Beinahe-Katastrophe in New York Gigant auf dünnen Beinen

Es ist eine Ikone der Baukunst - und war eine Gefahr für New York: 1978 drohte das Citicorp Center, eines der höchsten Gebäude Manhattans, einzustürzen und eine dramatische Kettenreaktion auszulösen. Der Architekt bemerkte einen fatalen Konstruktionsfehler, dann nahte die Hurrikan-Saison.

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Corbis

Am Morgen des 1. September 1978 saß ein Stab von Ingenieuren, Anwälten und Bankern mit finsteren Mienen in einem New Yorker Büro und bereitete sich auf die Verwüstung Manhattans vor: Das Citicorp Center, der mit 279 Metern siebthöchste Wolkenkratzer New Yorks, drohte umzukippen und eine Kettenreaktion auszulösen, wenn er benachbarte Hochhäuser wie Dominosteine anstieß. Die Folge wäre eine Welle der Verwüstung, die sich über Dutzende Blocks bis zum Central Park fortsetzen könnte. Eine Stunde hatten die Männer panisch diskutiert. Nun warteten sie. Auf den Wetterbericht.

Der Verzweifelteste von ihnen war William LeMessurier, ein 52-Jähriger mit Vollbart und Brille. Wie alle Anwesenden wusste er von dem Konstruktionsfehler, durch den das Firmengebäude der Bankgesellschaft Citicorp bei Windgeschwindigkeiten über 110 km/h einstürzen konnte. Und wie alle wusste er von dem Hurrikan "Ella", der auf New York zukam. Eines jedoch hob seine Gedanken von denen der anderen ab: Er wusste, dass die drohende Katastrophe alleine seine Schuld war. Denn er hatte den Wolkenkratzer konstruiert.

Ein Jahr zuvor, im Juli 1977, als das Citicorp Center fertiggestellt worden war, hatte man ihn noch für seine gewagte Konstruktion gefeiert. Mit seinem dreieckigen Dach stach das Gebäude aus der Skyline Manhattans hervor. Und direkt darunter hatte LeMessurier eine in New York einzigartige technische Raffinesse eingebaut: einen vollautomatischen "Schwingungstilger" - einen knapp 400-Tonnen-Betonblock, der auf einem Ölfilm lag und von hydraulischen Armen so bewegt wurde, dass er das Schwanken des Hochhauses minimierte.

"Es stand fifty-fifty, dass das Haus durchbrechen würde"

Das Highlight lag jedoch am Fuß des Gebäudes. Bei der Planung hatte es ein Problem mit der St. Peter's Church gegeben, der die nordwestliche Ecke des geplanten Baugrundstücks gehörte. Die Kirche war zwar nicht bereit gewesen, das Land zu verkaufen - aber den Luftraum über der Kirche. LeMessurier kam gemeinsam mit dem Architekten Hugh Stubbins die aberwitzige Idee, den 59 Stockwerke hohen Betongiganten auf Stelzen zu bauen. Und tatsächlich gelang das scheinbar Unmögliche: Sie ließen den Wolkenkratzer über der Kirche schweben - auf vier 35 Meter hohen Stelzen, die nicht in den Ecken, sondern in der Mitte der Wände angebracht waren - in einer Ecke stand schließlich St. Peter's.

Im Juni 1978 bekam LeMessurier einen Anruf von einem Ingenieursstudenten aus New Jersey. Der junge Mann hatte eine Hausarbeit zum Citicorp Center aufgetragen bekommen. "Sein Professor hatte ihm gesagt, die Säulen müssten in den Ecken sein", erinnerte sich LeMessurier 1996 in der BBC-Doku "Fatal Flaw". Er erklärte ihm, die Konstruktion sei kein statischer Nachteil - der Stelzenaufbau und in V-Form eingearbeitete Stützstreben würden den Wolkenkratzer sogar unempfindlicher gegen schräg auf die Ecken treffende Winde machen als herkömmliche Häuser.

LeMessurier beschloss, diese Winde zum Thema einer Vorlesung zu machen. Er rechnete erneut seine Zahlen durch - und stellte überrascht fest, dass er sich tatsächlich geirrt hatte: Bei schrägem Wind sank die Belastung auf die Stahlträger nicht, sondern erhöhte sich um 40 Prozent. LeMessurier dämmerte die Erinnerung an ein Meeting einige Wochen zuvor, bei dem er erfahren hatte, dass die Verbindungen der Stützen nicht wie von ihm verlangt verschweißt, sondern mit billigeren Bolzen verbunden worden waren. Er passte die Berechnungen entsprechend an und stellte fest: Jeder Bolzen wurde bei Schrägwind um zusätzliche 160 Prozent belastet. "Ich war schockiert", erinnerte sich der Ingenieur. "Die Chancen standen fifty-fifty, dass das Gebäude bei einem Sturm, wie er etwa alle 16 Jahre auftritt, in der Mitte durchbrechen würde."

