Berlin in den Sechzigern "Noch ist Kreuzberg nicht verloren!"

Wohnraum für eine Mark pro Quadratmeter: Ende der sechziger Jahre war Kreuzberg weit entfernt vom überteuerten Inn-Viertel. Dann begann die "Sanierungslawine". Der Fotograf Dieter Kramer dokumentierte damals eine Nachbarschaft zwischen lebendiger Stadtteilkultur und rücksichtslosen Abrissmaßnahmen.

Dieter Kramer

Im Sommer 1968 hing am schwarzen Brett meiner Hochschule ein Zettel:

"Wohnung mit Werkstatt, ca. 70 qm, ca. 70 D-Mark"

Das war genau, was ich brauchte! Ich fuhr daraufhin zum ersten Mal mit der Hochbahn nach Kreuzberg, um mir die Wohnung anzusehen. Am Wassertorplatz hingen an einer langen Reihe fensterloser Häuser Spruchbänder. "Stoppt die Sanierungslawine" oder "Abriss bringt mehr Profit als Modernisierung". Mit diesen Parolen wusste ich nichts anzufangen: Sanierung? Nie gehört. Erst einige Jahre später, als ich mich den Kreuzberger Jusos angeschlossen hatte, erfuhr ich im Arbeitskreis "Bau-Wohnen-Sanierung" mehr darüber.

Wenn mir 1968, als ich im Hinterhof der Lübbener Straße 25 meine Parterrewohnung einrichtete, jemand erzählt hätte, dass man im Jahr 2010 für eine 100 Quadratmeter große Wohnung 250.000 Euro hinblättern muss, so hätte ich ihn für verrückt erklärt. Damals konnte man für 250.000 D-Mark (!) ein ganzes Mietshaus kaufen! Aber wer wollte schon in die zumeist verrotteten Häuser investieren, in denen seit Jahrzehnten - wenn überhaupt - nur die notwendigsten Reparaturen gemacht worden waren?

Die staatlich regulierte Miete war der Versuch, die heute unvorstellbare Wohnungsnot zwischen und nach den Weltkriegen zu lindern, aber sie war viel zu niedrig, um etwa Modernisierungsmaßnahmen zu finanzieren.

Rigorose Entmietungsmethoden

Die geballte Masse öder, gleichförmiger Straßenzüge, grau in grau, war bedrückend. Es dauerte eine ganze Weile, bis man auch die Qualitäten der gründerzeitlichen Stadtviertel entdeckte. Und es bedurfte einer sehr lebhaften Phantasie, sich vorzustellen, dass diese Straßen einmal so aussehen könnten, wie sie heute sind. Erst als um 1970 am Wassertorplatz die ersten Plattenbauten hochgezogen wurden, setzte auch bei weniger phantasiebegabten Menschen ein Umdenken ein.

Die "Sanierungslawine" begann am Wassertorplatz, wo ganze Straßenzüge abgerissen und durch Plattenbauten ersetzt wurden. Nebenan hatte der Sanierungsträger BeWoGe einen Altbau stehen lassen, den "Fürstenhof", und so kostspielig modernisiert, dass er mit diesen Zahlen "beweisen" konnte, dass Modernisierung mehr als doppelt so teuer würde als Abriss und Neubau. Die Lawine rollte dann weiter Richtung Kottbusser Tor und hätte sich bis zur Spree weitergewälzt, wenn nicht Chaoten und Störenfriede Sand und gröberes Material in das Getriebe geworfen hätten.

Die "Stadterneuerung" hat am Kottbusser Tor krasser als andernorts das Gegenteil von dem erreicht, was Sanierung eigentlich bewirken soll. Das Gebiet ist zu einem der härtesten sozialen Brennpunkte verkommen. Bis Anfang der siebziger Jahre war der Platz am Kottbusser Tor noch stark von den Kriegszerstörungen geprägt. Auch hier sollte der gesamte Altbaubestand abgerissen und durch neue Großzeilen ersetzt werden. Den Anfang machte das "NKZ" - das "Neue Kreuzberger Zentrum".

Vor dem Baubeginn kam es zu heftigen Konflikten wegen der rigorosen Entmietungsmethoden der Schmidt-Press-Gruppe. Das als Bauherrengesellschaft finanzierte Projekt musste bis 1974 fertiggestellt sein, um das Berlinförderungsgesetz voll ausschöpfen zu können. Mehrfach musste später der Steuerzahler mit massiven finanziellen Hilfen eingreifen, um einen Bankrott zu verhindern. Ein großer Teil der Gewerbeflächen konnte nicht vermietet werden, die Fluktuation der Mieter in den 367 Wohnungen war ungewöhnlich hoch; mehrfach wurde der Abriss erwogen. Seit Anfang der neunziger Jahre ist der "Kotti" einer der Hauptumschlagplätze für harte Drogen.

Das Ende der Tante-Emma-Läden

1975 hatte ich zusammen mit Gerhard Spangenberg eine Postkartenserie herausgegeben, mit der wir die Qualitäten der "alten" Stadt aufzeigen wollten. Ein Foto mit spielenden Kindern und einer Reihe grüner Bäume war unser Titelblatt mit dem kämpferischen Slogan "Noch ist Kreuzberg nicht verloren!" Der Einleitungstext damals:

"Nach den Beurteilungskriterien des Städtebauförderungsgesetzes, von Insidern 'Lex Neue Heimat' genannt, müsste die Wiener Straße in Kreuzbergs Südosten abgerissen werden: zu dichte Bebauung, zu wenig Autostellplätze, mangelhafte sanitäre Verhältnisse, Wohnungen nach Norden, Durchdringung von Wohnen und Gewerbe, zu wenig Grün, zu wenige Spielplätze. Dieses Foto ist inzwischen über ein Dutzend Mal abgedruckt worden, wenn es in der Fachliteratur um ein beweiskräftiges Foto für Urbanität ging. Für die einen Inbegriff städtischen Lebens, für die anderen menschenunwürdige Wohnverhältnisse. Es gibt offensichtlich einen Widerspruch zwischen den Hygienevorstellungen auf der einen und romantisierenden Milieuvorstellungen auf der anderen Seite. Beide haben nur ungenügende Kenntnisse über die konkreten Nutzungszusammenhänge im Quartier."

1977 hatten die Aktivisten der "Strategien für Kreuzberg" einen Weg aus der Sackgasse der gescheiterten Sanierungspolitik gesucht. Zwar konnte dieser Ideenwettbewerb keine Lösung, aber doch neue Denkansätze liefern. Klar wurde allen Verantwortlichen, dass man die Betroffenen viel mehr als bisher einbinden sollte, und dass kleinteilige Modernisierung an die Stelle der Kahlschlagsanierung treten musste.

Das wollten aber weder Bauindustrie noch die Apparate der Wohnungsbaugesellschaften, die mit der Politik engstens verfilzt waren. Doch der politische Druck wurde immer größer. Hunderte von Mietshäusern standen leer, preiswerte Wohnungen wurden knapp. Die ersten Hausbesetzungen begannen. Ein besonders krasses Zeichen des Verfalls war der Leerstand von etwa hundert Einzelhandelsläden im Quartier.

Was um 1970 noch als "Tante-Emma-Läden", Fleischer, Glaser, kleine Möbelgeschäfte und so weiter existierte, wurde im Zuge der Sanierung plattgemacht. Erst als es der IBA gelang, die Gewerberäume mit in die öffentliche Förderung einzubeziehen und mit den Eigentümern längerfristige Mietverträge zu annehmbaren Konditionen auszuhandeln, besserte sich die Situation.

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insgesamt 2 Beiträge
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Ernst Pelzing, 18.03.2014
1. Vom Plattenbau zur geschwungenen Linie
Berlin-Kreuzberg und die Mietskasernen in Form von Plattenbauten, untrennbare Begriffe, sie gehörten zusammen. Nach den Zerstörungen des II Weltkriegs schuf dieser zweckorientierte Baustil den dringend notwendigen neuen Wohnraum. Ebenfalls untrennbar verbunden mit diesem Baustil ist die frühe Schaffensperiode Oscar Niemeyers, dem späteren brasilianischen Stararchitekten. Er entwickelte sich zum Meister der Kurven, der später Brasilia mit seinen geschwungenen Linien schuf. „wie im Leib der geliebten Frau“.
Björn Beitter, 25.03.2014
2. Bild 8
zeigt folgende Beschreibung: ---Zitat--- Trostlos: Die Lübbener Straße, Ecke Görlitzer Straße in Berlin-Kreuzberg ist um 1970 nicht gerade ein einladendes Plätzchen. ---Zitatende--- Nun, nicht nur in Berlin gab es um 1970 (oder auch später noch) solche oder ähnliche Plätze. Auch in der Nähe von bewohnten Vierteln. Mir sind noch Plätze in Koblenz aus meiner Kindheit in dieser Zeit bekannt auf denen es ähnlich aussah. Wenn vielleicht auch die Größenverhältnisse etwas anders waren.
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