Beginn des deutschen HipHop Rap auf Sächsisch

Beginn des deutschen HipHop: Rap auf Sächsisch Fotos
Nico Raschick

Wer hat den deutschen HipHop erfunden? Als die "Fantastischen Vier" 1988 auf die Idee kamen, deutsch zu rappen, fand in einem Dresdner Vorort bereits der erste Rap-Wettbewerb statt. Christian Fuchs hat die Wurzeln des DDR-Beats aufgespürt. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 23 Kommentare
  • Zur Startseite
    2.9 (964 Bewertungen)

Mike und Marian, das sind wir -

wir kommen aus Dresden, nicht weit von hier

Gebrauchswerber - das wird unser Beruf,

der hat in manchem Laden einen schlechten Ruf.*

Es riecht muffig, das Linoleum stinkt nach Scheuermittel, und die Vorhänge in der Großraumkantine der HO ("Handelsorganisation") Radeberg sollten schon längst mal wieder entgilbt werden. Auf DDR-Holzstühlen sitzen Lehrlinge in blauen FDJ-Hemden und schauen gespannt auf die Minibühne vorn im Raum. Heute Nachmittag findet hier das "Fest der Talente" statt. Wir befinden uns im Jahr 1987 und in wenigen Minuten wird der deutschsprachige HipHop erfunden. Doch das wissen die meisten Anwesenden zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Mann oh Mann - da hast du recht,

aber eigentlich ist's doch gar nicht so schlecht.

Um neun Uhr früh gibt's kein Hott oder Hüh -

Da ist Frühstückspause und ich trink meine Brause.

Ungeduldig warten Mike "DynaMike" Wagner und Marian "Snowman" Meinhardt auf ihren Auftritt. Zuerst kommt ein Modellbauer mit seinem Flugzeug auf die Bühne, dann ein Nachwuchsliterat mit einem Gedicht von Wilhelm Busch. Gemeinsam mit Michael Kral, der heute nicht dabei ist, nennen sich die Drei seit ein paar Wochen "Three M-Men" - weil ihre Vornamen alle mit dem Buchstaben "M" beginnen.

Auf die Idee mit dem Rappen hatte sie der Film "Beat Street" gebracht, den sich Mike zehnmal im Kino angesehen hatte. Ähnlich wie für viele andere Jugendliche in der DDR war HipHop für die drei Dresdner eine Offenbarung: Er war cool, kam aus dem Westen und war trotzdem geduldet. "Es war das lockere Lebensgefühl, das wir als Ossis nicht kannten", sagt DynaMike heute. Mit "Mutterficker" auf den Lippen und dem Robotertanz aus dem Film in den Beinen tänzelte er damals über die Gänge seiner Schule. (Siehe auch die Fotos und Audiodateien in der Spalte rechts und im Bereich "Dokumente").

Rappen in sozialistischen Unterhosen

Nur durch einen sozialistischen Unfall kam Rap, B-Boying und Graffiti überhaupt durch den Eisernen Vorhang. Der Breakdance-Film "Beat Steet", den andere DDR-Jugendliche bis zu 70 Mal sahen, lief in den Kinos zwischen Schwerin und Suhl nur, weil Harry Belafonte ihn mitproduziert hatte. Belafonte war ein geschätzter Künstler in der DDR, weil er gegen den Vietnamkrieg und die Apartheid kämpfte. "Wir haben das genossen, eine sozialistische Unterhose anzuhaben, aber trotzdem Breakdance aus Amerika zu machen", erklärt ein Breaker in dem Dokumentarfilm "Here we come".

Anfangs wurden die ruckartigen Roboter-Tanzeinlagen auf Marktplätzen und auch der erste Rap-Wettbewerb in der "Tonhalle" in Radebeul noch argwöhnisch beäugt. Spätestens aber als die Ost-HipHopper ihre Passion zur Kunst erklärten, mit der sie die unterdrückten Schwarzen in den amerikanischen Ghettos unterstützten, konnte die DDR-Führung nichts mehr dagegen sagen. Einige Breakdancer erhielten sogar feste Engagements am Berliner "Friedrichstadtpalast" oder tourten als anerkannte "akrobatische Schowtänzer" durch Kulturbundhäuser und Altenheime.

Buchstaben stanzen, und das im Ganzen,

Mir wachsen am Mündlein schon ein paar Fransen,

Mit bloßen Händen Farbe verschwenden,

Karten bemalen, Essengeld zahlen.

Jetzt ist der Moment gekommen: Die beiden 17-jährigen Jungen Mike und Marian stürmen auf die Bühne und rappen kräftig drauf los. In neun Strophen nehmen sie sich und ihre Ausbildung ironisch, witzig auf dem Arm, die Beats pochen aus einem Kassettenrekorder - ein Jahr, bevor die "Fantastischen Vier" das erste Mal auf Deutsch rappen werden.

