Musikverbot in der DDR Wasserwerfer gegen Pilzköpfe

Als die Stasi 1965 die Leipziger Band The Butlers verbot, liefen die Fans Sturm. Die Volkspolizei knüppelte den Protest nieder, die Musiker flohen aufs Land.

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Sie pöbeln nicht, sie tragen keine Banner, sie skandieren keine Parolen. Die Jugendlichen stehen einfach rum, an jenem Sonntagmorgen auf dem Wilhelm-Leuschner-Platz in Leipzig. Und genau das wird ihnen zum Verhängnis.

Als die jungen Frauen und Männer sich weigern, das Areal vor dem Neuen Rathaus zu räumen, rücken Volkspolizisten mit Hunden, Schlagstöcken und einem Wasserwerfer aus. Brutal treiben die Beamten ab 10.40 Uhr die Menschenmenge auseinander. 267 Jugendliche werden verhaftet und mit Gummiknüppeln auf die bereitstehenden Lastwagen geprügelt.

"Die vollständige Auflösung der Konzentration (…) war nach 20 Minuten vollzogen", hieß es später im Stasi-Bericht. Mit drakonischer Härte ging die Staatsgewalt am 31. Oktober 1965 gegen die Besucher der sogenannten "Leipziger Beatdemo" vor: einer Aktion junger Musikfans, die sich versammelt hatten, um friedlich gegen die Zerschlagung der in Leipzig besonders aktiven Beatszene zu protestieren.

Besonders in Rage gebracht hatte die Leipziger Jugendlichen das Auftrittsverbot der Butlers, einer Band, die einst als "Beatles der DDR" gefeiert wurde - obwohl diese von der Musik der Pilzköpfe aus Liverpool zunächst gar nicht so angetan war.

Seit Gründung im Visier der Stasi

"Die Beatles waren uns anfangs zu weiß, zu wenig bluesig. Wir standen mehr auf Fats Domino, Chuck Berry, Little Richard - und dann natürlich die Stones, die waren erdiger, dreckiger", sagt Hans-Dieter Schmidt, Butlers-Schlagzeuger und Gründungsmitglied. Der 72-Jährige mit dem weißen Bart wohnt zehn Gehminuten vom Leuschner-Platz entfernt. Kaum ein Zentimeter in seinem Wohnzimmer, der nicht an die Beatles, die Stones, die wilden Sechziger und natürlich die Butlers erinnert: die "Diener der Musik", wie Schmidt sagt.

Bandplakate, Schallplatten, Zeitungsausschnitte: Butlers-Urgestein Schmidt hat sein Wohnzimmer in einen Beat-Schrein verwandelt und zehrt von den Erinnerungen: "Umworben wie richtige Stars waren wir damals! Sogar das Ausland hatte schon angefragt. Aber natürlich hätten wir nie einen Pass bekommen", sagt er und lacht.

Seit Schmidt seine Stasi-Akte eingesehen hat, weiß er: Die Butlers befanden sich seit ihrer Gründung im Visier der Stasi. Deren Spitzel verfassten seitenlange Berichte über die Konzerte, sogar die Motorradkennzeichen der Fans wurden notiert. Der vom Klassenfeind inspirierte Sound war der SED höchst suspekt. In ihrer Paranoia verkannten die Parteigenossen, dass es Beat-Combos wie den Butlers weniger um Auflehnung und Systemkritik ging, sondern schlicht: um Spaß. "Ich habe auf Töpfen und Büchern herumgetrommelt, seit ich denken kann. Musik ist mein Leben", sagt Schmidt.

Heulende Groupies und rote Gitarren

Mit 14 lernte der Sohn eines Lokführers auf dem Leipziger Markt den Schüler Klaus Jentzsch (alias Renft) kennen, kein halbes Jahr später standen die beiden im FDJ-Jugendklub "Erich Zeigner" erstmals auf der Bühne. Die Band, die sich 1962 von Klaus Renft Combo in The Butlers umbenannte, sorgte verlässlich für proppenvolle Säle: "Anfangs waren wir konkurrenzlos. Wo immer wir auftraten, drehten die Fans durch. Eine Ost-Band, die den Beat aus dem Westen spielte, das gab es bis dato nicht", erinnert sich der Musiker.

