Zigarettenmafia in den Neunzigern Berlins Vietnamkrieg

Es war die wohl blutigste Mafiafehde in Deutschland: 39 Gangster starben bei Kämpfen vietnamesischer Banden um die Macht im Zigarettenschmuggel - bis vor gut 20 Jahren eine Sondereinheit eingriff.

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Es war ein kühler Abend im Mai 1996, als die Schwadronen die Plattenbauwohnung 9.7 stürmten. Die Opfer in Berlin-Marzahn waren wehrlos: sechs junge Vietnamesen zwischen 23 und 28. Erst wurden sie gefesselt und geknebelt, dann mit je zwei Kopfschüssen exekutiert. Eine blutige Hinrichtung mit schallgedämpften Pistolen, mitten in Berlin, an der Marchwitzastraße.

Die fast paramilitärische Aktion war nur eine in einem langen Krieg, ausgefochten im Berlin der frühen und mittleren Neunzigerjahre. Vietnamesische Mafiagruppen kämpften um Einflusszonen in einer Schattenwirtschaft, die jährlich Millionen umsetzte. Das Geschäftsfeld der Gangster: nicht Rotlicht, nicht weißes Pulver. Sondern blauer Dunst.

Auf dem Schwarzmarkt blühte der Handel mit steuerfreien Zigaretten, die deutsche, polnische oder russische Schmuggler am Zoll vorbeischleusten. Tausende Vietnamesen übernahmen den Verkauf, die Stange zu Dumping-Preisen zwischen 25 und 35 Mark, vertickt an Bahn- und Bürgersteigen von Lichtenberg bis Charlottenburg. Mehr als 10.000 Orte waren es zeitweise.

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Berliner Zigarettenmafia: Blauer Dunst und blutige Morde

Da kamen die Mafia-Syndikate ins Spiel. Ihre parasitäre Praxis: "Schutzgelder" von den Straßenhändlern kassieren, bis zu 14.000 Mark im Monat. Das Geschäft boomte, um die Einflussgebiete begann ein Häuserkampf zu toben. Zwischen 1992 und 1996 gab es 39 Tote. "Es gab Zeiten, da hatten wir fast jeden Tag eine Leiche", erinnert sich ein Oberstaatsanwalt.

Chancenlos im Land der Hoffnung

Das Massaker im Marzahner Hochhaus war die Eskalation eines Machtkampfs zwischen den beiden Platzhirschen. Die Killer gehörten zur Ngoc-Thien-Bande mit dem "Barmherzigen" als Boss, zeitweise beherrschten sie zwei Drittel des Straßenlands. Die Opfer entstammten der Quang-Binh-Bande, benannt nach jener Provinz in Mittelvietnam, in der die jungen Männer einst aufgewachsen waren. Im März 1995 sollen Quang-Binh-Leute in einer Marzahner Flüchtlingsunterkunft fünf Menschen erschossen haben, darunter zwei Frauen, die gerade in der Küche waren. Ein weiteres Opfer starb später an seinen Verletzungen.

Die Gewalt der kriminellen Brigaden fraß sich nicht nur ins Innere von Ostberliner Wohnanlagen, die Refugien der vietnamesischen Gemeinschaft. Tote lagen auch an Bahndämmen, auf Parkplätzen, vor Asia-Imbissen.

Die Zigarettenhändler brachten sich ebenfalls in Gefahr - wenn sie gegen die Kartelle aufbegehrten. In einer SPIEGEL-TV-Reportage von 1995 sieht man eine junge Frau am blumenverzierten Sarg ihres erschossenen Bruders im Weddinger Krematorium. Sie schluchzt: "Warum bist du nicht in Vietnam geblieben, um mit deiner Familie zu leben?" Ihr Angehöriger musste dafür büßen, dass er auf eigene Rechnung wirtschaften wollte.

SPIEGEL TV

Wie dieser Mann waren viele Vietnamesen nach 1990 in die deutsche Hauptstadt ausgewandert, angezogen von Wohlstand, harter Währung und der Aussicht auf ein bisschen Nestwärme: Viele Landsleute lebten bereits in der Stadt, im Westen ehemalige Vietnamkriegsflüchtlinge, im Osten frühere DDR-Vertragsarbeiter.

Doch die Träume der Einwanderer auf ein besseres Leben platzten. Die Aussicht auf Asyl war minimal, eine Arbeitserlaubnis illusionär. Also verdienten viele ihr Geld illegal und versorgten Berlins Raucher mit geschmuggelten Marlboro, Camel oder West. Und das Geschäft rief Trittbrettfahrer herbei, die diese vietnamesische Parallelwelt in eine Hölle verwandelten.

Internationale Verstrickungen

Bitter: Etliche der skrupellosen Schutzgelderpresser waren ebenfalls vietnamesische Asylbewerber - wie die Männer, die sie ausbeuteten. Einige Gangster wurden eigens als Männer fürs Grobe eingeflogen, darunter frühere Offiziere aus dem Vietnamkrieg.

