Bahnradrennen der Jahrhundertwende Formel 1 auf Fahrradreifen

Bahnradrennen der Jahrhundertwende: Formel 1 auf Fahrradreifen Fotos
Archiv Fredy Budzinski

Sie rasten, bis die Piste brannte: Um 1900 standen Rennradfahrer ihren Mann, indem sie nur Zentimeter hinter Motorrädern mit 100 km/h über Radrennbahnen schossen oder tagelang ununterbrochen strampelten. Tausende begeisterten sich für die riskanten Rennspektakel - bei denen nicht nur die Fahrer ihr Leben aufs Spiel setzten. Von Danny Kringiel

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Ein bestialischer Gestank hing über der Menge im Berliner Sportpark "Alter Botanischer Garten" am 18. Juli 1909, jenem Sommertag, der als "Schwarzer Sonntag" in die Sportgeschichte eingehen sollte. Der beißende Geruch quoll aus jeder Pore der neuen Radrennbahn: Aus den Brettern der Zuschauerränge, aus den Stützbalken und aus der Rennstrecke selbst. Die Bauarbeiten waren erst kurz zuvor abgeschlossen worden, und das Teeröl, mit dem das Holz getränkt worden war, hatte nicht mehr rechtzeitig zur Eröffnungsveranstaltung trocknen können. Die 6200 Zuschauer störte die Geruchsbelästigung kaum: Sie waren gekommen, um zu sehen. Ihre Stars, die Steher.

Kurz vor 17 Uhr fiel der Startschuss - und das sonore Brummen der "Schrittmacher"-Tandems erklang, überlanger Motorräder mit zwei Mann Besatzung, in deren Windschatten die Radfahrer für eine Stunde Höchstgeschwindigkeiten erreichen - und durchhalten - sollten. Die Veranstalter hatten ihre Bahn im Vorfeld als besonders glatt und schnell gelobt, und so hofften die Zuschauer auf Rekordzeiten. Doch nur wenige Minuten nach dem Startschuss stürzten die Schrittmacher des niederländischen Radsport-Stars John Stol. Der Verfolger versuchte auszuweichen, doch sein Motorrad geriet auf der glatten Bahn völlig außer Kontrolle: Es rutschte zehn Meter quer zur Fahrrichtung mit rasendem Motor an der Bande entlang. Dann hob es ab.

Über die Bande hinweg flog das schwere Fahrzeug in die Zuschauermenge der Nordkurve und begrub zwei Frauen unter sich. Als der Benzintank explodierte, breitete sich das Feuer in wenigen Augenblicken über die frisch geteerte Anlage aus. Menschen standen in Flammen und rannten in Panik umher. Tausende Zuschauer drängten zu den schmalen Ausgängen, manche stürzten in Panik von der Tribüne. Zehn Minuten dauerte es, bis der erste Löschzug eintraf. Zehn Minuten, in denen neun Menschen starben und 40 verletzt wurden - bei dem bis heute schwersten Unglück des deutschen Radsports.

Der Horror-Crash stand stellvertretend für das, was Bahnradrennen um die Jahrhundertwende zu einem Massenspektakel machte: Männer, die an ihre Grenzen gingen. Die Verschmelzung von Mensch und Technik. Und über allem der allgegenwärtige Kitzel der Todesgefahr.

Radfahrer mit Sauerstoffmaske

Tote waren im frühen 20. Jahrhundert im Bahnradsport so häufig, dass das Magazin "Rad-Welt" die regelmäßige Kolumne "Die Toten der Rennbahn" einführte und stets vorbereitete Nachrufe prominenter Fahrer bereithielt. Doch das Risiko wurde nicht kritisiert, sondern bejubelt. So hieß es 1908 im "Sport-Album der Rad-Welt 1907", die Todesgefahr der Radrennen löse "wie der Krieg die höchsten Mannestugenden auf dem Felde der Ehre aus, im friedlichen Kampfe um die Ehre die Tugenden, die am Manne am höchsten geschätzt werden." Entsprechend wurden verunglückte Radrennfahrer auch wie gefallene Kriegshelden gefeiert: Tausende Fans erschienen bei Beerdigungen von Sportlern wie dem am 21. Juli 1909 verstorbenen Steher Karel Verbist, um deren Todesmut zu feiern.

Dabei hatte die Geschichte der Steherrennen kurz vor der Jahrhundertwende noch vergleichsweise ungefährlich begonnen: Gegen 1890 nahm vor allem in den USA die Beliebtheit von Radrennen zu, bei denen die Fahrer über lange Strecken mit sehr hoher Geschwindigkeit sprinteten. "Stayer" wurden diese Fahrer genannt, abgeleitet vom Englischen "to stay" (bleiben, standhalten) - denn über Distanzen von 100 Kilometern und mehr und über enorme Rennzeiten von 24 Stunden und länger blieben sie bei ihrem rasanten Fahrtempo. Erst durch eine falsche deutsche Übersetzung sollte sich Jahre später "Stayer" in das deutsche "Steher" verwandeln.

Die Steher fuhren so weit an der Grenze des körperlich Machbaren, dass neue Höchstleistungen bald nur noch mit Hilfsmitteln zu erbringen waren: Auf der Jagd nach Rekorden wurden die Schrittmacher eingeführt - zunächst noch von bis zu sechs Mann angetriebene Fahrräder, die dem Rennfahrer voranfuhren, um ihn im Windschatten zu ziehen. Doch schon bald sattelte man auf Motorräder um, die stehend gefahren wurden, um mehr Fahrtwind vom "Steher" auf seinem Fahrrad abzuhalten. Der wiederum versuchte, möglichst nah hinter dem Motorrad zu bleiben - vor den Luftverwirbelungen, die im Steherjargon auch der "Dreck" genannt werden. Erst diese Motorräder machten es den Radlern möglich, auch über Langstrecken Geschwindigkeiten von 100 km/h und mehr durchzuhalten.

Die Amerikaner liebten die Langstreckenrennen, bei denen Teams von zwei Radfahrern im ständigen Wechsel über sechs volle Tage und Nächte durch die von Tabakqualm verhangenen Velodromhallen rasten und sich bei ihren kurzen Ruhepausen Sauerstoffmasken aufsetzten, um wieder zu Atem zu kommen. Immer wieder brachen Fahrer vor Erschöpfung zusammen. Manche starben. Vor allem aber liebte Amerika die Steherrennen, die neuerdings ebenfalls im Rahmen solcher Sechstagerennen abgehalten wurden. Sie zogen sich zwar nicht über Tage, doch die Fahrer rasten dafür mit 100 Sachen ohne Helm nur Zentimeter hinter den Schrittmacher-Motorrädern her, die die Radler bei Berührung sofort zu Fall bringen würden. Um die Jahrhundertwende füllten Bahnradrennen in Amerika selbst größte Arenen: So wurde das jährliche Sechstagerennen von New York im riesigen Madison Square Garden abgehalten.

Pionier des Bahnrad-Booms

Einer der Männer, die die Bahnradbegeisterung der Amerikaner kurz nach der Jahrhundertwende über den Großen Teich nach Europa schwappen ließen, war Walter Rütt. Der 1883 geborene Rütt war als Kind schmächtig und kränkelnd gewesen - und hatte schon früh das Fahrradfahren als Möglichkeit entdeckt, sich abzuhärten. Rasch zeigte sich sein Ausnahmetalent: Als der kleine Walter sich im Herbst 1899 im Alter von lediglich 16 Jahren mit seinem Tourenrad unangemeldet unter die Teilnehmer eines Langstreckenradrennens bei Köln mischte, mussten die verwunderten Radsportler mit ansehen, wie der Knirps das Teilnehmerfeld aufrollte und das Rennen scheinbar mühelos gewann.

Nur ein Jahr danach wurde Rütt Profi - und wenig später zum Superstar des deutschen Radsports: 1907 reisten er und der Niederländer John Stol zum New Yorker Sechstagerennen nach Amerika - und wurden die ersten europäischen Gewinner des legendären Wettbewerbes. Rütt selbst erinnerte sich 1909 im "Sport-Album der Rad-Welt", der Jubel, der sich bei seinem Überraschungssieg im Publikum erhob, sei "unbeschreiblich" gewesen. Die Amerikaner feierten ihn wie einen Popstar - und zurück in Deutschland wurde er zu einem Botschafter des Bahnradsports.

Nur zwei Jahre später verfielen auch die Deutschen vollends dem Fieber: Am 15. März 1909 fand in der Ausstellungshalle am Zoologischen Garten in Berlin das erste europäische Sechstagerennen statt - das heute das am längsten ausgetragene Sechstagerennen der Welt ist. Nur drei Monate später waren in der Hauptstadt bereits 14 Freiluft-Radrennbahnen errichtet worden; über die kommenden Jahre wurden die halsbrecherischen Radrennen fast zu einer Religion: Zigtausende Menschen strömten zu den Großveranstaltungen. Radsport war so groß, dass das Berliner Fachblatt "Rad-Welt" mehr als 100.000 Exemplare verkaufte - pro Tag!

