Beinahe-Katastrophen Dramen über den Wolken

Beinahe-Katastrophen: Dramen über den Wolken Fotos
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Aufgerissene Kabinen, abgefallene Triebwerke, herausgeflogene Cockpitscheiben: Der Qantas-Jumbo mit dem Loch im Rumpf ist kein Einzelfall - die Luftfahrtgeschichte ist voll von haarsträubenden Beinahe-Unglücken. einestages zeigt die spektakulärsten Fälle. Von

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Guck mal, da ist ein Loch in unserem Flieger! Was jetzt die Passagiere von Qantas-Flug QF 30 erlebten, ist der größte Alptraum jedes Fluggastes - ein Knall, und in ein paar tausend Metern Höhe fliegt das Blech weg. Das innere Gruseln, das den durchschnittlichen Flugpassagier beim Abheben immer noch ergreift, bringen auch Statistiken über drastisch fallende Unfallzahlen in der Passagierfliegerei kaum zum Schweigen. Zu oft müssen die Medien weggewehte Verkleidungsteile, herausgerissene Frachtluken oder gleich abgefallene Triebwerke vermelden.

Erst vor einer guten Woche hätte es fast Bundeskanzlerin Angela Merkel erwischt: Auf dem Flughafen von Algier riss eine all zu heftig an den Regierungsairbus angedockte Gangway ein dreißig Zentimeter großes Loch in die Außenhaut der Kanzlermaschine "Theodor Heuss" - ausgerechnet an Merkels Geburtstag Die Kanzlerin und ihre Entourage mussten in einem gecharterten Jet der Air Algérie nach Berlin zurückfliegen.

Immerhin war das Malheur in diesem Fall rechtzeitig entdeckt worden - anders als bei einer Boeing der Air Alaska im Dezember 2005. Die war auf dem Rollfeld des Flughafens in Seattle von einem Gepäckwagen gestreift worden. Was dessen Fahrer für eine glimpflich abgegangenen Bagatellunfall hielt, entpuppte sich nach dem Start als lebensgefährlich - die Schramme in der Alu-Außenhaut verwandelte sich in 7800 Metern Höhe in ein Dreißig-Zentimeter-Loch. "In meinen Ohren knackte es. Dann, wusch, war der Druck im Flugzeug weg. Sauerstoffmasken fielen von der Decke", berichtete ein Passagiere nach der Beinahe-Katastrophe. Im steilen Sinkflug brachten die Piloten die Maschine zurück nach Seattle, wo sie notlandete. Keiner der 140 Passagiere erlitt Verletzungen.

Löcherstopfen mit der Teekanne

Bei kleineren Malheurs über den Wolken können sich kaltblütige Crews auch schon mal selbst behelfen - wie im Fall eines britischen Militärflugzeugs. Dessen Besatzung bewies angesichts eines Lochs im Rumpf ihrer Nimrod MR2 auch in 8000 Fuß Höhe kühlen Kopf und britischen Humor: Die durch eine defekte Luke entstandene, unvorschriftsmäßige Öffnung wurde kurzentschlossen mit einer an Bord befindlichen Teekanne verrammelt.

Improvisieren wird schwieriger, wenn gleich die Tür oder ein Triebwerk abfällt - so geschehen am 8. August 2006, als eine Fokker F 100 der brasilianischen Airline TAM kurz nach dem Start in São Paulo eine Tür verlor. Eine Flugbegleiterin konnte sich nur knapp retten, am Ende kamen alle Insassen mit dem Schrecken davon; auch die fehlerhafte Tür fiel auf ein Wohngebiet und verletze niemanden. Ein knappes Jahr später brachen bei einer Boing 737 der südafrikanischen Billig-Airline Nationwide unmittelbar nach dem Start in Kapstadt die Edelstahlbolzen der rechten Triebwerksaufhängung, die tonnenschwere Düse purzelte in die Tiefe. Nur durch sofortiges Ablassen des Treibstoffs und die so erreichte Gewichtsersparnis konnte der Pilot den Jet auch noch mit einem Triebwerk in der Luft halten und eine Notlandung hinlegen. Alle 106 Passagiere überstanden das Drama unbeschadet.

Spektakulär war ein Zwischenfall, der 1990 eine BAC 1-11 der British Airways traf. Auf Reiseflughöhe löste sich plötzlich ein fehlerhaft installiertes Cockpitfenster. Flugkapitän Tim Lancaster wurde augenblicklich aus dem Cockpit gesaugt, blieb jedoch mit seinen Knien in der Steuersäule hängen. Andere Crewmitglieder konnten den außenbords hängenden Piloten gerade noch an den Waden fassen, während die Maschine in den Sturzflug überging. Weil die eine Steuersäule durch Lancaster und die ihn umklammernden Kollegen blockiert war, die andere durch Trümmerteile aus der Kabine, konnte Co-Pilot Alistair Atcheson das Flugzeug nicht abfangen. Als es ihm schließlich doch gelang und Lancaster zurück ins Cockpit gezogen werden konnte, hatte dieser zwanzig Minuten bei einer Geschwindigkeit von 650 Stundenkilometern und Temperaturen weit unterhalb des Gefrierpunkts aus dem Cockpit gehangen. Doch Lancaster lebte; er trug lediglich Blutergüsse und Abschürfungen davon. Auch die Maschine konnte sicher gelandet werden.

