Bademode Ungeteilte Aufmerksamkeit

Bademode: Ungeteilte Aufmerksamkeit Fotos
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Baywatch hin, Pamela Anderson her: Der Badeanzug ist passé, am Strand regiert der Bikini. Oder nicht? Jetzt taucht der Einteiler wieder auf, in dem einst Generationen von Damen baden gingen - und beweist, dass ein Stück Stoff ausreicht, um das Interesse der Umwelt zu wecken. Von Sonja Schewe

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Ich erinnere mich noch an den Schwimmunterricht in der 8. Klasse, Mädchengymnasium. Was wir unter der Woche auf der Schulbank und im Pausenhof noch ganz gut verdrängen konnten, offenbarte sich jeden Mittwochnachmittag beim wöchentlichen Bahnenschwimmen aufs Neue: Die Einheit unserer Klasse war endgültig dahin. Sichtbarstes Zeichen: die unterschiedliche Schwimmbekleidung.

Die Frühreifen, die schon etwas vorzuweisen hatten, nämlich Hüften und Busen, bildeten die Bikini-Front. Sie waren cool und sexy. Die anderen, bei denen der bildende Einfluss von Mutter Natur noch auf sich warten ließ, gehörten automatisch zur Arena-Sportbadeanzugs-Fraktion - will heißen zur Riege der Spießer und Spätentwickler. Um wenigstens unter den Spießern die Coolste zu sein, gab man sich als leidenschaftlicher Rebell und verweigerte sich energisch der Badekappenpflicht. Das allerdings war nur ein schwacher Trost. Es änderte nichts daran: Bikiniträgerinnen hatten das Sagen, Badeanzugsträgerinnen das Nachsehen.

So sah es aus, damals, Ende der achtziger Jahre. Knapp zwei Jahrzehnte später dann die Überraschung: Ein Comeback des Badeanzugs? Versace, Hermès & Co proklamieren auf ihren diesjährigen Prêt-à-Porter-Shows die neue, mehr oder weniger ausgeprägte Bedecktheit. Auch auf H&M-Plakaten räkeln sich die Models am Strand in glitzernden Einteilern. Die Zeiten, in denen der Badeanzug - meist mit schnödem Farbprint und wattiertem Bustierteil - vorwiegend von älteren Damen korpulenterer Gestalt getragen wurde, scheinen vorbei. Aber kann ein Einteiler sexy sein?

Busen macht blind

Mal sehen. Wir erinnern uns: Rote Nylon-Badeanzüge auf kalifornischem Sand in den Neunzigern - Pamela Anderson in "Baywatch". Als sie den Strand entlang sprintete, hüpfte eine ganze Generation Männerherzen höher. Aber mal ehrlich: Der Sexappeal von hervorstechenden Hüftknochen bei einem fast bis unter die Achseln reichenden Beinausschnitt war nur schwer nachzuvollziehen. Vermutlich waren die Jungs damals von einem anderen Detail des Anderson'schen Körperbaus derart abgelenkt, dass sie diese Hässlichkeit übersahen.

Immerhin, eine Trendwende. Neunzig Jahre zuvor war die damalige Damenbadebekleidung jedenfalls noch kein Hingucker. Knielange Tuniken wallten da über Knickerbockerhosen - dass der Hormonhaushalt der Männer bei diesem Anblick in Wallung geriet, darf bezweifelt werden. Weder farbige Borten und pfiffige Matrosenkragen, noch die damals angesagten schwarzen Badestrümpfe vermochten dies entscheidend zu ändern. Hochgeschlossen in Flanell oder Wolle war der damalige Badeanzug schlichtweg das Gegenteil von sexy. "Wenn ich im Badeanzuge bin / Und im Familienbade, /geht die Erotik fort. Wohin /weiß Gott. Wie schade", resümierte der Schriftsteller Joachim Ringelnatz den ausbleibenden Augenschmaus um die Jahrhundertwende.

Mit dem Trikot-Badeanzug, dem ersten eigentlichen Einteiler, änderte sich das dann in den Zwanzigern. "Das Meer liegt ruhig wie ein Kind. / Und schläft. Und atmet bloß. / Und wo die Frauen am schönsten sind, / dort stecken sie in Trikots", notierte freudig der Romancier Erich Kästner. Zum Bezirzen allerdings war das einteilige Baumwoll-Trikot mit freiem Arm und kniefreiem Bein, das die australische Wettkampfschwimmerin und spätere Filmdarstellerin Annette Kellerman erfunden hatte, eigentlich nicht zuvörderst gedacht. Für Kellerman zählten vor allem praktische Gründe -. die Umwelt allerdings sah das anders - 1907 wurde die Athletin in ihrem Trikot am Strand von Boston wegen "anstößiger Entblößung" verhaftet.

Wie angelt man einen Ehemann?

Vom Diktat der Züchtigkeit konnte sich der "schamlose" Trikot-Badeanzug nur langsam befreien. Er befand sich damit allerdings in durchaus guter Gesellschaft, denn in der Damenmode machte sich in den "Roaring Twenties" die neue, korsettfreie Bequemlichkeit breit. Ob mit Schoßröckchen oder Umhang, als Hänger oder im sportlichen Schnitt - das Trikot entwickelte sich in den in den vielfältigsten Formen. Immer weiter rutschte der Stoff das Bein hinauf und steigerte den Erotikfaktor des Strand-Outfits. Ansatt sich wie noch ihre Mütter zum Bade keusch zu verhüllen, zelebrierten junge Frauen nun den Weg zum Wasser und stellten ihre kecken Badefummel dabei gern zur Schau - sicher auch mit denm Hintergedanken, einen geeigneten Ehemann an Land zu ziehen.

