Backstage mit Jean-Paul Belmondo "Wirklich exzellent, Mon Cher!"

Backstage mit Jean-Paul Belmondo: "Wirklich exzellent, Mon Cher!" Fotos
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Auf Du und Du mit dem Vorzeige-Macho: Auch im hohen Alter hat Jean-Paul Belmondo es noch immer faustdick hinter den Ohren. Das fand Uwe-Jens Schumann heraus, als er den Schauspieler bei einer Preisverleihung traf. Der Franzose verulkte Kollegen - und staunte über eine berühmte Deutsche, die hinter der Bühne das Weinen übte. Von Uwe-Jens Schumann

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Sein Gesicht ist eine Bühne. Was sich darauf abspielt, kann man nicht unbedingt im klassischen Sinne schön nennen. Aber spannend ist es jederzeit. Auch an diesem Abend backstage bei der Verleihung der "Goldenen Kamera". Jean-Paul Belmondo, der Mann mit der markant verklopften Nase und Lippen, die durch kein Botox wulstig aufgespritzt werden mussten, hat eitel darauf geachtet, dass er die seidig-weißen Haare schön hat. Seine Haut ist von einem durchgehenden Braun der Marke gebrutzeltes Hähnchen.

1998 in Berlin. Die Goldenen Kameras werden im Groß-Saal des klassizistischen Konzerthauses am Gendarmenmarkt verliehen. Posen-Parade von 800 Promis auf dem Roten Teppich, das ganze Who-is-hot-and-who-is-not der Status-Streber. Jean-Paul Belmondo und Alain Delon, Frankreichs hypermännliche Haudraufs und Weltdarsteller, sollen im Doppelpack für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden.

Bereits lange vor dem Ehrenauftritt sind die beiden Vintage-Stars im blendend sitzenden Smoking - bei so auffällig noch gut erhaltener Körperlichkeit - hinterm Vorhang erschienen, während die Fernsehaufzeichnung schon läuft.

Belmondo witzelt über Alain Delon

Belmondo lugt in aller Gelassenheit an der Seite ins aufgeschönte Publikum: "Chute, da ist aber ganz schön was los! Sind die alle wegen uns gekommen?" Alain Delon, der mit gepflegten Fingern rhythmisch auf einen abgestellten Flügel trommelt, bittet sogleich um ein Fläschchen Wasser. Schnell, Monsieur hat wohl Durst. Nein, der schmalgesichtige, nun altersschöne Star gießt sich das Nass auf die schwitzenden Handinnenflächen, trocknet sie dann sorgfältig an einer Serviette ab.

Kollege Bébel, wie Belmondo von seinen gallischen Landsleuten liebevoll genannt wird, feixt über alle dritten Zähne: "Alain ist immer so nervös, wenn es für ihn einen Preis gibt, das kenne ich bei ihm." Dann zwingt Belmondo seine sonnigen Gesichtszüge doch zu einem leicht mitleidenden Ausdruck: "Ist ja auch wahr, niemand aus unserer Branche tritt gerne vor solch einem Publikum auf. Da unten sitzen die ganzen Superkenner und denken: Ich hätte diese Trophäe doch verdammt mehr verdient, als der da oben... o, merde!"

Danach kann sich der auf die Rolle des Filmganoven eingeschworene Jean-Paul Belmondo, der niemals ausgewichen ist, auch die riskantesten Stunts höchstselbst zu machen, eine subkutane Bemerkung gegen Kumpel und Konkurrent Delon aber doch nicht verkneifen. "Vielleicht hat Alain noch nicht genügend Preise, um das Ganze gelassener zu sehen."

Charmant zum Beleuchter

Belmondo beherrscht selbst hier im Dunkel der Hinterbühne gerne die Ereignisse. Da kann er auch schnell mal sein randvolles Charme-Arsenal entsichern - selbst bei den knorrigen Bühnenarbeitern: "Ich sehe, Sie haben das Licht gesetzt." Es folgt ein kurzer Blick auf den Monitor. "Tolles Licht! Muss ich sagen, wirklich excellent, mon cher." Das Ganze auf Französisch, vorgetragen wie eine bedeutende Zeile aus einem französischen Literaturklassiker. Er weiß, dass allein die Ansprache die Wirkung nicht verfehlt. Und wenn sein Gegenüber aber nun kein Francais parliert? Bébels Urteil ist immer gefestigt: "Macht doch nichts. Mein Vater hat gesagt, sprich mit den Leuten, und sie werden dich immer verstehen - und mögen."

