Bayern-Trainer Der Klinsmann von 1911

Bayern-Trainer: Der Klinsmann von 1911 Fotos

Jürgen Klinsmann ist Bayerns Sensation für die Fußball-Nation - eine ähnliche Überraschung schaffte der Verein schon vor über 100 Jahren. Damals engagierten die Münchner den ersten Profitrainer: Er kam aus England, war die Rettung und wurde tatsächlich Meister. Allerdings mit der Konkurrenz. Von

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Zweimal hatten die Bayern bei sich im Land bereits die Meisterschaft errungen - und waren zweimal in der Endrunde um die Süddeutsche Meisterschaft gescheitert, beide Male an der Konkurrenz vom Karlsruher FV. "Durch das von den Karlsruhern im jüngstverflossenem Meisterschaftsspiel gezeigte bestechende Können, dem unsere Mannschaft nicht gewachsen war", dozierte der Präsident des FC Bayern München, sei nun klar, "dass die Trainerfrage im vollen Umfange aufgerollt ist."

Bei der Beantwortung derselben orientierten sich die Bayern den siegreichen Karlsruhern. Die trainierte seinerzeit der ehemalige englische Nationalspieler William Townley, der mit dem KFV 1910 sogar Deutscher Meister geworden war. Es sei "nur durch einen englischen Trainer die sportliche Fortbildung unserer Leute möglich", folgerte Bayern-Präsident Knorr messerscharf.

Ersetzt man "englisch" durch "amerikanisch" - man könnte meinen, die Worte seien in den letzten Tagen gefallen, mit gravitätischer Miene in die Kameras gesprochen von Bayern-Größen wie Uli Hoeneß oder Franz Beckenbauer. Doch die Szene spielt 1911, der Wortführer war ein längst in die Tiefen der Vereinsanalen entschwundener Dr. Angelo Knorr. Sie zeigt plastisch, dass das sprichwörtliche Trainerkarussell fast so alt ist wie der Fußballsport selber.

Gefüllte Kasse, große Pläne

Der Zuschauerrekord bei den Heimspielen um die Süddeutsche Meisterschaft gegen den KFV - fast 4000 Fußballfans waren ins Stadion geströmt - hatte sich die Vereinskasse gehörig gefüllt. Im 450-Mitglieder-Verein wurde nun darüber diskutiert, ob das Geld als Grundstock für ein neues Sportgelände dienen sollte - oder ob man die Mittel im sportlichen Bereich investieren sollte. Sprich: in einen Profi-Trainer. In einem ausführlichen Memorandum mit dem Titel "Die Trainerfrage" legte Knorr Chancen und Risiken bei der Verpflichtung eines Trainers sorgfältig dar.

"Wir haben nicht die geringste Sicherheit", mahnte der Bayern-Boss, "dass uns die Hochflut des Publikums der letzten drei Spieltage anhalten wird." Man müsse sich auch darüber "im klaren sein, dass die guten Trainer nicht im Überfluss vorhanden" seien und man "bei einem übereilten Engagement ebenso traurige Erfahrungen macht wie Pforzheim und die Mannheimer Union" - dort nämlich waren Übungsleiter aus dem Mutterland des Fußballs mehr durch regelmäßige Wirtshausbesuche und übermäßigen Alkoholkonsum in Erscheinung getreten, als durch die Vermittlung des taktischen und spielerischen Fußballrüstzeugs.

Was also tun, "wenn sich der Trainer als moralisch minderwertig entpuppt?". Dr. Knorrs pragmatischer Rat an die zahlenden Mitglieder: "Die allererste Forderung lautet: Kauf' die Katze nicht im Sack" Gemäß dieser Prämisse, konnten die Bayern-Mitglieder Anfang August 1911 in den Vereinsnachrichten lesen, dass der Engländer Charles Griffiths zunächst "versuchsweise als Trainer beschäftigt" werde - für eine Woche. In dieser gelang es Griffiths offenkundig, auch viele Skeptiker zu überzeugen, denn am 16. August stimmte eine außerordentliche Mitgliederversammlung für die Anstellung des ersten hauptamtlichen Trainers in der Vereinsgeschichte von Bayern München.

Erfolgreicher Import

Mit der Trainerverpflichtung taten sich für Bayern neue Dimensionen auf - finanziell wie sportlich. Für die Aktiven des Bayern-Kaders standen ab sofort wöchentlich fünf Trainingseinheiten auf dem Plan, täglich um 16.00 Uhr. Für berufstätige Spieler waren Ausweichtermine Dienstags und Donnerstags um 19 Uhr anberaumt. Bisher hatten sich die Bayern-Kicker lediglich zweimal pro Woche zum Trainingskick getroffen, jetzt sahen sie sich außer mit mehr Training auch noch mit allerlei neuen Übungen konfrontiert, die bisweilen wenig Freude bereiteten: Steigerungsläufe bis zu 800 Meter, Dauermärsche über mehrere Stunden bei jeder Witterung, Übungen mit Hanteln, turnerische Einheiten an den Ringen und am Barren.

Die ungewohnten Mühen des harten Trainings jedoch trugen Früchte. Die ersten drei Matches der Spielzeit 1911/1912 gewannen die Bayern - mit einem Torverhältnis von 15:0. Dennoch rumorte es gewaltig im Kader. Vor allem ältere Spieler wollten die neuen Trainingsmethoden nicht akzeptieren. Der Bayern-Vorstand griff durch, und junge Talente aus der schon damals vorbildlichen Nachwuchsabteilung des Vereins bekamen ihre Chance. Am Jahresende stand Bayern mit 23:3 Punkten an der Tabellenspitze.

Und die Trainings-Revolution ging weiter: Für die Wintermonate mieteten die Bayern die Reithalle in der Münchner Leopoldstraße an. Dort bat Trainer Griffiths am Dienstag-, Mittwochs und Freitagabend zum Hallentraining. Die Spieler sollten sich ganz auf das Ziel Deutsche Meisterschaft konzentrieren. "Im Interesse eines ernsten Trainings", so die Vereinszeitung, durften "auf ausdrücklichen Wunsch des Trainers" außer Vorstandsmitgliedern niemand "dem Training als Zuschauer anwohnen". Doch dann kam das Desaster: Im ersten Spiel der Rückrunde unterlagen die Bayern, nach einem 11:0 Hinspielsieg, am 1. Januar 1912 gegen den FC Pfeil Nürnberg mit 2:1 - der Titel des Ostkreismeisters war futsch, die Qualifikation zur Deutschen Meisterschaft verpasst.

Meister mit der Konkurrenz

Gleichwohl galt der Import von den Britischen Inseln den Bayern am Ende als Erfolg. "Das wichtigste, was uns das Spiel gezeigt hat", resümierte am Ende der Spielzeit 1911/12 der 2. Vorsitzende Hans Tusch, sei "dass wir jetzt wieder - mag uns nun die Meisterschaft zufallen oder nicht - eine 1. Mannschaft haben, die sowohl spielerisch auf einem guten Niveau steht, als auch in Bezug auf Disziplin und sportlichen Geist durchaus eines Vereins wie des unsrigen würdig ist." Dennoch war die Ära Griffiths beim FC Bayern bereits nach sieben Monaten wieder beendet: "Der Vertrag mit dem Trainer wird ab 6. April 1912 gelöst", beschloss die außerordentliche Mitgliederversammlung am 3. April 1912 - das Budget des Klubs reichte lediglich, um den neuen Mann für eine Saison zu verpflichten.

Doch schon bald setzte sich die Erkenntnis durch, dass ein Trainergehalt gut investiertes Geld ist - Nachfolger von Charles Griffiths wurde der bisherige Trainer der Konkurrenz vom Karlsruher FV, Meistertrainer William Townley. Wie schnelllebig schon damals das Trainergeschäft sein konnte, zeigt der weitere Weg von Charles Griffiths: Bereits fünf Tage nach seinem Abschied in München unterzeichnete er einen Vertrag bei den Stuttgarter Kickers. Mit den Kickers wurde Griffiths in der folgenden Spielzeit Süddeutscher Meister und zog in die Endrunde um die Deutschen Meisterschaft ein.

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