LeMessurier war am Boden zerstört: Dieser Fehler bedeutete das Ende seiner Karriere und den sicheren finanziellen Ruin. Er dachte darüber nach, es einfach niemandem zu erzählen. Er erwog Selbstmord. Dann, so erinnerte sich LeMessurier am 29. Mai 1995 im "New Yorker", wurde ihm klar: "Ich hatte die Macht, außergewöhnliche Ereignisse zu beeinflussen." Er konnte die Leben Tausender retten. Er rief Citicorp an.

"Es besteht keine Gefahr"

Als LeMessurier und Stubbins am 2. August vor dem Vorstandsvorsitzenden Walter Wriston - dem einflussreichsten Bankier der Welt - standen, wären sie wohl lieber im Erdboden versunken, als ihm zu erklären, dass sein 175-Millionen-Dollar-Gebäude wegen eines Konstruktionsfehlers im Begriff war, umzukippen. Doch Wriston reagierte überraschend gelassen: Er sicherte ihnen seine Unterstützung zu, das Problem geradezubiegen, kritzelte Notizen auf einen Block und erklärte: "Ich schätze, meine Aufgabe hierbei ist die PR. Ich mache mal eine Presseerklärung."

Der Bankenchef nahm seine Aufgabe äußerst ernst - allerdings verstand er unter "PR" nicht die Aufklärung, sondern die Beschwichtigung der Presse, wie deutlich wurde, als seine Erklärung sechs Tage später erschien: Namentlich nicht genannte Ingenieure hätten empfohlen, das Stützsystem des Hauses durch Schweißarbeiten weiter zu "verstärken", dabei aber zugleich versichert: "Es besteht keine Gefahr."

Völlig geheim halten ließ sich die Krise dennoch nicht: Wriston musste New Yorks Katastrophenschutzbehörde und das Rote Kreuz einweihen - doch auch die stimmten überein, zu schweigen, damit es nicht zu einer Massenpanik käme. Das Rote Kreuz startete eine statistische Erhebung der Aktivitäten in den umliegenden Häuserblöcken. Die Interviewer glaubten, eine Marktforschungsumfrage durchzuführen. Tatsächlich erfassten sie die Zahl der möglichen Toten.

Das Gebäude begann zu glühen

Währenddessen machte sich LeMessurier daran, seinen Fehler zu beheben: Stahlplatten mussten an 200 Bolzenverbindungen geschweißt werden, um die überlasteten Stützen zu verstärken - und das, ohne den Argwohn der Büroangestellten zu wecken. Und so erschienen jeden Nachmittag um 17 Uhr Schreiner, um Holzverschläge um die Träger zu errichten. Um 20 Uhr, wenn die Büros leer waren, rückten Schweißertrupps an, die die Wandverkleidungen aufrissen und die Stahlplatten anschweißten - bis sie um 4 Uhr morgens von Aufräumkommandos abgelöst wurden. Diese sorgten dafür, dass beim Eintreffen der Büroarbeiter wieder alles so aussah, als wäre nichts geschehen.

Aber so sehr sie sich bemühten: Völlig unbemerkt waren die Bauarbeiten nicht zu bewerkstelligen. Im "New Yorker" erinnerte sich LeMessurier, wie er eines Nachts mit seiner Frau im Landeanflug auf New York den Citicorp-Turm sah - und bemerkte, wie zahllose Schweißfeuer darin in Form der V-förmigen Trägerkonstruktion die Fassade zum Funkeln und Glühen brachten: "Ich sagte: 'Ist das nicht wunderbar? Niemand weiß, was da drinnen vor sich geht, aber wir können sehen, wie es den Himmel erhellt.'"

Natürlich fiel dieses Spektakel auch anderen auf, die es weniger wunderbar fanden. Allmählich begann die Presse, Verdacht zu schöpfen. An einem Tag Ende August kam LeMessurier nach Hause und erfuhr, dass ein Reporter der "New York Times" angerufen hatte und ihn interviewen wollte. Er sah ein, dass er sich nicht mehr aus der Affäre ziehen konnte: "Ich mixte mir einen Martini und rief ihn um 6 Uhr an. Ein Tonband sagte: 'Die Times ist seit sechs Uhr im Streik und bis auf weiteres geschlossen.'" Und es kam noch besser: Alle anderen großen Zeitungen New Yorks waren ebenfalls im Streik - und sollten es noch bis Oktober bleiben.

Das Schweigen danach

Langsam arbeiteten sich die Schweißertrupps vor, mit der Angst vor den Wirbelstürmen im Nacken, die in der Hurrikan-Saison von Juni bis November auf die USA prallen. Zu langsam, so schien es jedenfalls der Notfallplanungsgruppe, jener düsteren Runde, die am 1. September 1978 nach der Warnung vor Wirbelsturm "Ella" in einem New Yorker Büro saß. "Wir schwitzten Blut und Wasser", sagte LeMessurier. Ihre Gedanken kreisten darum, die Bevölkerung zu alarmieren. Mit allen Konsequenzen: Massenpanik, die Evakuierung Dutzender Häuserblöcke, Kosten in Millionenhöhe. Und die Bloßstellung, dass sie die Gefährdung Tausender Menschenleben einen Monat lang vertuscht hatten.

