Berlin-Fotos aus der Zwischenzeit Abgestürzt in Ruinen

Schnappschüsse dokumentieren das anarchische Treiben: Für westdeutsche Wohlstandskinder war Berlin kurz nach dem Mauerfall ein gigantischer Abenteuerspielplatz. SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt erinnert sich, wie er mit einem Seil an den Füßen in den Todesstreifen sprang.

Hilmar Schmundt/ bobsairport

Der ehemalige Todesstreifen am Brandenburger Tor tief unter mir ist leer, vor nicht langer Zeit patrouillierte hier noch die Volksarmee. Ich stehe auf einer schwankenden Plattform am Ausleger eines Baukrans, ein Bungee-Seil um die Füße. Meine Kamera habe ich an eine Plexiglasstange geschraubt, die ich in der rechten Hand halte. Um einen ganzen Film durchzubelichten, klebe ich mit links einen Tesafilmstreifen auf den Auslöser. Klack-klack-klack, drei Bilder pro Sekunde, die Zeit läuft, ich halte die Kamera nach vorne und springe. Der Wind rauscht, der Boden rast auf mich zu, dann verlangsamt sich der Fall, es geht wieder aufwärts, die Erde schnalzt von mir weg. Dann Stille. Oben, am höchsten Punkt, bleibe ich eine Schrecksekunde in der Luft stehen, wie schwerelos aus der Zeit gefallen. So kommt mir das Bild heute auch vor.

Damals, im Mai 1991, dachte ich, das Spannende an diesem Foto sei der Sprung selbst. Vor Kurzem baten mich Freunde, für das Buch "Berlin Wonderland" meine alten Bilder herauszukramen. Als ich das Sprung-Selfie wiederfand, wirkte es eher banal - jeder könnte es heute nachmachen mit Hilfe einer Gopro-Sportkamera. Die Sensation ist nach einem Vierteljahrhundert dorthin verrutscht, wo ich damals die Kulisse vermutete: in die Brache im Hintergrund. Das Zentrum der heutigen Hauptstadt als Leerstelle, der Reichstag ohne Kuppel, kopflos seit dem Reichstagsbrand von 1933. Der Pariser Platz, über den schon Napoleon einmarschierte, eine Betonwüste. Kaum Touristen, keine Banken, kein Starbucks, keine amerikanische Botschaft. (Und zu meiner Frisur damals will ich jetzt nichts sagen.)

Die Stadt selbst schien 1991 im freien Fall durch die Jahrzehnte, in der Schwebe zwischen nicht mehr und noch nicht. Versatzstücke der Kaiserzeit, der wilden Zwanziger, der Nachkriegstrümmer und der DDR-Tristesse, wie von einem bekifften Kulissenbauer zusammengeschustert. "Sah es wirklich so aus?", fragt der Schriftsteller David Wagner im Vorwort zum neuen Fotobuch: "So leer, so kaputt, so schön? Berlin-Mitte war einmal eine Wunscherfüllungszone."

Rechts und Links mussten sich erst neu zusammenrütteln. Das Bungee-Bild versinnbildlicht Abenteuer und Anpassung, Absturz und Aufstiegswille, Angst und Lust. Einen Tag nach dem Sprung erschien es in einem Springer-Blatt unter der Überschrift "Berlins tollkühnster Fotograf als 'Gummi-Ball'"; dann als Postkarte; dann als Werbung für ein Videofestival namens "Berlin Ultra", dessen Logo eine kleine Bombe mit brennender Lunte war. Das unfertige, kaputte Berlin als Projektionsfläche für Widersprüchliches.

Ich als Wohlstandsflüchtling

Die Hauptstadt-Brache als Wunscherfüllungszone. Ich gehörte zur Fraktion der westdeutschen Bildungsbürgerkinder, die diese Leerstelle besetzten. Wir wollten Freiheit, Kultur und Gemeinschaft und besetzten ein leer stehendes Haus in der Ackerstraße, den Schokoladen. In der DDR war hier im Erdgeschoss eines Wohnhauses Schokolade hergestellt worden, ein Gebäude im Hof hatte als Pferdestall gedient, dort entstanden nun ein Theater und Tonstudio.