Mütter schneiderten die Klamotten

Dabei war es ungleich schwerer, im Osten Rapper zu sein: Es gab in Dresden keine angesagten Ami-Diskos, wo GIs zu Bronx-Raps tanzten. Auch Klamotten waren nicht einfach zu bekommen, kurzerhand half ein schwarzer Filzstift, olle Germina-Treter in hippe Adidas-Schuhe zu verwandeln. Mike Wagner malte mit Textilmalfarben das selbstgestaltete Logo der "Three M-Men" auf graue Pullover - "im Beastie-Boys-Style".

Die Mütter schneiderten Puma-Trainingsanzüge nach. "Die Platten von Run DMC oder den Beastie Boys haben wir uns von Oma aus dem Westen mitbringen lassen oder über verschlungene Wege aus den anderen Ostblockstaaten geschmuggelt", erinnert sich DynaMike. DDR-DJs machten aus einem tragbaren RFT-Kassettenrekorder eine Beatmaschine, in dem sie die Klappe abnahmen und am Motor die Geschwindigkeit selbst bestimmten. Schon allein durch den Bastelcharme, der die HipHop-Szene der DDR durchzog, bleib sie bis zur Wende eine Untergrundkultur.

Davon zeugen auch die unterirdischen Rap-Zeilen, die "Three M-Men" damals in Schulenglisch reimten: "We rap for all and paint on da wall". Trotzdem schafften sie es durch Auftritte und Mixtapes in die einzige offizielle Radiosendung über Rapmusik: "Vibrationen" im Jugendradio DT64.

Die erste Rapperin der DDR

Nach dem ersten Deutschrap-Auftritt im Speisesaal ihrer Lehrwerkstatt schrieben die drei M-Männer weiter deutsche Musikgeschichte: Sie waren dabei, als der erste DDR-"RapContest" 1988 in Radebeul veranstaltet wurde, präsentierten 1989 mit "Black J" die erste Rapperin der DDR und wurden im englischen Rap-Magazin "Soul Underground" erwähnt. Dort entdeckte sie auch Smudo in den Achtzigern und verewigte die "Three M-Me" in seinem Buch "Die letzte Besatzermusik".

Heute nennen sich die drei Dresdner Rapper selbstbewusst "dienstälteste Rapband Deutschlands". Nach der Wende wurde es ruhiger um die "Three M-Men". Viele andere Bands begannen, Sprechgesang auszuprobieren, und machten die Musik kommerziell. 1992, im Erfolgsjahr der "Fantastischen Vier", hatten "Three M-Men" bereits ihr erstes Comeback, 2002 lösten sie sich endgültig auf.

Kapiert? Na klar! -

Sonst noch was? - Hey, come on, klotz' ran - macht Spaß!

Alter, Mann - nicht lang gefragt, hier sind die Rapper, die viel gewagt!

* Die kursiven Zitate stammen aus dem ersten deutschsprachigen Rap, der 1987 öffentlich aufgeführt wurde. Text: Mike Wagner und Marian Meinhardt, Dresden.

Unter den Dokumenten zu diesem Thema finden Sie auch Mitschnitte von drei frühen Rap-Songs der "Three M-Men". Klicken Sie dazu bitte oben in der Leiste auf den Reiter "Dokumente".

Lesen Sie dazu auch:

Durchbruch im Schwimmbad-Club

Waren Sie dabei, als der Rap nach Deutschland kam?

Weitere Informationen:

Website zum Dokumentarfilm "Here we come"

Band-Website "Three M-Men"

Internet-Seite von Mike Wagner ("DynaMike")

Artikel bewerten
2.9 (964 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Jörg Hennicke 17.10.2007
Ich wiederhol mich ja gerne: "Erfunden" haben es Falco, Thomas Gottschalk, Frank Laufenberg und Manfred Sexauer...
2.
Wolfgang Walk 17.10.2007
Der erste deutsche Raptext dürfte deutlich älter sein. Da wäre zunächst mal Falcos "Kommissar" zu erwähnen und natürlich die Rodgau Monotones mit "Erbarme...zu spät": "Was kommt denn da für'n wüster Krach/aus Frankfurt, Darmstadt, Offenbach..." Und das waren nur die, die es hoch in die Charts geschafft haben. Aber weder Falco noch die Rodgaus waren in erster Linie Rapper. Hier kam wohl die Persiflage vor dem Original...
3.
Lars Kehrel 17.10.2007
In Heidelberg hat sich auch schon 1987 die Hip-Hop-Gruppe "Advanced Chemistry" gegründet. Torch (ein Mitglied von AC) hat vorher Mitte der 80er mit dem deutschen Sprechgesang begonnen. Wer zuerst war kann man wohl nie hundertprozentig klären. Links: http://de.wikipedia.org/wiki/Advanced_Chemistry http://de.wikipedia.org/wiki/Torch_%28MC%29
4.
thomas julius 17.10.2007
Liebe "Experten" des deutschsprachigen Sprechgesangs, bitte mal unter folgenden Begriffen recherchieren: - Advanced Chemistry - Torch - Toni L Bei allem Respekt, aber damit hätte sich die Hauptaussage dieses Berichts relativiert. Grüße.
5.
Hannes Drexl 17.10.2007
Nicht zu vergessen "Hoidzscheidl-Rap" von Haindling, 1984.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen