Wie Clärenore Stinnes um die Welt fuhr "Sie muss aus Stahl gemacht sein"

Mit drei Revolvern und 128 Eiern gen China: Vor 90 Jahren umrundete Clärenore Stinnes als erster Mensch im Auto die Erde. Die zähe Industriellentochter bezwang Räuber, Wölfe, Stürme - bis zum Drama in den Anden.

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Am 13. August 1928 haben die Abenteurer keine Kraft mehr, den dunkelgrünen Sechszylinder weiter per Handflaschenzug die steilen Schotterwände hinaufzuhieven. Zumal das Wasser im Kühler leer ist: Clärenore Stinnes und ihr letzter verbliebener Begleiter, Kameramann Carl-Axel Söderström, haben es getrunken, um nicht zu verdursten.

Zu Fuß stolpern sie völlig entkräftet durch die peruanischen Anden. Vier Tage lang, ohne Essen, ohne Orientierung. Söderström schrieb später in sein Tagebuch:

"Wir weinten wie die Kinder. Unsere Schuhe waren von Steinen zerschnitten, jeder Schritt brannte wie Feuer. Streckenweise krochen wir auf allen vieren. Schaum trat uns vor den Mund, überall glaubten wir, Wasser zu sehen - eine Täuschung unserer entzündeten Augen."

Als die beiden nach rund 50 Kilometern Fußmarsch endlich eine Hacienda erreichen, erkrankt der Kameramann, sein Fieber schnellt auf 41 Grad. Stinnes päppelt ihn mit einem Tee aus Kokablättern auf, 20 Peruaner schleppen den Wagen ab. Die Fahrt kann weitergehen.

Zehn Monate später sind sie am Ziel: 46.758 Fahrtkilometer zeigt der Tacho an, als Söderström und Stinnes am 24. Juni 1929 in Berlin einrollen. Sie sind die ersten, die per Auto um die Erde gefahren sind, durch 23 Länder. Von Frankfurt aus gen Osten: durch den Balkan über den Kaukasus nach Sibirien, durch die Wüste Gobi nach China und Japan, über die Anden, durch die USA. Und per Schiff zurück nach Europa.

Zierlich, aber zäh

25 Monate dauerte die Tour de Force durch Eis und Hitze, Schlamm und Geröll, oft gab es weder Straßen noch Karten, Tankstellen oder Werkstätten. Dass sie die lebensgefährliche Expedition meisterten, lag an der Starrköpfigkeit einer Frau, für die Umkehren keine Option war. "Sie muss aus Stahl gemacht sein, so wie sie alles aushält, ohne zu klagen", notierte Carl-Axel Söderström während der Fahrt über Clärenore Stinnes.


Ausschnitte aus dem Originalfilm "Im Auto durch zwei Welten" (Söderström/Stinnes, 1931). Sie wurden verwendet für den als DVD erhältlichen Dokumentarspielfilm "Fräulein Stinnes fährt um die Welt" (Taglicht Media 2009).


Was trieb die Tochter des mächtigen Industriellen Hugo Stinnes an? Diese zierliche Draufgängerin aus bestem Hause, die Kette rauchte, Hosen und Krawatte trug, gern und viel lachte? "Ach Gott, ich will die Welt aus eigener Anschauung kennenlernen, das ist alles", sagte sie einem Reporter der Wiener Zeitung "Die Stunde".

Doch davon wollte ihre Familie nichts wissen und Clärenore nicht sponsern. Also sammelte "Europas erfolgreichste Autofahrerin", so die "Leipziger Neuen Nachrichten", die nötigen 100.000 Reichsmark eben anderswo ein: Bosch, Continental und die spätere Firma Aral unterstützten ihre Fahrt, die schließlich für die Qualität deutscher Industrieprodukte werben sollte.

Sie spielte mit Zündkerzen statt Puppen

Lebe lieber ungewöhnlich: 1901 in Mülheim an der Ruhr geboren, spielt Clärchen schon als Mädchen lieber mit Zündkerzen als mit Puppen, mit 13 kennt sie alle Auto- und Motortypen auswendig.

Da ihr nach dem Tod des Vaters eine leitende Funktion im Stinnes-Imperium versagt bleibt, zieht sie nach Berlin. Die Mutter wünscht eine standesgemäße Heirat. Doch Stinnes wird Rennfahrerin: 1924 gewinnt sie unter dem Namen "Fräulein Lehmann" ihr erstes Rennen, bis 1927 sind es 17.

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Clärenore Stinnes: Frau am Steuer, ungeheuer!

