Erste "Tagesthemen"-Moderatorin "Manchmal haben diese Kämpfe sogar Spaß gemacht"

Erste "Tagesthemen"-Moderatorin: "Manchmal haben diese Kämpfe sogar Spaß gemacht" Fotos
NDR

Allein gegen Machos: Barbara Dickmann war das erste weibliche Gesicht der "Tagesthemen" - und musste dafür harte Kämpfe ausfechten. einestages sprach mit der Journalistin über frauenfeindliche Chefredakteure, unverhohlenes Mobbing und einen Eklat wegen Glitzerelefanten.

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Der Weg zu ihrem Traumberuf begann für Barbara Dickmann mit dem abrupten Ende eines Traumes. 1963 brach sich die junge Sportstudentin und einstige Leistungsschwimmerin beim Hochsprung beide Ellenbogen. "Im Nachhinein", erzählt Barbara Dickmann heute, "war der Unfall meine persönliche Bestimmung". Denn die politisch engagierte Frau, die gegen die Springer-Presse auf die Straße ging, wurde stattdessen Journalistin - und veränderte die bundesdeutsche Medienlandschaft für immer.

Dickmann legte eine Blitzkarriere hin. Sie volontierte bei der "Frankfurter Neuen Presse", wechselte zum Hessischen Rundfunk, für den sie ab 1970 die "Hessenschau" moderierte. Acht Jahre später war sie mit einem Schlag berühmt: Barbara Dickmann, die heute 70 Jahre alt wird, sollte als erste Frau das wichtigste politische Magazin der ARD moderieren: die "Tagesthemen".

einestages: Was war das für ein Gefühl, als Sie von der Entscheidung der ARD erfuhren?

Dickmann: Ich war total überrascht und überglücklich. Ich wusste: Das ist ein Wendepunkt in meinem Leben. Was für eine Chance! Die ganze Tragweite habe ich erst später begriffen.

einestages: Hatten Sie keine Angst?

Dickmann: Angst und Respekt. Ich habe mir gesagt: Wenn ich an dieser Aufgabe scheitere, dann scheitert nicht nur die Barbara Dickmann, sondern das ganze neu aufgebaute Konzept der "Tagesthemen". Dann ist das Projekt, eine Frau in einer wichtigen Nachrichtensendung vor die Kamera zu bringen, um Jahre verschoben. Also mir ging schon die Muffe.

Und nicht nur ihr. Was Barbara Dickmann nicht ahnte: Ihre Personalie war hochbrisant. Entgegen der üblichen Hierarchie-Abläufe in der ARD wurde ihre Stelle allein von den zwölf Programmdirektoren beschlossen, ohne Rücksprache mit den zwölf Chefredakteuren und zwölf Intendanten der ARD-Anstalten. Eigentlich hätten sich also 36 Männer über die zu vergebende Stelle an eine Frau einigen müssen. Besonders die ARD-Chefredakteure empfanden es als Affront, übergangen worden zu sein. Sie warteten nur darauf, dass die Neue einen Fehler machen würde.

einestages: Wie zeigte sich der Missmut über ihre Personalie?

Dickmann: Ich durfte 1978 nicht sofort ins Abendprogramm, sondern erst nur in die "Tagesthemen"-Morgensendung um 9 Uhr 30, die es damals noch gab. Das war die Wiederholung vom Vorabend, für die ich aber meine eigenen Moderationstexte schrieb. So weit fand ich das auch völlig in Ordnung so. Aber dann hieß es bei einer Konferenz der Chefredakteure, ich wäre zwar ganz gut gewesen, aber sollte bei der "Hessenschau" lieber noch ein bisschen üben. Außerdem sei ich kein Abendkopf, also für die Hauptsendung ungeeignet.

einestages: Wie haben Sie reagiert?

Dickmann: Ich war wütend. Ich habe gesagt: Hallo, ich habe nach objektiven Maßstäben sehr gut moderiert. Das ist mir von vielen bescheinigt worden, die Öffentlichkeit fand das auch klasse. Und nun kommen die Chefredakteure, nur weil sie noch beleidigt sind, und sagen, ich sei kein Abendkopf! Also habe ich hingeschmissen, bin nach Frankfurt abgereist und habe wieder die "Hessenschau" moderiert.

einestages: Ein halbes Jahr später hat Sie ARD-Chefredakteur Carl Weiss gebeten, zurückzukommen und Ihnen die Abendsendung versprochen.

