Banklady Gisela Werler Mit Schirm, Charme und Pistole

Banklady Gisela Werler: Mit Schirm, Charme und Pistole Fotos
NDR/cinecentrum

Eiskalter Vamp oder psychisch Kranke? Zwei Jahre lang beflügelten die spektakulären Coups der Banklady die erotischen Fantasien einer ganzen Nation. Bis Deutschlands berühmteste Bankräuberin einen Fehler machte. Vor 40 Jahren wurde Gisela Werler geschnappt - und ein Mythos entzaubert. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
    3.1 (485 Bewertungen)

Nein, von dem Geld kaufte sie sich keine Luxusvilla. Keinen großen Schlitten. Keine Juwelen. Gisela Werler, älteste von drei Bauschlossertöchtern aus Hamburg-Altona, blieb sich selbst treu - auch als eine der reichsten Frauen der aufstrebenden Bundesrepublik: Sekt, Kalbsschnitzel, Helgolandreisen, das waren die kleinen Freuden, die sie sich gönnte. Und natürlich der gebrauchte Käfer. Mehr Luxus musste gar nicht sein - Deutschlands berühmteste Bankräuberin war eine genügsame Frau.

Und eine gut erzogene noch dazu: "Geld her oder ich schieße!"-Brüllen, das war normalerweise nicht ihr Stil. Gisela Werler, ihren Eltern "ein und alles", hatte Manieren. Sie pöbelte nicht herum, sondern bat freundlich um Geld. Und die blonde Frau mit der großen Sonnenbrille und der Pistole bedankte sich artig, wenn die vor Angst bleichen Bankangestellten ihr die Bündel mit den Geldscheinen über die Tresen schoben. Genau 19 Mal spielte sich diese Szene ab: Gisela Werler betritt die Bank. Gisela Werler bittet um Geld. Gisela Werler verlässt die Bank.

Rund 400.000 DM erbeutete sie gemeinsam mit ihrem Komplizen und späteren Ehemann Hermann Wittorff alias Peter Werler bei ihren Raubzügen durch Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Ein Rekord: So erfolgreich wie die Gang der Hamburgerin war in der Kriminalitätsgeschichte der BRD noch niemand zuvor gewesen.

Das gab es noch nie!

Wenngleich es viele versuchten: Seit Anfang der Sechziger war der Bankraub geradezu Mode geworden. Wurden 1962 noch 53 Überfälle auf Geldinstitute verübt, so waren dies vier Jahre später bereits 389. Polizisten wie Hugo Alfke, Unternehmer wie Hans Rapsch, Landwirte wie Godber Petersen - sie alle strebten nach dem schnellen Geld.

Und hatten eines gemein: Sie waren Männer. Eine weibliche Bankräuberin hingegen ward bis dato noch nicht gesichtet im traditionsverhafteten Nachkriegsdeutschland. Kriminologen rieben sich verdutzt die Augen, überrumpelt von so viel Emanzipation. Dass Frauen ihre straffälligen Männer deckten, kannte man. Auch, dass Frauen ihre Männer zu Straftaten anstifteten. Doch dass eine Frau selbst die Waffe schwang - und dann auch noch einer Männer-Gang vorstand, das gab es noch nie. Ein Affront!

Während die Banküberfälle ihrer männlichen Kollegen auf den hinteren Seiten der Gazetten ihr tristes Dasein fristeten, schaffte Gisela Werler bei jedem Coup den Sprung in die Schlagzeilen: Zur "Chefin der gefährlichsten Bankräuberbande der Nachkriegszeit" kürte sie das "Hamburger Abendblatt" mit wohligem Zähneklappern.

Pünktlich und hilfsbereit

Zum harten Kern der "Bande" zählte neben Gisela Werler und ihrem späteren Ehemann noch dessen Freund Hugo Warncke. Er war es, der die beiden miteinander bekannt machte - und so den Grundstein legte für die große Liebe zwischen dem Chef eines verschuldeten Taxiunternehmens aus Hamburg-Eidelstedt und der sechs Jahre jüngeren Gisela. Einer Frau, der niemand einen Bankraub zugetraut hätte: 1934 geboren und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, fing sie nach der Volksschule mit 14 Jahren als Aushilfe in einem Blumengeschäft an. Außerdem steuerte die hübsche, schwarzhaarige Jugendliche aus der Mietskaserne als Packerin in einem Tapetenladen sowie als Kassiererin in einem Supermarkt Geld zu der schmalen Familienkasse bei.

Die Nachbarn beschrieben Gisela Werler als liebes, nettes Ding, Arbeitgeber lobten die Pünktlichkeit und Hilfsbereitschaft der streng erzogenen Jugendlichen. Kurzum: kein böses Mädchen. Und dennoch - die Liebe zu dem verheirateten Familienvater, der bereits Banken überfallen hatte, lässt eine andere, dunkle Seite in ihr hervortreten: die der Banklady. Diente ihr Schlafzimmerschrank zunächst als Lagerort für Beute und Raubausrüstung, reizte Gisela Werler bald der Nervenkitzel, selbst die Maske überzustreifen.

