Die erste Barbie Blondine entführt!

Fräuleinwunder mit Vorgeschichte: 1959 präsentierte der Spielzeugkonzern Mattel das Plastikgirl mit den Supermodelmaßen. Heute werden auf der Welt jede Sekunde drei Barbies verkauft. Dabei hatten die Amerikaner den Dreh mit der schlanken Schönen geklaut - bei der "Bild"-Zeitung.

www.barbies.de

Von Ralf Klee und


Hamburg im Juni 1952. Der Karikaturist Reinhard Beuthien sitzt an seinem Schreibtisch, vor ihm ausgebreitet liegen Bleistifte, Federhalter und Papierbögen. Was fehlt, ist eine zündende Idee, und Beuthien benötigt genau die dringend. Der Verleger Axel Springer hat ihn für ein journalistisches Großprojekt angefordert. Der konservative Publizist will eine "unernste, antikonventionelle Zeitung" auf den Markt bringen, die an den "Geschmack einer Vanilleschnitte am frühen Morgen" erinnert. Dieses Blatt, das Springer "Bild"-Zeitung tauft, soll die Leser mit vielen Fotos locken, aber auch mit lustigen Comic-Strips. Liefern soll die Beuthien.

Also macht sich der Zeichner ans Werk. Er entwirft die Figur eines Kleinkinds, das im elterlichen Haushalt Unruhe stiftet. Drollig, aber etwas hausbacken. Die Idee wird in der Redaktion schnell verworfen. Dann hat Beuthien eine Eingebung. Er tut das, was er als Karikaturist meisterhaft kann: Überzeichnen. In wenigen Strichen viel unterbringen.

So bringt er das ziemlich überdrehte Abbild einer jungen Frau zu Papier: mit endlos langen Beinen, einer überschmalen Wespentaille, üppig geschwungenen Brüsten, einem frechen Pferdeschwanz und natürlich einem kussbereiten Schmollmund. "Lilli", so wird sie heißen, ist ein Männertraum. Eine wirklich heiße Puppe. Die Verantwortlichen des Verlags geben grünes Licht für die Veröffentlichung - "Sex sells" heißt auch im Nachkriegsdeutschland die erfolgversprechende Formel. Erst im Vorjahr hatte Hildegard Knefs kurze Nacktszene im Kinofilm "Die Sünderin" für Erregung, Entrüstung und volle Lichtspielhäuser gesorgt.

Kess, kurvig, käuflich

Als die erste Ausgabe der "Bild"-Zeitung am 24. Juni 1952 an Deutschlands Kiosken liegt, prangt auf der Titelseite ein großes Bild von Winston Churchill, die Schlagzeile lautet "Grenze bei Helmstedt wird gesichert!" Mindest so weltbewegend erweist sich die Premiere von "Bild-Lilli" in derselben Ausgabe. Gleich der erste Cartoon der neuen Figur ist stilbildend: Bei einer Wahrsagerin erkundigt sich Lilli nach der Adresse eines "großen, schönen, reichen Mannes".

Fortan wird sie, stets körperbetont gekleidet, mit zotigen Sprüchen, die damals noch als kess gelten mochten, auf die Leser losgelassen. "Zweiteilige Badeanzüge sind verboten?", entgegnet Lilli etwa am Strand einem Ordnungshüter: "Na gut, welches Teil soll ich ausziehen?" Appelle zur Abrüstung oder der Gleichstellung der Frau sind jedenfalls nicht ihr Ding. Die "Bild"-Leser sind begeistert - so sehr, dass der Verlag beschließt, ihrem Star zu einem zweiten Ich zu verhelfen: Lilli soll als Puppe auf den Markt kommen.

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Spielzeugikone: Modepüppchen mit Ambitionen

Und so führt der zweite Teil der Geschichte nach Neustadt bei Coburg. In der oberfränkischen Kleinstadt residiert die Spielzeugfirma O&M Hausser, ein Unternehmen, das für den Massengeschmack der jeweiligen Zeit zu produzieren wusste: erst kaiserliche Soldaten im Miniaturformat, später Wehrmachtslandser und Angehörige von SA und SS. Dazu Blechhaubitzen, Panzer und Kasernen für das heimische Kinderzimmer. Da Elastolin-Soldaten in den ersten Nachkriegsjahren nicht mehr sonderlich gefragt sind, produziert Hausser nun beispielsweise Cowboys und Indianer. Dann bekommt das Unternehmen den Auftrag aus Hamburg, Lilli vom Papier in die dritte Dimension zu bringen.