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DDR-Musikfans: "Gammler, Rowdys, Asoziale"

Als der Butlers-Leadgitarrist Joachim Richter zu einem Konzert in Merseburg seine damalige Freundin mitbrachte, brachen die Groupies reihenweise in Tränen aus: "Ein Mädchen sprang damals vor Gram in den Fluss, sie wollte sich umbringen", sagt Schmidt. Und selbst die SED schien plötzlich infiziert: Statt Beat und Rock 'n' Roll weiter zu verteufeln, beugte sich die Partei ab Anfang der Sechzigerjahre nolens volens dem Musikgeschmack der "Halbstarken". "Welchen Takt die Jugend wählt, ist ihr überlassen: Hauptsache, sie bleibt taktvoll", hieß es in einem überraschend liberalen SED-Kommuniqué von 1963.

Von der kulturpolitischen Öffnung unter Staatschef Walter Ulbricht profitierten die Butlers ungemein: Die Combo wurde ins Fernsehen eingeladen, spielte zur Messe auf, wurde vom Parteiorgan "Neues Deutschland" hymnisch gefeiert. Auf Wunsch der Butlers fertigte der VEB Gitarrenbau "Musima" eigens für die Band rote Gitarren an. Die Musiker durften ihre Songs für die Amiga-Compilation "Big Beat" aufnehmen - darunter auch den legendären Instrumental-Hit "Butlers Boogie".

Und zu Pfingsten 1964 durfte die Band gar auf dem FDJ-Spektakel "Deutschlandtreffen der Jugend" in Ostberlin auftreten, wo sie mit einer Urkunde ausgezeichnet wurden. "Wir wussten nicht, wie uns geschah: Erst bespitzelte uns die Stasi, dann mussten sie uns plötzlich lieb haben", sagt Schmidt. Doch die Tauwetterperiode währte nur kurz: Ab dem Spätsommer 1965 setzten sich die Hardliner innerhalb der SED durch - und wandten sich gegen den Ost-Beat.

"Moralisch und ethisch" verwerflich

Willkommener Auslöser des neuen Antireform-Kurses: das außer Kontrolle geratene Konzert der Rolling Stones auf der Westberliner Waldbühne am 15. September. Dort hatten ekstatische Fans randaliert, sich mit der Polizei geprügelt, S-Bahnzüge demoliert. Für die Kulturstalinisten der DDR stand nun endgültig fest: Beat und Rock 'n' Roll gefährden die Jugend, die Moral, die ganze Republik.

Ein ZK-Beschluss vom 11. Oktober 1965 sah vor, "dass solchen 'Laienmusikgruppen', deren Darbietung aus dekadenter westlicher Musik besteht, die Lizenz entzogen wird". Zehn Tage später kam per Post das unbefristete Spielverbot für die Butlers. Zur Begründung hieß es: "Das Auftreten Ihrer Kapelle steht im Widerspruch zu unseren moralischen und ethischen Prinzipien." Ebenso erging es den meisten anderen Beat-Bands in Leipzig, wo die lokale Parteiführung besonders hart vorging.

Die Musiker sahen sich mit einer Hetzkampagne konfrontiert, es gipfelte im Vorwurf der Steuerhinterziehung. 10.000 Mark sollten allein die Butlers unterschlagen haben. "Ein völliger Irrsinn war das, wir konnten das alles nicht glauben", sagt Schmidt. Anstatt sich abzufinden mit ihrem Schicksal, erweiterte die Combo ihr Repertoire, nahm zwei neue Mitglieder auf - und probte einfach weiter. Ihre Fans hingegen probten den Aufstand.

Revolte aus dem Kinderstempelkasten

"Beat-Freunde! Wir finden uns am Sonntag, den 31.10.65 10 Uhr Leuschnerplatz zum Protestmarsch ein", hieß es auf den Flugblättern, die drei Oberschüler mit einem Kinderstempelkasten vom Typ "Famos" hergestellt und heimlich an Straßenlaternen und Litfaßsäulen geklebt hatten. Eindringlich warnten die Lehrer an den Schulen vor einer Teilnahme - eine bessere Werbung für die Demo konnte es nicht geben.

2500 Menschen fanden sich laut SED-Bericht auf dem Leuschner-Platz ein: "Gammler" genannte Beat-Fans und Schaulustige ebenso wie Genossen und Sicherheitskräfte in Zivil. Wer fehlte, waren die Butlers, nur Renft schaute kurz vorbei: "Wären wir dort hingegangen, hätte man uns sofort als Rädelsführer verhaftet", sagt Schmidt. Er war kurz vor der Demo von der NVA eingezogen worden und saß an jenem Tag in der Kaserne.

Von den laut SED-Rapport 267 Verhafteten wurden 164 strafrechtlich verfolgt. Die meisten von ihnen mussten mehrere Wochen lang im Braunkohlenkombinat Regis-Breitingen schuften. Die drei Flugblatthersteller flogen auf, weil eine ihrer Mütter, eine stramme Parteigenossin, den Stempelkasten gefunden und ihre Kinder verpfiffen hatte.

"Nieder mit dem Polizeiterror"

Doch die Fans gaben sich nicht geschlagen: "Freiheit für den Beat", "Nieder mit dem Polizeiterror" und "Prügelhunde weg, pfui, Beat-Klubs her!", lauteten die Parolen, die junge Leipziger nach der Demo nachts heimlich an Hauswände, Schaufenster und Parkbänke der Messestadt pinselten.

Allem Protest zum Trotz: Am Ende zogen die Musiker der verbotenen Bands den Kürzeren. Sie mussten neue Combos gründen oder aufs Land gehen: dorthin, wo die Kontrollen laxer waren, so Schmidt. Klaus Renft kam als heimlicher Bandleader bei einer Gruppe mit dem harmlosen Namen "Ulf Willi Quintett" unter, Schlagzeuger Schmidt wechselte zu den in Bitterfeld registrierten "Jokers".

Wirklich abgefunden hat sich der Leipziger jedoch nie mit dem Verbot seiner Herzens-Band: 1992 holte Schmidt junge Musiker ins Boot und gründete die Combo neu. Seither touren die Butlers wieder durchs Land und frönen bis heute der Beat-Tradition der Sechziger. Noch am Abend vor dem Interview trat Schmidt im 2000-Seelen-Dorf Langenleuba-Niederhain auf, bis zwei Uhr morgens hat er getrommelt. "Die DDR ist tot", sagt der Mann mit dem runden Gesicht und zwinkert ein wenig müde. "Aber Beat und Rock 'n' Roll sind einfach unsterblich."

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Harry Mutt, 30.10.2015
1. Pixelung
Ich fass es nicht, wer verpixelt auf 50 Jahre alten Fotos Gesichter? Weil die noch nicht volljährig waren? Das sind Dokumente des Zeitgeschehens, es wird niemand auf den Fotos besonders hervorgehoben, die Rechtslage ist doch wohl eindeutig. Der allgemeine Pixelwahn als Pseudoschutz vor Kinderschändern in den letzten Jahren hat ja schon dazu geführt, dass Kinder aus Zeitschriften und Zeitungen vorsorglich wegzensiert werden, was ich als Zeichen einer verzerrten Gesellschaftsentwicklung schon bedenklich genug finde. Aber wenn jetzt schon auf historischen Aufnahmen verpixelt wird, fühle ich mich an Bilderretuschen aus diktatorischen Regimen erinnert. Orwell lässt grüßen.
Werner Gilliam, 30.10.2015
2. Der letzte Beatnik
..als Buchtip! Zwar nicht im Osten, sondern im Westen erlebt, aber ein Zeitdokument für über 40 Jahre wild gelebtes Leben. In der DDR wäre dies so nicht möglich gewesen, aber unser damaliger Bundeskanzler Erhard war in dem Punkt auch wenig begeistert und wollte uns verschwinden lassen!
Andreas Rueger, 30.10.2015
3. Wieder unvollständig
Man hätte ja dazuschreiben können, daß das Auftrittsverbot schon 1967 wieder zurückgenommen wurde. Oder daß Anfang der 60er auch Beatles-Platten im Schaufenster lagen ...
Christian Hagmann, 30.10.2015
4. Unrecht
"Ein ZK-Beschluss vom 11. Oktober 1965 sah vor, "dass solchen 'Laienmusikgruppen', deren Darbietung aus dekadenter westlicher Musik besteht, die Lizenz entzogen wird". Zehn Tage später kam per Post das unbefristete Spielverbot für die Butlers. Zur Begründung hieß es: "Das Auftreten Ihrer Kapelle steht im Widerspruch zu unseren moralischen und ethischen Prinzipien." Ebenso erging es den meisten anderen Beat-Bands in Leipzig, wo die lokale Parteiführung besonders hart vorging." ::: auch wenn Unrecht in Form scheinbaren Rechts daherkommt, bleibt es Unrecht. Trotzdem gibt es Leute die die DDR heute noch für einen Rechtsstaat halten, weil sie immer noch auf den Schwindel des Formellen hereinfallen - oder ihm folgen wollen.
Wolfgang Lang, 31.10.2015
5. Rock n´Roll will never die
Da mögen hunderte von Diktaturen und Demokraturen und Pressokraturen den Bach runter gehen.
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