Mit Sonnenbrille, Nylonkopftuch, Perücke und Maschinenpistole ausstaffiert, startete sie am 29. Juli 1965 ihre eigene kriminelle Karriere in der Hamburger Volksbank an der Elbgaustraße. Mit 3100 Euro erzielte sie bei ihrer Premiere nicht gerade einen großen Fang - dafür zitterte die ganze Stadt. Eine weibliche Bankräuberin! Gesetzeshüter, Presse, Bevölkerung, alle bebten vor Aufregung. Die Banklady trat ihren Siegeszug an und räumte eine Bank nach der anderen aus.

Büsum-Urlaub hier, neue Gardine da

Da sie in immer neuen Maskierungen ans Werk ging, versagten die Phantomzeichnungen - und die Polizei tappte im Dunkeln. Schnell stieg Gisela Werler zum Mythos auf, die Zeitungen feierten sie mal als psychisch Kranke, ihrem Mann Hörige, mal als eiskalten Vamp; ihre langen Beine heizten die erotischen Fantasien der Schreiberlinge an.

Immer kühner die Überfälle, immer höher die erbeuteten Summen - mithilfe einer perfekten Maskerade vermieden die beiden, dass Familie und Freunde etwas ahnten von dem Doppelleben des Ganoven-Paars. Ein Büsum-Urlaub hier, eine neue Gardine da, mehr gönnten sich die Banklady und ihr Geliebter nicht. Das Maximum an Wirtschaftswunder-Glück: ein gebrauchter Käfer.

Gute zwei Jahre lang führte das Paar die Republik an der Nase herum. Immer nach der gleichen Masche: Vor den Banken wartete stets ein gestohlener Käfer mit Nummernschild- Dubletten. Die beiden brausten davon, nahmen noch ein kurzes Stück zu Fuß und stiegen dann in ihr Volvo-Taxi mit dem Geheimfach in der Rückbank. Hier wurden Geld, Maskierung und Waffe verstaut - und ab ging's nach Hause. Erst bei dem 19. Banküberfall ging es schief - just an dem Tag, an dem es um besonders viel Geld gehen sollte: 100.000 Mark wollte die Banklady an diesem verregneten 15. Dezember 1967 in der Kreissparkasse in Bad Segeberg erbeuten.

Raub aus Liebe

Anders als erwartet, wehrten sich die Bankangestellten, das Pärchen flüchtete über den Hintereingang auf den Parkplatz und schoss die vier Verfolger nieder. Nach einer wilden Verfolgungsjagd gelang es der Polizei, das Räuberduo zu stellen - eine geschlossene Bahnschranke wurde den beiden zum Verhängnis. Erneut zog Peter Werler die Waffe und zielte auf den Polizisten - vergeblich: Das Magazin fiel aus der Maschinenpistole, der Polizist überlebte, und das Paar wanderte hinter Gitter.

Die ganze Republik verfolgte den spektakulären Kriminalfall, der am 27. Dezember 1968 vor dem Landgericht Kiel aufgenommen wurde. "Nicht aus Geldgier, sondern aus Liebe" zu ihrem Partner habe sie gehandelt, beteuerte Gisela Werler vor den Richtern. Und die Richter glaubten ihr. "Sie war ihm hörig", bestätigte der Kriminalbeamte Hans Schliemann, der die Banklady unmittelbar nach ihrer Festnahme in Bad Segeberg verhörte hatte.

Damit passte ihr Täterprofil wunderbar ins Weltbild der Zeit, nach dem Frauen von sich aus keine nennenswerte kriminelle Energie aufbringen konnten und nur durch ihre Männer zu Straftaten verleitet wurden. Das Klischee von der braven Frau und dem bösen Mann war gerettet - und die Banklady kam im Vergleich zu ihrem Komplizen glimpflich davon: Neuneinhalb Jahre Gefängnis lautete das Urteil der Richter - Peter Werler wurde zu dreizehneinhalb Jahren verdonnert.

"Mit der Gisela sind wir fertig"

Weniger mild als die Justiz ging Giselas Mutter mit ihr ins Gericht: "Mit der Gisela sind wir fertig, uns so an der Nase herumzuführen", schnaubte sie nach deren Verhaftung erbost. "Wir haben alle nichts Anständiges anzuziehen, und für das Essen reicht es auch kaum. Und sie raubt sich das viele Geld zusammen", schimpfte die Mutter weiter. Wenigstens was abgeben hätte sie können!

In der Gefängniskapelle gab sich das Räuberduo vor Gott das Ja-Wort - was sie nicht davon abhielt, nach abgesessener Haftstrafe erneut zuzuschlagen. Am 5. Dezember 1985 überfiel Peter Werler, der unter seinem alten Namen Hermann Wittorff firmierte, die Elmshorner Bank für Gemeinwirtschaft. Um sich seine Altersversorgung zu sichern, wie er später vor Gericht aussagte. Der Banklady konnte eine Tatbeteiligung an dem missglückten Coup jedoch nie nachgewiesen werden. 2003 verstarb sie 69jährig in Hamburg. Als einfache Frau - so wie sie einst angefangen hatte.

Ausstellung zur Banklady auf Schloss Gottorf

Artikel bewerten
3.1 (485 Bewertungen)
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH