Bankenkrise 1931 Als ein deutscher Wollbaron die Welt erschütterte

Er frisierte Bilanzen, verschleierte Verluste und täuschte alle: 1931 sorgte der Industrielle Carl Lahusen für den größten Wirtschaftsskandal der Weimarer Republik. Der Millionenbetrüger riss die zweitgrößte Bank mit in den Abgrund - und hätte beinahe die deutsche Finanzwelt ruiniert.


Eine schlechte Nachricht jagte am 11. Mai 1931 die andere. Erst räumte die Österreichische Creditanstalt Rekordverluste ein. Kurz darauf gab der Karstadt-Konzern ernsthafte Probleme bekannt. Nun war eingetreten, was die Finanzwelt die ganze Zeit befürchtet hatte: Die Weltwirtschaftskrise forderte auch unter den soliden Unternehmen ihre Opfer. Nervös tigerte Danat-Bank-Chef Jakob Goldschmidt am Abend dieses 11. Mai durch seine Berliner Wohnung. Er ahnte, dass ihn noch eine weitere Horrornachricht erreichen würde. Sein Adlatus Max Doerner hatte sich für 20 Uhr angesagt, um ihn über den Finanzstatus des größten Kunden der Danat-Bank zu informieren: die Norddeutsche Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei, genannt Nordwolle.

Was der Chef der Bank wenig später zu hören bekam, war noch schlimmer als erwartet. Doerner hatte bei seinen Recherchen den wohl größten Wirtschaftsskandal der Weimarer Republik aufgedeckt. Die Nordwolle war nicht nur in einer wirtschaftlichen Schieflage, sie war am Ende. Seit 1925 frisierte der größte Textilkonzern Europas seine Bilanzen und verschleierte so riesige Verluste. Doerner schätzte, dass sich über die Jahre eine Summe von insgesamt 145 Millionen Reichsmark angehäuft hatte - bei einer Bilanzsumme von 272 Millionen Reichsmark.

Goldschmidt war erschüttert, stand doch der Konzern bei seiner Bank mit 48 Millionen Reichsmark (heute etwa 150 Millionen Euro) in der Kreide. Fiel dieser für damalige Verhältnisse gigantische Kredit aus, drohte seinem Institut die Zahlungsunfähigkeit. Am nächsten Tag gestand Nordwolle-Chef G. Carl Lahusen dem Banker, dass bei ihm kein müder Pfennig mehr zu holen sei. Goldschmidt brannten die Sicherungen durch. In seinem Wutrausch zerschlug er über Lahusens Kopf einen Stuhl, der den Rest des Tages wie ein Fanal zerschmettert in seinem Büro lag. "Die Nordwolle ist hin, die Danat-Bank ist hin, die Dresdner-Bank ist hin - ich bin hin", stöhnte Goldschmidt verzweifelt.

Kalt erwischt

Er sollte recht behalten. Anfang Juli zeichnete sich ab, dass die Nordwolle nicht zu retten war. Am 13. Juli musste die Danat-Bank, immerhin die zweitgrößte Bank Deutschlands, ihre Schalter schließen, weil ihr das Bargeld ausging. Doch es kam noch schlimmer: Die Nachricht versetzte die von der Wirtschaftskrise gebeutelten Deutschen in Panik. Massenhaft zogen sie ihre Einlagen ab, weshalb am 14. und 15. Juli sämtliche Bankschalter geschlossen blieben. Die Nordwolle-Pleite drohte etliche deutsche Kreditinstitute mit in den Abgrund zu reißen, und löste die bis dahin größte Bankenkrise in Deutschland aus. Nur weil die Reichsregierung beherzt eingriff und mit einer kräftigen Finanzspritze die Eigenkapitalbasis der Institute stärkte, wurde der totale Kollaps des Finanzsektors verhindert.

13 deutsche und 18 ausländische Banken hatten sich systematisch von Nordwolle-Chef G. Carl Lahusen täuschen lassen und insgesamt 180 Millionen Reichsmark in das marode Unternehmen gepumpt. Die Danat-Bank hatte mit ihren 48 Millionen Reichsmark die größte Last zu tragen. Die Dresdner Bank rangierte mit knapp 25 Millionen Reichsmark auf Rang zwei. Die plötzliche Pleite hatte alle Gläubiger kalt erwischt. Denn nach außen wirkte das Unternehmen, das die Familie Lahusen über vier Generationen zum größten Textilkonzern Europas ausgebaut hatte, kerngesund. Es beschäftigte rund 25.000 Menschen und war weltweit engagiert, als Carl Lahusen 1924 den Vorstandsvorsitz übernahm.

Der neue Chef setzte ehrgeizige Ziele. Er wollte die marktbeherrschende Stellung der Nordwolle weiter ausbauen und verordnete dem Unternehmen einen Wachstumskurs. Bei den Bankern kam das gut an. Bereitwillig stellten sie immer neue Kredite zur Verfügung. Sie ahnten nicht, dass Lahusen sich ihr Geld mit gefälschten Zahlen ergaunerte, um damit nicht nur die Expansion des Unternehmens, sondern auch seinen überbordenden Lebensstil zu finanzieren. Schließlich galt die Familie als "unermesslich reich".

Trugbild vom Saubermann

Und Lahusen prasste und protzte. Er ließ in Bremen einen Prachtbau für die Konzernzentrale der Nordwolle errichten und baute das Gut Hohehorst, Sommersitz der Familie, zu einem schlossartigen Herrenhaus mit über hundert Zimmern aus. Marmor, Elfenbein, edle Hölzer, Bronze - nur die edelsten Materialien waren gut genug für den Wollbaron.

Mit seinem wenig hanseatischen Verhalten eckte er in der Bremer Gesellschaft zwar immer wieder an, vor allem bei seiner Familie. Niemand aber zweifelte an seiner Rechtschaffenheit. Er galt als "ehrbarer Kaufmann" und hatte deshalb viele Mandate und Ehrenämter inne: Er war Mitglied im Aufsichtsrat der Danat-Bank und des Norddeutschen Lloyd. Anfang 1931 wurde er zum Präses der Bremer Handelskammer gewählt. Nichts deutete auf irgendwelche dubiosen Machenschaften hin.

Zwar waren schon 1930 erste Gerüchte über die Zahlungsfähigkeit der Nordwolle im Umlauf. Doch dem Ehrenmann Lahusen war es immer wieder gelungen, die Zweifel seiner Gläubiger zu zerstreuen. Erst als sich 1931 die wirtschaftliche Lage in Deutschland zuspitzte und die US-Banken, die bis dahin die deutsche Bankwirtschaft mit frischem Geld versorgt hatten, ihre Kredite zurückzogen, begannen sich die Banker für die Nordwolle zu interessieren - allen voran Danat-Bank-Chef Goldschmidt. Er hatte Kreditkündigungen von US-Banken in Höhe von 97 Millionen Reichsmark hinnehmen müssen. Um flüssig zu bleiben, musste er auf den Nordwolle-Kredit, sein größtes Engagement, zugreifen können.

Verschiebebahnhof Amsterdam

Also beauftragte er seinen Mitarbeiter Max Doerner, den Finanzstatus der Nordwolle zu überprüfen. Über Monate konnte Lahusen eine Kontrolle seiner Bücher vermeiden. Doch Doerner ließ sich nicht abwimmeln. Und so förderte er Schritt für Schritt die gesamte Wahrheit ans Licht: Lahusen hatte sich zum einen mächtig verspekuliert. Weil er an steigende Rohstoffpreise glaubte, hatte er sich im großen Stil mit Wolle eingedeckt. Doch die Wollpreise rauschten in den Keller. Zum anderen kam ihn sein Expansionskurs teuer zu stehen. Viele der zugekauften Fabriken arbeiteten unrentabel, weil die Produktionsanlagen veraltet waren.

Die so erwirtschaften Verluste kaschierte Lahusen mit Hilfe einer "eng verbundenen Gesellschaft" in Amsterdam - der Ultramare. Offiziell belieferte die Ultramare die Nordwolle mit Kammgarnen und Wolle. Tatsächlich nutzte Lahusen sie aber als Verschiebebahnhof. Hier wurden die Verluste und ein Teil der Bankschulden "geparkt", damit sie aus der Nordwolle-Bilanz verschwanden. Nur deshalb konnte Lahusen immer wieder neue Kredite an Land ziehen, mit denen er die Löcher stopfte, die die Verluste aufgerissen hatten.

Als sich die Situation an der Börse zuspitzte, kaufte die Ultramare sogar Aktien der Nordwolle auf, um den Kurs zu stützen. Am Ende hielt sie ein Paket von rund 30 Prozent. Lahusen tat alles, um die Fassade zu erhalten. Der Konkursverwalter fasste die Lage des Konzerns treffend zusammen: "Um den dauernd wachsenden Kreditbedarf zu decken, musste eine Scheinblüte vorgetäuscht werden, zu der die immer größere Expansion den Weg wies."

