Beginn des Zweiten Weltkriegs Cobra, übernehmen Sie

Vom Traumschiff zum schwimmenden Alptraum: Als Vergnügungsdampfer schipperte die "Cobra" über die Nordsee - bis sie im August 1939 der Krieg ereilte. In nur wenigen Tagen wurde das Passagierschiff zum todbringenden Minenleger umgerüstet. Seltene Farbdias erinnern an die letzten glücklichen Stunden an Bord.

Ralf Klee

Von Ralf Klee


Auf den ersten Blick sehen die zwölf Dias wenig spektakulär aus. Sie sind in vergilbte Papprahmen mit dem Aufdruck "Ayfra-Deckfix" eingefasst, auf dem Glas befinden sich unzählige Fingerabdrücke. Legt man die Dias in einen Projektor, ist von den Altersspuren nichts mehr zu sehen. Der Lichtstrahl lässt ein imposantes Seebäderschiff auf der Leinwand erscheinen. So realistisch, dass man den Eindruck bekommt, selbst am Pier zu stehen.

Die Farben haben einen leichten Blaustich bekommen, ansonsten ist die Qualität der Bilder auch nach 70 Jahren noch gut. So gut, dass man sogar den Namen am verzierten Heck des Schiffes erkennen kann: "Cobra - Hamburg".

Historische Farbdias, die jetzt bei einer Online-Auktion veräußert wurden, gewähren Einblick in ein bislang wenig beleuchtetes Kapitel deutscher Seefahrtsgeschichte. Sie entführen den Betrachter in die letzten großen Tage des Seebäderverkehrs - und an die Schwelle des Krieges. Denn schon wenige Wochen später wird der Passierdampfer zum todbringenden Minenleger.

Cuxhaven in Color

Rückblende. Cuxhaven, im Sommer 1939. Die Wolken hängen schwer über der Stadt, und von der Nordsee weht eine steife Brise in den Hafen hinein. Trotzdem drängeln sich auf der Landungsbrücke unzählige Menschen - wie an jedem Wochenende. Sie warten auf das Hapag-Seebäderschiff "Cobra".

Unter den Wartenden befindet sich auch ein Fotoamateur. Er hat seine Kleinbildkamera mit einem der neuartigen Agfa-Colorfilme bestückt. Farbig zu fotografieren kommt gerade in Mode, und noch ist es ein recht teures Vergnügen. Doch die "Cobra" ist es dem Hobbyfotografen wert. Er will die Cuxhavener Hafenszenerie in bunten Bildern festhalten - für den Diaprojektor daheim.

Zunächst knipst er die kleinen Segelboote. Im Hintergrund ist der mächtige Turm der Hapag-Halle zu sehen. Von dort waren Millionen Menschen nach Amerika ausgewandert. Doch im Sommer 1939 ist die große Emigrationswelle längst verebbt. Es sind nun hauptsächlich Deutsche jüdischer Abstammung, die vor Drangsalierungen, Repressalien und Terror ins Ausland flüchten. Doch davon sieht man auf den Bildern nichts.

Schwan der Nordsee

Als die "Cobra" schließlich einläuft, stellt sich der Fotograf auf den Pier und knipst munter drauf los. Er fotografiert den Doppelschraubendampfer mitschiffs, dann macht er ein Bild vom Heck mit seinen goldfarbenen Ornamenten und schließlich vom Ablegen des Schiffs, das mit seinem ockergelben Schornstein und schwarz-weiß-rotem Topp in Richtung Helgoland abdampft.

Es ist ein wunderschönes Schiff. Der blütenweiße Rumpf hat ihm den Beinamen "Schwan der Nordsee" eingebracht. Knapp zweitausend Personen kann es aufnehmen, für deren Wohlbefinden ist hinreichend gesorgt. Unter Deck befinden sich möblierte Aufenthaltsräume, die bordeigene Küche bietet solide Hausmannskost an, die Bar offeriert Limonaden und Verdauungsschnäpse. Klappstühle auf dem Promenadendeck laden zum Verweilen ein. Wer Probleme mit dem Spiel von Wind und Wellen hat, holt sich in der Bordapotheke einige Tabletten der Marke "Vasano - Seefest".

Die "Cobra" ist das Traumschiff des kleinen Hamburgers, der am Wochenende dem Alltag und dem Großstadttrubel entkommen will, dem Lärm der Fabriken und dem Gestank der Automobile - zumindest für einen Tag. Das ganze Vergnügen ist für wenige Reichsmark zu haben. Noch.

Gefährliche "Cobra"

Wenige Wochen später ist es mit der trügerischen Idylle vorbei. Es ist der 23. August 1939, als Kapitän Schirrmeister durch die flaschengrüne Nordsee auf Helgoland zusteuert. 2000 Passagiere hat er bei schönstem Sommerwetter an Bord, als sich plötzlich über Funk die Reederei meldet: "Herr Kapitän, der Seebäderdampfer "Cobra" ist soeben durch die Kriegsmarine beschlagnahmt worden."

Schirrmeister lässt die Passagiere in Helgoland ausschiffen und kehrt sofort nach Hamburg zurück. Dort wird das Schiff umgerüstet. Das Inventar wird größtenteils ausgebaut, auf dem leeren Promenadendeck werden Schienen eingesetzt. Aus dem Seebäderschiff "Cobra" ist das Minenschiff "Cobra" geworden. Am 27. August nimmt es die ersten Sprengkörper auf und läuft zur Übungsfahrt aus.

Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen im September 1939 beginnt die Besatzung der "Cobra" in der Nordsee Minengürtel zu legen. Ohne Positionslaternen fährt das Schiff in die Operationsgebiete, die Besatzungsmitglieder setzen die Zünder ein und das Salzstück, das sich später im Meerwasser auflöst und den Sprengkörper scharf macht. Dann gehen die Ankertauketten mit den heimtückischen Sprengfallen über Bord. Das Seebäderschiff, das in Friedenszeiten Hunderttausenden Ablenkung und Freude gebracht hat, sorgt nun in Nacht-und-Nebel-Aktionen für Tod und Verderben.

"Vernichtung der roten Flotte"

Im Verlauf der folgenden Jahre wird die "Cobra" Tausende Seeminen setzen. 1940 legt sie einen Sperrgürtel vor der norwegischen Küste, im folgenden Jahr ist sie in der Ostsee im Einsatz. Das Schiff ist inzwischen grau gestrichen und hat zwei 8,8-cm-Geschütze an Bord. Nichts erinnert mehr an das berühmte Seebäderschiff.

Am Abend des 21. Juni 1941 befindet sich die "Cobra" begleitet von mehreren Schnell- und Räumbooten im finnischen Meerbusen. In wenigen Stunden werden deutsche Soldaten die Sowjetunion überfallen, zuvor soll die Kriegsmarine das wichtige Seegebiet verminen und die sogenannte "Corbetha"-Sperre legen. Maßgeblich beteiligt sind neben der "Cobra" auch früheren Hapag-Seebäderdampfer "Königin Louise" und "Kaiser".

Wochen später wird der Verband einen zweiten Gürtel legen, der den Namen "Juminda"-Sperre bekommt - benannt nach einer estnischen Halbinsel. Durch sie wird ein Großteil der russischen Kriegs- und Handelsmarine vor der baltischen Küste abgeriegelt. Als die Schiffe nach dem Vormarsch der Wehrmacht panikartig aus den Häfen flüchten, kommt es zum Inferno. Zahlreiche Schiffe laufen auf Minen, werden versenkt oder treiben schwer beschädigt durch die Ostsee. Die deutsche Propaganda feiert die Operation als "Vernichtung der roten Flotte in der Ostsee", "Cobra"-Kommandant Karl-Friedrich Brill erhält das Ritterkreuz.

Endstation Schiedam

Nachdem er U-Boot-Angriffe und Fliegerattacken überstanden hat, soll der Minenleger im August 1942 in der Wilton-Werft im niederländischen Schiedam überholt werden. Doch dazu kommt es nicht mehr: Am 27. August 1942 heulen gegen 17 Uhr die Sirenen über der Stadt. Luftalarm! Britische Flieger greifen die Hafenanlagen an und laden ihre tödliche Last über den Werften ab. Eine Bombe trifft dabei die "Cobra" und durchschlägt das gesamte Schiff. Die Detonation reißt den Minenleger auf, der sich schnell mit Wasser füllt und auf die Seite legt.

Der Stolz der Hapag-Seebäderflotte steckt im schlammigen Grund des Hafenbeckens. Die Steuerbordseite des Wracks ragt dabei noch drei Meter aus dem Wasser. Vier Besatzungsmitglieder sterben bei dem Angriff. Wie viele Seeleute durch die über 7000 Minen der "Cobra" in Nord- und Ostsee den Tod fanden, ist unbekannt.

Gefährlich sind die Sprengkörper im finnischen Meerbusen bis heute. Zwar gelten die Hauptschifffahrtsrouten als nahezu sicher und bemüht sich der multinationale "Minenjagdverband Open Spirit" seit Jahren um die Räumung der Seewege in der Ostsee. Dennoch passiert es gelegentlich noch immer, dass Fischer statt eines schmackhaften Ostseeherings eine alte Seemine im Netz haben.



insgesamt 2 Beiträge
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Bodo von Bitz, 14.07.2009
1.
Also, "Authentizität" in allen ehren, aber in diesem Falle hätte ich das Staub- und Kratzer-Entfernprogramm des Scanners NICHT ebensowenig ausgeschaltet wie das Farbrestaureirungs- und Anti-Ausbleichj-Modul des Scanprogramms. Eventuell hätte man sich die Mühe machen sollen, "zweigleisig" zu fahren, und einmal tzu zeigen, wie die Dias "ich echt" aussehen und einmal zu demonstrieren, was man heute aus solchen Vorlagen herausholen kann, wenn man's kann.
Hansgeorg Berger, 15.07.2009
2.
Mein lieber Schwan! Nehmen wir mal an, ich wär dabei gewesen: Die "Cobra" kommt auf ihrem Weg von Hamburg nach Helgoland in Cuxhaven vorbei, es ist schönes Fotowetter, auf zum Hafen! Erstes Foto (11) von der Drehbrücke aus (heute Klappbrücke) am Alten Hafen mit dem Lotsenversetzdampfer vorn und der Alten Liebe hinten. Dann rüber zur Seebäderbrücke, viele "Sehleute" warten schon. Nach oben und ein Foto nach links über den Seglerhafen zu den Hapag-Hallen und eins nach rechts mit dem Krabbenkutter, leider ist der Leuchtturm nicht mit drauf. Dort kommt ein Frachter, links hinten ist die Alte Liebe. Auch die Matrosen warten, aber von wegen "steife Brise", es sind nur die Mützenbänder, die im Wind wehen. Zwischen den Köpfen sieht man die Kugelbake, da beginnt die Nordsee. Foto 4: Die "Cobra" kommt und legt gegen den Strom an. Festmachen, Gangway rüber und noch ein paar Gäste rauf. Foto 3: Ablegen nach Helgoland. Dann Foto 5. Das ist seitenverkehrt, das sieht man am Strom und im Hintergrund ist das Steubenhöft. Noch schnell ein letztes Foto mit Segelboot vorn und der davon dampfenden "Cobra". Das Foto ist leider verwackelt, kann ja mal passieren, es ist ablaufendes Wasser und die Elbe fließt ganz schön schnell. Alles klar? Hans Be.
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