An das Cockpitfenster geklammert

Der wohl bis heute dramatischste Fall dieser Art traf am 28. April 1988 Aloha-Airlines-Flug 243 auf dem Weg von der Hilo nach Honolulu, Hawaii. Ein kleines, durch Materialermüdung verursachtes Loch in der Kabinendecke der Boing 727 führte in einer Reiseflughöhe von 7300 Meter zum Druckverlust in der Kabine. Die plötzliche Dekompression vergrößerte das Loch zu einem Riss. Dann wurde mitten im Flug die komplette Kabinendecke vom Cockpit bis zum Tragflächenansatz auf einer Länge von sechs bis acht Meter im Flug fortgerissen - die Passagiere im vorderen Bereich saßen plötzlich im tosenden Fahrtwind wie in einem fliegenden Cabrio.

Eine Flugbegleiterin, die zum Zeitpunkt des Unglücks in der fünften Reihe Drinks servierte, wurde aus der Kabine gerissen. Alle anderen Crewmitglieder und die 90 Passagiere überlebten wie durch ein Wunder, wenn auch teils schwer verletzt. Denn Flugkapitän Robert Schornsteimer gelang es tatsächlich, die Maschine zehn Minuten nach der Beinahe-Katastrophe auf dem Flugfeld von Kahului zu landen. Bis heute gab es nie wieder einen Vorfall, bei dem ein Flugzeug mit einem annähernd vergleichbaren Verlust von Rumpfmaterial noch sicher zur Erde zurückgebracht werden konnte.

Den bis dahin spektakulärsten Luftzwischenfall durch ein auseinanderfallendes Flugzeug hatte am 12. Juni 1972 eine Frachtluke verursacht, die aus einer DC-10 fiel. Durch den schlagartigen Druckabfall sackte der Boden der Passagierkabine in der Maschine der American Airlines ein. Dabei wurden die Hydraulikleitungen beschädigt und der Seilzug für das Seitenruder eingeklemmt - von einer Sekunde auf die andere war die Maschine praktisch nicht mehr steuerbar. Dennoch gelang es den Piloten, durch gezieltes Beschleunigen und Drosseln der Triebwerke die Maschine zu stabilisieren und ohne den Verlust eines einzigen Menschenlebens zu landen - eine fliegerische Meisterleistung.

Fliegerisches Können allerdings nützt wenig, wenn es sich bei dem durchlöcherten Fluggerät um ein Weltraumvehikel handelt. Als Ende 2003 die Internationale Weltraumstation ISS leckschlug, war eine Notlandung für die Besatzung keine echte Alternative. Einige Tage nachdem ein metallisches Geräusch, ähnlich dem Zerquetschen einer Getränkedose, die Astronauten im amerikanischen ISS-Modul "Destiny" aufgeschreckt hatte, wurde ein Druckverlust festgestellt. Nach zwei Wochen Suche entdeckte die Crew das Loch, aus dem der lebenswichtige Druck aus dem milliardenteuren Raumstation entwich: ein undichter Schlauch zur Ableitung von Kondenswasser.


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1.
Ralf Bülow 26.07.2008
Ja, ja, runter kommen sie immer. Einen eigenen Artikel wäre die Paninternational-Bruchlandung vom 6.9.1971 wert, als ein Jet der Gesellschaft nach beidseitigem Triebwerksausfall auf einer Autobahn bei Hamburg aufsetzte. Die war zum Glück noch im Bau, also autofrei, es gab aber über 20 Tote. In die Sache war damals auch der SPD-MdB Karl Wienand verwickelt.
2.
Henning Fulda 26.07.2008
In Ihrem Text schreiben sie zu dem Unfall mit der Aloha Maschine:"Ein kleines, durch Materialermüdung verursachtes Loch in der Kabinendecke der Boing 727 führte in einer Reiseflughöhe von 7300 Meter zum Druckverlust in der Kabine.". Bei dieser Maschine handelte es sich aber eindeutig um eine Boeing 737-200. Die Maschinen vom Typ Boeing 727 sind dreistrahlig. Wie man jedoch auf dem Foto sehr gut erkennen kann verfügt das Flugzeug über nur zwei Triebwerke Ausserdem schreiben Sie zu dem Unfall in Südafrika:"Nur durch sofortiges Ablassen des Treibstoffs und die so erreichte Gewichtsersparnis konnte der Pilot den Jet auch noch mit einem Triebwerk in der Luft halten und eine Notlandung hinlegen". Da es sich bei diesem Flugzeug auch um eine 737-200 handelte und diese konstruktionsbedingt über keine Treibstoffablass- Vorrichtung verfügen ist diese Aussage falsch. Die einzige Möglichkeit für Kurz- und Mittelstreckenjets wie den Airbus A320 oder die Boeing 737 zum Treibstoffverbrauch besteht im Kreisen bis zum Erreichen des Maximalen Landegewichtes. Die einzige Möglichkeit in diesem Fall, wäre über die abgerissenen Treibstoffleitungen Kerosin abzulassen. Das ist allerdings sehr riskant, da es zu einer unkontrollierten Entzündung kommen kann.
3.
Matthias Krage 17.11.2008
Zweifellos ist der Spiegel zu recht für die hohe journalistische Qualität berühmt. Aber lasst doch Flugzeugthemen einfach weg - die sind nicht Eure Stärke. Der Aloha Flieger war eine Boing 737 - und die kann gar keinen Treibstoff ablassen. Nicht über Hawaii und auch nicht über Südafrika.... Dafür kann man das Flugzeug allerdings problemlos mit einem Triebwerk in der Luft halten. Sogar mit vollen Tanks.
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