Benny Goodman in der New Yorker Carnegie Hall "Was zum Teufel sollen wir da?"

Vor 80 Jahren katapultierte ein Konzert den Jazz aus Bars und Kaschemmen in einen Tempel der Hochkultur. Als Gäste hatte der King of Swing Benny Goodman zu seiner weißen Band schwarze Musiker eingeladen.


Die Handvoll Leute mit Transparenten vor dem Konzerthaus wurde kaum beachtet. Sie demonstrierte gegen das politische Bekenntnis des Stars des Abends; Benny Goodman hatte auf einem Benefizkonzert für die republikanische Seite im spanischen Bürgerkrieg gespielt. So what!

"Aufregung und eine fast elektrische Spannung", wie die "New York Times" schrieb, herrschten vor der Carnegie Hall wegen der angekündigten Musik. Ein Reporter des Jazzmagazins "Down Beat" beobachtete hinter den Kulissen, wie der 29-jährige Bandleader Goodman "bleich wie ein Greis, seine Musiker ermahnte, zusammen rauszugehen". Während seine Kollegen nervös ihre Plätze einnahmen, linste der Trompeter Harry James durch den Vorhang in den Saal und murmelte: "Ich komm' mir vor wie eine Hure in der Kirche."

James' Ausspruch bringt auf den Punkt, worum es am kalten Wintersonntag des 16. Januar 1938 in New York ging: Musiker, deren Wirkungsfeld praktisch nur Bars und Ballsäle, Kaschemmen und Variete-Theater waren, sollten auftreten, wo Weltstars der Klassik wie der Tenor Enrico Caruso und der Geiger Jascha Heifetz ihre Konzerte gaben. Jazz in der Carnegie Hall? Das 1891 eröffnete Konzerthaus im italienischen Renaissancestil war Amerikas Tempel der Hochkultur.

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Benny Goodman: Jazz im Tempel der Hochkultur

Die Idee, Jazz dorthin zu bringen, hatten Helen Oakley und John Hammond. Die beiden kamen aus stinkreichen Unternehmerfamilien, waren aber politisch progressiv und sendungsbewusste Jazzfans. Zusammen mit dem Musikkritiker Irving Kolodin sprachen sie Benny Goodman an. Der Sohn jüdischer Emigranten spielte auf der Klarinette Mozart-Konzerte; populär aber war er als "King of Swing"; er leitete damals Amerikas bekannteste Bigband.

"Was zum Teufel sollen wir da?" soll Goodman gesagt haben, als das Angebot zum Konzert in der Carnegie Hall kam. Swing galt damals als Tanzmusik und Goodman zweifelte, ob genug Leute kommen würden, um sich seine Band anzuhören. Er schlug den Veranstaltern vor, eine britische Komikerin ins Programm zu nehmen. Zur Erleichterung von Hammond und Oakley sagte sie ab.

Goodmans Sorgen erwiesen sich als unbegründet. Schon Wochen vor dem Termin war die Carnegie Hall ausverkauft. Goodman selbst musste sich Karten auf dem Schwarzmarkt besorgen, als Familienmitglieder kurzfristig beschlossen, aus Chicago anzureisen. Für 100 Besucher, die keinen Platz mehr gefunden hatten, wurden Stühle auf die Bühne gestellt. Aber wie würden die Leute reagieren?

Weiße und schwarze Tasten

Wie die sonst auftretenden Klassikstars wurde der schlanke, gut aussehende Goodman freundlich empfangen, als er mit der Klarinette in der Hand die Bühne betrat. Doch seine berühmte Band spielte das erste Stück "Don't Be That Way" ungewöhnlich verhalten. Offenbar schüchterte die fremde Umgebung die Musiker eine. Dann feuerte der Schlagzeuger Gene Krupa seine Kollegen mit einem donnernden Solo an, und der Funke sprang über. Der "New York Times"-Kritiker Olin Downes sah staunend, wie seine neben ihm sitzende Teenagertochter zu zappeln begann und jubelnd aufsprang. Auch immer mehr ältere Besucher klatschten und pfiffen nach den Soli der sich steigernden Musiker. Beim Abschlussstück "Sing, Sing, Sing" kochte der Saal.

"Wir spielten für Bix (den mit 28 Jahren krank und arm verstorbenen Trompeter Bix Beiderbecke)" schrieb Goodman später, "wir spielten für die Jungs auf den Dampfern, in den Spelunken und in den Kneipen."

Ein rauschender Erfolg wurde das Zweieinhalb-Stunden-Konzert auch wegen Goodmans Programmgestaltung. Zu seiner Band aus weißen Musikern hatte er schwarze Kollegen als Gäste eingeladen. Der King of Swing wollte dem Publikum auch eine musikalische Jazzgeschichte bieten. So spielten bei Kompositionen von Duke Ellington Musiker aus dessen Band (Johnny Hodges, Cootie Williams und Harry Carney) die Soli. Bei Stücken von Count Basie setzte der sich ans Klavier und seine Stars Lester Young, Freddie Green und Walter Page stiegen ein. Zwischen den Bigband-Nummern musizierte Goodman mit seinem Quartett aus weißen (Goodman, Krupa) und schwarzen Musikern (dem Pianisten Teddy Wilson und dem Vibraphonisten Lionel Hampton).