Die Blutspur der Rivalitäten wurde derweil zum Politikum. Die Nervosität durch Berichte über die "Mafia-City" Berlin nutzte der damalige Innensenator, CDU-Hardliner Jörg Schönbohm für eine Abschiebungskampagne. Und nahm nicht allein die Berufsverbrecher unter den Vietnamesen ins Visier - sondern auch alle anderen Landsleute ohne Asyl.

Um die Stadt zu befrieden, gründete das LKA die "Ermittlungsgruppe Vietnam" m it 40 Fahndern. Binnen 15 Monaten leisteten sie rund 10.000 Einsätze, observierten die Knotenpunkte der Szene, hörten Telefonate ab.

Ein Verbindungsmann in Hanoi beschattete Komplizen - denn der Unterweltkrieg war längst eine internationale Herausforderung: Die Mafia transferierte ihre Erträge nach Vietnam, monatlich bis zu zehn Millionen Mark, als Bargeld per "Körpertransport" oder über Geldwaschanlagen.

Wenn Reporter ihn nach dem Stand der Ermittlungen fragten, beklagte Detlef Schade, Chef der EG Vietnam, dass eine "Mauer des Schweigens" die Nachforschungen erschwere. Doch seine zur Schau gestellte Ohnmacht war ein Bluff, um die Zielpersonen in Sicherheit zu wiegen.

Im Herbst 1996 klickten reihenweise die Handschellen. Die LKA-Ermittler überwältigten die Anführer der verfeindeten Banden, nachdem zuvor schon Mitglieder verhaftet worden waren. In einer Wohnung am Lützowufer in Tiergarten überraschten sie den Paten der Ngoc-Thien-Bande, den "Barmherzigen": einen Jüngling Mitte 20. Im sächsischen Meißen, etwa 200 Kilometer entfernt, nahmen Beamte den Boss der Quang-Binh-Bande hoch. Er dinierte gerade in einer Pizzeria.

Ende des Schreckens

Mit ihren Coups hatten die Ermittler die wichtigsten Syndikate zerschlagen. In den Jahren darauf ebbte die Gewalt im illegalen Zigarettenhandel ab.

Mammutprozesse am Kriminalgericht Moabit folgten. Allein das Verfahren gegen die Ngoc-Thien-Bande versammelte 16 Angeklagte, 32 Verteidiger und eine Dolmetscherschar wie auf einer Uno-Konferenz. Die Richter verurteilten letztlich 13 Männer wegen Delikten von Mord bis Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung.

Dem "Barmherzigen" und drei Gefolgsleuten konnte auch die sechsfache Exekution in der Wohnung 9.7 in der Marchwitzastraße nachgewiesen werden. Der Bandenboss als Drahtzieher hatte den Auftrag erteilt. Zur Kronzeugin wurde seine Ex-Freundin.

Wie der "Barmherzige" wurde auch der Anführer der Quang-Binh-Bande zu lebenslanger Haft verurteilt, wegen Mordes und mehrfachen Mordversuches. Das Blutbad in der Flüchtlingsunterkunft, das seine Bande angerichtet haben soll, blieb allerdings ungestraft.

2005, zehn Jahre später, wollte ein Aussteiger zwar aussagen. Doch vor Gericht verließ den Zeugen der Mut, nachdem der Bandenchef ihn im Gerichtssaal bedrohlich anzischte.

Der "Barmherzige" hat sich unterdessen die Bibel und ein Buch über Jesus in die Zelle schicken lassen. 2016 erzählte ein psychologischer Gutachter dem "Berliner Kurier" von seinen Begegnungen mit dem früheren Paten: Der verstehe heute vieles nicht mehr - weil er damals immer nur an Geld und Macht geglaubt habe.

insgesamt 2 Beiträge
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stefan knorr, 04.05.2017
1. stand halt damals noch nicht auf der Schachtel:
Smoking kills!
Peter Nguyen, 04.05.2017
2. Geschichte wiederholt sich
Aus der Geschichte kann man ganz gute Schlussfolgerungen für heute ziehen: 1) Leute, die mit Abschiebung bedroht werden, bleiben ja wohl kaum zu hause und warten, bis es in den no-return-Flug geht. Klar, dass diese Menschen eine niedrigere Hemmschwelle haben Verbrechen zu begehen und sich zumindest ein kleines Stück von Kuchen holen, wenn schon keine Bleibeperspektiveda ist z.B. momentan bei den Nordafrikanern. 2) Nur mit Law-and-Order-Politik bekommt man auch die kriminellen Banden im Griff. Berlin kann man heutzutage auch als Mafia-City sehen, jetzt sind es aber halt vor allem libanesische Großfamilien, die Probleme machen. 3) Was passiert, wenn man den Leuten Perspektiven gibt? Noch vor 20 Jahren waren Vietnamesen vor allem mit illegalen Zigaretten assoziiert. Heutzutage fallen die Vietnamesen eher mit guten Schul- und Studienleistungen auf und sind wirtschaftlich und sozial eine der bestintegriertesten Migrantengruppen in Deutschland. Es gibt sicherlich noch mehr zu sagen, aber ein stumpfes Fazit ist sicherlich, dass Kriminalität und fehlende Integration den Migranten in Deutschland nicht per se in die Wiege gelegt wurde. Konsequentes Fördern und Fordern ist die Devise.
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