Papa Paul, der Bildhauer, kam mit 17 aus Sizilien nach Paris und ehelichte bald die Tänzerin Madeleine. "Künstler, beide. Das war natürlich meine Einbahnstraße, mir auch so etwas in der Art zu überlegen." Er streut einen wohlgesetzten Seufzer ein. "Ich habe aber mit zwölf schon geboxt. Die Nasenbeinbrüche haben nicht gerade meine Karriere als Verführer gefördert." Doch der willensstarke Belmondo ließ sich nicht abschütteln. Als Amateur gastierte er erst einmal mit einer kleinen Mimentruppe in diversen Krankenhäusern. Schließlich Schauspielschule. Das Ganze mündete dann in ungezählte vergebliche Castings.

Aber einer wie Belmondo bleibt kein Gesicht in der Menge. Es war der eigenwillige Jean-Luc Godard, der in "Außer Atem", dem Kultfilm der Nouvelle Vague, der "schiefen Fresse", wie ein Kritiker bemerkte, des Debütanten den Traumstart zu einer Weltkarriere ermöglichte. Belmondo stand als Lieblings-Ganove des damals noch so bedeutenden französischen Films bald in einer Reihe mit Alain Delon und Lino Ventura, als Mantel-und-Degen-Charmeur ("Cartouche, der Bandit") konnte er es mit Jean Marais und Gérard Philipe aufnehmen. Ist es angenehm, einen derart legendären Ruf zu haben?

Fräulein V. trainiert das Weinen

Doch Monsieur ist gerade abgelenkt. Eine üppige Fee mit lockigem Haar, die im raffiniert hochgeschlossenen kleinen Schwarzen ein Stück weiter links ebenfalls hinter dem Vorhang auf ihre Goldene Kamera wartet, gewinnt allerdings nicht nur durch ihre berückende Schönheit seine ganze Aufmerksamkeit.

Belmondo zupft einen am Ärmel. "Sehen Sie mal. Sehen Sie genau hin: Sie versucht zu weinen. Ich meine: Sie übt das Weinen! Incroyable! Aber warum macht sie das denn?!"

Und wirklich, das Tausendschönchen, nennen wir es hier mal V. F., trainiert offen sichtbar in Intervallen, wie man über so viel unfassbares Glück, einen Preis (klar, als "beste Schauspielerin") zu ergattern, in Tränen ausbricht. Später wird sie ihrem Publikum Verständnis dafür abringen, dass ihr das Nass nur so über die Wangen rollt: "Es ist doch mein erster Preis!"

Jean-Paul Belmondo, der auf der Leinwand Frauen wie Jeanne Moreau oder Claudia Cardinale oder Sophia Loren lieben durfte, ist ganz hingerissen vom so emphatischen Warm-up der deutschen Actrice. "Sie ist ein großes Talent", sagt er und zeigt sein schönstes Grinsen. "Wer so weinen kann, bringt es wirklich weit. Unfassbar." Der Autor wirft ein, er könne bei einem solchen Lob nun noch besser einordnen, dass jede dritte Bisswunde von einem Menschen verübt würde. Ha, schüttelt sich Belmondo heiter, das müsse er aber nun sofort seinem Kumpel Delon erzählen. Doch dieser lässt sich nicht stören, er memoriert gerade hochkonzentriert noch einmal seine Dankesrede.

"Langweilig", befindet Bébel enttäuscht in seinem schönen Bass. Er hat kein besonders ausgeprägtes Verhältnis zum langwierigen Textlernen. Er kippt die Sätze lieber aus dem Mund, wie sie kommen.