Tempolimit für die Teufelskerle

Doch die Gefahr, die den Reiz des Sports ausmachte, sollte ihm bald zum Verhängnis werden: Nach dem "Schwarzen Sonntag" von 1909 verbot das preußische Innenministerium Radrennen mit Motorrädern. Nur wenige Monate später, am 17. August, wurde dieses Verbot zwar wieder aufgehoben - doch für die Steherrennen galten nun strengere Vorschriften: Die Geschwindigkeiten der Motorräder wurde gedrosselt, weit nach hinten gesetzte Abstandhalterrollen hinter den Maschinen eingeführt. John Stol, Rütts ehemaliger Teamkollege, verabschiedete sich auf Bitten seiner Eltern vollständig von motorisierten Steherrennen. Und selbst Fredy Budzinski, Chefredakteur der "Rad-Welt", klagte: "Ich wünschte, der Benzinmotor wäre niemals auf die Rennbahn gekommen!"

Auch die Langstreckenrennen ohne Motorräder wurden entschärft: Am 1. Januar 1934 erließ der Deutsche Radfahrer-Verband ein Verbot, bei Sechstagerennen rund um die Uhr zu fahren. Ein Jahr später wurde das Tragen von Sturzkappen Pflicht. Doch auf diese Weise entschärft, wurden die einst lebensgefährlichen Rennen für das sensationslustige Publikum reizlos. Und so blieben die großen Zuschauermassen immer öfter aus.

Auch um den Pionier Walter Rütt wurde es still: 1925, nach 25-jähriger Profilaufbahn und 933 Siegen, zog Rütt sich aus dem aktiven Sport zurück. Er investierte sein gesamtes Vermögen in den Bau der "Rütt-Arena", einer offenen Radrennbahn auf der Berliner Hasenheide. Dort wollte er sich einen Lebenstraum erfüllen und mit Unterstützung amerikanischer Sponsoren internationale Radrennen abhalten, sich der Förderung des Bahnrad-Nachwuchses widmen. Doch die Dinge liefen nicht wie geplant.

Verkohlter Lebenstraum

Ungewöhnlich oft mussten die von Rütt veranstalteten Rennen in der Freiluft-Arena wegen schlechten Wetters abgesagt oder verschoben werden oder fanden bei Dauerregen vor leeren Rängen statt. Rütts Wetterpech wurde so legendär, dass er in Karikaturen verspottet wurde. Er bemühte sich, die Veranstaltungen auf mehrere Tage festzulegen, um bei Regen Ausweichtermine zu haben, aber so stiegen die Spesen, die er angereisten Fahrern zahlen musste. Die Arena wurde zu einem bodenlosen Geldgrab für den einstigen Superstar.

Vor 80 Jahren, am 3. Mai 1931, brach in einem Abstellraum unter der Kurventribüne der Rütt-Arena Feuer aus. Binnen weniger Minuten verschlangen Flammen die gesamte Anlage, die anrückende Feuerwehr konnte nichts mehr ausrichten. Von Rütts Traum waren nur verkohlte Trümmer zurückgeblieben. Die Ursache des Brandes konnte nie zweifelsfrei geklärt werden, schnell machten Gerüchte die Runde, es sei Versicherungsbetrug im Spiel. Kaum jemand wusste: Die Anlage war unversichert gewesen. Denn die Versicherungskosten hatte der verarmte Ex-Profi bereits seit einem Jahr einfach nicht mehr zahlen können.

Vom Glanz der Goldenen Tage des Bahnradsports ist heute wenig geblieben: Zwar finden noch immer regelmäßig große Sechstagerennen in Berlin, Bremen und anderen deutschen Städten statt - doch ähneln sie eher einem Volksfest als einer Sportveranstaltung. Und der Steherrennsport verschwand nach seinen Glanzzeiten immer mehr in einer Exotennische: 1994 wurden die Steher-Weltmeisterschaften abgeschafft, da der Sport außerhalb Deutschlands, der Schweiz und der Niederlande praktisch ausgestorben war. In Deutschland gibt es heute nur noch etwa 30 erfolgreiche Steher. Am Ende, so scheint es, war der Atem der "Stayer" doch nicht lang genug, um dauerhaft im Rampenlicht zu bleiben.

Mitarbeit: Bernd Wagner, Renate Franz

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