Bauchtanz-Boom in Deutschland Ursula, Königin der Nacht

Bauchtanz-Boom in Deutschland: Ursula, Königin der Nacht Fotos
Ella Carina Werner

Sie war die meistgebuchte Bauchtänzerin von Ostwestfalen-Lippe: 1988 beschloss Ella Carina Werners Mutter, aus ihrem Hausfrauendasein auszubrechen. Mit Schulterpolstern im BH wurde sie zu "Shahzadi", der "Perle des Orients" - und hatte bald mehr Verehrer als die eigene Tochter. Von

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Ich war neun Jahre alt, als ich mit meiner Familie im Fernsehen den Film "Ali Baba und die 40 Räuber" sah. Auf einmal tauchte zwischen all den Turbanträgern eine glutäugige Schöne im leuchtend roten Büstenhalter auf und begann, mit dem Hintern zu wackeln - noch wilder, noch waghalsiger als die dauergewellten Mädchen in unserem Dorf. So was hatte ich noch nie gesehen. Ich kicherte. Meine Mutter nicht. Mit leuchtenden Augen saß sie vor dem Bildschirm. Pfeifend verschwand sie später im Schlafzimmer. Als sie wieder daraus auftauchte, war sie nicht mehr dieselbe.

Es war das Jahr 1988 als meine Mutter beschloss, Bauchtänzerin zu werden. Sie hatte jetzt genug Kinder geboren. Sie hatte genug Socken gebügelt, Stachelbeermarmelade gekocht und am Fenster in der Küche unseres Einfamilienhauses in der westfälischen Provinz gestanden, wenn mein Vater zur Arbeit fuhr. Es war Zeit für etwas Neues.

Mit ihrer neuen Leidenschaft war meine Mutter nicht allein. In den achtziger Jahren trieb die Bauchtanzbewegung in Westdeutschland bereits erste tolle Blüten. Zunächst jedoch in den großen Städten: München, Köln, Berlin waren Epizentren des orientalischen Tanzes - vor allem Frankfurt, wo Dietlinde "Bedauia" Karkutli lehrte. Das "Bauchtanz-Buch" der Russlanddeutschen mit buttergelbem Haar avancierte gerade zum Bestseller und katapultierte den Bauchtanz bis in die Kleinstädte. In Zeitschriften wie "Brigitte” und "Emma” entsponnen sich hitzige Debatten: War der Bauchtanz ein Ausdruck weiblicher Emanzipation? Oder degradierte er die Frauen erst recht zu willigen Weibchen?

Manche der Bauchtanz-Pionierinnen entstammten der Frauenbewegung, andere kamen aus der noch jungen spirituellen Szene, und wieder andere hatten von den öden Aerobic-Steps, die noch immer angesagt waren, einfach die Nase voll. Doch letztlich einte sie alle eine Sehnsucht: Bahi Barakat, männlicher Bauchtänzer in Stockholm, formulierte es damals so: "Die Menschen in den nördlichen Breitengraden dürsten geradezu nach dem orientalischen Lebensgefühl."

"Wir bilden hier keine Animiermädchen aus!"

Von einer Bauchtanzbewegung, ja einem "orientalischem Lebensgefühl" war in unserem westfälischen Dorf jedoch wenig zu spüren. Immerhin gelang es meiner Mutter, an der Volkshochschule Bad Oeynhausen einen Bauchtanzkurs aufzutreiben. Der kam erst nach zähen Verhandlungen zustande, da die Herren vom Vorstand zunächst noch murrten: "Wir bilden hier keine Animiermädchen aus!" Mit Bauchtanz verbanden die meisten Deutschen nicht viel mehr als Popowackeln und schweißglänzende Dekolletés, aus denen Geldscheinen quollen.

Schon bald trainierte meine Mutter täglich in unserem Wohnzimmer. Sie, die ich noch nie hatte Sport treiben sehen, die sonst lieber auf dem Sofa lag mit einer Schale Käsewürfel, baute sich jetzt auf dem Teppich auf, breitete die Arme aus und bugsierte ihren Hintern nach rechts und nach links. Erst langsam wie ein gemütliches Pendel, dann wilder, wie eine gewaltige Schiffsschaukel. Schmunzelnd lehnte mein Vater nach Feierabend in der Wohnzimmertür und strich sich über den Bart.

Eine richtiges "Versorgungsnetz" mit Musik- und Kostümhändlern hatte die westdeutsche Bauchtanzszene noch nicht zu bieten. Jede arabische Schallplatte, die meine Mutter ergattern konnte, hütete sie wie ein Heiligtum. Dutzendmal selbst überspielte Kassetten wanderten unter den Bauchtanzschülerinnen von Hand zu Hand. Ihr erstes Tanzkostüm nähte sich Mutter selbst. Sie bestickte ihren schönsten BH mit Glitzerpailletten und nähte Schulterpolster in die Körbchen, denn der Push-up-BH war noch nicht erfunden.

Ab 1989 reiste sie zu Wochenendkursen quer durch die Republik. Zu den ganz Großen, den alten Hasen, den Pionierinnen des deutschen Bauchtanzes. Die rassigen Tänzerinnen auf den Hochglanzprospekten wirkten geheimnisvoll wie Cher oder leicht seltsam wie Nana Mouskouri. Aber tauchte eine von ihnen bei uns daheim auf, war sie blond, hatte Sommersprossen oder sagte "Salem aleikum" mit rheinischem Dialekt. Und noch heute erinnern mich die deutschen Bauchtänzerinnen ein wenig an die Apachen in Karl Mays "Winnetou"-Filmen.

Jubelschreie, Heiratsanträge

1990 beschloss meine Mutter, vor Publikum zu tanzen. Sie gab sich einen Künstlernamen und inserierte in der Zeitung. Als "Shahzadi" trat sie bald auf Bühnen auf, die für Bauchtänzerinnen die Welt bedeuten: Sie tanzte auf Waschbeton in Doppelgaragen, auf Holzbohlen in umgebauten Scheunen oder in schummrigen Partykellern.

Zunächst passierten meiner Mutter Missgeschicke, wie sie uns morgens beim Frühstück erzählte: Einmal verlor sie ihre Perücke, ein andermal entbrannte ihr Schleier an tief hängenden Lampions. Doch all das konnte die Zuschauer nicht schrecken: Standing Ovations, Jubelschreie, ja sogar Heiratsanträge kassierte Mutter ein. Das "orientalische Lebensgefühl", es breitete sich wie eine Wolke Moschus über Ostwestfalen aus und erfasste jetzt auch die Zuschauer: Ob auf Hochzeiten oder Vereinsfeiern, Bauchtanz avancierte zum Partygag, zum letzten Schrei und gehörte in den Neunzigerjahren zu einer gelungenen Fete dazu wie Tsatsiki und Blue Curaçao.

Über Firmenjubiläen, Golfclubs und Ärztekongresse tanzte sich meine Mutter hoch bis ins Rathaus von Bielefeld und war schon bald die meistgebuchte Bauchtänzerin von Ostwestfalen-Lippe.

"Wie gut Sie deutsch sprechen!"

Was mich als Mädchen am meisten erstaunte: Die meisten Zuschauer hielten meine Mutter wirklich für eine Orientalin. "Wie gut Sie deutsch sprechen! Fast perfekt", lobten sie Mutter beim Glas Sekt danach und prosteten ihr zu. Ähnlich wie Batman alias Bruce Wayne hatte meine Mutter jetzt zwei Identitäten: Tagsüber war sie Ursula Werner, die gemütliche Hausfrau und Mutter von vier Kindern, nachts war sie "Shahzadi", die mitreißende Schöne aus dem Morgenland.

Nur für die Leute in unserem Dorf war das alles ein bisschen viel. Wenn meine Mutter im Anorak mit den Einkaufstüten durchs Dorf schlenderte, war es für unsere Nachbarn nur schwer zu glauben, dass dies die feurige "Shahzadi" war, die "Perle des Orients", wie die Zeitung hymnisch schrieb.

Als ich zwölf war, raunte mir eine Schulfreundin zu: "Meine Mutter sagt, deine Mutter zeigt ihren Körper für Geld." Von da an war mir der neue Job meiner Mutter eher unangenehm. Ich kam in die Pubertät, und Himmel, jetzt fiel es mir auf: Meine Mutter tanzte nach Mitternacht vor sternhagelvollen Jungschützen auf dem Tresen, während andere Mütter selig schliefen. Sie schrieb fremden Männern ihren Künstlernamen als Andenken auf Bierdeckel - Männern, von denen manche ihre Söhne sein konnten. Und so langsam irritierte es mich, dass meine über vierzigjährige, vierfache Mutter mehr Verehrer hatte als ich.

Bauchtanz-Boom in Ostwestfalen

Als ich dreizehn war, bauten wir mit der ganzen Familie unseren vollgerümpelten Keller zu einem orientalischen Tanzpalast aus, den Mutter die "OASE" taufte: mit Perserteppichen, Kunststoffpalmen und riesigen Spiegeln. Denn inzwischen hatte sie eine neue Mission: Jede Westfälin sollte in unserem Keller die Bauchtanzkunst von der Pike auf erlernen können.

Die Westfälinnen kamen. Sie kamen in Scharen. Manche sogar aus Niedersachsen: Hausfrauen und Anwältinnen, Großmütter und Azubinen stiefelten von nun an durch unsere Haustür, hinab in den Keller, in bunten Haremshosen oder getigerten Leggings, um den arabischen Bauchtanz mit deutscher Gründlichkeit zu erlernen.

Noch beim Einschlafen, wenn ich in meinem Jugendzimmer unterm Kippfenster lag, roch ich den Duft von Räucherstäbchen und hörte, wenn wieder eine Bauchtanzschülerin vierzig oder sechzig Jahre alt wurde, die Frauen im Keller die arabische Version von Happy Birthday mitschmettern: "Kul 'am wa antum bekheir..." Bauchtanz, das war jetzt - Mitte der Neunzigerjahre - nicht mehr nur was für Mutige. Der ganz große Bauchtanz-Boom, der richtige Hype, der inzwischen von Ostfriesland bis Oberbayern verlief und allmählich auch die "neuen Beitrittsländer" mitriss, er hatte Ostwestfalen vollends erreicht.

Heute, im Jahr 2012, gibt es Bauchtanz in fast jedem Hochschulsportprogramm. "Bauchtanz für Schwangere" gehört zum Standard. Viele Bauchtanzschülerinnen sehen die Sache jetzt eher pragmatisch, betonen den Gesundheitsaspekt. Von "weiblicher Selbstbefreiung" hört man nur noch selten.

Als Profi-Tänzerin heute vom Bauchtanz zu leben, ist schwieriger geworden. Schützenkönige und Karnevalsjecken sind weniger spendierfreudig und der Bauchtanz als Partyspaß nicht mehr ganz so en vogue wie einst. Meine Mutter muss das nicht mehr stören. Nach 18 Jahren als "Shahzadi" stieg sie 2006 im Alter von 57 Jahren aus dem Profi-Geschäft aus und lebt jetzt wieder als Hausfrau. Im Orient ist sie übrigens bis heute nicht gewesen.

Zum Weiterlesen:

Ella Carina Werner: "Die mit dem Bauch tanzt. Eine ostwestfälische Familiengeschichte." Ullstein Taschenbuchverlag, Berlin 2012, 288 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL-Shop.

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1.
Ralf Matz 18.04.2012
Habe ich richtig gelesen? Sie bekam Heiratsanträge (als verheiratete Frau mit Tochter) von Männern, die sie nicht einmal kannten?!?
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