Skandal um ein Ex-Playmate

Nur aus Gründen der Höflichkeit erkundigt sich Belmondo - nahtlos zum Duzen übergehend - beim Autor: "Hast Du denn für diese Dankes-Sache irgendwas für mich auf Lager?" Ja, klar. Er könnte sich zum Beispiel wünschen, mal in einem deutschen Film zu spielen, macht sich hier gut. Oder er könnte Berlin besonders toll finden, kommt immer phantastisch. Nein, befindet der Haudrauf-Gallier freundlich, nein, da hätte er doch lieber so einen Witz, so was mit Durchschlagskraft. Aber gleich darauf winkt er ab. "Lass, ich werde einfach sagen, dass es mir noch nie besser gegangen ist als heute. Und das ist sogar wahr. Absolument. Meine Familie, Filme, da habe ich Pläne."

Monsieur Bébel kann nicht wissen, dass er drei Jahre später einen Schlaganfall erleiden wird, von dem er sich aber bald erholt. Ein Jahr darauf heiratet er dann in zweiter Ehe seine langjährige Freundin Nathalie, sie bekommen eine kleine Tochter - die Scheidung folgt sechs Jahre später. Und in einen Skandal verwickelt wird er mit 78 Jahren, als er dem mit ihm lebenden belgischen Ex-Playmate Barbara Gandolfi angeblich eine große Summe zur Verfügung stellt, die dann bei deren wegen Steuerhinterziehung und Zuhälterei verdächtigten Ex-Ehemann gelandet sein soll. Stundenlang wird auch Jean-Paul Belmondo, der legendäre Filmbulle, von der Polizei vernommen.

Manchmal geht eben auch das Glück "auf den Strich", wie es Bébel mal ausgedrückt hat. Und nicht einmal ein Haudrauf und Happy-Mitmacher wie er kann die Lufthoheit über alle Ereignisse haben.

Bei der Verleihung der Goldenen Kamera präsentiert Belmondo sich gewohnt lässig: Nach dem obligatorischen "Das ist der Preis, auf den ich immer gewartet habe" legt er eine lange Kunstpause ein, in der seine diamantenringbewehrte Rechte nervös in allen Smoking-Taschen nach einer Notiz sucht. Zunehmend verzweifelt wird Belmondo schließlich in der Brusttasche fündig. Umständlich fördert er ein Stück Papier ins Scheinwerferlicht, das er geduldig auseinanderfaltet. Dann hebt er mit Oscar-verdächtiger Pose zu seiner Rede an.

"Danke!"

Abgang.

(Ach, übrigens: Beim gemeinsamen Schlussbild lässt Belmondo es sich nicht nehmen, mit der blonden Fee auf Schulterschluss zu gehen)

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1.
Nicolas von Kospoth 06.05.2013
Liebe Redaktion, hier liegt wohl offenbar ein Verständnisfehler vor. Im folgenden Satz ist das erste Wort falsch: "Chute, da ist aber ganz schön was los! Sind die alle wegen uns gekommen?" "Chute" bedeutet im französischen soviel wie "Sei still!". Gemeint ist hier offenbar eher "Zut", was mit "verdammt!" oder "Au Backe!" übersetzt werden kann. Als Referenz: ich bin Halbfranzose. Ansonsten können Sie auch gerne nochmal hier nachsehen: http://dict.leo.org/frde/index_de.html#/search=Zut&searchLoc=0&resultOrder=basic&multiwordShowSingle=on
2.
Barbara Bouffier 05.05.2013
Was soll F.V.? Die Verres erhielt einen Preis, darf man deshalb den Namen nicht nennen?
3.
Bernhard Szirnik 06.05.2013
Das muss wohl Veronica Ferres gewesen sein... die drei bekamen 1998 die Goldene Kamera... ein Preis, der keiner ist. Abgesehen davon finde ich die Aussage "Obwohl Nasenbeinbrüche für viele das Ende der Schauspielkarriere bedeutet hätten, mausert er sich noch zum Frauenschwarm" lächerlich. Selbst ein Mickey Rourke soll noch Frauen abbekommen... woran das wohl liegt? ;)
4.
Michael Jakob 06.05.2013
Die Ferres ist ein Monster. Sehr sympathischer Text btw. Liest sich in einem Rutsch.
5.
Oliver Pliatsikas 06.05.2013
Wenn interessiert schon Veronica Ferres im gegensatz zu Belmondo.
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