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24. November 2007, 15:31 Uhr

Autofreie Sonntage

Wenn der Scheich es will, stehen alle Räder still

Pferde in den Innenstädten und Schlittschuhfahrer auf der Autobahn: Wegen der Ölkrise durften in Deutschland an vier Sonntagen im Jahr 1973 keine Autos fahren.

Von wegen unverzichtbare Mobilität. Was eine Gesellschaft ohne Autos bedeutet, wurde am 25. November 1973 klar - und es wirkte keineswegs so, als sei den Deutschen ein zentraler Bestandteil ihres Lebens genommen worden. Keine Proteste, keine Transparente, keine verzweifelte Suche nach Taxis oder Linienbussen, die - wie andere öffentliche Verkehrsmittel sowie Einsatzfahrzeuge von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdiensten - von den im Zuge der Ölkrise für vier Sonntage verhängten Fahrverboten ausgenommen waren. Der Andrang auf die paar verbliebenen motorisierten Fortbewegungsmittel hielt sich in Grenzen.

"Wir hatten nicht mehr Geschäft als sonst auch", erzählt der Busunternehmer Heino Brodschelm im oberbayerischen Burghausen. "Die Leute hatten eher viel Spaß daran, auf der Straße spazieren zu gehen", glaubt sich der heutige Präsident des Landesverbands bayerischer Omnibusunternehmer zu erinnern. Und es klingt durchaus Verständnis durch. Wer fahren durfte, zum Beispiel als Arzt oder mit einer sonstigen Ausnahmegenehmigung, musste sich sogar auf spöttische Bemerkungen gefasst machen.

Viermal Fahrverbot

Über die Hintergründe der Ölkrise streiten bis heute die Gelehrten. Üblich ist die Erklärung, dass die erdölexportierenden arabischen Staaten mit einer Drosselung ihrer Ölausfuhren die USA und die westlichen europäischen Länder zwingen wollten, ihre Haltung gegenüber Israel zu ändern. Es kursiert aber auch die Version, die Entwicklung sei von den USA gesteuert worden, weil Ölpreissteigerungen wegen der seit 1945 üblichen Fakturierung von Öl in Dollar die amerikanische Währung stützen sollten.

Wie auch immer: Die Drosselung der Öllieferungen verfehlte ihre Wirkung nicht. Deutschland bezog damals drei Viertel seiner Rohöleinfuhren aus arabischen Ländern. Als das Öl ausblieb, mussten deutsche Industrieunternehmen ihre Produktion zeitweise einschränken. Es kam zu Kurzarbeit und Entlassungen.

Die deutsche Regierung unter Bundeskanzler Willy Brandt reagierte schnell. Am 9. November 1973 verabschiedete der Bundestag ein sogenanntes Energiesicherungsgesetz, das Sofortmaßnahmen erlaubte. Am 19. November 1973 verfügte Bundeswirtschaftsminister Hans Friderichs daraufhin für alle Autofahrer das Sonntagsfahrverbot für vier Sonntage im November und Dezember. Hinzu kam ein Tempolimit von 100 km/h auf allen Autobahnen. Außerdem wurden die Abgabemengen für Treibstoff begrenzt. In der Folgezeit wurden die Einschränkungen gelockert: Abwechselnd durften an Sonntagen die Fahrzeuge mit geraden und ungeraden Endziffern auf den Kennzeichen benutzt werden. Der Ölpreis war an einem Oktobertag von drei auf über fünf Dollar je Barrel - ein Fass mit 159 Litern - gestiegen, im Verlauf des folgenden Jahres kletterte er auf mehr als zwölf Dollar.

Allein auf weiten Strecken

Heute sind längst ganz andere Dimensionen erreicht worden. Vor fünf Jahren kostete ein Barrel Öl 18 Dollar, inzwischen hat man sich an Größenordnungen von fast 100 Dollar gewöhnt. Dennoch nimmt die Weltwirtschaft bislang kaum erkennbaren Schäden. Ökonomen der OECD glauben daraus bereits folgern zu können, dass sich Ölpreis-Krisen inzwischen nicht mehr gravierend auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung auswirken, weil sie wegen struktureller Veränderungen der Wirtschaft weitaus besser als in den siebziger und achtziger Jahren verkraftet werden können.

Völlig allein unterwegs war an jenen Sonntagen auf weiten Strecken Hartmut Görges. Er war schon damals Geschäftsführer beim Verband des Tankstellen- und Garagengewerbes in Deutschland und hatte eine Ausnahmegenehmigung. Einen speziellen Ausweis benötigte er für seine Fahrten trotz des Verbots nicht. Er sei auch nicht angehalten worden, sagt er. Aber alles sei mit den Ordnungshütern abgesprochen gewesen. Gewundert hat er sich darüber schon, denn die Polizei erwischte am ersten Sonntag mit Fahrverbot fast 1300 Personen, die trotz allem nicht auf ihre Autos verzichten wollten. Als Konsequenz wurde das Bußgeld für solche Verstöße vervielfacht: Statt zuvor 80 DM mussten 500 DM berappt werden. Prompt wurden am zweiten autofreien Sonntag, dem 2. Dezember 1973, nur noch 222 Fahrer registriert, die es nicht lassen konnten.

