B-Movie-König Corman Sex, Gewalt und Superstars

Er recycelte Monster, klaute gnadenlos Trends und drehte seinen bekanntesten Film in nur zwei Tagen - doch vor allem war der B-Movie-König Roger Corman Mentor für viele Hollywood-Größen. einestages stellt den Kultregisseur vor und verrät, welche Superstars bei ihm in die Lehre gingen.

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"Reiß das Filmset nicht ab, ich miete es für zwei Tage." Mit dieser Ansage begann 1959 die Entstehung eines Kultfilms. Roger Corman hatte gehört, dass in einem Studio ein großes Büroset von einem anderen Filmdreh abgebaut werden sollte und kontaktierte den Studiomanager. Der Verantwortliche vermietete ihm die Aufbauten für einen Spottpreis. Nun hatte der junge Regisseur ein Set. Und ein Problem. Denn er wollte in dem Studio nicht nur ein paar Szenen, sondern einen ganzen Film drehen - und hatte noch kein Drehbuch.

Fragt man Roger Corman, ob er seinen berühmtesten Film "The Little Shop Of Horrors" wirklich in nur zwei Tagen gedreht hat, antwortet er stolz: "Es waren zwei Tage und eine Nacht." Nach einem Remake in den achtziger Jahren und dem weltweit erfolgreichen Musical "Der kleine Horrorladen" kennt heute beinahe jeder die irre Geschichte über den dümmlich-gutmütigen Blumenladengehilfen Seymour Krelboin und seine Menschen verspeisende Topfpflanze Audrey. Das Drehbuch zum Film war an einem weiteren Abend entstanden.

Roger Corman ist eine Legende in Hollywood, ohne dass er je einen millionenschweren Blockbuster gedreht hätte. Der Mann, der von seinen Kollegen voller Bewunderung König der B-Movies genannt wird, gilt als Genie der schnellen Streifen. Er macht seine Filme so fix und so billig wie kein anderer. Mehr als 50 hat er in seiner Karriere selbst gedreht, bei rund 350 mitunter hanebüchenen Machwerken mit Titeln wie "Navy Vs. The Night Monsters" oder "Nackt auf hartem Sattel" war er Produzent. In den Sechzigern, seiner aktivsten Zeit, drehte er bis zu sieben Filme pro Jahr, kurbelte mitunter 50 Szenen am Tag herunter - mit solidem Dauererfolg an den Kinokassen. Seine Autobiografie trägt den ebenso triumphierenden wie selbstironischen Titel "How I Made A Hundred Movies In Hollywood And Never Lost A Dime". Dass es ihm gelang, Hunderte Filme zu machen, ohne je rote Zahlen zu schreiben, ist wohl auch seinem Pragmatismus zu verdanken. Nicht selten drehte Corman mit derselben Filmcrew und Besetzung einfach zwei Filme parallel. Vor allem aber ist er berüchtigt für sein untrügliches Auge für Talent.

Selbstverwirklichung mit Sex und Gewalt

Der Schauspieler David Carradine sagte einmal: "Es ist fast so, als könnte man in diesem Geschäft keine Karriere machen, ohne zumindest für einen Moment durch Rogers Hände gegangen zu sein." So hat er in seinen Low-Budget-Produktionen viele Hollywood-Größen beschäftigt, die heute nur noch für Millionengagen ein Filmset betreten. Jack Nicholson etwa spielte bei "The Little Shop Of Horrors" und einem halben Dutzend weiterer Corman-Filme mit, bevor Hollywood ihn entdeckte. "Avatar"-Regisseur James Cameron begann seine Karriere als Modellbauer auf dem Filmset zu dem "Star Wars"-Abklatsch "Sador - Herrscher im Weltraum". Schauspieler wie Peter Fonda, Robert De Niro oder Sylvester Stallone standen für ihn vor der Kamera, Regisseure wie Ron Howard ("The Da Vinci Code"), Jonathan Demme ("Das Schweigen der Lämmer"), Curtis Hanson ("8 Mile") oder Francis Ford Coppola verdienten sich auf seinen Sets ihre Sporen.

"Die jungen Leute, die für mich arbeiteten, durften sich selbst verwirklichen", resümiert Corman 2009 in einem Interview mit der "Zeit", "so lange genug Sex und Gewalt in den Filmen vorkam und die Titel möglichst reißerisch waren."

Martin Scorsese, der für Corman seinen zweiten Film "Boxcar Bertha" drehte, nannte ihn den größten Trend-Ausbeuter aller Zeiten. Beispiele gibt es dafür genug: Als "Der weiße Hai" die Kassen klingeln ließ, machte Corman "Piranha". Nach dem Erfolg von "Jurrasic Park" produzierte er den Dino-Abklatsch "Carnosaurus". Auf den Horrorklassiker "Die Fliege" ließ er "Die Wespenfrau" folgen. Corman bot Scorsese an, seinen Film "Mean Streets" zu produzieren - wenn er ihn aus dem Mafia- ins Schwarzen-Milieu verlegte. Blaxploitation-Filme liefen zu dieser Zeit sehr gut.

"... und dann nennen wir den Film 'Born To Kill'"

Roger Corman war natürlich nicht einfach ein gewissenloser Ausbeuter. Er liebte Filme und tat, was nötig war, um seine kleinen, meist unabhängigen Produktionen profitabel zu halten. In den sechziger Jahren, mitten im Kalten Krieg, kaufte er russische Science-Fiction-Filme, schnitt die antiamerikanische Propaganda heraus und ein paar neugedrehte Szenen hinein. So schnippelte er aus den russischen Originalen "Begegnung im All" und "Der Himmel ruft" die Filme "Queen Of Blood" und "Battle Beyond The Sun" zusammen. Letzteres Machwerk von 1962 ist übrigens die erste - nun ja - Regiearbeit von Francis Ford Coppola. Nebenbei vertrieb er mit seiner Firma New World europäische Arthouse-Filme in den USA und verhalf so Werken wie Ingmar Bergmans "Schreie und Flüstern" oder Werner Herzogs "Fitzcarraldo" zu einem Publikum in den USA.

In seinen eigenen Filmen konnte es indessen durchaus vorkommen, dass ein Schauspieler gleich mehrere Rollen spielte. Oder Beleuchter, Kameraassistenten und selbst der Drehbuchschreiber kurzerhand verdonnert wurden, in einer Szene ein paar Zeilen aufzusagen. Auch Filmmonster und die eigenen Sets wurden gnadenlos recycelt. So lieh er häufig Kreaturen aus, die zuvor in anderen Filmen das Publikum erschreckt hatten. Für seinen berühmten Zyklus mit Verfilmungen von Edgar-Allen-Poe-Werken benutzte er wieder und wieder die selben Pappmaché-Gemäuer. Und selbst vor ganzen Filmszenen machte Corman nicht halt: Eine brennende Scheune, die er einmal abgefilmt hatte, fand er so spektakulär, dass er sie gleich in fünf seiner B-Movies hineinschnitt.

Und wenn einer seiner Filme mal nicht die Kinokassen klingeln ließ? Dann war Corman nicht gerade zimperlich. Joe Dante, der später als Regisseur von "Gremlins" in Hollywood Fuß fasste, erinnert sich an einen besonders abstrusen Auftrag. Als die für Corman-Verhältnisse eher ruhige Charakterstudie "Cockfighter" an den Kassen floppte, erhielt Dante einen wahnwitzigen Auftrag: "Wir nehmen die Truck-Verfolgungsjagd aus 'Night Call Nurses' und die Explosionsszenen aus 'Dynamite Women' und schneiden das alles zu einer einminütigen Montage zusammen. Die schneidest du an der Stelle in den Film, wenn Warren Oates zu Bett geht und das Licht ausschaltet. Das ist dann eine Traumszene. Als nächstes schneidest du die ganze Action in den Trailer und dann nennen wir den Film 'Born To Kill'."

William Shatner als Rassist

Ein ähnliches Schicksal erfuhr auch "Weißer Terror" von 1962. Der Film bildet eine Ausnahme in Cormans Werk. Denn er handelt von einem Thema, das dem Regisseur am Herzen lag: Ein Rassist versucht in den Südstaaten, die Menschen gegen die Integration von Schwarzen in Schulen aufzuhetzen. Die Hauptrolle spielte der damals noch völlig unbekannte William Shatner. Der Film wurde von Kritikern hoch gelobt und erhielt sogar einige Preise. Doch an den Kassen floppte Cormans Herzensprojekt. Er lernte daraus, dass ein ambitionierter Film ohne finanziellen Erfolg nicht mehr ist als ein schlechtes Geschäft, brachte ihn unter dem grellen Titel "I Hate Your Guts" noch mal raus und drehte nie wieder einen persönlichen Film.

Doch obwohl Corman sich selbst als Handwerker und Geschäftsmann bezeichnet, ist sein Einfluss auf den amerikanischen Film immens. Hätte Peter Fonda nicht für Corman in dem Hells-Angels-Film "Die wilden Engel" (1966) und ein Jahr später in dem LSD-Drama "The Trip" mitgespielt, wären er und Dennis Hopper wohl kaum darauf gekommen, "Easy Rider" zu drehen. Francis Ford Coppola sagte, er habe mit "Bram Stoker's Dracula" einen Corman-Film gedreht. Und in einem Interview zu "Terminator" erklärte James Cameron: "Ich habe mein Handwerk auf der Roger-Corman-Filmschule gelernt." Dass das noch mehr seiner "Schüler" so sehen, zeigt sich in den vielen Gastauftritten, mit denen der Altmeister des Billigfilms bei Produktionen seiner ehemaligen Angestellten gewürdigt wurde. Unter anderem tauchte er in "Der Pate", "Das Schweigen der Lämmer" und "Apollo 13" auf. Nicht wenige seiner Lehrlinge von einst sind heute Oscar-Preisträger.

"Ich wundere mich manchmal, ob es daran liegt, dass sie durch die Arbeit mit mir so viel gelernt haben", kommentiert er den grandiosen Erfolg vieler seiner Schützlinge, "oder ob sie gedacht haben, wenn ich das kann, kann's jeder." 2008 durfte er sich selbst in die Reihe der Oscar-Gewinner einreihen. Hollywood dankte ihm für sein Lebenswerk. Auch nach der Ehrung hat Roger Corman nicht begonnen, nach der ganz großen Filmkunst zu streben. Seine letzten Produktionen hießen "Dinoshark", "Dinocroc Vs. Supergator" und "Sharktopus".



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