Automobilgeschichte Rekordjagd im Vollgas-Kettcar

Diese Höllenmaschine ließ alle Gegner abblitzen: Vor hundert Jahren gelang dem deutschen Autobauer Benz & Cie. ein grandioser PR-Coup. Sein Blitzen-Benz durchbrach als erstes Auto in Europa die 200-Stundenkilometer-Marke - mit Kettenantrieb und mehr als 21 Liter Hubraum.

Peter Helck

Von Ralf Klee und


Die Rahmenbedingungen erscheinen nicht gerade wie für einen Rekordversuch gemacht. Es ist der 8. November 1909, ein trüber Spätherbst-Montag an der Renn- und Teststrecke Brooklands nahe der Kleinstadt Weybridge in der südenglischen Grafschaft Surrey. Immerhin: Das Fahrzeug ist kein Montagsauto, ganz im Gegenteil.

Das Mannheimer Unternehmen Benz & Cie. hat einen spektakulären Rennwagen entwickelt, mit dem es in eine neue Dimension vorstoßen will. Ingenieur Hans Niebel ist ein technisches Meisterwerk gelungen. Der 29-Jährige hat einen gewaltigen Vierzylindermotor in ein Chassis einbauen lassen: 21,5 Liter Hubraum, 1600 Umdrehungen pro Minute, 200 Pferdestärken, die Kraftübertragung erfolgt durch eine Kette. Gesamtgewicht: 1450 Kilogramm - eine Höllenmaschine.

Um alles aus dem Benz 200 PS herauszuholen, bedarf es einer besonderen Rennstrecke mit langen Geraden, überhöhte Kurven und einem speziellen Asphalt-Beton-Belag - wie in Brooklands, ideal für ein motorsportliches Husarenstück: Die Traumgrenze der Geschwindigkeit von 200 Stundenkilometern soll an diesem Montag fallen. Mit einem Auto mit Verbrennungsmotor ist das zuvor noch nie gelungen. Ein Franzose soll den Rekord einfahren.

In eine neue Dimension

Mit seinem neuen Rennwagen hat Benz auch seinen besten Mann auf die Insel geschickt, Werksfahrer Victor Hémery. Der 32-jährige Bretone ist einer der erfolgreichsten Fahrer im frühen Grand-Prix-Rennsport. Hémery versteht sich nicht nur aufs virtuose Spiel mit dem Gas, sondern kennt sich als gelernter Mechaniker auch bestens mit allen anderen Details und Kniffen unter der Motorhaube aus.

Als er knatternd auf der Strecke auftaucht und den Wagen damit erstmalig der Öffentlichkeit präsentiert, stockt vielen Beobachtern der Atem. Die Karosserie ist erstaunlich eng, sie soll dem Fahrtwind nur geringe Angriffsfläche bieten. Mit seinem spitz zulaufenden Heck und dem ebenso geformten Wasserkasten am Kühler ähnelt der Benz einem Raubvogel. Hémery und sein Beifahrer, der die mit Druckluft betriebene Benzin-Handpumpe bedient, setzen ihre Brillen auf. Sie sind hochkonzentriert. Als Anlasser und Magnetzündung betätigt werden, gibt es kein Zurück mehr.

Der Benz 200 PS rast mit ohrenbetäubender Lautstärke über die Bahn. Alles läuft perfekt. Als Hémery nach fliegendem Start über eine halbe Meile gestoppt wird, ist es geschafft. Dank eines Apparats der Firma Holden ist erstmals die sekundengenaue Zeitnahme mit drei Nachkommastellen möglich. Und die neuartigen Messgeräte zeigen ungeheuerliche Werte an: Eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 205,666 km/h wird errechnet! Auch über die Kilometer-Distanz knackt der Franzose die 200er-Marke und erreicht mit dem Benz exakt 202,648 km/h.

PS-Propaganda

Die Werte bedeuten einen Quantensprung - in mehrfacher Hinsicht: Für den noch jungen Rennsport, die Entwicklung leistungsfähiger Automobile und natürlich für Benz & Cie., die mit ihrem Wunderwagen nun weltweit Schlagzeilen machen. Bereits wenige Tage später wird der Benz 200 PS in die USA verschifft. Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten verfügt nicht nur über viele vorzügliche Rennstrecken, sondern ist auch ein großer Markt.

Benz setzt seine PS-Propaganda fort. Das Unternehmen plant medienwirksame Schaukämpfe gegen den US-amerikanischen Fahrer Ralph de Palma, der in den Staaten viele Bestmarken hält. Bei der Organisation soll Jesse Froehlich helfen, der Direktor der Benz Auto Import Company in New York. Froehlich lässt viele der eingeführten Fabrikate über Rennstrecken flitzen, um den Bekanntheitsgrad der Marke zu steigern. Als der Veranstaltungsmanager Ernest "Ernie" Moross von der Einfuhr des Wunderwagens hört, tritt er mit seinem Fahrer Barney Oldfield an Froehlich heran - das Gefährt wechselt seinen Besitzer.