Mit Schlittschuhen auf der Autobahn

Freizeitbeschäftigungen in weiterer Entfernung von daheim litten unter den Fahrverboten nicht unbedingt. So verzichteten die Mitglieder der Skiabteilung im TSV Tutzing keineswegs auf ihre regelmäßigen sonntäglichen Trainingsfahrten in den nahen Alpen. Busse, die sie für die Anreise benötigten, durften ja benutzt werden. Der damalige Sportwart Hans Hofmair weiß noch genau, wie fasziniert alle während der Fahrt vom Starnberger See nach Oberammergau ein ganz neuartiges Treiben auf den Straßen beobachten: "Da haben Kinder auf der Autobahn gespielt, an einigen Stellen sind sie auf der Straße sogar mit Skiern oder Schlittschuhen gefahren." An den Skiliften lief erst recht alles nach den Wünschen der Skifans aus dem Voralpenland, denn dort war wenig Betrieb. Die Anfahrt mit Zügen oder Bussen war den meisten wohl doch zu umständlich. So blieben die sonst üblichen Wartezeiten an den Liften dank Ölkrise aus.

Hans Meißner, damals Taxi-Unternehmer in München, musste sein Fahrzeug nicht stehen lassen. Der heute 62-Jährige, geschäftsführender Vorstand der Taxi-München eG und noch bis vor kurzem Präsident des Deutschen Taxi- und Mietwagenverband, unternahm damals auch mehrere längere Fahrten, so von München über Starnberg zum Ammersee. Die Stimmung sei gespenstisch gewesen, sagt er rückblickend. Für ihn war das "wie ein Vorgeschmack, als wenn die Welt untergeht". Auf der B2, die 1936 zwischen München und Garmisch-Partenkirchen zweispurig ausgebaut worden war und deshalb bis heute Olympiastraße genannt wird, begegneten ihm immerhin ein paar Traktoren.

Ölscheich mit Pferd

Ansonsten waren überwiegend Fußgänger und Radfahrer zu sehen - und außergewöhnlich viele Pferde. Zahlreiche Reiter nutzten die Chance, auf ihren Vierbeinern mitten durch die Städte zu stolzieren. In mehreren Städten ließen findige Tierhalter sogar ihre Fahrzeuge von Pferden durch die Straßen ziehen. Auf dem Nürnberger Hauptmarkt wählte zur allgemeinen Erheiterung ein Ölscheich diese Fortbewegungsmethode.

Ob zu Fuß, auf dem Drahtesel oder mit dem Ross: Die meisten schienen die ungewöhnliche Situation eher zu genießen. An den fast autofreien Sonntagen kam man per Taxi auf den leeren Straßen ungewöhnlich schnell voran. Zudem mussten die Fahrgäste weniger bezahlen als sonst, weil die Wartezeiten in Staus und an den Ampeln wegfielen, in denen der Taxometer unerbittlich weiterläuft. Selbst an den Bahnhöfen fiel Meißner kein außergewöhnlich reger Betrieb auf. "Die Leute haben wohl auf Reisen eher verzichtet", meint er. "Viele stellen sich halt schnell auf Änderungen ein." Jüngstes Beispiel: "Seit 1. September darf bundesweit in Taxis nicht mehr geraucht werden - und die Kunden akzeptieren es, als sei es nie anders gewesen."

Mehr Sprit für Stammkunden

Mit den Einkaufsbeschränkungen beim Treibstoff hatten viele Tankstellenbetreiber jedoch ihre liebe Not: Etliche Stammkunden zeigten nicht gerade viel Verständnis und forderten volle Tanks. Die völlig neue Anforderung, nach der einige Kunden privilegiert wurden, während andere die Limitierung zu akzeptieren hatten, stellte die Neutralität vieler Tankstellenbetreiber auf eine harte Bewährungsprobe.

Als Geschäftsführer eines Tankstellenverbandes sah sich Hartmut Görges in dieser Situation gefordert: Um nach dem Rechten und sehen und Ratschläge zu geben, fuhr er von Tankstelle zu Tankstelle. Dabei stellte er schnell fest, dass die Krisenregelungen tatsächlich vielfach nicht korrekt eingehalten wurden. Die Benzinzuteilung, erzählt er, sei "mehr oder weniger willkürlich" gehandhabt worden: "Stammkunden wurden natürlich oft besser bedient." Dagegen half kein Gesetz.

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