"Beat Club" Als das Fernsehen rocken lernte

"Beat Club": Als das Fernsehen rocken lernte Fotos
Gerhard Augustin

Heimatfilme, Volksmusik, Quizsendungen - für Jugendliche war das deutsche Fernsehen der Sechziger vor allem eines: langweilig. Dann kamen zwei Bremer Musikfans und revolutionierten das Programm auf einen Schlag. Gerhard Augustin erinnert sich an die Erfindung des "Beat Clubs". Von

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Rocken wie früher: Radio Bremen sendet am Samstag, dem 2. Februar, von 0.10 bis 6 Uhr die lange "Beat-Club-Nacht" mit den größten Beat-Club-Hits von 1965 bis 1972 Mehr Informationen auf der Website von Radio Bremen

Videoausschnitt aus der ersten "Beat Club"-Sendung


Alle hielten uns für verrückt. "Das klappt niemals", sagten sie, "das funktioniert in Deutschland nicht". Ja, wir waren verrückt. Und genau deshalb haben wir es geschafft. Mike Leckebusch, Redakteur bei Radio Bremen, und ich, Diskjockey im Bremer "Twen Club". Im Jahr 1965 hievten wir unsere musikalischen Überzeugungen auf die damals noch schwarzweiße, überwiegend spießige Mattscheibe: Wir gründeten den "Beat Club", die erste deutsche TV-Sendung für Jugendliche mit Live-Musik. Gemeinsam mit der Band Yankees brachten wir den Rock 'n' Roll ins deutsche Fernsehen.

Anfangs wurden wir verlacht und verspottet, wie die vielen Leserzuschriften von überwiegend älteren Herrschaften bewiesen. Sogar schwarz umrandete Trauerbriefe erhielten wir. Doch gleichzeitig bekamen wir Lobeshymnen von jungen Leuten, die unseren Pioniersgeist unterstützten und völlig begeistert waren: Endlich sahen sie im Flimmerkasten das, was sie interessierte: Beat, Rock und tanzende Altersgenossen mit demselben Musikgeschmack.

Tanzen, schwoofen, rocken

Die Vorgeschichte der Sendung war bewegt. Leckebusch, von Haus aus Trompeter und Theatermensch, hatte eigentlich keine Ahnung von Beat, seine Welt war eher der traditionelle Jazz von Papa Bue's Viking Jazzband und Chris Barber. Da man bei Radio Bremen jedoch die Notwendigkeit erkannt hatten, ein speziell auf Jugendliche zugeschnittenes Programm zu entwickeln, wurde er mit der Koordination einer neuen Sendung beauftragt. Ich lernte Mike in meinem "Twen Club" kennen, den ich zwei Jahre vorher in Bremen gegründet hatte. Dort schlürfte er abends regelmäßig seinen Whisky und lauschte unserer Musik.

Mitte 1965 war es soweit. Wir bündelten alle Kräfte, die Interesse an einer Neuentwicklung der Jugendunterhaltung zeigten: der spätere Sexualforscher Ernest Bornemann aus Frankfurt, der Yankees-Manager Rainer Janz, Mike Leckebusch und ich trafen uns zu einer konstituierenden Sitzung im Bremer Parkhotel. Dabei wurde das von mir vorgeschlagene Konzept für die neue Sendung ohne Abstriche übernommen: Bei jeder Sendung sollten Live-Bands spielen, und das Publikum sollte ausschließlich aus jungen Leuten bestehen, die aktiv mitmachten - tanzen, schwoofen, rocken.

In der Kantine von Radio Bremen, damals noch in der Heinrich-Hertz-Straße, brüteten Mike und ich dann verschiedene Varianten für unseren geplanten "Beat Club" aus. Da Mike zu dieser Zeit mehr über den traditionellen Jazz wusste und ich nach zweijährigem Amerika-Aufenthalt mit der populären Musik vertraut war, wie kein anderer in der Bremer Szene, ergänzten wir uns gegenseitig mit unserem Wissen und den gewonnenen Erfahrungen im Musikgeschäft. Mike gestand mir, dass er Flugangst habe und deshalb noch nie nach England oder Amerika gekommen sei, was ihn jedoch sehr gereizt hätte. Also gab ich ihm Nachhilfeunterricht in Sachen Beat- und Soul-Musik und spielte ihm meine Platten vor: James Brown, Otis Redding, Aretha Franklin, Ray Charles, die Beatles und die Stones, The Who und die Kinks, Major Lance, Percy Sledge, Ike und Tina Turner, Curtis Mayfield.

Neue Horizonte in Bremen

Alles Namen, die für Mike unbekannte Größen waren, mit "schwarzer Musik" konnte er zu dieser Zeit nichts anfangen. Unsere langen Frage-Antwort-Sessions entwickelten sich für ihn zu einem Crashkurs in Sachen neuer Musik. Diese Gespräche gingen oft bis spät in die Nacht in seinem kleinen Apartment in der Schleifmühle 33 weiter. Mike hatte einen großen Nachholbedarf, und ich konnte seinen Wissenshunger stillen. Bald wusste er so viel, dass er jedes Quiz in Sachen Beat-Musik gewonnen hätte. Es dauerte nicht lange, da galt er in Deutschland als der Experte für dieses neue Musikgenre. Da ihm jedoch internationale Kontakte fehlten, traten in den ersten "Beat Club"-Sendungen lokale Bands wie die Yankees und Mushroams aus Bremen auf sowie jene Gruppen, die Leckebusch während seiner Hamburger Zeit im "Star Club" kennen gelernt hatte: von Sigi Loch betreute Bands wie die Liverbirds, Ian and the Zodiacs, John O'Hara and his Playboys und die Remo Four.

Irgendwann während der Vorbereitung für die erste Sendung tauchte in der Redaktion auf einmal Uschi Nerke auf. Mike Leckebusch stellte sie mir als meine neue Co-Moderatorin vor, und wir beide rauften uns zusammen. Tagelang übten wir gemeinsam für die erste "Beat Club"-Sendung. Manche Kameraeinstellungen und manche Moderationssätze mussten wir bei den Proben dutzendfach wiederholen. Den Satz "Und jetzt möchten wir euch die beliebte Gruppe Liverbirds vorstellen" habe ich bestimmt 20 Mal aufgesagt, bis endlich alles saß.

Dann war es soweit: Am 25. September 1965 versammelten wir uns alle in dem alten, kleinen Studio von Radio Bremen. Die Kameras nahmen mehr Platz ein als das Publikum - 150 Jugendliche aus meinem "Twen Club" sowie Freunde und Bekannte von Mitarbeitern des Senders. Uschi und ich hatten enormes Lampenfieber. Daraus entwickelten wir ein Ritual, dass wir auch in den folgenden Sendungen beibehielten: Kurz bevor die Scheinwerfer angingen, genehmigten wir uns einen Cognac zur Beruhigung. Dann ging es los - und klappte famos. Heute zählt die erste "Beat Club"-Sendung zu den Sternstunden des deutschen Fernsehens.

Täglich neue Bands

Schnell erreichte die Sendung in ganz Deutschland unter Jugendlichen Kultstatus. Die Eintrittskarten waren heiß begehrt und wurden über Bremen hinaus gehandelt. Der jetzige Bremer Bürgermeister Jens Böhrnsen hat mir später einmal gestanden, dass er sich als Teenager in eine der Sendungen geschlichen hat. Später wurden die Tickets dann regelrecht verlost.

Anfangs war es schwer, bekannte Bands aus England oder Amerika nach Bremen einzuladen, um sie im "Beat Club" vorzustellen. Doch dann besserte sich die Situation, denn bei uns konnten die Gruppen Werbung für ihr aktuelles Produkt auf einem immer interessanter werdenden Markt machen. Bald hatte es sich in der internationalen Musikbranche herumgesprochen, dass in Bremen beim Fernsehen musikalische und visuelle Horizonte überschritten werden konnten.

Viele deutsche Jugendliche orientierten sich an Sendungen wie dem "Beat Club", "Hits a go go" aus England, "Top of the Pops", "Ready Steady Go", "Shindig" und TNT aus den USA sowie an den hiesigen Wochenmagazinen "Bravo", "Wir", "Hits" und "Musik-Express". In der damaligen Euphorie schossen täglich neue Bands aus Bremens musikalischem Boden, gern als Pilze verkleidet. Ihre Vorbilder waren die Beatles, die Rolling Stones, The Who und die Kinks. In Bremen ging richtig die Post ab.

Neuanfang in Kalifornien

Leider trennten sich meine und Leckebuschs Wege dann. Nach der achten "Beat Club"-Sendung 1967 hatte Mike es geschafft, mich - mit aus meiner Sicht fadenscheinigen Argumenten - aus der Sendung herauszudrücken. Das ärgert mich bis heute. Nach meinem Rausschmiss besann ich mich auf meine Fähigkeiten und wollte meine Zukunft weiterhin im Musik- und Mediengeschäft verbringen. Deshalb zog ich 1968 kurzfristig zu Freunden nach San Francisco und begann in Kalifornien noch einmal ganz von vorne einen Karriereweg, der mich als Rockmanager weiter bringen sollte, als ich es mir damals erträumt hatte.

Durch den "Star-Club"-Produzenten Sigi A. Loch, den ich in Bremen beim "Beat Club" kennen gelernt hatte, landete ich zunächst in Los Angeles bei United Artists. Diese Plattenfirma schickte mich dann später nach München, um dort gemeinsam mit Sigi A. Loch einen deutschen "artist roster", einen "Künstlerkatalog", nach amerikanischen Vorstellungen aufzubauen. Das Ergebnis unserer Arbeit konnte sich sehen lassen: Wir produzierten Katja Ebstein, Michael Schanze, Can und Amon Düül II sowie mit Popol Vuh die Musik zu Werner Herzogs Kinski-Filmen "Nosferatu" und "Fitzcarraldo". Darüber mehr in einem meinem nächsten einestages-Bericht.

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insgesamt 2 Beiträge
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1.
stephan bolte 24.01.2008
glückwunsch herr augustin ich kann mich nicht erinnern schonmal einen artikel gelesen zu haben in dem sich der author so "unauffällig" in den vordergrund gedrängt hat
2.
Eugen Cluster 25.01.2008
Auf dem Bild Nummer 13 sind nicht - wie in der BU angegeben - die Moody Blues zu sehen, sondern die Band Traffic.
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