Statt im Rennwagen bestreitet sie die Fahrt um die Erde jedoch mit einer gängigen Serienlimousine: Die Firma Adler schenkt ihr einen Standard 6 mit Drei-Gang-Getriebe und 50 PS, den sie "Kleiner" taufen wird. Einziger Umbau: Liegesitze zum Übernachten im Auto.

Drei Männer nimmt die alleinstehende Frau mit, zwei Techniker nebst Begleit-Lastwagen sowie einen Kameramann: Carl-Axel Söderström soll fotografieren und filmen. Die Wahl fällt auf ihn, weil er verheiratet und "als Schwede vielleicht auch etwas kühler in der Natur" ist, sagte Stinnes im Jahr 1986 rückblickend. So cool wie sie ist Söderström allerdings nicht - bald soll er seine Entscheidung bitter bereuen.

Mittagspause? Iss ein Ei

Am 27. Mai 1927 starten die Abenteurer von Frankfurt aus - schon am zweiten Tag eine Reifenpanne, kurz hinter Prag streikt die Kupplung. In Belgrad notiert Söderström: "Ich gäbe alles darum, wieder zu Hause zu sein. Und doch ist erst eine Woche vergangen von dieser entsetzlich langen Zeit."

In Moskau gibt der erste Techniker auf: Hans Grunow kehrt mit Blinddarmentzündung um. Stinnes aber rast weiter Richtung Osten.

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Aus Angst vor einem frühzeitigen Wintereinbruch treibt sie ihre Begleiter unnachgiebig an. Kein Stopp, nicht mal zur Mittagszeit: Neben drei Pistolen und drei Abendkleidern hat Stinnes 128 hartgekochte Eier eingepackt, am Steuer mit einem Butterbrot zu verzehren.

Söderström im Tagebuch: "Ich werde mit jedem Tag saurer und wünschte, ich hätte mich auf diese verdammte Reise nie eingelassen. Ob ich bis zum Ende durchhalte, weiß ich nicht." Doch nichts kann Fräulein Stinnes zur Umkehr bewegen, weder Telegramme ihrer deutschen Freunde noch eine Depesche von Außenminister Gustav Stresemann. Rückblickend schreibt sie in ihrem Buch "Im Auto durch zwei Welten":

"Wäre ich damals vom ersten Tage an nicht blind gewesen für alle Tücken des Materials in der Zerreißprobe, die uns bevorstand, dann hätte ich aufgegeben. Aber diese Vokabel fehlte in meinem Wortschatz."

Die Abenteurer trotzen Sandstürmen und Schlamm, hungrigen Wölfen und betrunkenen Russen, die mit Brotmessern auf sie losgehen. In Novosibirk geht ihnen auch der zweite Techniker, Viktor Heidtlinger, von der Fahne.

Boxkämpfe gegen die Angst

Ab sofort sind der hochgewachsene Schwede und die schmächtige Stinnes allein - und kommen sich näher. Wie nah, lässt die 26-Jährige offen. Die "schweren Gedanken" des Tages, notiert sie nur, vertreibe man sich mit abendlichen Boxkämpfen.

Im russischen Irkutsk muss das Duo zehn Wochen pausieren, bis der Baikalsee zugefroren ist. Dann wagen sie die Überfahrt. Immer wieder bricht das Eis auf, vor ihren Augen versinkt ein Schlitten samt Pferd im See. Eine Spalte öffnet sich unter dem Auto, Stinnes gibt Vollgas. Als sie am Ufer ankommen, bietet sie ihrem Begleiter das "Du" an - und betrinkt sich bis zum Filmriss mit Madeira und Wodka.

Bald schon lauern neue Gefahren: In der Wüste Gobi werden sie von kriegerischen Hunghutzen, chinesischen Warlords, verfolgt. Der Lastwagen geht in Flammen auf, kaum ist das Feuer gelöscht, bricht eine Feder. Stinnes:

"Wir arbeiteten fieberhaft, mehr mit dem Hammer als mit Geduld. Unsere Hände waren wundgerissen und blutig. (...) Die Eile wurde unsere Rettung, denn auf den Hügeln tauchten schon die nachfolgenden Hunghutzen auf. Wir sprangen in die Wagen, die Motoren zogen an und entführten uns unseren Verfolgern."

"Tagesleistung 150 Meter!"

Am 28. April 1928 erreicht das Duo Japan und fährt mit dem Schiff weiter, über Hawaii und Nordamerika bis nach Lima. In den Anden müssen sie sich den Weg mit Dynamit frei sprengen, Steigungen von 60 Prozent überwinden, kriechen nur noch voran. Söderströms Eintrag vom 12. August 1928: "Tagesleistung 150 Meter! Es sieht traurig aus."

Mit viel Glück überleben sie auch diese wohl brenzligste Situation. Ihre letzte große Etappe heißt Nordamerika. Die Abenteurer werden gefeiert wie Filmstars: Überall lauern Reporter, Henry Ford führt sie durch seine Firma in Detroit, US-Präsident Herbert Hoover lädt sie ins Weiße Haus ein.

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Gabriele Habinger, Carl-Axel Söderström:
Eine Frau fährt um die Welt - 1927–1929

Frederking & Thaler Verlag GmbH; 240 Seiten; 49,99 Euro.

Nach der Atlantik-Überfahrt steigt Martha Söderström in Le Havre ins Auto, um die letzten Kilometer gemeinsam mit ihrem Ehemann zu reisen. Die Fahrt verläuft einsilbig. Bald nach ihrem triumphalen Empfang in Berlin lässt sich Söderström scheiden - und heiratet seine Reisegefährtin.

Von Abenteuern haben die beiden vorerst genug: Sie gehen nach Südschweden, bewirtschaften einen Bauernhof, bekommen drei Kinder. Völlig abgeneigt ist Stinnes dem Nervenkitzel noch in hohem Alter nicht, wie sie 1986 in einem Interview erzählt:

"Ich würde heute die Fahrt noch mal machen, wenn ich damit Russen, Europäer und Amerikaner in einer Einheit zusammenschweißen könnte. Dann würde ich das trotz meines Alters noch mal machen. Selbst wenn ich auf der Strecke bleiben würde."

Zu einer erneuten Weltumrundung ist es nicht mehr gekommen: Die Frau aus Stahl, die einmal um den Erdball fuhr und die Liebe ihres Lebens fand, starb am 7. September 1990.


Zum Weiterlesen:
Clärenore Stinnes: Im Auto durch zwei Welten. Photos von Carl Axel Söderström, Berlin 1929 (Neuauflage: Wien 1996).
Michael Kuball/Clärenore Söderström: Söderströms Photo-Tagebuch 1927-1929. Die erste Autofahrt einer Frau um die Welt, Frankfurt 1981.



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insgesamt 8 Beiträge
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Sebastian Buhler, 21.12.2016
1. gute frau, guter mann...naja halbgut
schon ne harte tour. der fotograf ... naja, fader beigeschmack mit der Scheidung aber nix genaues im Artikel.
Markus Knappe, 21.12.2016
2. Aral als Sponsor 1928?
Bitte entschuldigen Sie meine Pedanterie, aber als Bochumer fällt mir diese Ungenauigkeit doch sehr auf. 1928 gab es noch keinen Mineralölkonzern Namens "Aral". Aral war damals lediglich Markenname eines 4 Jahre zuvor entwickelten klopffesten Kraftstoffs (benannt nach der Zusammensetzung aus Aromaten und Aliphaten). Vertrieben wurde dieser Kraftstoff von der Firma "Benzol Verband". Erst 1952 wurde aus dem Benzol Verband die Firma BV-Aral, 1962 dann Aral.
Rainer Girbig, 21.12.2016
3. Mach's noch einmal
"Zu einer erneuten Weltumrundung ist es nicht mehr gekommen: Die Frau aus Stahl, die einmal um den Erdball fuhr und die Liebe ihres Lebens fand, starb am 7. September 1990." Aber eine andere wandelt bzw. rollt derweil auf Clärchens Spuren: Heidi Hetzer ist auf einer Weltumrundung per Auto unterwegs und bezieht sich ausdrücklich auf die berühmte Vorgängerin: https://heidi-um-die-welt.com/
Robert Kraneis, 21.12.2016
4.
Hab mich gewundert, dass der Artikel keine filmischen Referenzen enthält, obwohl es sich um klassischen Hollywoodstoff handelt. wikipedia hat dann aber 2 deutsche Produktionen ausgespuckt. Eine davon, ein 53 min Doku ist noch ne Weile bei der ARD Mediathek verfügbar. http://www.ardmediathek.de/tv/Doku-am-Freitag/Fräulein-Stinnes-gibt-Gas-Mit-45-PS-vo/WDR-Fernsehen/Video?documentId=32607192&bcastId=12877116
Hauke Karstens, 21.12.2016
5. 60 Grad haha
Tolle Frau, tolle Reise, tolle Geschichte aber 60° Steigung überwinden, das schafft nur superwoman oder eher noch spiderwoman. Ein Blick aufs Geodreieck lässt ahnen das Frau dafür einen Kran gebraucht hätte. 60% ist aber auch noch heftig, die Autos waren ja damals doch recht massiv gebaut.
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