber

die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber

wo ich lebe will ich nicht sterben, aber

wo ich sterbe, da will ich nicht hin

bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

"Transit", Dokumentarfilm, 80 Minuten, Deutschland 2009/10 von Angela Zumpe. Premiere beim Festival "Achtung Berlin" am 18. April 2010 um 20.15 Uhr im Babylon Mitte. Wiederholungen: 19. April 2010 um 22.30 Uhr am Friedrichshain, 20. April um 17.30 Uhr Passage Neukölln.

Im Fernsehen ist der Film am 3. März 2011 um 23.30 Uhr auf rbb zu sehen.

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1.
Arndt Hecker 30.04.2010
Herrlich, wie Frau Zumpe nach "drüben" blickt, ohne nach "drüben" zu schauen. Herrlich auch, wie Frau Zumpe nach wie vor der Meinung ist, durch ihren vermeintlich freiheitlichen Blick auf die ihr zu Füßen liegende Restwelt, Dinge beurteilen zu können, die sich in diesem Staat DDR abgespielt haben. Hier wurden die richtigen Menschen aus dem Westen Deutschlands nach einem schicksalhaften aber trotzdem naiven oder besser noch: wahnsinnigen Selbstversuch in der DDR bestenfalls in die weltanschauliche Resignation, schlimmstenfalls aber in den Selbstmord getrieben. Schade! Wieder ein Film, der trotz des Umfang der Recherche halbherzig DDR-Geschichte darstellt. Auch schade, das Frau Zumpes Film ebenfalls herzlich wenig zur tatsächlichen Aufarbeitung von DDR-Geschichte in allen Facetten beiträgt. Erschreckend jedoch, das Frau Zumpe mit dem freiheitlichen Blick über die Dinge nicht der Blick hinter das Anschauliche gelingt.
2.
Nils Beier 03.05.2010
Eine Geschichte, die Geschichte erlebbar macht! Ein interssanter Blick von außen auf die DDR vernüpft mit der emotionalen Suche nach dem Bruder. einestages bietet immer wieder spannende Einblicke.
3.
wolfgang lange 04.05.2010
wolfgang lange ich wünschte, dieser film käme vor augen und sinne vieler an politischer historie interessierter menschen. wie tief gespalten und mit ambivalenter verführerischer kraft dieses deutschland wirklich war, zeigt dieser auch emotional sehr eindringliche film. als jemand, der in der ddr aufgewachsen ist, kann ich nur die betrachtungsbalance bewundern und feststellen, ja, so war das leben in der ddr, die vielen irrtümer und selbstlügen der ideologischen verführer und verführten, von denen der film nachdrücklich und authentisch berichtet, eingeschlossen. für mich ist dieser dramaturgisch mit etlichen kunstgriffen schön aufgeladene film ein sehr lebendiges Dokument eines im zwiespalt seiner gesellschaftlichen konflikte gefangenen landes, dem das wunder der vereinigung gelang.
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