Es ist für beide Seiten ein lukrativer Deal: Die Moross Amusement Company verfügt nun über den schnellsten Wagen der Welt, gelenkt von einem der besten Fahrer überhaupt. Benz & Cie. kann sicher sein, mit dem erfahrenen Team dauerhaft die Schlagzeilen zu beherrschen. Und in der Tat: Moross und Oldfield mischen den Rennsportzirkus in Übersee kräftig auf. Ohne viel Training tritt Oldfield am 21. November 1909 in New Orleans erstmals mit dem deutschen Rekordwagen an. Er fährt Bestmarken und unterbietet den alten Streckenrekord von Ralph de Palma.

Glückwunsch vom Kaiser

Einen anderen Top-Wert will Oldfield am 16. März 1910 angreifen. Am Strand von Daytona steigt der charismatische Fahrer in den Benz, um Hémerys Rekord zu knacken. "Me and the Benz here, we're gonna warm up the sand a little", ruft er lachend der Menge zu. Dann stopft er sich Watte in die Ohren und startet den Motor. Die Show kann beginnen.

Oldfield erreicht über die Meile mit fliegendem Start tatsächlich ein neues Höchsttempo: 211,977 km/h. Das Medienecho ist gewaltig. Aus dem fernen Deutschland kabelt Seine Majestät Wilhelm II. ein Telegramm und gratuliert dem Fahrer.

Doch der Triumpf des Draufgängers endet abrupt. Wenige Monate später tritt Oldfield in einem 60-PS-Knox-Car gegen den Boxweltmeister Jack Johnson zu einem Autorennen an. 10.000 Zuschauer verfolgen das Spektakel auf einer Dirt-Track-Bahn in Brooklyn. Doch der geplante PR-Coup endet in einem Desaster. Oldfield gewinnt zwar das Rennen, wird aber anschließend vom amerikanischen Rennsportverband gesperrt. Der Grund: Sein Gegner Johnson hatte keine Fahrerlizenz für die Veranstaltung - Afroamerikaner sind auf den Rennstrecken nicht erwünscht. "No blacks on the tracks!"

"Blitzen-Benz"

Oldfield wird mit dem Bannstahl des Verbandes belegt. Sein Manager Ernest Moross übernimmt den Benz und lässt künftig den aufstrebenden Fahrer Bob Burman ans Steuer. Eine gute Entscheidung. Ebenso wie die, dem Wagen einen Namen zu geben. Da er schneller als der Blitz unterwegs ist, heißt er zunächst "Lightning Benz". Dann besinnt man sich auf die deutschen Ursprünge und lässt "Blitzen-Benz" auf das Fahrzeug lackieren. Darunter wird noch ein Reichsadler gemalt. Ein Mythos ist geboren.

Am 23. April 1911 gelingt dem Moross-Team in Daytona ein neuerlicher Geschwindigkeitsbestwert. Der Blitzen-Benz rast - in eine einzige Staubwolke gehüllt - an der Tribüne vorbei über den Strand und produziert unvergessliche Bilder. Die Zuschauer trauen ihren Augen kaum, doch am Ende ist es amtlich: Auf der fliegenden Meile ermittelt das automatische Zeitnahmesystem der Firma Warner eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 225,65 km/h, auf dem fliegenden Kilometer sogar 228,1 km/h. Ein grandioser Rekord, der acht Jahre Bestand hat.

Die sonst eher reservierte "New York Times" ist schier aus dem Häuschen ob der Ingenieurskunst aus dem alten Europa und jubelt: "A splendid triumph for the skilled German designers and the craftsman, who built the car, and also for the Krupp steel, of which the car is built throughout" ("Ein großartiger Triumph für die geschickten deutschen Konstrukteure und den Arbeiter, der das Auto gebaut hat, und ebenso für den Krupp-Stahl, aus dem der Wagen gefertigt ist.").

Bob Burman heißt fortan nur noch "Speed King" und posiert für Fotografen gern mit einer Krone am Lenkrad seines Blitzen-Benz. Den ungewöhnlichen Kopfschmuck hat er von der Firma Firestone überreicht bekommen. Die 10.000 Dollar teure "Speed Crown" ist mit unzähligen Juwelen besetzt und beschert Fahrer und Unternehmen eine glänzende PR. Zusammen mit Moross tourt Burman fortan wie ein Wanderzirkus durch die Staaten und bricht in der Folgezeit fast jeden Streckenrekord - acht Jahre lang lässt der Blitzen-Benz alle etablierten Rennsportasse hinter sich.



insgesamt 4 Beiträge
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Heinz-Dieter Arndt, 04.11.2009
1.
Warum verwenden Sie immer wieder den Terminus STUNDENKILOMETER?? Wie soll ich da meinem Enkel erklären?
Sebastian Hoffmann, 04.11.2009
2.
Am besten genau so, wie Sie Ihrem Enkel den Begriff "Stundenlohn" erklären.
Genezyp Kappen, 05.11.2009
3.
Falsche Aussage wird nicht durch häufige Wiederholung wahrer. Die 200-km/h-Marke hat nicht der Blitzen-Benz, sondern der Stanley Rocket Racer, ein von von Fred Marriott gefahrenes Rekordauto mit Dampfantrieb, gebrochen.
Martin Käser, 05.11.2009
4.
Der Kommentar zu Bild 8 stört mich: "Victor Hémery überschreitet am 8. November 1909 als erster Mensch die 200-Stundenkilometer-Marke." Die Triebwagen von Siemens und AEG überschritten schon im Oktober 1903 die 200-km/h-Marke. Victor Hémery und sein Gefährt kamen Jahre zu spät.
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