Baby-Krabbelrennen In die Windeln, fertig, los

Wer aufsteht, verliert. Zur Gaudi der Zuschauer traten Babys in den Vierziger- und Fünfzigerjahren zum Wettrobben an. Die Eltern animierten sie mit Kuscheltieren und Spielzeug - oder einem Schluck Bier.

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Die Mütter prüfen, ob in der Windel kein unnötiger Ballast steckt. Die Preisrichter pappen Startnummern auf die stoffumhüllten Popos der Nackedeis, "die trainierten Hoffnungsträger machen ihre letzten Dehnübungen", erklärt der Moderator die Vorbereitungen der Kleinen auf das große Rennen.

Die Eltern tragen die Teilnehmer in Windeln an die Startlinie, ihr Nachwuchs muss ja Kräfte sparen. Das Sportrobben im Schneckentempo beginnt. Die Schnellsten schaffen rund fünf Zentimeter pro Sekunde.

In den USA gab es solche Baby-Krabbelwettbewerbe schon in den frühen Vierzigerjahren. Das National Institute of Diaper Services (NIDS), eine Vereinigung der Windelhersteller, sponserte sie jährlich von 1946 bis 1955. Jeder unter zwei Jahren konnte am kuriosen Wettstreit auf dem Gelände des Vergnügungsparks Palisades Park in New Jersey teilnehmen.

Das Institut, das Windeln auf Tragekomfort, Auslaufschutz und Hautverträglichkeit untersuchte, verlangte kein besonderes Können. Im Gegenteil, eines sollten die Kinder gerade nicht beherrschen: Laufen. Zumindest durften sie es nach dem Start nicht zeigen.

Windelwechsel in der Boxengasse

Eine Distanz von etwa 15 Metern wartete in New Jersey auf die Babys. Schon nahezu perfekt beherrschten die meisten das Überkreuz-Krabbeln: einen Arm nach vorn setzen, das Bein diagonal gegenüber nachziehen. Bei so viel Einsatz verloren die Teilnehmer nicht selten ihre Windeln. Für solche Zwischenfälle gab es eine Wechselstation mit "Ersatzteilen" - die Boxengasse, sozusagen:

Hinter der Bande versammelten sich Familienangehörige und Schaulustige, jubelten und feuerten die Wettkrabbler an. Plüschtiere, Puppen, Rasseln sollten sie zu mehr Tempo anspornen. Oft vergebens. Manche krabbelten querfeldein oder rückwärts, andere setzten sich hin und untersuchten intensiv ein Steinchen auf der Rennpiste, oder schlimmer noch: Sie standen einfach auf. Wer sich auf die Füße stellte, flog raus. Einige schliefen hinter der Ziellinie sofort ein, oder schon vorher.

Die Babys trugen passende Spitznamen wie "Der Schreihals" und "Schwerer Brocken". Manche davon legten auch Prognosen für den Wettbewerb nahe - mit eher schlechten Chancen für "Bummler" oder "May Stop and Cry". Solche Namen standen auf einer Tafel, auf der auch das Gewicht sowie Kommentare wie "Startet langsam" und "Gut in Form" notiert wurden.

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Baby-Krabbelrennen: Wer aufsteht, verliert

Im Juli 1947 galt Stephen alias "Windel-Dan" als Favorit. Der blonde Lockenkopf zog in New Jersey davon, weit hinter ihm zwei plärrende Rivalen. Das "Dickerchen" (O-Ton Moderator) schnappte sich hinter der Ziellinie eine Rassel und seine Mutter - Miss America von 1939 - ihren Jungen, sie gab ihm einen dicken Kuss auf die Wange.

Sogleich knipste Patricia Donnelly, genannt die "langstielige Schönheit", ihr strahlendes Profi-Lächeln an. Den Champion dagegen zwickte die Trophäe, eine Papierkrone, am Kopf, und für den Sparbrief über 50 Dollar, den er als Prämie erhielt, interessierte er sich wohl erst viele Jahre später.

Benommen von Bier

Die Mütter begeisterten sich mehr für die Events als die Babys; manche weinten schon an der Startlinie bitterlich. Das US-Magazin "Life" beschrieb im August 1946 einen Krabbel-Cup im Palisades Park als "lächerlich" und "unangenehm" für die Wickelkinder, die der sengenden Hitze ohne Schutz von Schatten ausgeliefert waren.

Trotzdem waren die Krabbelkonkurrenzen in den USA beliebt, ebenso in Europa oder Australien. "Ein Wettrennen der Säuglinge ist eine kleine Sensation", kommentierte ein Mädchen so eine Veranstaltung 1948 in Österreich: Baby Peterle "scheint die Anwartschaft auf einen ehrgeizigen und damit erfolgreichen Sportler zu besitzen". Es meisterte die Strecke von acht Metern in vier Minuten und 30 Sekunden - Erster. Der Siegpreis war eine Rassel, wie ein British-Pathé-Video zeigt:

Nebst Spielzeug animierten Eltern ihre Kinder auch mit Milch und Orangensaft, mit Obst und Eis. Eine ehrgeizige Mutter reichte ihrem neun Monate alten Baby gar ein Glas Bier, wie die australische Zeitung "Argus" 1957 berichtete. Doping-Versuch gescheitert - nach zwei Schlucken saß es "benommen auf dem Boden" und schied aus.

Ein Paar leuchtend roter Schuhe bekam damals der Sieger beim Großen Preis von Melbourne. Seitdem gab es in den letzten Jahrzehnten viele weitere Auflagen von Babykrabbelrennen. Aber Teddys und Rasseln als Ansporn sind längst out - heute schwenken Eltern TV-Fernbedienungen, Handys oder Tablets.

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