Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs Stadt, Land, Blut

Berlin am Ende des Zweiten Weltkriegs: Stadt, Land, Blut Fotos
Berliner Verlag

Leichen in den Straßen, zerschossene Häuser - aber auch hilfsbereite Rotarmisten und Kinder, die in Ruinen spielen: Jahrzehntelang verstaubten Tausende Bilder vom Kriegsende in Berlin in einem Verlagsarchiv. Jetzt hat der Journalist Peter Kroh den Fotoschatz wiederentdeckt. Von

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Der Soldat mit dem Eisernen Kreuz an der Brust liegt mitten auf der Straße, neben ihm das Gewehr, der Stahlhelm ist ihm vom Kopf gerutscht. Die Rotarmisten drehen ihm den Rücken zu. Sie reinigen ihre Waffen. Von dem Fotografen, der auf der Straße kniet, nehmen sie keine Notiz. Er hat schon Dutzende Aufnahmen an diesem Tag gemacht, diesmal wählte er die Leiche als Vordergrund.

Es ist eine Szene aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, aufgenommen irgendwo mitten in Berlin. Jahrzehntelang lag dieses Bild zusammen mit Tausenden anderen Fotos im Archiv des Berliner Verlages. Unbeachtet. Jetzt ist die Sammlung wiederentdeckt worden.

Das Bilderkonvolut offenbart Momentaufnahmen aus einer Stadt, die nach zwölf Jahren Diktatur und einem verheerenden Krieg am Ende scheint: Zeugnisse von letzten Kämpfen, von Tod, Zerstörung und Hoffnungslosigkeit - aber auch vom Leben, das zwischen Schutt und Ruinen wiedererwacht. Es sind Fotos, die eine groteske Normalität abbilden, abseits der bekannten Ikonografie heldenhafter Befreiung und optimistischen Wiederaufbaus. Dokumente des Übergangs, jener Augenblicke zwischen Ende und Anfang einer in Trümmern liegenden Metropole, die sich langsam von ihrer Lethargie befreit.

Fotografen unbekannt

Die Papierabzüge füllen ganze Schränke, endlose Regalmeter, unzählige Kästen und Mappen. Hierher, ins Bildarchiv in der ersten Etage des Verlagshochhauses am Alexanderplatz, verirrt sich kaum ein Journalist - selbst Bildredakteur Peter Kroh kommt selten vorbei. Was im Blatt erscheint, liefern ihm die Agenturen. Oder es ist längst digitalisiert.

Nun aber ist Kroh doch ins Archiv gefahren. Die Neugier trieb ihn an. Er wollte sich durch die Papierberge kämpfen, "um einen Schatz zu heben", wie er sagt. Ein Buchprojekt seines Verlages gab dem 60-jährigen Fotojournalisten des "Berliner Kurier" Gelegenheit dazu. "Berlin nach dem Krieg" heißt der Bildband, der pünktlich zum 65. Jahrestag der Kapitulation Hitler-Deutschlands erschien. Dabei ist der Titel ein wenig irreführend. Denn was einige der Bilder aus dem Jahre 1945 zeigen, deutet längst noch nicht auf einen Neuanfang. "Deutschlands Himmelfahrt", heißt es im Buch, endete mit der Wiederauferstehung. Doch anders als bei jener in der Bibel sollten bis dahin mehr als nur drei Tage vergehen.

Brennende Häuser, einreitende Kavallerie, Verwundete am Straßenrand: Wer die Aufnahmen gemacht hat, geht aus den meisten Abzügen nicht hervor. Kroh kann es nur vermuten: Kein Deutscher hätte in diesen Tagen gewagt, sich den Sowjets mit einer Kamera zu nähern. Die Rote Armee hatte eigene Fotografen wie Mark Redkin oder auch Jewgenij Chaldej dabei - oft an vorderster Front. Ihnen ließen sich zumindest einige der Aufnahmen zuordnen.

Absurder Alltag

Bekannt wurde Jewgenij Chaldej vor allem mit einem Foto, das als Symbol des Sieges der Roten Armee im Großen Vaterländischen Krieg gilt - und tatsächlich gestellt war: Sowjetsoldaten hissen am 2. Mai 1945 die rote Flagge mit Hammer, Sichel und Sowjetstern über dem Reichstag. Offensichtlich war dies längst nicht die einzige Trophäe dieser Art: Kroh entdeckte Hunderte solcher Erinnerungsaufnahmen etwa von Soldaten auf dem Brandenburger Tor, wie sie ihre Fahnen über den Schrottresten der Quadriga schwenken.

