Begegnung mit Solschenizyn Der alte Bekannte aus der Hölle

Begegnung mit Solschenizyn: Der alte Bekannte aus der Hölle Fotos
Dimitri Soibel/NKWD

Es lohnte nicht, sich Namen zu merken - die Leute starben viel zu schnell. Im stalinistischen Gulag lernte der Student Viktor Levenstein den Häftling Nummer 232 kennen. 50 Jahre später begegnete er ihm wieder, das letzte Mal: Alexander Solschenizyn. Von Dimitri Soibel

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Der gebeugte alte Mann öffnete die Haustür seiner Datscha in der Nähe von Moskau. Die Falte auf seiner Stirn schien noch tiefer zu sein als sonst. Es sah so aus, als ob er seine linke Hand nicht mehr bewegen konnte. Nur noch seine Augen freuten sich. "Komm rein, Viktor Matwejewish", begrüßte er freundlich den Besucher.

Es war 2004, als Viktor Matwejewish Levenstein seinen alten Gulag-Mithäftling Alexander Solschenizyn wiedersah. Es war ihre erste Begegnung seit 50 Jahren und zugleich die letzte.

Die Wege der beiden völlig unterschiedlichen Männer kreuzten sich 1945 zum ersten Mal. Stalins Repressionssystem machte aus Solschenizyn, dem Offizier der Roten Armee, der es gewagt hatte, den sowjetischen Diktator zu kritisieren, und dem 22-jährigen Studenten Levenstein zwei Häftlingen eines Strafgefangenenlagers.

Für Viktor Levenstein begann das Unglück im Mai 1944. Nachts klingelte jemand an die Tür seiner Moskauer Wohnung. Es war kein einfaches Klingeln, eher ein Schlagen, Schreien, Drohen. Vor der Tür stand der NKWD, die Geheimpolizei der UdSSR. Drei Uniformierte trafen auf eine verängstigte Mutter und ihren Sohn. Viktors Vater saß zu diesem Zeitpunkt bereits seit sieben Jahre im Gefängnis - er kam nie zurück.

"Gib doch alles zu!"

Die Durchsuchung der Wohnung war kurz, und noch bevor der junge Student realisierte, was ihm geschah, befand er schon auf dem Weg zur "Lubjanka", wie sie das Zentralgefängnis des sowjetischen Geheimdienstes am Lubjanka-Platz nannten. Am morgen danach wurde es amtlich: Viktor und zwölf seiner Freunde wurden der Bildung einer terroristischen Vereinigung angeklagt, die sich zum Ziel gesetzt habe, ein Attentat auf den Genossen Stalin zu verüben.

In der nächsten Nacht wurde Levenstein zum Verhör abgeholt. Man habe ihm immer dieselben Fragen gestellt, auf ihn eingeredet, ihn bedroht. NKWD-Mitarbeiter hätten ihm die Aussagen seiner Freunde gezeigt, die angeblich schon alles zugegeben hatten, berichtet Levenstein. Tagsüber sei er in eine Box eingepfercht worden, die so klein war, dass er weder aufrecht stehen noch darin liegen konnte. Sobald er die Augen geschlossen habe, habe der Aufseher gebrüllt, dass es im Gefängnis nicht gestattet sei, tagsüber zu schlafen. Zu essen habe es nur ein kleines Stück Brot gegeben und heißes Wasser - Tag für Tag.

Nach sieben schlaflosen Nächten fühlte sich Levenstein wie im Nebel. Ständiger Hunger, Gliederschmerzen und immer dieselben Fragen quälten ihn. "Gib doch alles zu. Deine Freunde haben uns schon längst alles erzählt", habe er immer wieder zu hören bekommen. "Du unterschreibst alles. Dafür bekommst du ein paar Jahre Arbeitslager, wo du lernen wirst, wie sich ein richtiger Bürger der Sowjetunion zu verhalten hat, und danach bist du wieder frei." Irgendwann erschöpft, wie in Trance unterschrieb er alles. Kurz darauf wurde er ins Moskauer Butyrka-Gefängnis verlegt.

Im Gulag

Solschenizyn kam einige Monate später in die gleiche Zelle der Butyrka. Da war Levenstein - ohne verurteilt worden zu sein - bereits in einem Arbeitslager in der Nähe von Moskau. Nach fünf Jahren Haft ging er in die Verbannung. Levenstein war es verboten, weiterhin in Moskau zu leben. Er hatte davon gehört, dass man in der kasachischen Steppe auch als vorbestrafter Feind der Sowjetunion Arbeit in einem Tagebau finden könnte, 1949 reiste er dorthin.

In der Ortschaft Ekibastus im nördlichen Kasachstan traf er zum ersten Mal Solschenizyn. Zusammen mit den Arbeitern verfrachtete der NKWD rund 5000 Gefangene für Bauarbeiten. Für die Häftlinge wurde neben dem Tagebau ein Lager eingerichtet. Der Gefangene Nummer 232 leitete eine Gruppe, die im Tagebau Kohle abbauten. "Zunächst hatte ich mir seinen Namen gar nicht gemerkt", erinnert sich Viktor Levenstein. Alle nannten ihn einfach nur Sanja. Levenstein arbeitete auf dem gleichen Tagebau als Mechaniker.

