Bergringrennen Teterow Sodom und Motorrad

Bergringrennen Teterow: Sodom und Motorrad Fotos
Siegfried Wittenburg

Staatsfeinde in Feierlaune: Immer zu Pfingsten leisteten Zigtausende Jugendliche Widerstand gegen die DDR-Obrigkeit. Sie verwandelten das Motocross-Bergringrennen in Teterow in eine einzige, große Party. Der Fotograf Siegfried Wittenburg dokumentierte in den Achtzigern die abgefahrene Ost-Orgie. Von

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"Um Gottes Willen, geh dort bloß nicht hin!", warnten Eltern in der DDR, wenn das Pfingstfest nahte und das Bergringrennen in Teterow in der Mecklenburgischen Schweiz rief. Nicht das FDJ-Hemd und das Abzeichen für gutes Wissen wurden dort getragen, sondern Jeans, Parkas und lange Haare.

Zwischen 1950 und 1990 kamen fast jedes Jahr 40.000 bis über 50.000 Zuschauer zu diesem Frühlingsereignis und versetzten das idyllische Städtchen Teterow mit seinen 10.000 Einwohnern in einen Ausnahmezustand. Die Bäcker backten mehr Brot, die Fleischer produzierten mehr Wurst, die Kaufhallen orderten mehr Getränke, und die Polizei forderte Verstärkung an.

Und die Befürchtungen der Eltern waren durchaus berechtigt. Die Jugendlichen, die sich dort versammelten, waren mit Ordnungsgruppen der FDJ nicht zu kontrollieren, so dass die Staatssicherheit in Zusammenarbeit mit der Volks-, Transport- und Bereitschaftspolizei das Sportereignis unter strategisch durchorganisierte Beobachtung stellte. Ansonsten fand der Sport in der DDR im staatlichen Einvernehmen statt, ja, waren sogar ein Aushängeschild der DDR. Doch das Bergringrennen in Teterow war ab den siebziger Jahren das Gegenteil von Imagepflege für die SED.

Langhaarige als Staatsfeind Nummer zwei

In den Jahren 1982 und 1983 habe ich dort fotografiert. Nicht das Renngeschehen interessierte mich, sondern das urbane Leben. Als ich einige der ersten Aufnahmen veröffentlichte, bekam ich sofort Schwierigkeiten mit den zuständigen Staatsorganen. "Nein, das ist nicht unsere Jugend. So kann man sie nicht darstellen." Diskussionen waren zwecklos.

Dabei ließen sich die jungen Leute bereitwillig verewigen, stellten sich in Pose, mit Flasche oder ohne. Aber sie entsprachen damit eben so gar nicht dem sozialistischen Idealbild. Sie brachen aus dem Alltag aus, um allen zu zeigen, dass sie selbstbestimmt leben und keine "allseitig gebildeten sozialistischen Persönlichkeiten" sein wollten. Den Staat machten sie sich so nicht zum Freund. Die reichlich zitierten Berichte von Volkspolizei und Staatssicherheit lassen keinen Zweifel daran, dass die "Tramper und Gammler" der Staatsfeind Nummer zwei waren, gleich nach den westlichen Agenten und Saboteuren.

Die größte Natur-Grasbahn für den Motorsport, wurde bereits in den zwanziger Jahren in den Heidbergen angelegt. Nach 20 Rennen wurden 1939 der Motorsportclub und somit die Rennen von den Nationalsozialisten verboten. Im Zweiten Weltkrieg diente die Rennbahn als Kartoffelacker. 1949 begann der Wiederaufbau, und das Bergringrennen wurde auch mit staatlicher Hilfe zu einer internationalen Prestigeveranstaltung im Motorsport ausgebaut.

Nur wer sich zusammenreißen konnte, durfte passieren

Unter großer Medienaufmerksamkeit gingen Fahrer aus 20 Nationen an den Start. Das Rennen strahlte auch nach dem Mauerbau internationales Flair aus. Neben Fahrern aus der DDR siegten auch Rennsportler aus Hamburg, Großbritannien und Australien. 1972 beschloss die SED, dass keine Teilnehmer aus dem westlichen Ausland mehr beim Rennen starten durften. Es war auch das einzige Jahr nach dem 2. Weltkrieg, in dem zu DDR-Zeiten kein Rennen stattfand. Wegen Regens.

Doch der Bergring zog in den Jahren darauf weiterhin Motorsportfreunde und junge Menschen an. Während die einen mit dem Rennen fieberten, galt für andere nur das Motto: "Wer sich erinnert, war nicht dabei." Am Freitagabend vor Pfingsten setzten sich die Leute aus dem ganzen Norden der DDR in Bewegung. Zelte, Decken sowie Kisten mit fester und flüssiger Verpflegung wurden in den Kofferräumen der Skodas, Wartburgs und Trabis verstaut. Unter Höchstbelastung fuhren sie in Richtung Teterow. Die Regionalbahnen waren proppenvoll, die Reisenden hatten Rucksäcke und Luftmatratzen bei sich, und die Stimmung wurde ausgelassener, je näher der Zielort kam.

Am Bahnhof wurden Ausweiskontrollen durchgeführt, um staatliche Präsenz zu zeigen. Die Bereitschaftspolizei schickte allzu wild aussehende Leute postwendend wieder gen Heimat oder nahm sie in Gewahrsam. Wer sich auf dem Bahnhof zusammenreißen konnte, durfte passieren. Wer ahnte, die Kontrolle nicht überstehen zu können, sprang schon vorher aus dem Bummelzug.

Lagerfeuer verboten!

Die nächste Welle reiste mit dem Motorrad an. Auch hier stellte sich die Polizei in den Weg und machte auf ihre Weise deutlich, wer die Macht hatte. Für die Camper waren Plätze ausgewiesen mit provisorischen Toiletten, Wasser aus einem Tankwagen und Schildern wie: "Lagerfeuer verboten!"

Auch die Kirche in Teterow öffnete ihre Türen, und die jungen Leute strömten hinein, in Fleischerhemden, selbstgefertigter, mit Nieten besetzter Lederkleidung oder einfach nur mit Jeans und T-Shirt. Staatliche Symbole waren nirgends zu sehen. Vielleicht berichtete aus diesem Grund ein Volkspolizist über mein Tun an die Stasi: "W. wurde beobachtet, als er feindlich-negative Jugendliche fotografierte."

Am Pfingstmontag trafen die jungen Leute wieder zu Hause ein: übermüdet, verschmutzt und glücklich. Die normalsten Jugendlichen der Welt. Und seit 1990 finden wieder Rennen mit internationaler Besetzung statt.

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1.
Lothar Krause 10.06.2011
Woran liegt es? Nun sind die Besucher des Bergringrennens in Teterow schon Widerstandskämpfer. Aber nur beim Spiegel. Wenn die sich alle als Opfer anmelden würden und Entschädigung verlangten, dann wären sie Nase. Könnt Ihr nicht Eure dummen Albernheiten lassen? Alkohol und Motorradfahren - betrunken in der DDR gleich Widerstand. Heute wäre das eine Straftat. Sollte die Polizei damals einfach zusehen, wie die jungen Leute sich totfahren? Polizeipräsenz bei Massenveranstaltungen, naja, Dortmund und Loveparade.
2.
Ulrike Bauer 10.06.2011
wow, demnächst werden noch Fotos von meinen Schulausflügen in den 70ern als zeitgeschichtliche Dokumente von "West-Orgien" veröffentlicht.
3.
Peter Becker 10.06.2011
Schöner Artikel, aber wenn ich die Bilder sehe, sah das bei uns in den siebziger und auch noch achtziger Jahren auch nicht viel anders aus. Einschließlich der Schlangen vor den Imbisständen hier und da. Also sind wir doch gar nicht so unterscheidlich, wie uns das einige immer wieder vor AUgen führen wollen, abgesehen von materiellen Dingen, z.B. Auto- und Motorradangebot damals.
4.
Hans Dampf 11.06.2011
Tja so war das damals. Aber das Teterower Bergringrennen ist kein Motocrossrennen! Es handelt sich um Grasbahnsport. Das sind 1Zyl. Maschinen mit 500ccm die über keine Bremse verfügen! Nur das Thema "Einestages" paßt nicht, da das Rennen natürlich auch heute noch ausgetragen wird. Nach einer Zeit mit deutlich weniger Zuschauern Mitte der 90ger erholte sich die Veranstaltung wieder. Heute kommen wieder ca. 30.000 Leute zu Pfingsten nach Teterow. Rekord irgendwann in den 80gern waren über 100.000 Zuschauer. Also auf nach Teterow morgen 11.06-12.06. Hans p.s. hab geschaut, bin glücklicherweise auf den Fotos nicht drauf :-) Obwohl seit fast 30 Jahren jedesmal dabei.
5.
Ivana Murmansk 11.06.2011
Sodom und Gomorrha lustiger Titel in einem atheistischem Staat.
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