Dickmann: Ich habe mich erst geziert und ihn gefragt, was mich erwartet. Ob nicht schon sofort wieder jemand an meinem Stuhl sägen würde. Ich hatte keine Lust mehr auf Ränkespiele.

einestages: Sie haben zugesagt - gesägt wurde aber trotzdem.

Dickmann: Ja, leider. Da war etwa der "Tagesthemen"-Chefredakteur Dieter Gütt. Der ist ein Macho erster Güte gewesen. Er hat immer gesagt, dass Frauen in Nachrichtensendungen nichts zu suchen haben, weil sie sich nicht für Politik interessieren und auch nicht analytisch denken können. Er hat sofort angefangen, mich zu mobben.

einestages: Wie genau?

Dickmann: Ich musste ihm um sieben Uhr abends meine Moderationstexte zum Gegenlesen abliefern. Er trug eine Nickelbrille, die ihm immer auf die Nasenspitze rutschte. Dann guckte er mich streng an und strich meine Texte komplett von oben bis unten durch. Ohne sie gelesen zu haben. Ich habe gefragt: "Was ist falsch daran?" Dann sagte er nur: "Alles!"

einestages: Wie oft hat er das gemacht?

Dickmann: Ein paar Mal. Dann habe ich gesagt, er müsse mir das begründen, sonst würde ich mich beim Intendanten beschweren. Es hat ein Jahr gedauert, bis er mich und meine Arbeit respektiert hat.

einestages: Damals, als Nachrichtenjournalismus noch eine reine Männerdomäne war, war ihr Chef Dieter Gütt sicher nicht der Einzige, der Sie gemobbt hat.

Dickmann: Nein, auf den Mittagskonferenzen der ARD-Anstalten, auf denen die Sendungen des Vortages analysiert wurden, musste ich mich immer ganz warm anziehen. Viele der konservativen ARD-Funkhäuser kannten meine politische Färbung und haben akribisch darauf geachtet, ob in meinen Texten nicht irgendwo ein linker Zungenschlag versteckt gewesen sein könnte. Ständig wurde mir vorgeworfen, ich sei anti-amerikanisch. Außerdem durfte ich noch nicht einmal in der ersten Reihe sitzen, da wo die Mikrofone mit den Knöpfen waren. Ich hatte einfach nichts zu sagen, das blieb dem Chefredakteur überlassen, in meinem Fall Dieter Gütt. Ich war dann aber erstaunt, dass er mich meist verteidigt hat.

einestages: Hat Ihnen die Arbeit unter solchen Umständen noch Spaß gemacht?

Dickmann: Ich habe versucht, es sportlich zu nehmen. Manchmal haben diese Kämpfe sogar Spaß gemacht. Aber es war schon schwer, in dieser Männerdomäne überhaupt nur akzeptiert zu werden. Bei jeder Kleinigkeit spielte immer diese Frauenkomponente eine Rolle. Einmal hatte ich ein grünes T-Shirt an, auf dem vorne so kleine Glitzerelefanten gedruckt waren. Da gab es einen Aufschrei am nächsten Tag. Wie ich denn in Disco-Kleidung die "Tagesthemen" moderieren könnte!

einestages: Warum hat die ARD Sie trotz vorhersehbaren Ärgers überhaupt engagiert?

Dickmann: Das lag sicher am Zeitgeist. Damals stiegen immer mehr Frauen in verantwortliche Positionen. Das hat irgendwann auch die alte Tante ARD gemerkt. Außerdem hatte ich damals Abend für Abend etwa sieben Millionen Zuschauer. Das war schlicht ein Plebiszit.

Als der konservative Edmund Gruber 1981 neuer Chefredakteur der "Tagesthemen" wurde, nahmen die Konflikte zu. Der Mann mit den Brioni-Anzügen nannte seine Moderatorin "linksradikal", sie hielt ihn politisch für "kohlschwarz". Bereitwillig ließ sich Dickmann 1983 vom "Stern" abwerben. Doch sie kam vom Regen in die Traufe.

Und das nicht nur, weil sie an einer "Stern-TV"-Doku über die "Hitler-Tagebücher" beteiligt war, die sich später als Fälschungen erwiesen. Das war ein erster journalistischer Tiefpunkt, doch als politische Büroleiterin in Bonn kam es noch schlimmer: Wieder wurde sie von einem männerdominierten Kollegium ignoriert.

Dickmann: Es war die Hölle. In Bonn bin ich grandios gescheitert, weil ich dort sieben Männern vorstand, die alle selber gerne Büroleiter geworden wären. Ich wurde nicht eingebunden in die wichtigen Geschichten, die in Hamburg geschrieben wurden.

Dickmann wechselte zum privaten Hörfunk und arbeitete ab den neunziger Jahren für das ZDF-Magazin "Mona Lisa".

einestages: Jahrelang haben Sie sich gegen männliche Kollegen durchsetzen müssen - und plötzlich waren Sie in einer Redaktion, in der nur Frauen arbeiteten.

Dickmann: Ja, ein komisches Gefühl. Aber ich habe an meinem eigenen Leben gemerkt, dass Frauen Unterstützung und Netzwerke brauchen, weil sie in vielen Bereichen sonst keine Chancen haben. Und so fand ich mich auf einmal in der Rolle der Frauenrechtlerin wieder.

einestages: 2003 haben Sie die Leitung von "Mona Lisa" übernommen. In Zeiten zunehmender Gleichberechtigung standen Sie vor der Herausforderung, das altbackene Image der Sendung zu entstauben.

Dickmann: Mir war klar, dass wir Frauen nicht isoliert vor den Fernseher setzen können, um ihnen dann zu zeigen, was sie tun müssen oder wo es hakt. Ich wollte ein politisches, investigatives Programm, das so attraktiv ist, dass Männer es sich zusammen mit ihren Frauen anschauen.

einestages: Haben Sie "Mona Lisa" männlicher gemacht?

Dickmann: Ich habe gekämpft für diese Kultsendung, der schon so oft der Tod vorhergesagt worden war. Ich hatte keine Freizeit mehr, habe jedes Wochenende geackert, das Programm aktualisiert. Ich bin stolz darauf, dass am Ende nicht nur die Quoten stiegen, sondern 45 Prozent der Zuschauer männlich waren.

Das Interview führte Christoph Gunkel

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insgesamt 4 Beiträge
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1.
Mathias Völlinger, 21.06.2012
Aha, angefangen bei den ARD-Tagesthemen und am Schluss bei ZDF-Mona Lisa gelandet. Eine Bilderbuchkarriere unter Machos. Sehr interessant. Sie sollte damit mal ihre Doktorarbeit schreiben. Plagiieren kann sie ja dabei nicht
2.
Sylvia Götting, 22.06.2012
Ah ja, und damit Männer in Zukunft kein Machogehabe mehr haben oder an den Tag legen und auch sonst keine Vorurteile gegenüber Frauen in Männerdomänen haben oder sich aufführen wie die im Beitrag angesprochenen Herren Dieter Gütt und Edmund Gruber, deswegen soll ja jetzt die Quote eingeführt werden. Männer denken per Gesetz frauenfreundlicher: Ach, was haben wir Frauen doch für eine glanzvolle Zukunft!
3.
Peter Göhring, 22.06.2012
soviel dazu: http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/frauenquote-in-aufsichtsraeten-diskriminierung-von-maennern-beklagt-1596968.html
4.
Ralf Hansen, 22.06.2012
Genau, "Männer" sind ein monolithischer Block, die halten zusammen wie Pech und Schwefel. Da wird niemand weggemobbt, weggebissen oder aussortiert. Deswegen brauchen Frauen immer irgendwelche Schutzregelungen, die Männer selbstzverständlich nicht nötig haben, da sie so ungemein privilegiert sind in unserer Gesellschaft.
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