Nein, beste Freunde seien sie nicht geworden. "Im Gulag konnte man keine Freundschaften schließen", sagt Levenstein. Die harte Arbeit, das wenige Essen, die Krankheiten. Im Winter minus 30 Grad, im Sommer Sandstürme. Freundschaft bedeute, Gefühle zuzulassen. Und die wären störend gewesen in einem Lager, in dem es nur darum ging zu überleben. Sie arbeiteten zusammen, respektierten sich und stellten keine weiteren Fragen, zumal Levenstein schon ein freier Mann war. Ein zu langer Kontakt mit einem Häftling hätte ihn in Gefahr gebracht. Nach drei Monaten Arbeit kam Sanja nicht mehr. Er sei in ein anderes Lager verlegt worden, hieß es.

Eine Geschichte über das Lagerleben

Jahre später, als Levenstein wieder in Moskau leben durfte und Stalin gestorben war, rief ihn eines Tages ein Bekannter an: "Hast du in der neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift 'Nowy Mir' die Geschichte 'Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch' gelesen? Nein? Lies sie mal durch!" Levenstein las den Artikel. Es ging um das Lagerleben von Ekibastus. Als wenig später auch Fotos von dem Autor gedruckt wurden, sei ihm klar geworden, die Geschichte hatte ein Mann geschrieben, den er aus dem Tagebau kannte: Sanja - Alexander Issajewitsch Solschenizyn. Als Erster hatte es der Schriftsteller gewagt, den grausamen Lageralltag zu schildern.

1980 gelang Levenstein zusammen mit seiner Familie die Ausreise in die USA. Er bekam einen Job bei einer Baufirma. Seit seiner Ausweisung 1974 lebte hier auch Solschenizyn, mittlerweile ein weltbekannter Autor und Literaturnobelpreisträger. Er sei schon zu bekannt gewesen, um sich einfach so bei ihm zu melden, begründet Levenstein seine Zurückhaltung. Vermutlich hätte er Solschenizyn auch nie wieder getroffen, zumal dieser 1994 nach Russland zurückkehrte.

Dann aber veröffentlichte Solschenizyn sein Buch "Zweihundert Jahre zusammen" über das Leben der Juden in Russland. Diesmal hagelte es Kritik aus dem Westen. Man warf Solschenizyn Antisemitismus vor. In russischsprachigen Zeitung in den USA meldeten sich Autoren zu Wort, die zudem behaupteten, Solschenizyn habe während seiner Lagerzeit Mithäftlinge denunziert und sei nun mit vielen Freunden von einst zerstritten.

Auf der Datscha in Moskau

Levenstein, selbst Jude, war empört. Er schrieb selbst einen Artikel, um seinen alten Weggefährten zu verteidigen. Nie habe er während der Lagerzeit gehört, dass Solschenizyn jemanden verraten habe. Nachdem sein Artikel erschienen war, habe sich eine Freundin der Solschenizyns gemeldet. Sie habe sich mit ihm treffen wollen, weil sie Zeugen suchte, die die Vorwürfe gegen den Autor entkräften konnten, erzählt Levenstein.

Zu dem Treffen sei überraschend auch Solschenizyns Sohn Stepan gekommen. Seine Eltern hätten den Artikel gelesen. Wenn Levenstein mal wieder in Moskau sei, solle er sich melden. 2004 war es soweit. Levenstein besuchte Solschenizyn auf seiner staatlichen Datscha bei Moskau. Natalia, Solschenizyns Frau, hatte einen Kuchen gebacken. Höflich sprachen sie sich mit Vor- und Vatersnamen an.

Solschenizyn kam sofort zur Sache. Er könne nicht begreifen, warum man Lügen über ihn verbreite. Wer seien diese Menschen, die glaubten, alles über ihn zu wissen? Dann habe er über seine Erinnerungen gesprochen: Die heißen stickigen Zellen, in denen man im Sommer keine Luft bekam, Ungeziefer, das einen nachts auffraß, und alte Bekannte, die nicht mehr lebten. Bevor er gehen wollte, erzählt Levenstein, habe ihn Solschenizyn um einen Gefallen gebeten: "Sing doch bitte das Lied, das wir im Gefängnis gesungen haben." Und da habe er von den Butyrka-Gefangenen gesungen.

Am 3. August 2008 starb Alexander Solschenizyn 89-jährig in Moskau.

Lesen Sie auch:

"Mit Blut geschrieben" - SPIEGEL-Interview mit Alexander Solschenizyn über die verhängnisvolle Geschichte seines Landes vom 23.07.2007

"Fünfzehn verlorene Jahre" - SPIEGEL-Interview mit Alexander Solschenizyn über Gorbatschow und die Ära Jelzin vom 06.03.2000

"Wie ein Sekretär des Volkes" - SPIEGEL-Interview mit Alexander Solschenizyn über Russlands Weg aus der Krise vom 31.10.1994

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