Dann kam die Radiomeldung, die sich LeMessurier einbrennen sollte wie keine andere: "Der Sturm hat abgedreht und zieht auf das Meer hinaus."

Sie waren davongekommen. Nur zwölf Tage später beendete die Notfallgruppe von Citicorp ihre Wetterbeobachtung und empfahl, die Evakuierungspläne aufzugeben. Im Oktober wurden die Schweißarbeiten erfolgreich beendet. Der Turm ist seither so stabil, dass höchstens ein Sturm, wie er nur alle 700 Jahre einmal auftritt, eine Chance hätte, ihn zu kippen. Die Behörden und die Citigroup schwiegen sich, bis ein Reporter des "New Yorker" die Geschichte schließlich 1995 publik machte, über die Beinahe-Katastrophe aus. Schließlich, so schien ihre Moral zu lauten, war ja gar nichts passiert.

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Hans-Heinrich Borgwardt, 17.08.2011
1.
Dann ist ja nur noch offen, wann in den nächsten 700 Jahren der ganz grosse Sturm kommt......erinnert mich irgendwie an das "Restrisiko" bei Kernkraftwerken, das man auch vernachlässigen kann.....
Björn Schön, 17.08.2011
2.
So ist aber nun mal der Stand der Technik. Es wird überall mit gewissen Sicherheiten und Annahmen gerechnet. Jedes Haus, jedes Auto, jede Brücke etc. Ein Restrisiko bleibt immer. z.B. werden Dächer in Deutschland je nach Region anders bemessen. (Schneelasten) Wenn nun in einer Region, in der normalerweise nicht mit großn Schneemengen zu rechnen ist, unerwartet ein Jahrhundertwinter eintritt, kann es sein dass ein Dach einbricht. Genau so werden Kanalisationen für ein bestimmtes Wetterereignis bemessen, welches statistisch alle X Jahre eintritt. Es kann aber auch ein heftigeres Unwetter kommen, oder das Ereignis tritt plötzlich öfter auf als statistisch angenommen. Schon hat man Überflutete Straßen und sich hebende Gullideckel. Genau so werden Häuser mit bestimmten Lastfällen, und Kombinationen daraus bemessen. (Schnee, Wind, Einrichtung, Menschen, Eigengewichte etc.). Dazu werden noch Sicherheitsfaktoren hinzugerechnet. Verformungen sind dabei in gewissen Grenzen eingeplant. Treten nun viele Ereignisse unerwartet gemeinsam auf, kann es sein dass ein System versagt. Wenn man alles zu 100% sicher machen will, könnte man kein Gebäude wirtschaftlich bauen. Der Materialaufwand wäre viel zu groß.
Franz Richter, 17.08.2011
3.
>Dann ist ja nur noch offen, wann in den nächsten 700 Jahren der ganz grosse Sturm kommt......erinnert mich irgendwie an das "Restrisiko" bei Kernkraftwerken, das man auch vernachlässigen kann..... Mit dem Klimawandel ( an den die Amerikaner allerdings nicht glauben ) dürfte sich das Risiko dramatisch erhöhen, so dass man in jedem Jahrhundert mit 20-30 %-iger Wahrscheinlichkeit mit dem Domino-Effekt rechnen kann. Oder man baut das Monster wieder ab. Alternativ könnte man auch die Kirche abreißen - das hätte einen starken Symbolwert - und baut nachträglich ein neues Fundament.
Horst Schumm, 17.08.2011
4.
Das klingt ja fast so phantastisch wie die Story vom 9/11. Der Geheimdienst erfährt von ausländischen Handwerkern Al Quaidas, dass man Fluggeräte ins WTC steuern will. Also wird schnell eine 6-Mrd-$-Versicherung abgeschlossen, die Bolzen entsichert und die Fugzeuge präzionsgesteuert ins Ziel geführt. (Pearl Habour als Beispiel). 3000 Tote einkalkuiert und das Argument für den "Krieg gegen den Terror" steht.
Lutz Brückelmann, 17.08.2011
5.
Beeindruckend ist die kriminelle Frechheit, mit der die Konstrukteure, Bauherr und sogar der öffentliche Katastrophenschutz das Risiko geheim gehalten haben. Und dazu noch seine schnellstmögliche Beseitigung vezögert haben durch die Entscheidung, die Baumassnahmen heimlich vorzunehmen! Aber das sieht der Autor, der so viel Mitgefühl für den armen Konstrukteur und Bewunderung für den coolen Banker übrig hat, wohl nicht so.
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