Bordfotograf Hanns Tschira auf der "Bremen" Blindfahrt ins Ungewisse

Hunderte Schiffsreisen rund um die Welt hat Fotograf Hanns Tschira begleitet, keine war so gefährlich wie diese: 1939 fuhr er auf der "Bremen" von New York nach Deutschland - und geriet in den Zweiten Weltkrieg. Mit Glück und Täuschung gelang die Überfahrt - doch am Ende der Reise wartete nicht der Heimathafen.

Deutsches Schiffahrtsmuseum, Bremerhaven

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"Ich hoffe, dass es mir gelingt, euch gesund nach Hause zu bringen", erklärte Kapitän Adolf Ahrens sorgenvoll am 30. August 1939 seiner Besatzung, die sich in der großen Halle seines Schiffes, der "Bremen", versammelt hatte. Gerade hatten sie den Hafen von New York hinter sich gelassen - unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Sollten sie in die Gewalt der britischen Marine gelangen, so Ahrens, werde er die "Bremen" versenken. Und damit nicht genug: "Obendrein zünde ich das Schiff noch an!"

Die Rede des Kapitäns sollte nur ein Vorgeschmack sein auf die dramatischste Fahrt der "SS Bremen": Die Heimreise von New York nach Deutschland genau zu Beginn des Zweiten Weltkriegs. Tagelang würden die Besatzungsmitglieder an Bord bangen und hoffen. Und einer von ihnen, der Fotograf Hanns Tschira, würde in Aufzeichnungen und etlichen Fotos festhalten, wie die Fahrt der "Bremen" zu seiner aufregendsten Reise als Bordfotograf wurde. Und zu seiner letzten.

Meterhohe Gischt auf dem Atlantik

Eigentlich hatte er ein ruhiges Leben als Porträtfotograf in Lörrach geführt. Nach dem Tod seines Vaters hatte er dessen Atelier weitergeführt, seinen eigenen Kundenstamm aufgebaut, eine Ortsansässige geheiratet, drei Töchter bekommen. Alles verlief wohlgeordnet. Vielleicht zu geordnet.

Die Chance zum Ausbruch kam 1927. Tschira war gerade auf der Suche nach neuen Auftraggebern, als er über eine ungeahnte Berufsperspektive stolperte: Fotograf an Bord von Passagierschiffen des Norddeutschen Lloyd. Seine Aufgabe wäre es, die Passagiere an Bord zu fotografieren und ihnen die Aufnahmen als Erinnerungsstücke zu verkaufen. Außerdem würde er mit Models auf dem Schiff Werbeaufnahmen für Prospekte und Kundenzeitschriften machen. Der Vorteil des Jobs: Tschira würde rund um die Welt reisen, fremde Länder und Menschen kennenlernen. Der Nachteil: Sein beschauliches Leben in der baden-württembergischen Provinz wäre vorbei. Er zögerte nicht lange.


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Die folgenden Jahre verbrachte der Fotograf an Bord von Linienschiffen wie der "Columbus", der "Sierra Cordoba" oder der "General von Steuben". Hunderte Male reiste er nach Nord- und Südamerika, Westindien, nach Ostasien oder sogar in die Polarregion. In den über 55.000 Bildern aus dieser Zeit hielt er eine Flut von Eindrücken fest: Die Gischt, die im Sturm auf dem Atlantik meterhoch über die Bordwand schlug. Der Urwald am Ufer des Panamakanals. Adelige auf den Sonnendecks und dreckverschmierte Arbeiter. Und natürlich immer wieder jenes Schiff, auf dem Tschira schließlich sein größtes Abenteuer erleben sollte: Die 286 Meter lange, 55.000 Tonnen schwere "Bremen".

Horst-Wessel-Lied statt "Star Spangled Banner"

Tschira läuft am 28. August 1939 an Bord des Schiffes in New York ein. Die Spannungen zwischen Deutschland und England spitzen sich zu, der Ausbruch des Krieges steht unmittelbar bevor. Tschira bangt, die Amerikaner könnten sie festhalten - doch New York lenkt ihn von den Befürchtungen ab: "Immer wieder von neuem imposant ragen die Wolkenkratzer in die Luft", schreibt er - und schwärmt von den schönen New Yorker Mädchen.

Vor dem Nachrichten-Leuchtband am Times Building holt ihn jedoch die Realität ein: Er liest von Englands Erklärung, bei einem deutschen Angriff auf Polen auf die Seite Polens zu treten - und notiert voll patriotischer Inbrunst: "Mit einem Male ist mir die ganze Stadt verleidet. Dass unser Führer die polnischen Provokationen weiter hinnimmt, ist ausgeschlossen."

Der Kapitän der "Bremen", Adolf Ahrens, lässt so viel Treibstoff tanken, wie das Schiff aufnehmen kann. Er fürchtet, in den USA aufgehalten zu werden, bis die Briten kommen. Und tatsächlich wird seine Angst geschürt: Ein US-Durchsuchungskommando verzögert die Abfahrt für eine Prüfung, ob an Bord Waffen versteckt sind - eine Maßnahme, die eigentlich nur in Kriegszeiten üblich ist. Auch Tschira bangt nun, hier festgehalten zu werden und seine Heimat nicht wiederzusehen: "Wenn die Brüder uns so lange hier festhalten, bis sie uns den Engländern in die Arme schicken - was dann...?"

Doch schließlich sind die rechtlichen Mittel auch für die USA ausgeschöpft - und sie müssen das Schiff am 30. August ziehen lassen. Die "Bremen" verlässt den Hafen ohne Passagiere. Stolz vermerkt der Bordfotograf Hanns Tschira 1940 in seinem Buch "Die Bremen kehrt heim", zum Auslaufen habe die Bordkapelle nicht wie üblich "Star Spangled Banner" gespielt - sondern das "Horst-Wessel-Lied". Tschiras Aufzeichnungen sind nicht zufällig durchtränkt vom Ton der NS-Propaganda: Sein Buch wurde 1940 in Kooperation mit der NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" herausgegeben.

Fahrt mit ungewissem Ziel

Schon bald nach dem Auslaufen lässt die Triumphstimmung jedoch nach - und Kapitän Ahrens trifft äußerste Vorsichtsmaßnahmen, um nicht von der englischen Flotte entdeckt zu werden. Alle Lampen an Deck, selbst die Positionslichter, werden abgeblendet, nicht einmal Zigaretten dürfen nachts an Deck glimmen. Über den Schornsteinen lässt Ahrens Funkenfänger anbauen, die Bullaugen werden mit schweren Stahlblenden verschlossen, die sonst nur bei Stürmen benutzt werden. Ahrens scheint Ernst zu machen mit seiner Drohung, das Schiff anzuzünden, ehe es Engländern in die Hand fällt - überall an Bord finden sich "Brandstationen" - kleine Scheiterhaufen aus Hanffasern, Benzinkannen und einem Warnschild "Feuergefährlich!".

Am 3. September lässt Ahrens die Besatzung in der großen Halle des Schiffes zusammenrufen und verkündet: "Der Engelsmann hat uns den Krieg erklärt!" Um nun dem "Engelsmann", wie Ahrens spöttisch die Briten zu nennen pflegt, zu entgehen, müsse das Schiff sofort einen grauen Tarnanstrich erhalten. Und tatsächlich: Mit Hilfe von 400 Freiwilligen wird die "Bremen" bei voller Fahrt gestrichen. Eine halsbrecherische Aktion, wie Tschira sich erinnert: "Das Hantieren mit den langen Stangen, an denen die Pinsel festgemacht, ist oft lebensgefährlich."

Sie bewegen sich weit abseits der üblichen Routen. Ahrens ist weit nach Norden von seinem Weg abgewichen und versucht, nördlich von Island über die Grönlandstraße britischen Schiffen auszuweichen. Und das Schlimmste: Der Kapitän hat eigentlich keine ausreichenden Karten für die Gewässer, durch die sie nun mit voller Kraft voraus preschen. Und wohin diese rasende Fahrt sie führt, darüber bleibt die Crew bis zuletzt im Unklaren.

"Am liebsten möchte ich heulen"

Am 6. September schließlich, nach einem Monat auf See, sehen sie es mit eigenen Augen: Vor ihnen liegt der Hafen von Murmansk. Ahrens hat beschlossen, Russland anzulaufen, das damals noch durch den Hitler-Stalin-Pakt mit Deutschland verbündet ist. Kurz vor dem Ziel kommt plötzlich ein unbekanntes Kriegsschiff der "Bremen" bedenklich nahe. Ahrens lässt volle Kraft voraus halten und hisst sicherheitshalber eine gefälschte Sowjetflagge, die er insgeheim an Bord schneidern ließ. Doch erleichtert stellt die Crew fest, dass es sich um ein russisches Schiff handelt - und feiert die Ankunft in der Sicherheit.

Doch Tschira wird die Freude schon bald vergällt: Nachdem Sowjets an Bord kommen und alle Besatzungsmitglieder ihre Fotoapparate abgeben müssen, notiert er deprimiert: "Nun sitze ich da - ein schöner Bildberichterstatter ohne Kamera. Am liebsten möchte ich heulen..." Sein Leid dauert nicht lange: Zwölf Tage später geht die gesamte Crew außer einer Notbesatzung von Bord. Tschira reist mit dem Zug nach Leningrad und von dort weiter über die Ostsee - bis er endlich, nach langer Reise, seine Familie wiedersieht.

Nach seinem größten Abenteuer schließt Tschira mit der Bordfotografie ab: 1946 richtet er in Baden-Baden ein Büro für Pressefotografie ein, und wendet sich schließlich wieder der Porträtfotografie zu. Doch glücklich schien er mit diesem beschaulichen Leben nie zu werden. 1952 hielt er in privaten Aufzeichnungen fest: "In meiner Reisetätigkeit vor dem Kriege konnte ich das photographieren, was mich interessierte. Jetzt muss ich das tun, was mich und meine Familie am Leben erhält." Am liebsten, so Tschira, wolle er wieder reisen und neue Eindrücke sammeln.

Seine jahrelangen Erfahrungen als Fotograf noch einmal umzusetzen, sei sein "einziger Wunsch". Ein Wunsch, der nicht mehr in Erfüllung ging: Am 23. August 1957 starb Hanns Tschira mit nur 58 Jahren an einem Herzinfarkt.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Manuel Baghorn, 12.09.2012
1.
Es hätte durchaus angemerkt werden können, dass die wohl größte Gefahr für Leib und Leben der Besatzung, von dem Kapitän und seinem Plan, dass Schiff im Zweifelsfall anzuzünden ausging. Nicht zuletzt hätte die Bremen durch die bereits dahingehend getroffenen Vorbereitungsmaßnahmen auch leicht durch eine kleine Unachtsamkeit in Brand geraten können. Sehr anschaulich zeigt sich in diesem Vorgehen auch das Maß der Verblendung der Besatzung und vor allem des Kapitäns.
Kristian Matthes, 12.09.2012
2.
@Manuel Baghorn: Na sicher. Man hätte allgemein noch einen Abschied hinzufügen können, wie wichtig es ist, dass vor allem auch Kinder nicht mit Schwere, Licht oder Feuer hantieren. Wie kommen Sie auf den Gedanken, dass die englische Marine keine Gefahr für ein deutschen Schiff darstellen sollte?! Von welcher Verblendung des Kapitäns reden Sie denn bitte? Hätte er sein Schiff nicht tarnen sollen und keine Ausweichroute nehmen sollen?! Der Artikel ist so wie er ist absolut angemessen. MfG
michael kneschke, 12.09.2012
3.
das Malen außenbords, auf einer an 2 Tampen hängenden Stelling war täglich Brot und ungefährlich, sofern man den seemännischen Spruch "eine Hand für's Schiff und eine für dich" beherzigte.
Manuel Baghorn, 12.09.2012
4.
@Kristian Matthes: Ich habe nie behauptet, dass von der britischen Marine keine Gefahr ausging. Aber das Schiff im Zweifelsfall friedlich zu übergeben dürfte für Menschen die nicht unbedingt als Helden sterben wollen wohl auch eine Option gewesen sein. Die Bremen wäre schließlich als ziviles Schiff auch nicht ohne weiteres angegriffen worden, dass haben schließlich die Nationalsozialisten als erstes gemacht...
Max Schneider, 12.09.2012
5.
Ich verstehe nicht wieso der Kapitän nicht die Möglichkeit genutzt hat den sich abzeichnenden Zweiten Weltkrieg bequem in Amerika zu verbringen...ich hätte die Abfahrt hinausgezögert bis ich nicht mehr hätte fahren dürfen und mir die Gräuel eines (Welt!) Krieges erspart.
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