Neben den offensichtlichen Siegerposen fanden sich in den archivierten Dossiers des Berliner Verlages auch ganz unerwartete Motive, wie etwa jenes, dessen russische Beschriftung auf der Rückseite dem Betrachter erklärt: Lyriker Jewgenij Dolmatowski trägt seinen Gefährten Gedichte vor. Eine Kulturveranstaltung also, aber was für eine: Das Foto entstand auf dem Pariser Platz, wenige Tage nach der deutschen Kapitulation. Das Panoramabild zeigt das zerschossene Brandenburger Tor, umrahmt von wenigen aufrechten Ruinen. Davor ragen zwei Geschützrohre über die helmbedeckten Köpfe der Soldaten - ganz so, als wären die sowjetischen Panzerfahrer direkt von der Schlacht zur Dichterlesung gefahren.

Im Archiv gibt es aber auch Aufnahmen, die den Alltag der Berliner Bevölkerung in jenen Tagen dokumentieren. Viele davon stammen von Otto Donath, für Bildjournalist Kroh einer der "genialsten Nachkriegsfotografen" überhaupt. Man weiß wenig über ihn - doch seine Bilder sprechen für sich. Zu einer Zeit, als die meisten Berliner auf der Suche nach etwas Essbarem oder einem Dach über dem Kopf waren, zog Donath mit der Kamera durch die Stadt.

Sein Stil hat nichts Heroisches. Ganz anders als die Durchhaltepropaganda der Nazis, die Siegerposen der Sowjets und auch weit entfernt von den bald dominierenden Motiven des Wiederaufbaus. Donath fotografierte spielende Kinder zwischen Ruinen, Flüchtlingsfrauen mit einem Teller Suppe, eine Balkongärtnerin bei der Gemüseaufzucht. Das kleine Glück. Gänzlich unpathetische Bilder, wie es sie nur in dieser Zeit, in diesem kurzen Moment des Innehaltens und der Neuorientierung geben konnte. Absurder Alltag.

Gedruckt und vergessen

Einige von Donaths Fotos wurden in der ab Mitte Mai 1945 erschienenen "Täglichen Rundschau" abgedruckt, der ersten Zeitung in Deutschland nach dem Krieg, herausgegeben von der Sowjetischen Militär-Administration (SMAD). Das Blatt veröffentlichte auch Bilder sowjetischer Fotografen - allerdings zumeist anonym. Offenbar wollte die Rote Armee nicht, dass die Urheber bekanntwerden. "Möglicherweise aus Bescheidenheit", vermutet Kroh, "vielleicht aber auch, weil die Fotografen um ihr Leben fürchteten." Einige der Aufnahmen waren bereits Ende April 1945 entstanden, da war der Krieg in Berlin noch nicht zu Ende.

Wie das Archivmaterial des SMAD-Blatts an den Berliner Verlag geriet, ist unklar. Als "Tageszeitung des Kommandos der Roten Armee für die deutsche Bevölkerung" gegründet, änderte die "Tägliche Rundschau" 1947 seinen Untertitel in "Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur". 1955 wurde sie eingestellt. Kroh nimmt an, dass die Sowjets einen großen Teil ihres Archivs den deutschen Genossen überlassen wollten, "damit diese damit weiterarbeiten können". Doch nachdem das Bildarchiv Mitte der siebziger Jahre zusammen mit etlichen Redaktionen von Tageszeitungen und Illustrierten der DDR in das Hochhaus am Alexanderplatz umgezogen war, geriet der Bestand in Vergessenheit.

Bis jetzt eine Auswahl daraus als Bildband erschien. Die leichte Unschärfe des Buchtitels spiegelt den Stand der Erkenntnis über das Bilderkonvolut wider. Oft ist unklar, was genau die Abzüge zeigen, in welcher Situation die Aufnahmen entstanden und zu welchem Zweck sie veröffentlicht wurden oder werden sollten. Zu den ungelösten Rätseln gehören beispielsweise auch etliche Hitler-Fotos ebenso wie Dutzende Bilder einer Leiche, die zumindest auf den ersten Blick dem "Führer" ähnelt - nach sorgfältiger Retusche, wie Kroh herausfand, "wahrscheinlich ein Propaganda-Bild der Sowjets". Mit seinen Recherchen zu den wiederentdeckten Fotos ist er noch ganz am Anfang, längst hat er nicht alles gesehen. "Die Schatzsuche hat gerade erst begonnen."

Zum Weiterlesen:

Peter Kroh, Frank Schumann: "Berlin nach dem Krieg - Unbekannte Bilddokumente". Das Neue Berlin, Berlin 2010, 288 Seiten.

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1.
Alexander Wittmann, 26.04.2010
Unter dem Link http://www.v-like-vintage.net/de/user_profil/602_user_Berlin+194546/2492_fotoalbum_Berlin+194546/ zeigt das Portal V-like-Vintage ebenfalls hochinteressante Bilder Berlins in der Stunde Null.
2.
Timo Henk, 27.04.2010
Im Bild 20 halten die Kinder eher einen Abwurftank der Me109 hoch - zu erkennen an der Kerbe auf der Unterseite. Die Beschriftung im oberen Teil ist teilweise zu lesen und sollte lauten: "Achtung Kraftstoffbehälter". Bild 16 zeigt mehrere IL2 3m.
3.
Dieter Wildt, 27.04.2010
das foto nummer eins ist getürkt. das feuer im erdgeschoss ist künstlich erzeugt; sonst würde es in den oberen etagen auch noch aufleuchten. auch brennt kein haus mit so viel schwarzem rauch. außerdem ist die ruine nicht gerade erst entstanden, sie ist vielmehr alt; das beweisen die aufgeräumten trümmer vor den noch stehenden außenmauern. schließlich würden keine kinder mit rollern vor wirklich frisch brennenden häusern spielen. das foto ist nach dem kriege inszeniert worden. von solchen retuschierten oder inszenierten fotos aus dieser zeit existieren sehr viele. noch eins: das mädchen hat ein kurzes sommerröckechen an: wann soll das denn gewesen sein? im sommer 44? gruß von einem, der weiß, worüber er urteilt.
4.
Hans-Gerd Brummel, 27.04.2010
Richtigstellung: Bei dem in Bild 20 dargestellten Behälter handelt es sich nicht um eine "Verpflegungsbombe", sondern um einen abwerfbaren 300-Liter-Zusatztank deutscher Produktion zur Reichweitenerhöhung der Messerschmitt- und Focke-Wulf-Jäger. Diese stromlinienförmigen Aluminiumbehälter trugen die Aufschrift "Keine Bombe" sowie den Hinweis auf einen Finderlohn von einigen Reichsmark. Diese Zusatztanks wurden bei Feindkontakt abgeworfen, um die Jäger schneller und manövrierfähiger zu machen. Bei der Luftüberlegenheit der Alliierten über dem immer kleiner werdenden deutschen Territorium war dieser Feindkontakt für die Luftwaffe eigentlich immer gegeben. Als Folge waren abgeworfene Zusatztanks überall zu finden, je nach Abwurfhöhe und verbleibender Benzinfüllung mehr oder weniger verbeult. Wie in Bild 20 beschrieben, Not macht erfinderisch. Einige der besser erhaltenen Tanks wurden nach dem Krieg auf der Oberseite mit einer runden Öffnung versehen und als Paddelboote "zweckentfremdet". Ich selbst habe schon Fotos gesehen, auf denen Jugendliche mit solchen Gefährten auf Teichen herumgeschippert sind, auch eine Form von ¿Schwerter zu Pflugscharen¿. Noch ein Nachtrag zu der Endphase der Schlacht um Berlin. Nach Verlust der meisten Flugplätze in und um Berlin, war die jetzige Strasse des 17. Juni eine der letzten Start- und Landbahnen der Luftwaffe, um aus der Luft in die Strassen- ünd Häuserkämpfe einzugreifen. Ein startender Jäger soll dabei, eventuell bedingt durch Feindbeschuss, die Siegessäule mit den Flügel gestreift haben und danach am Boden zerschellt sein. Es hatte sich definitiv "ausgesiegt" !
5.
Hans-Gerd Brummel, 27.04.2010
Richtigstellung: Bei dem in Bild 20 dargestellten Behälter handelt es sich nicht um eine "Verpflegungsbombe", sondern um einen abwerfbaren 300-Liter-Zusatztank deutscher Produktion zur Reichweitenerhöhung der Messerschmitt- und Focke-Wulf-Jäger. Diese stromlinienförmigen Aluminiumbehälter trugen die Aufschrift "Keine Bombe" sowie den Hinweis auf einen Finderlohn von einigen Reichsmark. Diese Zusatztanks wurden bei Feindkontakt abgeworfen, um die Jäger schneller und manövrierfähiger zu machen. Bei der Luftüberlegenheit der Alliierten über dem immer kleiner werdenden deutschen Territorium war dieser Feindkontakt für die Luftwaffe eigentlich immer gegeben. Als Folge waren abgeworfene Zusatztanks überall zu finden, je nach Abwurfhöhe und verbleibender Benzinfüllung mehr oder weniger verbeult. Wie in Bild 20 beschrieben, Not macht erfinderisch. Einige der besser erhaltenen Tanks wurden nach dem Krieg auf der Oberseite mit einer runden Öffnung versehen und als Paddelboote "zweckentfremdet". Ich selbst habe schon Fotos gesehen, auf denen Jugendliche mit solchen Gefährten auf Teichen herumgeschippert sind, auch eine Form von "Schwerter zu Pflugscharen". Noch ein Nachtrag zu der Endphase der Schlacht um Berlin. Nach Verlust der meisten Flugplätze in und um Berlin, war die jetzige Strasse des 17. Juni eine der letzten Start- und Landbahnen der Luftwaffe, um aus der Luft in die Strassen- ünd Häuserkämpfe einzugreifen. Ein startender Jäger soll dabei, eventuell bedingt durch Feindbeschuss, die Siegessäule mit den Flügel gestreift haben und danach am Boden zerschellt sein. Es hatte sich definitiv "ausgesiegt" !
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