Manche sahen die Besetzung wohl als Okkupation. Ulrike Steglich, eine Journalistin, die im Osten aufgewachsen war und die für die Stadtteilzeitung im Schokoladengebäude über Stadtentwicklung schrieb, erinnert sich: "Für die Kids in Mitte waren die leeren Häuser und Ruinen früher ihre Spielplätze gewesen. Und plötzlich kamen die ganzen Besetzer und nahmen ihnen das auch noch weg."

Ich sah mich nicht als Besatzer, eher als ein Wohlstandsflüchtling unter umgedrehten Vorzeichen. Auf der Flucht vor der saturierten Bonner Republik, aber ohne das eigene Land zu verlassen. Oft machten wir Lagerfeuer im Hof, ständig probte das Theater in der ehemaligen "Sammelstelle für Sekundärrohstoffe". Dazu kamen die Comicbibliothek, Bandprobenräume im Keller, eine Siebdruckwerkstatt, eine Dunkelkammer, eine Lesebühne, Livekonzerte.

Wir inszenierten den Traum vom selbstbestimmten Leben als eine Art Straßentheater. Aufatmen nach der Enge von Hannover, wo derselbe Bürgermeister 34 Jahre lang regierte. Nach der Spießigkeit von Berchtesgaden, wo die Nachbarn genau protokollierten, wann der "zuagreiste Ssüdschwede" das Haus der einheimischen Freundin verlässt. Nach der Trägheit von Freiburg im Breisgau, wo meine Vermieter uns bei der Vorstellung verhört hatten, wie lange wir noch in wilder Ehe leben wollen. Statt Westalgie eher West-Allergie.

Das Treppenhaus roch streng nach Bier

Berlin war ein wirksames Gegengift, allerdings mit Risiken und Nebenwirkungen. Der Schokoladen eröffnete den Barbetrieb am 2. Oktober 1990, am letzten Tag der DDR. Es kam vor, dass wir nach ein paar Bieren mit einem Vorschlaghammer eine Zwischenwand rauskloppten, um den Raum zu vergrößern. Und weil wir es konnten. Ziemliche Sauerei, der Ziegelstaub. Das Treppenhaus roch streng nach Bier und anderem. Als der Essayist Michael Rutschky zu Besuch kam, diagnostizierte er lakonisch: "Kinder aus gutem Haus" und "jugendliche Schmutzlust".

Rückblickend mag die Anarchie der Nachwendezeit romantisch erscheinen, aber das ist nur die halbe Wahrheit. Zum Einkaufen fuhren wir anfangs in den westlichen Nachbarstadtteil Wedding über die ehemalige Grenze. Wir heizten mit brüchigen Nachkriegsöfen und Braunkohle, mit rissigen Händen und schwarzen Ringen unter den Fingernägeln. Die Selbstorganisation glich oft einem soziologischen Feldversuch: Was passiert ohne Mietrecht und bürgerliche Höflichkeitsfloskeln? Banale Alltagsentscheidungen wie die Suche eines Nachmieters endeten immer wieder in erbitterten Kleinkriegen, die sich teils über Jahre hinzogen. Das Hausplenum tagte jeden Sonntag, teils von drei bis Mitternacht. Oft wurde es laut. Noch heute werde ich am Sonntagnachmittag manchmal etwas unruhig, bis mir einfällt: Nein, diese Zeit ist vorbei, zum Glück.

Oft setzten sich die Dreisten und die Aussitzer durch. So wie im echten Leben eben, aber begleitet von deutlich mehr emotionalem Theaterdonner. Immer wieder gab es Tote: Drogen, Autounfall, Freitod. Überraschende Wendung in diesem Gesellschaftsdrama: Mit jedem anarchistischen Zoff, mit jeder zerbrochenen Freundschaft erzogen sich zumindest einige von uns immer mehr selbst zu einer Bürgerlichkeit zurück, die wir abzulehnen glaubten.

Doch auch gutbürgerliche Hausbesitzer schienen nicht immun zu sein gegen eine Radikalisierung. Zumindest gab es Gerüchte von "warmen Abrissen": "Auf einmal brannte es dauernd. Es wurden genauso unbewohnte wie bewohnte Häuser angezündet. So standen auch die beiden Wohnhäuser neben dem Tacheles plötzlich in Flammen und wurden unbewohnbar", erzählt die Kulturmanagerin Uta Rügner: "Feuer wurde zum Mittel, strittige Immobilienfragen zu lösen."

Telefonanschlüsse waren selten. Wir stellten ein Funkgerät in mein Zimmer, mit dem wir die anderen besetzten Häuser anriefen, wenn die Neonazis wieder einmal am Freitagabend die paar Meter vom Pieck-Club herüberkamen (benannt nach dem ersten und letzten Präsidenten der DDR). Gegen zehn Uhr flogen oft die ersten Flaschen gegen die Fassade, dann versuchten einzelne Glatzen sich in den Eingang des Schokoladen zu drängen: "Zecken klatschen."

Onlinesein war wie Heizen - eine Zumutung

Berlin war ein Abenteuerspielplatz, die Rollen changierten oft zwischen Clown und Gladiator, wie bei meinem Bungee-Sprung. Heute wären viele Aktionen wohl nur schwer möglich, weil nicht versicherbar.

Nach ein paar Jahren wurden die Freiräume kleiner, wir bauten Schallschutzfenster und eine Belüftungsanlage in die Kneipe ein, ich musste eine Schankwirt-Schulung bei der Industrie- und Handelskammer machen. Teile des Schokoladens stehen heute unter Denkmalschutz, eine gemeinnützige schweizer Stiftung erwarb das Gebäude, der Schokoladen e.V. bekam es zur Erbpacht. Die meisten Orte, die im Buch gezeigt werden, gibt es so nicht mehr, sie sind geschlossen, abgerissen, renoviert. Der Schokoladen ist eine Ausnahme, hier kann man noch einen Hauch der frühen Neunziger spüren.

Was ist geblieben - außer ein paar Fotos? Als die Berliner Brachen zubetoniert wurden, entstanden neue Freiräume im Internet. Hausbesetzer gehörten zu den ersten, die sich Handys anschafften und über Wifi vernetzten, ein ehemaliger DDR-Punk und Informatikstudent gründete mit Freunden in Prenzlauer Berg das Prenzlnet.

Als die Berliner Brachen mit Investitionsobjekten zugebaut wurden, hießen die neuen Spielwiesen Art+Com, C-Base, CCC oder Cityscope.

Das Onlinesein war Mitte der Neunziger eine ähnliche Zumutung wie das Heizen mit Braunkohle. Wir teilten eine einzige Telefonleitung mit zwanzig Bewohnern. Ins Netz konnte ich also nur spät abends, so ab drei Uhr, wenn die meisten schliefen. Dann zwitscherte mein Modem - diii-didelidedüdidiii - bis sich die Pixelgrafik von Compuserve aufbaute. Beim Surfen las ich nebenher Zeitung, weil alles so langsam lief.

Klar, die Freiräume in Berlin und im Netz sind seitdem kleiner geworden. Aber sie sind da, man muss sie nur finden. Und es entstehen andere, anderswo. Bei Datenaktivisten in Nairobi zum Beispiel; bei Biohackern in Google-Groups oder vielleicht irgendwann einmal in den Ruinen von Havanna.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
Hannes Jaenicke, 21.05.2014
1. Gleich mal zum 1. Bild
Da war der Pariser Platz noch ein Platz und kein Innenhof, was er heute ist. Kein Mensch braucht an dieser Stelle Gebäude von Banken, Versicherungen oder Abhörzentralen fremder Staaten die das Brandenburger Tor einzwängen. Ich war vor kurzem erstmals seit 20 Jahren wieder mal am Pariser "Platz" und war erschrocken, wie man so etwas so verschandeln kann. Berlin hat bestimmt viel Geld für die Grundstücke bekommen. Berlin war schon immer die größte Hure der Nation. Wenn die könnten, würden sie sogar ihre Großmutter verkaufen.
Klemens Richter, 21.05.2014
2. Wieso westdeutsche....?
Für ostdeutsche Kids und junge Erwachsene auch, zumal sie sich im Ostteil als dem am stärksten von Veränderung betroffenen Teil am besten auskannten - und außerdem ein noch größeres Bedürfnis nach freier Entfaltung hatten ;-) Jaja, die schönen Zeiten sind leider lange vorbei....
Frank Schöpfner, 21.05.2014
3. schön war die Zeit...
Danke für den Artikel. Das war wirklich eine tolle Zeit. Ich habe sehr schöne Erinnerungen daran. Da war einfach alles möglich. Klar konnte das nicht ewig so weitergehen, aber was die Massen von Zuzüglern dann aus Prenzlauer Berg und F-Hain gemacht haben ist schon sehr, sehr traurig. Vor allem für die junge Generation. Diese Leute glauben, dass der jetzige Zustand abgefahren und interessant ist. Tss, schöne gelackte und uniformierte Hipsterwelt :-(
Olaf Geibig, 21.05.2014
4. Großartige einmalige Zeit
Ich war auch Teil dieser Zeit in Berlin. Im Alter von 23 Jahren 1990 ein Haus im Prenzlauer Berg besetzt. Am Prenzlnet waren wir auch angeschlossen. Es war Abenteuer pur. Es war Freiheit. Es war eine einmalige Situation - wo sonst gab es ein Vakuum mitten in einer Millionenstadt. Wird es das jemals wieder geben? Vermutlich nicht. Wir drängten in die Freiräume. Die Wessis mit der Erkenntnis daß Freiheit auch mit Partitizipations- und Chancengleichheit zu tun hat; die Ossis mit der Euphorie die Repression abgeschüttelt zu haben - alles schien möglich. Geht nicht, gab's nicht. Selbst die Ordnungskräfte verzagten vor dem Freiheitsdrang. Fronten waren aufgelöst. Polizisten halfen uns Hausbesetzern gegen die Nazi-Skins und gaben freundliche Tipps für die Instandsetzungsarbeiten. Es gab auf der Schönhauser Allee sogar ein besetztes Haus samt obligatorischer (illegaler) Besetzerkneipe genau neben der Polizeiwache - und das bis Mitte 1990er Jahre. Es gab Technoparties in toten U-Bahnschächten, eine Bar in einem Labyrinth aus Gipskartonplatten (Abriss Stadion der Weltjugend), eine Lounge in einem alten Klo (Big Sexyland, Rosenthaler Platz), den wunderbaren Hexenkessel mit Teppichen im Hof, Neon-Enterprise im Baum und Lagerfeuer auf dem Schrottplatz. Es wurde sich kreativ ausgetobt, gebastelt und improvisiert. Schrott war schön und es galt "nichts hält länger als ein Provisorium". Dieser Spirit lebt noch heute fort im Kater Holzig (Holzmarkt), Bachstelzen-Parties, Wilde Renate, etc. etc. - kurz der improvisierte Berlin-Underground-Style der immer noch tausende junge Leute aus der ganzen Welt nach Berlin lockt. Zugegeben machte mein Studium damals ein paar Jahre Pause, aber diese einmalige Zeit intensiv miterlebt zu haben bereue ich nicht. Ich schloss dann später mein Informatik-Studium ab, wohne heute immer noch in diesem Haus im Prenzlauer Berg und bin Gründer in der Berliner Start-Up Szene. Meiner Meinung nach wurde durch den kreativen Ausbruch der 1990er die Basis für die heutige brummende Internet Start-Up Szene gelegt. Wer hätte das damals gedacht.
Hilmar Schmundt, 21.05.2014
5. Holzmarkt
@Olaf Geibig: Lustig, eigentlich wollte ich auch noch den Holzmarkt und die Renate erwähnen, dazu vielleicht den neuen Klub der Republik oder das Stadtbad Wedding. Sonst noch Ideen, wo die Party nach 25 Jahren weitergeht?
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