Posthume Filmproduktionen Hauptdarsteller tot? Dreh geht weiter!

Was haben James Dean, Bruce Lee und Heath Ledger gemein? Alle starben während laufender Kinoproduktionen. Und weil das Showbiz keine Pause kennt, wurden die Filme trotzdem vollendet - mit oft verwegenen Methoden.

Corbis

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Man hätte in Tränen ausbrechen können! Dieser unbändige Kerl, der wildschöne Rebell, dem die Wut die Sehnen spannt - wie weidwund fällt er in sich zusammen. Seine Stimme bricht, all die aufgestaute Trauer platzt aus ihm heraus.

Als Jett Rink gestaltete James Dean 1956 im Finale von "Giganten" einen Monolog mit Taschentuchgarantie: Für Jett, vom einfachen Arbeiter zum mächtigen Ölmagnaten aufgestiegen, blieb Leslie Benedict, Liebe seines Lebens, unerreichbar. Heillos betrunken lallt Jett nun im Ballsaal von der "hübschen Leslie" und "reichen Mrs. Benedict", einer Frau, die ein Mann haben wolle, haben müsse. Durch den Türspalt beobachtet Leslies Tochter Luz ihn - unter Tränen. Sie weiß jetzt, dass der Heiratsantrag, den Jett ihr gerade gemacht hatte, im Grunde ihrer Mutter galt.

Wie kein anderer verkörperte James Dean Mitte der Fünfzigerjahre einen neuen, melancholischen Leinwandhelden. Seine Filmfiguren waren keine John-Wayne-Machos mehr, sondern: Draufgänger, Außenseiter mit Gassencharme, ruppig und doch zerbrechlich. Traurige Antihelden, die man mit mütterlicher Hingabe begehren durfte, wie Elizabeth Taylor als Leslie in "Giganten". Heimlich und ohne Happy End.

James Dean selbst allerdings erlebte die Premiere von "Giganten" nicht mehr. Dass wichtige Akteure während einer Filmproduktion unerwartet starben, ist in der Geschichte des Kinos häufiger vorgekommen. Produzenten und Regisseure fanden dann oft die raffiniertesten Lösungen, von Körper- und Stimm-Doubles über digitale Bearbeitung bis zu radikaler Drehbuchrenovierung. Manchmal aber fiel ihnen auch gar kein Ausweg ein (siehe Fotostrecke).

Posthume Nachbesserung

James Dean musste beim "Giganten"-Dreh wieder und wieder die Schlüsselszene im Ballsaal durchspielen, bis George Stevens halbwegs zufrieden war. Der Jungstar hielt den erfahrenen Regisseur für zu pingelig und war genervt von den vielen Takes. Stevens wiederum konnte mit Deans mitunter manieristischen Posen herzlich wenig anfangen.

Als der Regisseur eine Vorabkopie der Szene sah, krümmte und wand Dean sich nicht nur wie ein Stummfilmheld - er war auch akustisch etwa genauso verständlich. Das konnte man unmöglich so lassen, zumindest an die Tonspur musste man noch mal ran. Nur: James Dean stand dafür nicht mehr zur Verfügung.

Am Nachmittag des 30. Septembers 1955 war er mit seinem neuen silbernen Porsche 550 Spyder nördlich von Los Angeles in einen Ford hineingerauscht. James Byron "Jimmy" Dean starb noch auf dem Weg ins Krankenhaus. Der tragische Tod des charismatischen 24-jährigen Schauspielers war zugleich die Geburt einer Jahrhundertlegende.

Fotostrecke

32  Bilder
Tote Hauptdarsteller: Die Show muss weitergehen

Die "Giganten"-Dreharbeiten hatte Dean da bereits beendet. Nur die leidige Ballsaalszene musste nachjustiert werden. Da sich Besoffene ab einem gewissen Pegel - zumindest im Kino - alle recht ähnlich anhören, war das machbar: Nick Adams, seit seiner Nebenrolle 1955 in "...denn sie wissen nicht, was sie tun" mit Dean befreundet, synchronisierte einzelne Monologstellen nach. Mit Erfolg, im Kino fiel das nicht auf.

Doubles für die Kampfsportlegende

Manche Filme allerdings waren nach dem Tod ihrer Hauptdarsteller viel schwerer zu retten als "Giganten". Als etwa im November 2013 Paul Walker bei einem Autounfall starb (auch er in einem Porsche), waren die Aufnahmen zu "Fast & Furious 7" erst halb fertig. Das Drehbuch wurde eilig umgeschrieben, die Dreharbeiten ruhten bis April 2014. Da vor allem Actionszenen fehlten, sprangen Walkers Brüder Caleb und Cody als Bodydoubles ein. Das digitale CGI-Verfahren, das sie im fertigen Film wie Paul aussehen ließ, lieferte Peter Jacksons Effektschmiede Weta Digital, die für die "Herr der Ringe"-Filme schon Schauspieler Andy Serkis in Gollum verwandelt hatte.

