Automatenrestaurants Klapp satt

Automatenrestaurants: Klapp satt Fotos
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Kein Warten, kein Trinkgeld, keine Bedienung - stattdessen Speisen in kleinen Fächern: Automatenrestaurants galten Anfang des 20. Jahrhunderts als Inbegriff der gastronomischen Zukunft. Doch die Vision vom effizienten Speisen erwies sich auf Dauer ausgerechnet für die Wirte als zu schwer verdaulich. Von

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Das Lokal sollte einen Vorgeschmack auf die Zukunft bieten. Schon beim Betreten fiel der Blick auf eine breite Front in Messing und Chrom gefasster Glasscheiben, angeordnet wie die Schließfächer einer Bank. Der Raum war menschenleer. Hinter jeder Scheibe gab es eine Box, darin ein portioniertes Gericht: Hühnchenpastete, Bohnen und Speck, Bœuf bourguignon, Pumpkin Pie, Erdbeertorte oder Vanillepudding. Neben jeder Box befand sich ein Schlitz - für den Münzeinwurf. Hatte der Gast genug Münzen eingeworfen, klappte das Fensterchen auf und gab den Teller frei.

Automatenrestaurant nannte sich die Erfindung, die Anfang des 20. Jahrhunderts von Deutschland ausgehend rasend schnell die Welt eroberte. In den USA, England, Frankreich, den Niederlanden - überall öffneten Lokale, in denen es augenscheinlich kein Personal mehr gab. Kein Bestellen, kein Warten, kein Trinkgeld. Nur Speisen - schnell, günstig, effizient. Zumindest in der Theorie.

Heute, mehr als ein Jahrhundert später, hat der technische Fortschritt die Vision von der vollautomatisierten Gastro-Welt noch realistischer werden lassen: 2013 züchteten niederländische Forscher Buletten im Labor. Die Nasa arbeitet an der Entwicklung eines 3-D-Druckers für Lebensmittel. Die Apparatur soll in der Lage sein, völlig selbständig Pizza zu formen, zu beschichten und anschließend zu backen. Schon jetzt feiert die Automatenwirtschaft ihr Comeback.

Für Automatenrestaurants lässt sich das allerdings nicht unbedingt sagen: Sieht man von den Niederlanden ab, deren Bürger ihre Burger wohl tatsächlich mit Vorliebe aus den Schließfächern der Febo-Schnellimbisskette ziehen, hat sich der Hype um das Automatenrestaurant als bemerkenswert vergänglich erwiesen. Vielleicht auch, weil es sich dabei um ein großes Missverständnis handelte.

"Selbstthätige Verkaufsapparate"

1896 hatte die "Deutsche Automaten Gesellschaft", ein Zusammenschluss des Schokoladenfabrikanten Ludwig Stollwerck mit den Unternehmern und Erfindern Max Sielaff und Theodor Bergmann, die Idee auf der Internationalen Gewerbeausstellung in Berlin präsentiert: ein "electrisch-automatisches Restaurant". Die Hersteller wollten die vielseitige Verwendbarkeit ihrer "selbstthätigen Verkaufsapparate" demonstrieren und stießen mit ihrem Prototypen auf Begeisterung. Noch im November des gleichen Jahres eröffnete in Berlin das weltweit erste Automatenrestaurant, andere folgten bald. Sie hießen "Residenz-Automat", "Imperial-Automat" oder "Palast-Automat", waren zumeist in Jugendstil und Art déco eingerichtet und eröffneten in fast jeder größeren deutschen Stadt.