Puppen statt Panzer, Brüste statt Bomben

Das ist ein Fall für Chef-Modelleur Max Weißbrodt. Der gelernte Bildhauer arbeitet ohnehin gerade an der Umsetzung einer anderen Comic-Vorlage, der Prinz-Eisenherz-Serie. Hal Forsters Figur modelliert er detailgetreu bis ins Kettenhemd und die gerade geschnittenen Haarspitzen - aber Lilli stellt mit ihrem opulenten Oberkörper ganz andere Herausforderungen: Wie sollen die Arme mit dem Rumpf verbunden werden? Wie der Kopf angebracht? Weißbrodt tüftelt und formt.

Schließlich haben er und seine Modelleure eine Puppe entwickelt, die allen Anforderungen entspricht: Sie sieht der gezeichneten Lilli sehr ähnlich, dazu hat sie bewegliche Arme und einen Kopf, den man kokett zur Seite biegen kann. Um die Sittenwächter nicht auf den Plan zu rufen, erhält Lilli einen Unterbau, der beim Hinsetzen die Beine züchtig parallel geschlossen hält. Am 12. August 1955 wird die Plastikversion des Zeitungsmaskottchens offiziell vorgestellt. Zu Kaufen gibt es sie in 29 und 19 Zentimeter Größe, zum Preis von 7,50 und 12 D-Mark respektive. Obwohl das im Nachkriegsdeutschland eine stolze Summe ist und viele Eltern Bedenken gegenüber der knackigen Puppe haben verkauft sich Lilli gut - insgesamt werden 130.000 Bild-Lillis produziert.

Ihr Erfolg ist nicht allein der neuartigen, überaus weiblichen Form geschuldet. Mädchen lieben Lilli, weil sie sich verwandeln und verkleiden lässt. Bald gibt es für sie Dutzende unterschiedliche Outfits vom Tennisdress über Bürobekleidung bis hin zum Dirndl. Damit stößt Lilli mit Macht in eine Marktlücke, denn sie ist kein Babyersatz zum Knuddeln, sondern eine völlig neue Art der Anziehfigur, der dazu noch die populäre "Bild"-Zeitung mit Lilli-Storys ein eigenes Leben einhaucht. Und der Erfolg im Jungmädchenzimmer zieht weitere Kreise: 1958 entsteht der Kinofilm "Lilli - ein Mädchen aus der Großstadt", dessen Hauptdarstellerin über die "Bild"-Zeitung ausgesucht wird. Und bald kann man Lilli auch im Ausland kaufen.

Schaufensterbummel mit Folgen

Dort, genauer gesagt im schweizerischen Luzern, beginnt auch der dritte Teil der Erfolgsgeschichte. Die Schokoladenstadt am Vierwaldstätter See ist seit Kriegsende wieder Anziehungspunkt für viele Touristen, auch aus Übersee. Unter ihnen ist die US-Amerikanerin Ruth Handler. Gemeinsam mit ihrem Mann Elliot und Harold Matson hat sie 1945 die Spielzeugfirma "Mattel Creations" gegründet. Beim gemütlichen Bummel durch die Luzerner Gassen entdeckt sie in einer Auslage eine Lilli und kauft die "Mannequin-Puppe" kurzentschlossen für ihre Tochter Barbara Joyce.

Es ist ein Mitbringsel mit Nebenwirkungen, denn nicht nur die Tochter ist von ihrer "German Doll" fasziniert. Rasch reift so der Entschluss, nach dem Vorbild der Lilli für Mattel selbst eine Puppe zu entwickeln. Sie soll den Spitznamen der Tochter tragen: Barbie. Am 9. März 1959 wird auf der New Yorker Spielzeugmesse die erste "Barbie"-Puppe vorgestellt, als "Teen Age Fashion Model". Sie ist 29,5 Zentimeter groß, in blonder und brünetter Haarpracht erhältlich, und mit Lilli nahezu identisch. Im ersten Jahr verkaufen sich bereits 350.000 Exemplare.

