Beginn des Ersten Weltkrieges "Ich habe befohlen, die Dörfer abzubrennen"

Beginn des Ersten Weltkrieges: "Ich habe befohlen, die Dörfer abzubrennen" Fotos
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Deutschland griff zuerst an: Brutal eroberten deutsche Truppen in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges die belgische Festung Lüttich - und beschädigten das Ansehen Deutschlands in der Welt auf lange Zeit. Von

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Lüttich galt 1914 als eine der am stärksten befestigten Städte Europas. Es war von einem Ring von zwölf Festungen umgeben, die den Übergang über die Maas beherrschten und das Innere Belgiens gegen eine Invasion schützten. Diese Stadt stürmten die deutschen Truppen zu Beginn des Ersten Weltkrieges und fochten einen Kampf von größter Bedeutung.

Die Idee zu der Operation stammte von Erich Ludendorff, dem deutschen Chef der Aufmarschabteilung im Großen Generalstab. Er entwickelte einen Plan des früheren Generalstabschefs Alfred von Schlieffen weiter, den dieser im Jahr 1905 entworfen hatte und der als einzige Chance zum Sieg in einem Zweifrontenkrieg galt. Der ursprüngliche Plan sah vor, die Beneluxstaaten anzugreifen, um von Norden nach Frankreich einzudringen. Durch die Flügelbewegung mehrerer Armeen sollte das französische Heer geschlagen werden, bevor dessen Verbündeter seinen Aufmarsch vollenden konnte. Nach einem schnellen Sieg im Westen war geplant, große Teile der Truppen nach Osten zu transportieren, wo sie rechtzeitig eintreffen sollten, um die als langsam eingeschätzten Streitkräfte Russlands von einer Invasion abzuhalten und zu schlagen.

Ludendorff schlug seinem Chef, dem als Zauderer geltenden Helmuth von Moltke, eine Änderung des Plans vor. Er wollte die Niederlande aus einem Krieg heraushalten und im Fall, dass dieser länger andauerte, für die Versorgung Deutschlands bei einer Blockade als "Luftröhre" nutzen. Der deutsche Angriff sollte sich auf das neutrale Belgien und Luxemburg konzentrieren.

Eine Operation auf Messers Schneide

Der Entschluss, die Niederlande zu verschonen, machte den gesamten Schlieffenplan zu einer Operation auf Messers Schneide. Etwa vierzig Kilometer hinter der deutschen Grenze gab es eine Stelle, die im Süden durch die Ardennen, im Norden durch niederländisches Territorium begrenzt wurde. An diesem etwa zwanzig Kilometer breiten Engpass lag Lüttich an den Ufern der Maas mit seinem Kranz von Festungen. Die deutschen Armeen, die den westlichsten Teil des Schwenkflügels bildeten, mussten dieses Nadelöhr passieren und dabei sowohl den Fluss als auch die befestigte Stadt überwinden.

Bereits der ursprüngliche Schlieffenplan war waghalsig, weil er auf dem vollständigen und raschen Sieg über eine Großmacht als Voraussetzung für den Kampf gegen eine andere aufbaute. Der Handstreich von Lüttich steigerte dies bis zur Vermessenheit, weil er die blitzschnelle Einnahme dieses strategischen Punktes zur Grundlage für das Gelingen des gesamten Kriegsplans machte. Jeder Tag, ja jede Stunde erfolgreichen Widerstands der Belgier musste den Vormarsch der angreifenden Armeen verzögern. Es bestand die Gefahr, dass die Franzosen ihre Truppen verstärken, womöglich sogar die Entscheidung anderswo suchen konnten, wenn die deutsche Hauptmacht hier längere Zeit festhing.

Moltke, der sich selbst nicht als "Hasardeur" sah, akzeptierte den Plan seines Mitarbeiters trotz seiner äußerst weit reichenden Auswirkungen. Bereits 1911 bezeichnete er in einer Aktennotiz den Besitz der Stadt als Conditio sine qua non des Vormarschs und damit des eigenen Plans.

Den Gegnern zuvorkommen

Der Schlieffenplan setzte auf das Überraschungsmoment und konnte nur gelingen, wenn die Deutschen ihren möglichen Gegnern zuvorkamen. Diese Militärplanung setzte die Politik schwer unter Druck. Kam es zu einer ernsthaften Krise, in der sich die Gefahr eines Krieges abzeichnete, würde es schwer werden, die Militärs zurückzuhalten. Am 29. Juli um 16 Uhr beschloss Belgien angesichts der zunehmenden internationalen Spannungen, Vorbereitungen zur Verteidigung zu treffen. Moltke drängte, Deutschland müsse losschlagen, da sonst die Chancen auf einen Sieg schwinden würden. Wilhelm II unterzeichnete die Mobilmachung.

Schon Reichskanzler Otto von Bismarck hatte seinem späteren Nachfolger Bernhard von Bülow gegenüber erklärt, Deutschland könne nur mit Frankreich, Russland und Großbritannien zugleich in einen Krieg geraten, wenn man einen "Blödsinn" mache wie zum Beispiel einen Überfall auf Belgien. Jetzt trat genau dies ein.