Die Geschäftsidee faszinierte auch den Amerikaner Frank Hardart, der sie von einem Berlin-Besuch mit nach Philadelphia nahm. 1902 eröffnete er dort mit Partner Joseph Horn sein eigenes "Automat". Es war der Beginn einer Unternehmung, die zu ihren besten Zeiten täglich bis zu 800.000 Gäste in ihren 180 Filialen zählte. Während Horn & Hardart zur weltgrößten Restaurantkette wuchs, ebbte der Boom in Deutschland in den zwanziger Jahren wieder ab. Die galoppierende Inflation brachte die Münzautomaten an ihre mechanischen Grenzen, mit Scheinen konnten sie damals nichts anfangen. Endgültig ausgebremst aber wurden die Restaurantbetreiber von einem Gesetz der Nationalsozialisten, das den Automatenbetrieb stark einschränkte - mit der Begründung, dass Automaten Arbeitsplätze gefährdeten.

Eine scheinbar richtige, tatsächlich aber unzutreffende Behauptung. Denn die Vorstellung, dass künftig Maschinen die Menschen ersetzten, war vor allem in diesem Fall eine Illusion. Niemand konnte ernsthaft glauben, dass sich all die kleinen Boxen selbsttätig mit Würstchen, Suppen und Tortenstücken füllten.

Sozialistische Automaten

In Wirklichkeit war der Arbeitsaufwand in Automatenrestaurants nicht geringer, sondern eher größer - der Gast bemerkte das nur nicht. Ein gewaltiger Personaleinsatz war nötig, wollte man jedes Kästchen jederzeit im Auge behalten und sofort auffüllen, sobald ein Teller aus der Auslage verschwunden war. Horn & Hardart schrieben ihren Angestellten sogar vor, in welcher Weise die Gerichte auf den Tellern anzuordnen waren, damit wirklich ein Menü dem anderen glich und zumindest den Anschein einer irgendwie "maschinellen" Fertigung erweckte. Zudem gab es strikte Vorschriften hinsichtlich der Qualität: Kein Gericht durfte über Nacht stehen bleiben. Ein frisch gepresster Orangensaft sogar nur zwei Stunden. War er in dieser Zeit nicht verkauft, musste er weggeschüttet werden.

Der "Automat" war im Kern lediglich eine Attrappe. Doch die Kundschaft von Horn & Hardart ließ sich offenbar gern täuschen. Und auch in Europa blieb dieser Erfolg nicht unbemerkt.

In Deutschland bekam das kellnerlose Konzept nach dem Krieg eine neue Chance - sogar im Osten. Die Partei- und Staatsführung der DDR hatte 1956 für den nächsten Fünfjahresplan die Direktive "Modernisierung, Mechanisierung und Automatisierung" ausgeben. Im Sommer 1961, wenige Wochen vor dem Mauerbau, berichtete das "Hamburger Abendblatt" von einem neuen Automatenrestaurant im Ost-Berliner Bezirk Pankow - mit sagenhaften 300 Automatenfächern. Eine süffisante Anmerkung mochte sich das Blatt nicht verkneifen: "Die Fächer können jedoch von den Gästen nicht geöffnet werden, weil die Klappen zu heiß sind: Die Planer haben vergessen, ein Kühlsystem einzubauen."

Das ging besser: In der Bundesrepublik entstanden Automatenrestaurants in den sechziger Jahren vor allem dort, wo es schnell gehen sollte: an Autobahnen. Doch der deutsche Autofahrer zeigte sich in diesem speziellen Fall nur bedingt technikverliebt. Begeisterung lösten sich drehende Tortenständer bestenfalls bei Kindern aus. Die zuständige "Gesellschaft für Nebenbetriebe der Bundesautobahnen" kündigte nach der Fertigstellung der Raststätte Allertal 1966 weitere Restaurants "mit zwei Gesichtern" an: In Zukunft sollte es in allen größeren Autobahnraststätten neben Automatenrestaurants auch "einen Gastraum mit der herkömmlichen Kellnerbedienung geben". Neben dem fehlenden Service konnten offenbar auch die angebotenen Billiggerichte nicht überzeugen.

"Abgefuckt"

Es war schlecht bestellt um den Ruf des deutschen Automatenrestaurants. Wie schlecht, machte eine Theaterinszenierung aus den frühen achtziger Jahren deutlich. "Unser Land ist ein abgefucktes Automatenrestaurant", lässt Dramatiker Gert Heidenreich darin einen 17-jährigen Vatermörder sagen und weiter: "Aber du kommst nicht weg. Du liegst hinter so 'ner Glasscheibe in einem von den vielen Kühlfächern, die Füße nach vorn. Und dann schmeißt einer n' Zehner rein und zieht dich raus und frisst dich. Dann bist du plötzlich Oberstudienrat." Es war kein Kompliment für Deutschland, aber erst recht keines für die einst so gefeierte deutsche Erfindung. Sie war zum Inbegriff sozialer Kälte und seelenloser Systeme geworden.

In den USA war das anders. Horn & Hardart hatten das Konzept der Illusion zu ihrem Geschäft gemacht: Jederzeit verfügbares, frisch zubereitetes Essen, das unberührt von Menschenhand aus glänzenden Maschinen kommt.

Am Ende allerdings war die Kette selbst Opfer dieser Illusion geworden, genauer: den daraus gespeisten hohen Erwartungen ihrer Kunden. So wie die amerikanischen Automatenlokale ihr Angebot aufrechterhielten, hatten sie in den fünfziger und sechziger Jahren deutlich höhere Personalkosten und auch mehr Ausgaben für hochwertigere Lebensmittel aufzubringen als die neu aufkommenden Fastfood-Ketten. So mussten sich Horn & Hardart schließlich der Billigkonkurrenz von McDonald's, Burger King und Co. geschlagengeben.

1991 schloss in New York das letzte "Automat". Das "Smithsonian Magazine" widmete ihm einen Nachruf. Wofür "Automat" gestanden habe, heißt es darin, seien "Qualität, guter Service und Sauberkeit". Automatisch gab es das allerdings nicht.

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1.
Rainer Hund 16.08.2013
Ich bin in den 50er Jahren in einer deutschen Großstadt aufgewachsen und habe solche Automaten nie gesehen. Diese Bilder sind völlig neu für mich. Das Ganze war wohl eher ein Nischenprodukt.
2.
Hans Mett 16.08.2013
>Ich bin in den 50er Jahren in einer deutschen Großstadt aufgewachsen und habe solche Automaten nie gesehen. Diese Bilder sind völlig neu für mich. Das Ganze war wohl eher ein Nischenprodukt. Wer hat denn etwas anderes behauptet? Es steht doch dort, dass es aus den USA und in Deutschland ist in erster Linie Berlin erwähnt. Vielleicht haben Sie auch einfach damals etwas verpasst ;)
3.
Peter Degrell 16.08.2013
Ein amerikanisches Automatenrestaurant ist in dem Film "Ein Hauch von Nerz" mit Doris Day zu sehen.
4.
Eva Kröcher 16.08.2013
An der ehemaligen Autobahnrststätte Seesen in Höhe der Ortschaft Ildehausen gab es in den 1960ern und 1970ern ein Automatenrestaurant. Es wirkte mit seinen Resopaltischen und Plastikstühlen allerdings wie eine billige Kantine, und auch die Speisen vom Pappdeckel waren nicht sehr verlockend: Leicht angetrocknete belegte Brötchen und heiße Gummiwürstchen.
5.
Karl Nappich 16.08.2013
Als in Hamburg-Berne ein neuer U-Bahnhof gebaut wurde, gehörte zur Ausstattung auch eine solche Automatenwand mit diversen Sncks und Speisen, sowie zwei Süßwarenautomaten (diese mit einem runden Schauglas in dem sich Tortenstückartig angeordnete Fächer befanden, und man dann das Fach mit dem gewünschten artikel nach unten, über den Ausgabeschacht drehte). Das alles war allerdings nur recht kurze Zeit in Betrieb, die leeren Automaten waren allerdings noch viele Jahre dort anzutreffen,bis sie einem Großumbau in den Achtzigerjahren zum Opfer fielen.
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