Mattel erwirbt 1964 schließlich die Rechte an Lilli - und stellt deren Produktion ein. Barbie hingegen erobert weltweit die Kinderzimmer. Sie bekommt mit Ken noch einen Freund, wechselt im Laufe der Jahre mehrfach das Gesicht und bekommt dunkelhäutige Schwestern an die Seite.

Ihre Regentschaft ist inzwischen global - heute werden nach Herstellerangaben drei Barbies pro Sekunde verkauft. Aber die schlanke Schöne ist nicht vor Kritik gefeit: Barbie vermittle heranwachsenden Mädchen ein Schönheitsideal, das weder erreichbar noch erstrebenswert sei, mahnen Eltern und Pädagogen. Und Wissenschaftler ermitteln, dass eine Frau mit Barbie-Maßen nicht lebensfähig wäre - der Körper böte einfach viel zu wenig Platz für die Organe. Die Puppe transportiere ein bestimmtes Frauenbild: intellektuell begrenzt, ein dem Mann höriges Blondchen, lautete ein weiterer Kritikpunkt. Der Hersteller begegnet dem mit Barbies im Powerfrauen-Look: Seit den sechziger Jahren gibt es Barbie-Figuren als Astronautin, Unicef-Botschafterin, Basketballspielerin und Präsidentschaftskandidatin.

Mit über 50 Jahren ist Barbie dem reinen Kinderzimmerdasein ohnehin lange entwachsen - mittlerweile ist sie auch zum begehrten Sammelobjekt für Erwachsene avanciert. Das allerdings hat sie mit ihrer schändlich verstoßenen Stiefschwester Lilli noch gemeinsam: Das deutsche Fräuleinwunder in Plaste erzielt heute auf Auktionen, je nach Erhaltungszustand und Garderobe, Preise von bis zu 2000 Euro.

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Maristela Schoffelmann, 26.09.2018
1. Meine Kindheit mit Barbie...
Meine Zeit mit Barbie waren die 80er... "richtige" Puppen fand ich damals langweilig. Meine erste Barbie war eine, die ihre Arme nur senkrecht bewegen konnte. Diese waren seinerzeit die "Nebenpupen" und soweit ich wusste ein wenig günstiger als die "Jahreshauptmodelle" deren Arme "eingeknickt" waren und fast das Doppelte gekostet haben (teilweise sogar über 40,- DM). Eine davon war die "Büro Barbie". Tagsüber ein rosafarbenes Outfit mit Jacke und einem engem, mittellangem Rock den man wenden und ohne Jacke zu einem schicken Abendkleid verwandeln konnte. Meine Freundin und ich entwickelten Geschichten, Rollenspiele die wir sogar auf Kassette aufnahmen. Unsere Barbies gingen also tagsüber ins Büro (als Anwätinnen oder Unternehmerinnen wie wir uns eben so etwas vorgestellt hatten) und abends mit ihren Kens "auf Tour", aber lebten allein und waren unabhängig. Ich hatte Glück, dass meine Mutter so gut nähen konnte, denn ein neues Outfit hatte damals bis zu 15,- DM gekostet. Meine Barbie Outfits wurden umso beliebter: Glitzerstretchhosen, silberne Ballkleider und sogar eine pinkfarbene "Teddyjacke" (damals sehr modern und aus den Resten meiner eigenen Jacke genäht). Selbst für die Kens hat sie Anzüge genäht und den Hemden kleine Manchettenknöpfe verpasst. Nach und nach kam aber auch das superteure Zubehör dazu. Das Barbiehaus war damals sehr beliebt (kostete ungefähr 100,- DM), war aber auch gleichzeitig qualitativ sehr minderwertig. Es bestand lediglich aus ein paar Platten (ähnlich der Rückwände heutiger Ikeamöbel) und Plastiksäulen (das Highlight war der pinke Plastikfahrstuhl). Mein Vater baute mir eine Variante aus echtem Holz. Dann plötzlich war alles passé... ich war 12 und kam in die Pubertät. Das Haus und das Zubehör wurden aufm Flohmarkt verkauft... einige der Barbies und ihre Kleider hat meine Mutter behalten.
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