Ohne eine solche Technologie musste Produzent Raymond Chow in den Siebzigerjahren auskommen, als er nach dem Tod von Kampfkünstler Bruce Lee beschloss, das Filmprojekt "Game of Death" doch noch fertigzustellen. Im Mai 1973 hatten Lees Ärzte ein Hirnödem entdeckt, das nur scheinbar erfolgreich behandelt wurde. Am 20. Juli trafen sich Lee und Chow in Hongkong. "Game of Death" sollte die größten Athleten verschiedener Kampfstile zusammenführen; Lee war am Drehbuch wie an der Produktion beteiligt und wollte selbst Regie führen. Einzelszenen waren schon gedreht.

Nach der Besprechung klagte Lee über Kopfschmerzen, nahm ein Schmerzmittel und legte sich ins Bett. Chow fand ihn später reglos, alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Offenbar hatte Lee auf Bestandteile des Schmerzmittels Equagesic allergisch reagiert.

"Game of Death" konnte nach Lees Tod nicht mehr wie geplant vollendet werden. Doch Produzent Raymond Chow und Regisseur Robert Clouse verwendeten etwa elf Minuten der bereits gedrehten Szenen für eine neue Version, die 1978 in die Kinos kam, offiziell mit Bruce Lee in der Hauptrolle. "Bruce Lee - Mein letzter Kampf" lautete der vollmundige deutsche Titel. Auch Originalaufnahmen von Lees Begräbnis waren darin zu sehen.

Die Story: Der fiktive Martial-Arts-Kinostar Billy Lo inszeniert in "Game of Death" seinen eigenen Tod. Anschließend, nach einer Gesichtsoperation und bis zur Unkenntlichkeit verkleidet, will er jene aufspüren, die ihm nach dem Leben trachten. Dank dieses Drehbuchtricks konnten Martial-Arts-Darsteller Yuen Biao, Taekwondo-Meister Tai Chung Kim und weitere Doubles in Lees Rolle schlüpfen, mit falschen Bärten und Sonnenbrillen. Zudem wurden Großaufnahmen aus Lees früheren Filmen für wenige Sekunden in die Kampfszenen hineingeschnitten - wegen der unterschiedlichen Qualität des Filmmaterials kaum zu übersehen.

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Verschleierter Doppelgänger

So dreist und dilettantisch war bis dahin kaum jemand vorgegangen. Außer natürlich Ed Wood. Der ungekrönte König des Trash-Kinos hatte für seinen Science-Fiction-Film "Plan 9 aus dem Weltall" von 1959 seinen verstorbenen Hauptdarsteller, den Dracula-Mimen Bela Lugosi, von Tom Mason doubeln lassen - dem Chiropraktiker von Woods Ehefrau. Praktisch, aber auch problematisch, weil der Arzt Lugosi überhaupt nicht ähnelte.

Wood fand flugs eine Lösung: Mason sollte sein Gesicht einfach hinter einem Umhang verbergen. Die Einstellungen mit Lugosi, die Wood schließlich für seinen "Plan 9"-Streifen verwendete, waren lediglich improvisierte Probeaufnahmen und ursprünglich für keinen bestimmten Film gedacht gewesen.

Ob beim Horrorfilm-Klassiker "Poltergeist" oder der Klamaukfilmreihe "Don Camillo", ob nach dem Tod von Marilyn Monroe oder Paul Walker: Tricks sollten helfen, die Filme zu retten - mal durch Doubles, mal durch Animationen oder umgeschriebene Drehbücher.




insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
Olga Ternow, 12.10.2015
1. Fauxpas oder Nichtwissen?
Makaber war, dass auch Bruce Lee's Sohn Brandon das Schicksal seines Vaters teilte (Die Krähe, 1993). Dass dies hier keinerlei Erwaehnung findet sollte dem Autor eigentlich peinlich sein! siehe https://de.wikipedia.org/wiki/Brandon_Lee https://de.wikipedia.org/wiki/The_Crow_–_Die_Krähe
Sebastian Freund, 13.10.2015
2. monty python
evtl. erwähnenswert: nach den tod von graham chapman wurden in liveauftritten sein part durch eine urne und eddie izzard ersetzt. nicht direkt ein film, aber trotzdem clever und passend (ersteres)
Mario Monaro, 13.10.2015
3. Selbst im Film im Film starben schon Hauptdarsteller...
z.B. im wunderbaren La Nuit Americaine (Die amerikanische Nacht) von 1973, in der François Truffaut Regie führte und gleichzeitig den Regisseur spielte. Im Dreh um den es im Film geht geschieht es: sein Hauptdarsteller stirbt, sein angepeiltes kompromissloses Meisterstück endet in einem Gezerre zwischen Regisseur, Versicherung und Produzenten.
Hans Richard Edinger, 13.10.2015
4. Filmgeschichte auf Wikipedia:
Am 2. Mai 1999 starb Oliver Reed in Valletta auf Malta während der Dreharbeiten zu dem Film Gladiator an einem Herzinfarkt. Für verbleibende Szenen, für die er selbst nicht mehr zu Verfügung stand, wurde mit Hilfe von Computeranimation sein Bild aus bereits vorhandenem Filmmaterial nachträglich eingefügt.
Andreas Fotojaeger, 13.10.2015
5. Philip Seymour Hoffman
Ein aktuelles Beispiel hätte vielleicht auch nicht geschadet...
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