"Benny Goodman sagte, wir brauchen die weißen und die schwarzen Tasten, um gute Harmonien zu erzeugen", erinnerte sich Lionel Hampton, "er verdient größte Anerkennung." Tatsächlich war das Carnegie-Hall-Konzert über die Musik hinaus ein Meilenstein. 1938 galt im Musikbusiness noch die Rassentrennung. Bei einem Abend im gleichen Konzerthaus zehn Jahre früher zu Ehren des Blues-Komponisten W.C. Handy waren nur schwarze Musiker aufgetreten. "Benny Goodmans Konzert vom 16. Januar 1938 ist das wichtigste der Jazzgeschichte", urteilt der Musikkritiker Phil Schaap, "es öffnete die Konzerthallen für den Jazz."

Noch zweimal wiederholt

Freilich sind Auftritte in Konzerthallen für US-Jazzmusiker immer noch die Ausnahme. Ihr tägliches Brot verdienen sie mit Gigs in engen Klubs oder in Restaurants zum Tellergeklirr speisender Gäste. Ihre Musik blieb gerade in Amerika für die überwiegende Mehrheit triviale Unterhaltung. Als Kunstform wurde Jazz eher von Europäern wahrgenommen. So schrieb der Schweizer Dirigent Ernest Ansermet die erste Würdigung des Jazz. Die deutschen Emigranten Alfred Lion und Francis Wolff gründeten "Blue Note", das wichtigste Label der Jazzgeschichte. Noch 1976, auf der Washingtoner Konferenz zum 200-jährigen Bestehen der USA, bestritten US-Wissenschaftler vehement die von Europäern und Asiaten unterstützte These des Deutschen Joachim-Ernst Berendt, Jazz sei "Amerikas wichtigster Beitrag zur Weltkultur".

Das Carnegie-Hall-Konzert brachte Benny Goodman keinen direkten finanziellen Gewinn. Die Gagen für die Gaststars und Proben für den großen Auftritt schluckten die Gewinne. Doch wegen seines Erfolges wurde das Konzert zweimal wiederholt. Goodman erhielt Angebote für Auftritte mit seinem Orchester in Hollywoodfilmen. Die Aufzeichnung des Konzerts auf zwei Schallplatten gehörte zu den ersten LPs, die sich über eine Million Mal verkauften. Nach Goodmans Carnegie-Hall-Premiere konnte Mitveranstalter John Hammond für 1938/39 die Konzertreihe "From Spirituals To Swing" in der prestigeträchtigen Konzerthalle unterbringen.

Zum 80. Jahrestag im Januar wiederholte die Bigband des New Yorker Lincoln Center das historische Konzert. Die Goodman-Soli in den Arrangements spielte dabei die Klarinettistin Anat Cohen. "This music is alive", sagte die aus Israel stammende 38-Jährige. Dass sich diese Musik weiter entwickelt, beweist eine Frau als führende Instrumentalistin.

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Christoph Riecker, 16.03.2018
1.
Es gab mal eine schöne Verfilmung der Benny Goodman story ebenso wie eine Verfilmung über Glen Miller. Ich würde sie gerne mal wieder im TV sehen wollen.
Thorsten Munder, 16.03.2018
2. Der Beginn von allem
Schätzungsweise war das der Beginn der Pop Kultur überhaupt , denn in der Carnegie-Hall traten bis dahin nur " Ernste " Musiker mit Ihrer Musik auf also Klassik und so , danach war der Weg frei für Musiker wie Elvis Presley oder ganz im Allgemeinen Jazz , POP und Rock Musik , bis Deep Purple als eine der ersten Bands überhaupt Rock und Klassik Miteinander vermischten . Oder bis Pink Floyd die in Ihren Glanzzeiten mit 30 Trucks unterwegs waren , oder Frank Zappa live at Carnegie-Hall .
Marcus Bauer, 16.03.2018
3. Unvergesslich! Mein erstes Swing-Album auf Cassette!
Habe mir mit 18 eine (Mono-)Cassette gezogen vom Vinyl-Doppelalbum meines Vaters. War die einzige Musik, die mich auf den nächtlichen Fahrten auf der Route Napoléon wachgehalten hat, damals, mit dem R4 und drei Brettern auf dem Dach nach Hyères zum Windsurfen... Gefällt heutzutage sogar meinen Kindern! Ganz wichtiges Album....
Ulrich Vogelsang, 16.03.2018
4. Dass Papa Bach mit seiner genialen Harmonie- wie Kontrapunktlehre ...
die entscheidenden Grundlagen gleichermassen für die klassische Musik wie für den Jazz geschaffen hat, soll hier mit Dank an ihn erwähnt werden. Ohne sein Regelwerk wären im Jazz die ausdruckstarken Soli der Musiker nicht möglich. Und zur Erinnerung an Sachkundige: die Reihenfolge Tonika-Subdominante-Tonika-Dominante-Tonika ist in der Musikwelt kein Zufall.
Hans-Peter Wannewitz, 16.03.2018
5. jazz oder nie
Es war also doch nicht der erste Jazz im Tempel der Hochkultur, weil "zehn Jahre vorher" dort schon schwarzer Blues zelebriert wurde. Der Beitrag scheint mir etwas zu euphorisch geschrieben, zumal die wirklich großen Bigbands Farbige leiteten (Ellington, Basie). Die berühmten "Spirituals of Swing" presste übrigens die AMIGA der DDR auf eine wunderbare Doppel-LP. Alles Originalaufnahmen, erschienen Anfang der Siebziger glaube ich.
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