Statt eine vornehme Blässe zu kultivieren, wurde in den Dreißigern Sonnenbaden Kult. Die amerikanischen Bademodenhersteller reagierten darauf mit immer tiefer werdenden Rückenausschnitten, die deutsche Sittenpolizei hingegen mit dem "Zwickelerlass" - eine Verordnung der Regierung von 1932, die genau festlegte, welche Körperteile beim Baden zu verhüllen waren. Doch die Lust an der knappen Badebekleidung konnten auch die Paragraphenreiter und Sittenwächter nicht auf Dauer bremsen.

Glamourös und vollbusig zeigte die Frau der fünfziger Jahre was sie hat - aber nie zuviel. So konnte auch die Erfindung des Bikinis 1946 der Beliebtheit des Badeanzugs lange nichts anhaben. Klassische Schönheiten wie Grace Kelly oder stilvolle Grazien wie Romy Schneider wussten um die Macht der Suggestion und zogen den raffiniert geschnittene Einteiler dem Bikini vor. In ihrem schwarzen Badeanzug am Set von "Swimming Pool" sah Romy derart hinreißend aus, dass Alain Delon seine Augen nicht mehr von ihr abwenden konnte - die beiden wurden zum Traumpaar.

Bedeckt ist sexy

Ob sich in Mutters alter Klamottenkiste oder im Secondhandladen um die Ecke ein eleganter Badeanzug aus den Sechzigern findet? Womöglich ein Modell des visionären Designers Rudi Gernreich? Dessen Kreationen verstanden sich als Gegenentwurf zum kurvenbetonten Miederbadeanzug der Fünfziger: Nicht der Stoff sollte den Körper modellieren, sondern das Design der natürlichen Form des Körpers schmeicheln. Vor allem knabenhafte, schmalbrüstige Frauen à la Twiggy können sich in diesen Modellen auch heute noch sehen lassen - es muss ja nicht gleich Gernreichs skandalöser "Monokini" von 1964 sein. Dieser skurrile "Oben-Ohne"-Badeanzug, der den Busen durch zwei an den blanken Brüsten vorbeiführende Träger noch betont, macht sich wohl besser an einer extrovertierten Loveparade-Tänzerin als am Beckenrand eines Freibads.

Nur ein Jahrzehnt später war das blankbrüstige Sonnenbaden auf ferngelegenen Inseln so normal wie allmorgendlicher Filterkaffee: In den siebziger und achtziger Jahren eroberte der Bikini die Strände dieser Welt und stellte den Badeanzug bald ganz in den Schatten. Der Einteiler fristete fortan ein isoliertes Dasein an norddeutschen Camping-Stränden.

Diese Zeiten allerdings sind nun wohl endgültig vorbei. Im neuen Kinderbuch von Friedrich Ani verliebt sich der elfjährige Held Simon vom Fleck weg in ein Mädchen im gelben Badeanzug. In Siegfried Lenz' neuer Novelle "Schweigeminute" streift der Schüler seiner Lehrerin kurz vorm verbotenen Liebesakt den Badeanzug ab. Und im aktuellen Kino-Hit "Actrices" schlägt Schauspielerin Valeria Bruni-Tedeschi im Pool anmutige Wasserrollen in einem roten Badeanzug.

Cut it out!

Gut möglich, dass ich meinen Bauch in diesem Sommer nicht der Sonne aussetze - das eine oder andere Einteiler-Modell habe ich schon fest im Blick. ist doch wahr: In Zeiten eines Overkills an nackter Haut ist es durchaus sexy, sich bedeckt zu halten - und bei den hohen Ozonwerten auch viel gesünder. Wer sich partout nicht zwischen Bikini oder Badeanzug entscheiden kann, aber ansonsten modewillig ist, hat dieses Jahr zudem besonderes Glück: Der sogenannte Cutout ist das Nonplusultra unter den Strandoutfits der Saison und ein echter Kompromiss zwischen Ein- und Zweiteiler: Man nehme einen alten Badeanzug, schneide zwei große Ovale jeweils rechts und links am Rumpfteil aus, so dass nur noch ein schmaler Steg zwischen Bustier und Höschen übrigbleibt - schon schwimmt und sonnt man mit dem Trend.

Und wenn wir dann am Ende des Sommers alle aussehen wie gescheckte Kühe, entscheiden wir uns im nächsten Jahr erst recht für einen Einteiler - einen richtigen.

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1.
Christine Wurm 24.05.2008
Romy Schneider hat super ausgesehen im Badeanzug. Von Alain Delon war sie zu dem Zeitpunkt allerdings längst getrennt. Kennengelernt haben die sich nämlich bei "Christine", ich glaube 1958. Nicht im Badeanzug.
2.
Gerd Diederichs 14.07.2008
Romy Schneider hat aber auch super ausgesehen ohne Badeanzug. Und überhaupt, wenn ihr dann am Ende des Sommers alle ausseht wie gescheckte Kühe, entscheidt euch doch im nächsten Jahr erst recht für einen Einteiler - einen richtigen - so wie die Mädels, die ihr Oberteil zu Hause ließen. Egal wie oft ich nachzähle, das kommt immer auf genau ein Teil heraus.
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