Barschel-Affäre Treffen mit dem Tod

Am 10. Oktober 1987 reiste "Stern"-Reporter Sebastian Knauer für ein Interview mit dem zurückgetretenen Kieler Regierungschef Uwe Barschel nach Genf. Das Treffen fiel aus: Der Journalist fand Barschel tot in der Hotelbadewanne. In einem Buch schildert er, wie es zu dem grausigen Fund kam.

DPA

An einem verregneten Samstagnachmittag im Oktober 1987 erreichte mich der telefonische Auftrag der Ressortleitung Deutsche Politik des "Stern" in meiner Hamburger Wohnung. Der Auftrag: in Genf mit dem Ex-Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, Uwe Barschel, ein politisches Interview zu führen. Ich verzichtete auf den Spaziergang im nahen Innocentia-Park, packte die schwarze, lederne Umhängetasche für eine Übernachtung und verabschiedete mich von meiner Lebensgefährtin und späteren Ehefrau, bevor ich mich auf den Weg zum Flughafen machte.

Der zurückgetretene und von seinen CDU-Parteifreunden fallengelassene Barschel hatte zuvor via Telefax an den CDU-Fraktionsvorsitzenden Klaus Kribben aus Gran Canaria eine bislang unbeachtete Sensation nach Kiel gemeldet - wenn sie denn stimmte. Er kündigte an, dass er einen "wesentlichen Beitrag zur Aufklärung leisten" könne, dem er noch am Wochenende "persönlich nachgehe". Der Text des Telex war in einer Pressekonferenz von einem "Stern"-Fotografen abgelichtet worden und wurde in der Redaktion ausgewertet.

Als Medienprofi hätte Barschel, so unsere Vermutung, die Chance genutzt über die auflagenstarke Illustrierte "Stern" nachzuweisen, dass sein zuvor in einer Pressekonferenz gegebenes Ehrenwort galt. Die Chancen, mit einem hoch motivierten Barschel im Ausland ein Interview für die nächste Ausgabe zu bekommen, standen also gar nicht schlecht. Hätte Barschel mit neuen Aussagen, Dokumenten, Fotos oder Zeugen glaubhaft nachweisen können, dass er Opfer einer raffiniert eingefädelten Intrige zwischen SPD, dem illoyalen, vom Springer-Verlag ausgeliehenen Mitarbeiter Rainer Pfeiffer und dem Hamburger Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" geworden war, wäre das ein journalistischer Scoop für den "Stern" gewesen. Vielleicht noch ein Größerer, als einen Toten in der Badewanne zu finden und zu fotografieren.

"Bitte nicht stören"

Es kam anders. Als ich schließlich das Hotelzimmer 317 von Uwe Barschel am nächsten Sonntagvormittag betrat, war mir das Risiko bewusst. Schon beim Zwischenstopp am Frankfurter Flughafen am Samstagabend versuchte ich Barschel telefonisch in dem uns bekannten Hotel zu erreichen. Ohne Erfolg. Seit seiner Ankunft am Genfer Flughafen Cointrin am Nachmittag, die von meinem Kollegen Frank Garbely beobachtet worden war, gab es keine verlässliche Information, wo sich Barschel aufhielt. Die Zeitspanne, in der er unbeobachtet in Genf seinen Geschäften nachgehen konnte, betrug fast 18 Stunden. Ich musste in diesem Zimmer damit rechnen, dass der deutsche Gast jeden Moment von seinem angekündigten wichtigen Termin außerhalb des Hotels zurückkommen könne. Dort wollte ich nicht unbedingt auf den Juristen Barschel treffen.

"Hallo, ist da jemand?", rief ich laut und klopfte an die massive Mahagonietür des Zimmers 317. Zu meiner Überraschung öffnete sich die Tür, nachdem ich die Klinke gedrückt hatte. Daran hing das Schild "Bitte nicht stören". Der erste Eindruck aus dem schummrigen Zimmer signalisierte eher die Abwesenheit seines Bewohners.

Das Bett war unbenutzt, die im Gauguin-Stil bunt gemusterte Tagesdecke lag noch vollständig darüber. Sie war nicht mehr ganz glatt, da offenbar jemand darauf gelegen oder gesessen hatte. Auf dem Bett lag ein Buch, ein Schlafanzug, eine Rolle Lutschbonbons, wie ich erst später den Fotos und dem Spurensicherungsbericht der Kripo entnehmen konnte. In diesem Moment war ich viel zu aufgeregt und unter Zeitdruck, um mich mit Einzelheiten zu beschäftigen. Es ging vor allem um die Sicherung der Notizen aus Zimmer 317.