"Vom goldenen Sessel auf die Anklagebank"

Bis Anfang Juli strickten die Reichsbank und die Regierungen in Bremen und Berlin verzweifelt an einer Rettungsmöglichkeit. Das Kabinett erwog sogar einen Schuldenschnitt. Zu groß war die Angst, dass eine Pleite - nach dem Debakel mit der Österreichischen Kreditanstalt und Karstadt - eine unkontrollierbare Kettenreaktion auslösen würde. Schließlich musste sie dann aber doch einsehen: Der Nordwolle war nicht mehr zu helfen. Wie hoch der Verlust wirklich war, ließ sich angesichts der unübersichtlichen Konzernstruktur nicht genau beziffern. Schätzungen aus dem Juli gingen aber bereits von mehr als 200 Millionen Reichsmark Miese aus. Keiner der Beteiligten sah sich in der Lage, einen Betrag in auch nur annähernd dieser Höhe zu stemmen.

Am 17. Juni 1931 legten Carl Lahusen und seine beiden Brüder Heinz und Friedrich, die ebenfalls im Vorstand saßen, alle ihre Ämter nieder. Ihr Rücktritt wirkte wie ein Eingeständnis des "katastrophalen Scheiterns der vierten Lahusenschen Generation" schreibt der Historiker Dietmar von Reeken. Den Untergang der Nordwolle konnte dieser Akt aber nicht mehr verhindern. Ein altgedienter Mitarbeiter übernahm die Geschäftsleitung bis zur Eröffnung des Konkursverfahrens am 21. Juli 1931.

Vier Tage zuvor war Carl Lahusen verhaftet worden - wegen Konkursverbrechens, Bilanzverschleierung, Untreue und Kreditbetrug. Innerhalb weniger Jahre hatte es der Unternehmer geschafft, "aus dem vergoldeten Sessel im Prunkschloss Hohehorst, im Holzschemel des Bremer Untersuchungsgefängnisses zu landen", wie die SPD-nahe "Bremische Volkszeitung" ätzte.

Große Loyalität der Standesgenossen

Das Bremer Bürgertum war wie die liberale Presse um Schadensbegrenzung bemüht und verteidigte Lahusen nach Kräften. Die Handelskammer beispielsweise bestätigte der Staatsanwaltschaft, dass "alle Herren der Handelskammer einen bestimmten und zwar günstigen Eindruck von der Persönlichkeit des Herrn Carl Lahusen" gehabt hätten. Der Bremer Kaufmann Ludwig Roselius fühlte sich sogar verpflichtet, das noch einmal schriftlich in einem Brief an Bürgermeister Donandt zu bestätigen. Und schließlich unterstützten die Kaufleute Lahusen sogar finanziell: Insgesamt 1,1 Millionen Reichsmark spendeten sie für seine Kaution.

Zwei Jahre, nachdem der Skandal aufgeflogen war, wurde Lahusen zu einer Gefängnisstrafe von fünf Jahren verurteilt - wegen Bilanzverschleierung und Untreue. Zusätzlich musste er eine Strafe von 50.000 Reichsmark bezahlen. Eine Berufung lehnte das Reichsgericht 1934 ab. Es war das Ende eines Wirtschaftsskandals und das einer Dynastie. Nie wieder sollten die Lahusens in Bremen eine Rolle spielen. Carl Lahusen starb 1973 fern der Heimat - in München.

Dieser Artikel basiert auf dem preisgekrönten Beitrag "Der Untergang der Norddeutschen Wollkämmerei und Kammgarnspinnerei in den Jahren 1931 bis 1933" für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 von Schülern der Oberschule Findorff. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.



insgesamt 3 Beiträge
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Bernd Müller, 05.12.2011
1.
Zum Bild Nr. 10 Zwar befindet sich der Hermannplatz in Neukölln, aber die westliche Seite des Platzes, an der das Kaufhaus auch heute noch steht, befindet sich in Kreuzberg.
Siegfried Wittenburg, 05.12.2011
2.
Das Geld ist eben eine andere Spezies als der Mensch.
Rüdiger Toebert, 05.12.2011
3.
>> Lahusen ließ in Bremen einen Prachtbau für die Konzernzentrale bauen...
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