"Tote, Tote, Tote"

Die Militärführung hatte damit gerechnet, dass die Belgier ihre Truppen passieren lassen würden und reagierte voller Überraschung, ja Ärger, auf deren hartnäckigen Widerstand. In der offiziellen Darstellung zur Verletzung der belgischen Neutralität von Bernhard Schwertfeger, die 1925 erschien, ist sogar von der "Enttäuschung der Obersten Heeresleitung über den unerwartet starken Widerstand der Belgier" die Rede.

Die deutschen Soldaten gingen brutal gegen Widerständler vor, vor allem, wenn der Verdacht bestand, Zivilisten, die sogenannten Franc-Tireurs, hätten die Invasoren angegriffen. General Karl von Einem, der den Angriff auf Lüttich kommandierte, machte offiziell die belgische Bevölkerung selbst für das harte Vorgehen der Deutschen verantwortlich. Seiner Frau schrieb er, Zivilisten hätten sich "in grausamer Weise" an den Kämpfen beteiligt: "Ich habe befohlen, die Dörfer abzubrennen und jeden zu erschießen. Ich bedauere tief, [dass] der Krieg sofort diesen scheußlichen Charakter angenommen hat". In seinem Tagebuch nannte er dagegen als Ursache für die sehr schweren Verluste "auch unter hohen Offizieren", dass die zu größter Eile angetriebenen "Truppen rücksichtslos vorgegangen sind und auch wohl viel auf sich geschossen haben".

Ein belgischer Artillerieoffizier, der das Anrennen unter schwerem Feuer und den Abwehrkampf seiner Landsleute miterlebte, berichtete: "Überall war es dasselbe Bild. Tote, Tote, Tote. Sie lagen auf dem Rücken, die Arme wie verrenkt, die Augen geschlossen, den Mund offen, die Schädel zerschmettert, blutverschmiert."

Den Deutschen gelang es schließlich, die Stadt einzunehmen und den Weg nach Frankreich zu öffnen. Durch den erbitterten Widerstand der Verteidiger verloren die zunächst angreifenden 25.000 Soldaten in nur drei Tagen, vom 4. bis 6. August 1914, etwa 3500 Mann - tot, vermisst oder verwundet.

Ungeheurlicher Vorgang

Wohl niemals sonst wurde das Schicksal eines Landes in solchem Maße von der Planung seiner Militärs abhängig gemacht. Die politische Führung des Reiches hatte den Schlieffenplan gekannt, jedoch nichts vom Angriff auf Lüttich gewusst. Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg erfuhr von diesem entscheidenden Detail erst am 31. Juli 1914, als die Julikrise schon ihrem Höhepunkt zustrebte. Zuvor hatte der Generalstab diesen Teil des Kriegsplans vor der politischen Führung geheim gehalten. Das war ein ungeheuerlicher Vorgang, der die Machtlosigkeit der zivilen Staatsleitung in einer Frage offenlegte, die auf grundsätzliche und für die ganze Nation entscheidende Weise in ihre Belange eingriff. Es zeigte sich, wie der Spielraum der Politik in den Tagen der Zuspitzung immer stärker vom Drängen der Militärs eingeschränkt wurde.

Ludendorff, der die Truppen persönlich in vorderster Linie geführt hatte, wurde mit dem Orden Pour le Mérite ausgezeichnet und begründete mit diesem Feldzug seine Stellung als mächtigster Mann im Deutschen Reich. Das Ansehen der deutschen Armee und der gesamten Nation in der Welt war jedoch schwer geschädigt. Das schlug sich nach Kriegsende in den Bestimmungen des Vertrags von Versailles und in der Haltung der anderen Länder nieder.

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1.
michael buchholz 19.11.2008
"Deutschland griff zuerst an: Brutal eroberten deutsche Truppen in den ersten Tagen des Ersten Weltkrieges die belgische Festung Lüttich- und beschädigten das Ansehen Deutschlands in der Welt auf lange Zeit" Ein Angriff ist immer brutal, nicht nur, wenn er durch deutsche Truppen erfolgt. Das Ansehen Belgiens, Frankreichs und Großbritanniens - allesamt äußerst brutale und rücksichtslose Kolonialmächte und beileibe keine harmlosen Waisenkinder. Albert I, damaliger belgischer König verweigerte Deutschland zudem den Durchmarsch seiner Truppen und legte es, trotz eines vorsorglich auf 350.000 Mann aufgerüsteten, aber immer noch deutlich unterlegenen Heeres, auf eine Konfrontation an. Von einem "Überfall" kann man zudem auch schwer sprechen, denn bereits 1913 veranlasste Albert angesicht einer möglichen Kriegsgefahr eine umfassende Heeresreform, die die o.g. Aufrüstung begründete. Er war sich der möglichen Konsequenzen für Belgien ergo hundertprozentig bewusst.
2.
Reinhold Behringer 06.03.2011
"Von einem "Überfall" kann man zudem auch schwer sprechen, denn bereits 1913 veranlasste Albert angesicht einer möglichen Kriegsgefahr eine umfassende Heeresreform, die die o.g. Aufrüstung begründete. Er war sich der möglichen Konsequenzen für Belgien ergo hundertprozentig bewusst." Was ist das fuer ein Unsinn? Natuerlich ist ein Angriff auf ein neutrales Land ein Ueberfall. Belgien hatte das Recht auf Verteidigung des eigenen Landes, auch mittels Heeresreform und Aufruestung. Der obige Kommentar zeigt nur wieder, wie weit wir in Deutschland noch weg sind von einer objektiven Betrachtung des ersten Weltkrieges.
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