Fotostrecke

6  Bilder
Waterkantgate: Termin im Beau Rivage

Dann signalisierte da wiederum ein einzelner Schuh im Gang, dass der Zimmerbewohner doch noch da war. Auf Socken hatte er bestimmt nicht das Zimmer oder das Hotel verlassen. Oder er hatte ein zweites Paar Schuhe dabei, was auch nicht so ungewöhnlich wäre.

Hastige Notizen auf kariertem Papier

Tatsächlich fanden die Ermittler später im Reisegepäck Barschels ein Paar ausgetretene Timberland-Schuhe, die heute in der Asservatenkammer der Lübecker Staatsanwaltschaft liegen.

Der gewünschte Interviewpartner Barschel war uns offenbar entwischt, er hatte längst das Hotel verlassen. Denn Barschel wusste seit dem Treffen mit dem Weltwoche-Reporter und damaligen "Stern"-Mitarbeiter Garbely auf dem Flughafen, dass Journalisten von seiner privaten Reise nach Genf wussten. Als Journalist war ich bei dem Besuch in seinem Zimmer nicht an den Schuhen oder dem Schlafanzug des ehemaligen Ministerpräsidenten interessiert, sondern an den schriftlichen Unterlagen. Und die waren so offen auf dem Nachttisch und Zimmertisch ausgebreitet, als sollten sie als Erstes gefunden werden.

Schon beim Überfliegen der Notizen auf dem karierten Papier, die auf dem linken Nachttisch neben dem Telefon lagen, las ich die Stichwörter "Notiz auf Flug LPA-Genf, Unterlage für UA, gibt sogar d. Namen preis. Robert Roh(h)loff, 17.10 Treffen mit ,R.R.' hat geklappt, überwechseln zu SPD/Spiegel". Dazu diverse Telefonnummern von "Eike, Folke, Samson" und eine Notiz "Circus Knie 8 00" auf einem blassgelben Papier eines Notizblock-Papier des Hotels Beau Rivage.

Kamera in der Jacketttasche

Hier lag möglicherweise der Schlüssel, um Barschels mysteriösen Genf-Besuch aufzuklären. Ich verließ das Zimmer, um mit meinem Kollegen und "Stern"-Fotografen Hanns-Jörg Anders zu besprechen, wie wir diese Notizen zuverlässig ablichten könnten. Das wollten wir aus Selbstschutz außerhalb des Zimmers unter einer nahe gelegenen Flurlampe mit geschwungenen Lüstern machen, nachdem ich die schriftlichen Unterlagen erneut aus Barschels Zimmer geholt hatte. Wir mussten immer noch damit rechnen, dass er unvermittelt zurück ins Hotel kam.

Wir wussten schließlich von seinen gebuchten Flugverbindungen, dass er um 14.45 Uhr die Lufthansa nach Hamburg via Frankfurt besteigen wollte. Inzwischen war es etwa 12.30 Uhr und er müsste schon längst sein Zimmer geräumt haben. Auch ein Ministerpräsident a.D. hätte immer die Möglichkeit gehabt, seinen Fahrer oder die Sicherheitsleute des Bundeskriminalamtes im Ausland zu beauftragen, die persönlichen Sachen später aus einem zuvor verlassenen Hotelzimmer zu holen.

Um die Szene dieses merkwürdigen Hotelzimmers 317 zu dokumentieren, ließ ich mir von Anders seine vollautomatische Kleinbildkamera Nikon L35 geben. Sie passt in eine Jacketttasche.

"In mir stieg Panik auf"

Nachdem ich die Notizen an ihren ursprünglichen Ort zurückgelegt hatte, klopfte ich auch an die geschlossene Badezimmertür. Wieder rief ich mit lauter Stimme "Hallo, ist da jemand?". Keine Reaktion.

Auch diese Tür war unverschlossen. Ich drückte die Klinke. Mit meinem englischen Tweed-Jacket war ich eh schon zu warm angezogen, dazu kam die Aufregung sich in einem fremden Hotelzimmer aufzuhalten. Aus dem Badezimmer schlug mir jetzt eine noch wärmere Luft entgegen. Ich trat zwei Schritte vor. Über den breiten Spiegel auf der rechten Seite erblickte ich den leblosen, angezogenen Körper in der Badewanne. Die völlig stille Wasseroberfläche bestimmte meinen ersten Eindruck: hier war etwas zum Stillstand gekommen, hier war kein Leben mehr. Gleichzeitig stieg Panik in mir auf, denn in was für eine Situation war ich geraten? Der Versuch, ein Interview mit einem lebenden Barschel zu bekommen, endete vor seiner Leiche. Und vielleicht, so der dritte Gedanke, war doch noch etwas zu machen. Sanitäter, Erste Hilfe, Polizei mussten informiert werden.

Und ich war plötzlich selbst als Tatverdächtiger in einen möglichen Kriminalfall verwickelt. Ich drückte viermal auf den Auslöser, dreimal noch im Schlafbereich und verließ schweißgebadet das Zimmer.

Mit dem Betrachten der ersten Abzüge in der Hamburger-Redaktion am nächsten Tag begann die hausinterne und dann öffentliche Debatte, ob solche Fotos veröffentlicht werden dürften. Zeitschriften wollen Auflage machen. Fotos dienen der Aufklärung, gerade angesichts der damaligen Falschmeldungen aus dem LKA, Barschel habe sich erschossen.

Streit um die Fotos vom toten Barschel

Das Heft 47/1987 "Tod in Genf" wurde mit 1,8 Millionen Exemplaren der bislang am besten verkaufte "Stern"-Titel. Die Leser hatten am Kiosk trotz der Moraldebatte klar abgestimmt.

Die Familie Barschel kritisierte hart mein Verhalten und die Veröffentlichung des Badewannen-Fotos. Um die Mordthese zu untermauern, gab dieselbe Familie später Fotos des toten Barschel in der Gerichtsmedizin frei, die wesentlich grausamer waren. Und ich erlebte als Journalist, wie es sich anfühlt, selbst Opfer einer unfairen, diffamierenden und schlampig recherchierten Berichterstattung zu sein - eine heilsame Lektion. Deshalb wusste ich zu schätzen, wie privilegiert es ist, in solchen Auseinandersetzungen über Gegendarstellungen und Richtigstellungen die Unterstützung und Rechtsabteilung eines großen Verlagshauses wie Gruner + Jahr zu haben, in dem der "Stern" erscheint. Oft wurde ich gefragt, ob ich wieder so handeln würde? Darauf kann ich keine Antwort geben, da es für solche Recherchensituationen kein Betriebshandbuch gibt. Jeder Fall liegt anders.

ANZEIGE
Sebastian Knauer:
Barschel - Die Akte

Originaldokumente eines ungelösten Kriminalfalls

B & S Siebenhaar Verlag OHG; 472 Seiten; 24,80 Euro.

Jenseits der Erkenntnis, dass Politiker wie Barschel immer die Presse für ihre Zwecke einzusetzen versuchten, blieb für mich eine andere Frage: Welche Politik lohnt sich denn, die zu einem solchen Ende führt? Dieser Mann in der Badewanne und seine Familie hatten mein Mitleid. Mit einem nachrichtenträchtigen Interview aus Genf zurückzukommen, wäre mir lieber gewesen.

An Freya Barschel schrieb ich kurz nach dem Tod ihres Mannes einen persönlichen Brief. Er blieb bis heute unbeantwortet.

Sebastian Knauer arbeitet heute beim Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL



insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Verenra Klatt, 12.10.2009
1.
Der Text wirkt getuned. Das Geschriebene hat Knauer so nicht gefühlt und auch nicht so erlebt. Detailtreue kommt nur an unwichtigen Stellen auf (Typenbezeichnung der von ihm verwendeten Kamera) und soll Exaktheit suggerieren, die an anderen Stellen fehlt.
Andreas C. Werner, 13.10.2009
2.
Sehr geehrter Herr Knauer, Ihre Rolle fügt sich lückenlos in die Merkwürdigkeiten des gesamten Falles ein. Sie betreten nicht nur das Hotelzimmer 317, sondern nehmen dort Eigentum des Uwe Barschel an sich, um es außerhalb des Hotelzimmers zu fotografieren. "Die Zeitspanne, in der er [Barschel] unbeobachtet in Genf seinen Geschäften nachgehen konnte, betrug fast 18 Stunden." Wie lange waren Sie unbeobachtet im Hotelzimmer 317? Bis heute kann ich bei Ihnen keinen ernsthaften Ansatz erkennen, der These vom Mord an Uwe Barschel nachzugehen. Stattdessen: Text zu Bild 4: "Der damals ermittelnde Staatsanwalt vertritt bis heute die These, Barschel sei einem Mord zum Opfer gefallen." Text zu Bild 5: "Einen persönlichen Brief des Journalisten Sebastian Knauer, der das Foto mit der Kleinbildkamera seines Fotografen aufgenommen hatte, beantwortete Freya Barschel bis heute nicht." Text zu Bild 5: "Die Familie, die bis heute einen Selbstmord Barschels bezweifelt, veröffentlichte später selbst Obduktionsfotos, die die Mordthese untermauern sollten." Letzter Satz des Artikels "Treffen mit dem Tod": "An Freya Barschel schrieb ich kurz nach dem Tod ihres Mannes einen persönlichen Brief. Er blieb bis heute unbeantwortet." Sie finden es augenscheinlich empörend, daß "bis heute" die Mordthese im Raum steht, "bis heute" am Selbstmord gezweifelt wird, "bis heute" Ihr Brief an Freya Barschel nicht beantwortet worden ist. Bringt Ihr Buch "Barschel - Die Akte. Originaldokumente eines ungelösten Kriminalfalls" Licht ins Dunkel? Wie ist es möglich, daß der Leiche Organe entnommen worden sind, was bei der zweiten, auf Veranlassung der Familie Barschel durchgeführten Obduktion festgestellt worden ist? Gehen Sie vollständig auf die Argumente ein, die einen Mord an Uwe Barschel plausibel erscheinen lassen? Siehe: http://www.netzeitung.de/voiceofgermany/443865.html Dann würde ich es sehr gerne lesen. Rezensieren Sie das Buch von Wolfram Baentsch "Der Doppelmord an Uwe Barschel", und setzen Sie sich mit der Auffassung des Lübecker Oberstaatsanwalts Wille auseinander, der ebenfalls von einem Mord ausgeht. Victor Ostrovskys "Geheimakte Mossad" wäre ebenfalls einer eingehenden Rezension und Recherche würdig. Vor dem Hintergrund der offenen Fragen ist es, milde ausgedrückt, leichtfertig, einzig und allein die These vom Selbstmord zu vertreten und alle anderen Möglichkeiten auszuschließen. Freundlichen Gruß, Andreas C. Werner
Chr. H., 14.10.2009
3.
Was wollte der Autor, Herr Knauer, dem geneigten Leser mit dem Artikel genau sagen, und vor allem, warum in diesem sonderbaren geradezu schlechten Stil. Frau Klatt hat darauf hingewiesen. Ein schlichter, nüchterner Bericht seines Handelns, ohne diese sinn- und zusammenhanglos herumkullernden Hinweise auf seine persönliche Befindlichkeit und unmotivierten Details hätte es auch getan und hätte die vermutlich beabichtigte Botschaft, Herr Barschel sei durch Selbstmord ums Leben gekommen und nicht durch Mord, woran Familie und Staatsanwaltschaft aus dunklen Gründen wahrheitswidrig festhalten, überzeugender 'rübergebracht. Aber geht es darum wirklich? Der Stil lenkt die Aufmerksamkeit auf das, was Herr Knauer genau nicht geschrieben hat. Der Artikel hat im ganzen etwas von widerwilliger Rechtfertigung an sich - aber wofür? Gegen welche unausgesprochenen Vorwürfe wehrt er sich? Um die Klärung der Frage, ob es gutes Benehmen darstellt, ein Hotelzimmer zu betreten, ohne hereingebeten worden zu sein, wird es sich dabei kaum handeln. Mir scheint, der Titel des Artikels ist falsch gewählt. Denn es geht offensichtlich in der Hauptsache um die Rolle des Herrn Knauer in dem Drama Barschel und da gäbe es offensichtlich mehr zu zu schreiben, als in die paar Absätze gepaßt hätte...
Holger Haunhorst, 18.10.2009
4.
Freya Barschel antwortet nicht, welch eine Überraschung. Soll sie etwa noch ein Dankesschreiben aufsetzen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.